
- 440 Seiten
- German
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Über dieses Buch
Obwohl es spätestens am Ende des 19. Jahrhunderts statistisch bewiesen war, daß sich Männer und Frauen gleichermaßen des Giftes als Mordmittel bedienen, war man sich in Wissenschaft, Literatur und Publizistik bis weit ins 20. Jahrhundert hinein darüber einig, daß der Giftmord als eine 'Domäne des Weibes' anzusehen sei. Die Grundlage dieses Giftmord-Stereotyps bilden Vorstellungen vom 'Wesen des Weibes' bzw. der Psychologie der Frau: auf Grund ihrer körperlichen und seelischen Schwäche (Mangel an Mut und Kraft) sowie ihrer Nähe zur Geschlechtlichkeit (Vergiften als 'wollüstiger Kitzel') greife die Frau quasi naturgemäß zum heimtückischen Gift. Einen entscheidenden Anteil an der Formation des Giftmord-Stereotyps hatte zudem die Pitavaltradition, die diese Vorstellungen mit literarischen Verbrecherbildern (große und gemeine Verbrecherinnen) verquickte und deren Falldarstellungen (z.B. Brinvillier, Zwanziger, Ursinus und Gottfried) von Fachwissenschaften und Publizistik stets als Beispiele für 'typisch weibliche Giftmischerinnen' herangezogen wurden. Hierbei sorgten die Fachwissenschaften durch neue wissenschaftliche Erklärungsmuster für eine beständige Aktualisierung des Stereotyps. Insgesamt konnte in der vorliegenden diskurstheoretisch und interdisziplinär orientierten Studie anhand der Auseinandersetzung mit Pitavalgeschichten, Prozeßberichten, wissenschaftlichen Texten usw. zu Giftmordfällen verschiedener historischer Zeiträume gezeigt werden, daß das tradierte Giftmordwissen in einem beständigen Austausch- und Verweiszusammenhang zwischen Fachwissenschaft, 'schöner Literatur', Publizistik und Alltagswissen formiert, legitimiert und fortgeschrieben wurde.
Häufig gestellte Fragen
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Information
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- I. Die typisch weibliche Giftmischerin: Genese und Transformation eines Stereotyps
- 1. Pitavalgeschichten
- 1.1 Die Ausdifferenzierung der Sozialsysteme Recht und Literatur
- 1.2 Pitavalgeschichten: Genese und Transformation eines Genres
- 1.3 Der neue Pitaval
- 2. Die typisch weibliche Giftmischerin
- 2.1 Die vier ›Heroinen des Giftmordes‹ im Neuen Pitaval
- 2.2 Vorstellungen vom weiblichen Geschlechtscharakter
- 2.3 Literarische Anteile im Giftmordwissen
- 2.4 Zwischenbilanz: Das Giftmord-Stereotyp im Neuen Pitaval
- II. Das Giftmord-Stereotyp in der veränderten rechtskulturellen Konstellation
- 1. Pluralismus des Wissens
- 2. Fachdiskurse
- 2.1 Der psychiatrische Diskurs
- 2.2 Der juristische Diskurs
- 2.3 Positionen der Kriminologie
- 3. Interdiskurs und Rechtskultur
- 3.1 Die Gerichtsberichterstattung der Publizistik
- 3.2 Kriminalliteratur und Pitavaltradition
- 4. Die Verwissenschaftlichung des Giftmord-Stereotyps
- 4.1 Psychologie des Weibes
- 4.2 Psychologie des Giftmordes
- 4.3 Zirkelschlüsse des Wissens: ›Verbrechermenschen‹ und ›Rätselweiber‹
- 5. Ansätze zu einer neuen Psychologie der Frau
- III. Die neuen Giftmischerinnen: Von der Jahrhundertwende bis in die dreißiger Jahre
- 1. Giftmischerinnen in der Publizistik
- 1.1 Der Fall Grete Beier
- 1.2 Der Fall Klein/Nebbe
- 1.3 Der Fall Milica Vukobrankovics
- 1.4 Die ungarischen Giftmordfälle
- 1.5 Die ›Verbrechermenschen‹ der Publizistik
- 2. Fachdiskurse und Populärwissenschaft
- 2.1 Der Fall Grete Beier
- 2.2 Der Fall Milica Vukobrankovics
- 2.3 Der Fall Klein/Nebbe
- 2.4 Die »Hexenküche« im Theißwinkel
- 2.5 Schlußbemerkung
- 3. Pitavaltradition und ›schöne Literatur‹
- 3.1 Die Renaissance der ›vier Heroinen des Giftmordes‹
- 3.2 Grete Beier in der Pitavaltradition
- 3.3 Die Serie Außenseiter der Gesellschaft
- 3.4 Ciaire Goll: Arsenik oder Jedes Opfer tötet seinen Mörder
- 3.5 Julius Hays Drama Haben
- IV. Die Fortschreibung des Giftmord-Stereotyps in den 50er und 60er Jahren
- 1. Die Kontinuität des (kriminologischen) Wissens
- 1.1 Positionen zur Kriminalität der Frau
- 1.2 Der Giftmord als spezifisch weibliches Delikt
- 2. Kriminalitätswissen in der Medien- und rechtskulturellen Konstellation der 50er und 60er Jahre
- 3. Die neuen aktuellen Illustrierten
- 3.1 Die Kriminalitätsberichterstattung der Illustrierten
- 4. Giftmordsensationsprozesse in den Illustrierten
- 4.1 Der Fall Irmgard Swinka
- 4.2 Der Fall Christa Lehmann
- 4.3 Der Fall Maria Rohrbach
- 4.4 Schlußbemerkung
- 5. Die Giftmischerin in der Populärwissenschaft
- 5.1 Der Fall Irmgard Swinka
- 5.2 Der Fall Christa Lehmann
- 5.3 Der Fall Maria Rohrbach
- 5.4 Schlußbemerkung
- 6. Die Pitavaltradition
- 6.1 Tendenzen der neuen Pitaval-Literatur
- 6.2 Giftmordwissen in der neuen Pitavaltradition
- 6.3 Schlußbemerkung
- V. Resümee und Ausblick
- VI. Literaturverzeichnis
- A. Quellen
- B. Forschungsliteratur
- Personenregister