Zwischen Tadschikistan und Moskau
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Zwischen Tadschikistan und Moskau

Erfahrungswege junger Arbeitsmigranten

  1. 124 Seiten
  2. German
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Zwischen Tadschikistan und Moskau

Erfahrungswege junger Arbeitsmigranten

Über dieses Buch

Die ethnologische Studie beschreibt die Situation junger tadschikischer Arbeitsmigranten, die aufgrund ökonomischer und sozialer Beschränkungen in Tadschikistan den Migrationsweg nach Russland einschlagen. "Nach Moskau gehen" bedeutet, mit allen Konsequenzen Arbeitsmigrant zu werden. Die damit implizierten Erwartungen an den jungen Mann und seine tatsächlichen Erfahrungen in Russland machen die Bewältigung des Migrationslebens zu einer Herausforderung, die über seine persönliche und soziale Reifung sowie seinen Status in der Familie entscheidet.

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1Einleitung

In diesem Buch wird der Migrationsweg junger tadschikischer Männer nach Moskau thematisiert, wie er zur Zeit meiner Feldforschungen (2010–2011) aktuell war. „Die Männer sind gezwungen (mağbur hastand), nach Russland zu gehen.“ Diese Aussage habe ich in zahlreichen flüchtigen Gesprächen in Geschäften gehört, auf Basaren und in Taxis, sowohl in Tadschikistan als auch in Russland. Gezwungen seien die jungen Männer aufgrund der schwachen Wirtschaft in Tadschikistan und des Mangels an gut bezahlten Arbeitsplätzen. Migrationsberichte zu Tadschikistan bestätigen die Ansicht, dass die Wirtschaftsstagnation infolge der postsozialistischen Umwälzungsprozesse im Land eine hohe Arbeitslosigkeit verursacht hat (um 2010: 13 %); die damit einhergehende Armut1 ist Grund für die Migration nach Russland (Jones et al. 2007; Olimova 2009: 365−3672; Umarov 2010). Ähnliche Folgen der Transformation lassen sich auch in den benachbarten postsozialistischen Ländern beobachten, aber Tadschikistan sticht in Bezug auf den Umfang der Rücküberweisungen (remittances) von MigrantInnen heraus, die hier etwa die Hälfte des Bruttoinlandsproduktes ausmachen.3 So hängt Tadschikistan verschiedenen Quellen zufolge in Zentralasien und weltweit am meisten von dieser Art von Geldzufuhr ab (Umarov 2010: 18; WorldBank 2011: 14).
Konkrete Schätzungen variieren, aber nicht-staatliche Berechnungen gehen davon aus, dass sich bis zu eine Million TadschikInnen temporär – und ein gewisser Anteil von ihnen dauerhaft – in Russland aufhalten (Peyrouse 2007: 252; Umarov 2010: 11). Die meisten sind männliche saisonale Arbeitsmigranten, die undokumentiert4 auf Großbaustellen arbeiten (Olimova 2009: 369−370). Die männliche Dominanz im tadschikischen Migrationsstrom lässt sich deutlich erkennen: Über 95 Prozent der MigrantInnen sind Männer, von denen die Mehrzahl das dreißigste Lebensjahr nicht überschritten hat (Olimova and Kuddusov 2007: 28–29). Ein derartiges Gender-Ungleichgewicht ist in keinem anderen postsowjetischen Staat gegeben. Dies wird in Migrationsberichten zumeist mit kulturellen bzw. religiösen Moralvorstellungen begründet (Khusenova 2010; ILO 2010b: 6). Olimova und Kuddusov (2007: 5) interpretieren die genderspezifische Migration im Kontext eines postsowjetischen Festhaltens an traditionellen Familienkonzepten, in denen der Mann als einziger Versorger der Familie fungiert.5
Die meisten TadschikInnen wählen Russland als Zielland und Moskau als Zielstadt ihrer Arbeitsmigration (ILOb 2010: 11). Dies hängt neben dem Abkommen zur Visafreiheit (Herbers 2007: 186) vor allem mit dem Wirtschaftsaufschwung in Russland und dem daraus resultierenden Bedarf an zusätzlichen Arbeitskräften in den Großstädten zusammen (Rahmonova-Schwarz 2006: 316−317). Bereits bestehende soziale Netzwerke und die Erfahrungen der Zurückkommenden sind für die Entwicklung von Migrationsrichtung und -struktur ebenfalls ausschlaggebend (Rahmonova-Schwarz 2010: 20).6

„Migration“: Versuch einer Begriffsbestimmung

Bei der Bestimmung des Begriffs „Migration“7 schließe ich mich der breit gefassten Definition von Treibel an, wonach Migration „der auf Dauer angelegte bzw. dauerhaft werdende Wechsel in eine andere Gesellschaft bzw. in eine andere Region von einzelnen oder mehreren Menschen“ ist (2008: 21). Der Begriff Migration wird kontinuierlich konkretisiert und differenziert (ebd.: 20). Für die Kategorisierung von Migration werden Zeit, Raum oder auch Kausalitäten als begriffsbestimmende Faktoren (Determinanten) verwendet (Strasser 2009: 17). Der derzeitige Migrationsstrom von Tadschikistan nach Russland wird von der tadschikischen Migrationsforscherin Saodat Olimova (2009) und von anderen (Jones et al. 2007) als eine Arbeitsmigration kategorisiert, denn ihren Analysen zufolge ist das zentrale Motiv für die Mobilität nach Moskau die Suche nach einer besser bezahlten Arbeit (Olimova 2009: 366ff.; Jones et al. 2007: 8).
Meine InformantInnen haben für ihre Mobilität in den Interviews je nach Kontext unterschiedliche Ausdrücke verwendet, wobei sowohl das Motiv der Arbeit als auch das des Geldverdienens inbegriffen ist. Neben migracija wird von muhoğirat kardan ,auswandern, migrieren‘ und zumeist von Moskvaba raftan ,nach Moskau gehen‘ gesprochen, aber auch der Ausdruck pul kor kardan ,Geld erarbeiten‘ fällt in diesem Zusammenhang. Die jungen tadschikischen Männer, die bereits in Russland arbeiten, werden zumeist als muhoğironi korī ,Arbeitsmigranten‘, muhoğironi mehnatī ,Arbeitsmigranten‘ oder mardikoron ,Arbeiter‘ bezeichnet. Die ersten beiden Zusammensetzungen können als Nachbildungen der russischen Vorlage rabočij/ trudovoj migrant angesehen werden. Darauf verweist insbesondere die Verwendