Leiblichkeit spielt in der theoretischen Begründung postmoderner Ästhetik eine zentrale Rolle. Gesucht wird ein Wahrnehmungssinn, der die durch Rationalität als verloren beklagte unmittelbare und vorbewußte Selbstgewißheit restituiert. Bei der historischen Bestimmung der eigenen Position bezieht man sich u.a. auf Herders Konzeption des Tastsinns. Herder aber nennt einzelne Tastqualitäten als Gegenstände des Tastsinns und nimmt begriffliche Unterscheidungen zwischen sensus communis, Körper, Tastsinn und Gefühl vor, deren sachliche Unterschiede allerdings schwer zu bestimmen sind. Herders Aufwertung des Tastsinns ist demnach nicht primär durch die Suche nach einem Leibgewißheit garantierenden Sinn motiviert. Die Ursachen für diese Aufwertung liegen vielmehr in der frühen Neuzeit; ihrem Nachweis – ein Desiderat in der Forschung – gilt die Untersuchung. Die Suche nach Konstantem an bzw. in der Materie selbst und die Verlagerung der Aufmerksamkeit von der Frage nach der Richtigkeit sinnlicher Wahrnehmung zur subjektiven Gewißheit führen zur fortschreitenden Abwertung der in der Scholastik als >primär< bezeichneten Qualitäten zugunsten der >sekundären<, zum Verlust an Wissen um die spezifische Erkenntnisleistung der Sinne und deren jeweiliges Erkenntnisobjekt, zur Umkehr der Sinneshierarchie und zur Einebnung des Unterschieds zwischen der Seele selbst und ihren einzelnen Vermögen. Sie sind im wahrnehmungstheoretischen Diskurs seit der frühen Neuzeit ablesbar. Sie sind von zentraler Bedeutung auch für die Ästhetik und die Hermeneutik, wie exemplarisch an der Diskussion um die Bestimmung der menschlichen Schönheit seit dem 16. Jahrhundert und in der Literatur um 1800 dargelegt wird.

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Umkehr der Sinneshierarchie
Herder und die Aufwertung des Tastsinns seit der Frühen Neuzeit
- 344 Seiten
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Umkehr der Sinneshierarchie
Herder und die Aufwertung des Tastsinns seit der Frühen Neuzeit
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Information
Thema
LiteratureInhaltsverzeichnis
- Vorwort
- I. Einleitung
- 1. Herders Beitrag zur Aufwertung des Tastsinns im Urteil der Forschung
- 2. Postmoderne und neue Leiblichkeit
- 3. Herders Konzeption des Tastsinns im Urteil der Forschung
- 3.1. Tastsinn
- 3.2. Kraft
- 3.3. Gefühl
- 3.4. Zusammenfassung
- 4. Gründe für Herders Aufwertung des Tastsinns im Urteil der Forschung
- 5. Methode, Anlage und Ziel der Arbeit
- ERSTER TEIL. Umkehr der Sinneshierarchie. Von den primären und sekundären Qualitäten zur Ausdehnung
- II. Thomas von Aquins Lehre von den primären und sekundären Qualitäten
- 1. Zur Lehre von den Qualitäten
- 1.1. Qualität selbst
- 1.2. Qualitative Bestimmungen am Gegenstand
- 1.3. Qualitative Bestimmungen in den Sinnen
- 2. Wahrnehmung
- 2.1. Aufgabe des Sinnesorgans
- 2.2. Aufgabe des Sinnesvermögens
- 3. Zur Stellung von Auge und Tastsinn
- 3.1. Unterschied von Auge und Tastsinn: das Medium
- 3.2. Unterschied von Auge und Tastsinn: das Organ
- 3.3. Unterschied von Auge und Tastsinn: die qualitativen Bestimmungen
- 3.4. Die Bedeutung des Tastsinns
- 3.5. Tastsinn und sensus communis
- 4. Richtigkeit sinnlicher Erkenntnis
- 4.1. Unmittelbarkeit der primären Qualitäten
- 4.2. Täuschbarkeit in bezug auf sekundäre Qualitäten
- 4.3. Täuschbarkeit in bezug auf akzidentielle Wahrnehmung
- 4.4. Bedeutung akzidentieller Wahrnehmung
- 5. Zusammenfassung
- III. Der Zweifel an der Gewißheit sinnlicher Erkenntnis seit Ockham und die Folgen: Umkehr der Sinneshierarchie und Ausdehnung als objektive Qualität
- 1. Von den species sensibiles in medio zum unmittelbaren Wirken von Quantitäten
- 1.1. Ockhams genius malignus
- 1.2. Roger Bacon oder die reale Vervielfältigung der Qualitäten im Raum
- 1.3. Olivis Annahme unmittelbaren kausalen Wirkens von Qualität
- 1.4. Zur intensiven Größe bei Heinrich von Gent
- 2. Veränderter Status der primären Qualitäten
- 2.1. Irrelevanz der primären Qualitäten für Einsicht in wahrnehmbare Welt (Leibniz, Mendelssohn)
- 2.2. Da Cingolis Ableitung flüchtigerer Qualitäten aus konstanteren Qualitäten
- 2.3. Hobbes’ Zentralperspektive und die Verlagerung vom Inhalt zur Bedingung des Sehaktes
- 3. Zur Objektivität der sekundären Qualitäten
- 3.1. Gemeinsamkeiten zwischen Empiristen (Boyle) und Idealisten (Cudworth)
- 3.2. Sekundäre Qualität als der Materie immanente Wesensform oder eingeborene Idee (Leibniz)
- 3.3. Sekundäre Qualität als Vorstellungsmodus des Subjekts (Mendelssohn)
- 4. Reduktion der sekundären Qualitäten auf Ausdehnung
- 4.1. Der fundamentale Zweifel bei Gianfrancesco Pico della Mirandola, Berkeley und Hume
- 4.2. Descartes’ Wesensbestimmung des Körpers als Ausdehnung
- 4.3. Nur Tastsinn erkennt Dreidimensionales (More)
- 4.4. Auge erkennt Licht und Farbe (Berkeley) oder nur Farbe (Goethe)
- 4.5. Korpuskulartheorie (Gassendi, Leibniz) und sensorium commune
- 5. Zusammenfassung
- IV. Herder oder die Bedeutung des Tastsinns für die Erkenntnis
- 1. Herders Kritik an der optischen Wahrnehmung
- 1.1. Distinktheit
- 1.2. Zerstreutheit
- 1.3. Täuschbarkeit
- 1.4. Erkennen mit Bewußtsein
- 2. Die Leistung des Tastsinns für die Erkenntnis
- 2.1. Unbewußtes Urteilen
- 2.2. Vollständigkeit
- 2.3. Objektive Gewißheit
- 2.4. Problem der Mitteilbarkeit
- 3. Unzulänglichkeit sinnlicher Erkenntnis
- 3.1. Oberflächenwahrnehmung
- 3.2. Sinneserkenntnis – eine Wahrheit lediglich für uns
- 4. Einheit zwischen den einzelnen Wahrnehmungen stiftende Instanz
- 4.1. Das Eine: Gefühl oder Seele?
- 4.2. Sinneswahrnehmung als Modifikation des Gefühls
- 4.3. Die Seele als Einheit von Reiz, Sinn und Denken
- 4.4. Das Eine: Gefühl und Seele
- 5. Welches Vermögen erfaßt die Substanz (= Seele) selbst?
- 5.1. Bestimmung der Substanz
- 5.2. Selbstwahrnehmung des Blinden
- 5.3. Lesen als vermittelte Selbstempfindung
- 5.4. Fühlen menschlicher Schönheit als Begegnung mit dem Inbegriff seiner selbst
- 5.5. Vom Selbstgefühl zur Gegenstandserkenntnis
- 6. Zusammenfassung
- ZWEITER TEIL. Menschliche Schönheit – Inbegriff alles Wißbaren. Von der Proportion zur Ruhe in der Bewegung
- V. Von der Proportion zum je ne sais quoi oder die Subjektivierung der Schönheitserfahrung
- 1. Erkennbarkeit der Schönheit eines menschlichen Körpers (Thomas von Aquin)
- 1.1. Erkennbarkeit im Urteil der Forschung
- 1.2. Proportionsbegriff im Urteil der Forschung
- 1.3. Erfahrung von Widersprüchlichkeit als Ausgangspunkt für Thomas von Aquin
- 1.4. Widerspruchsaxiom
- 1.5. Beurteilung von einzelnem Schönen mit Hilfe des Begriffs
- 2. Bestimmung der Schönheit des menschlichen Körpers (Thomas von Aquin)
- 2.1. proportio membrorum
- 2.2. proportio colorum
- 2.3. Verschiedenheit in der Verwirklichung von Proportion
- 2.4. Ist körperliche Versehrtheit Ausdruck seelischer Schlechtigkeit?
- 3. Ficinos Erhöhung des Auges zum geistigen Vermögen
- 3.1. Ficinos Urteil über den Tastsinn
- 3.2. Rezeptivität sinnlicher Wahrnehmung
- 3.3. Auge sieht Licht selbst
- 3.4. Angleichung von Auge und Ratio
- 3.5. Folgen dieser Angleichung
- 4. Wettstreit der Künste – Vorrang des Tastsinns im 16. Jahrhundert
- 4.1. Beurteilung des Tastsinns in den Lettere di artisti
- 4.2. Varchis ambivalenter Schiedsspruch
- 5. Ficinos Bestimmung menschlicher Schönheit
- 5.1. Ablehnung der proportio membrorum
- 5.2. Schönheit als das eine, in allem erstrahlende Licht
- 5.3. Angleichung von körperlicher und seelischer Schönheit
- 5.4. Menschlicher Körper als Offenbarungsort göttlichen Lichts
- 6. Varchi oder: Grazie ist das Wesen menschlicher Schönheit
- 6.1. Favorisierung der Grazie
- 6.2. Grazie inhaltlich unbestimmt
- 6.3. Weitere Gründe für die Ablehnung der Proportion
- 6.4. Was sich der Berechenbarkeit entzieht, ist schön
- 6.5. Alternative Schönheitsbestimmungen des menschlichen Körpers vor 1600
- 7. Zusammenfassung
- VI. Grazie als Ausdruck seelischer Schönheit im 18. Jahrhundert
- 1. Suche nach geistiger Einheit in körperlicher Mannigfaltigkeit seit der Renaissance
- 2. Schönheitslinie im 18. Jahrhundert
- 2.1. Hogarths line of grace
- 2.2. Linie als Ausdruck seelischer Gleichförmigkeit (Mengs)
- 2.3. Linie als Ausdruck körperlicher Einförmigkeit (Winckelmann)
- 2.4. Einheit der Linie – gestiftet durch das Gefühl (Sulzer)
- 2.5. Linie als Ausdruck körperlicher wie seelischer Schönheit (Schiller)
- 3. Bestimmung seelischer Schönheit im 18. Jahrhundert
- 3.1. Geschlechtsspezifisch differenzierte einzelne Bestimmungen (Sulzer)
- 3.2. Seelische Schönheit: Ruhe in der Bewegung (Goethe vs. Winckelmann)
- 3.3. Moralische Seelenregung (Schiller)
- 3.4. Gleichmäßige Bewegtheit des Betrachters (Lessing)
- 3.5. In Auflösung begriffene Einzelseele (Moritz)
- 4. Herders Schönheitsbestimmung im ideengeschichtlichen Kontext
- 4.1. Antike Plastik als idealer Gegenstand der Schönheitserfahrung
- 4.2. Seelische Schönheit: Zustand zwischen Ruhe und Bewegung
- 4.3. Selbstempfindung garantiert Objektivität der Schönheit
- 4.4. Elliptische Linie bzw. Ausdehnung
- 5. Zusammenfassung
- VII. Authentisches Fühlen und das Problem sprachlicher Explikation des Gefühlten
- 1. Bedeutung des Traums für die Explikation der Seele
- 1.1. Herder
- 1.2. Traum als Initiation in Novalis’ Heinrich von Ofterdingen
- 2. Herders Einbildungskraft
- 2.1. Novalis’ Zuordnung der Poesie zum Gefühl
- 2.2. Bedingungen für die Wirksamkeit der Einbildungskraft in E. T. A. Hoffmanns Goldenem Topf
- 3. Herders Begriff der Synästhesie
- 3.1. Synästhesie in Novalis’ Lehrlingen zu Sais als »eine neue Art von Wahrnehmungen«
- 3.2. Synästhesie in E. T. A. Hoffmanns Goldenem Topf als eine andere Art von Wahrnehmung
- 4. Herders »Ton der Empfindung«
- 4.1. Ton als Stimmung in Novalis’ Lehrlingen zu Sais
- 4.2. Ton als Auflösung von Dissonanzen in Hölderlins Hyperion
- 5. Herders Forderung, »das sympathetische Geschöpf in denselben Ton« zu versetzen
- 5.1. Nichtverstehenwollen als Bedingung für Verstehen in Goethes Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten
- 5.2. Unergründbarkeit des Selbstgefühls in Kleists Marquise von O
- 5.3. Vom Leser erwartete Einfühlung in E. T. A. Hoffmanns Goldenem Topf
- 6. Zusammenfassung
- VIII. Zusammenfassung
- IX. Literaturverzeichnis
Häufig gestellte Fragen
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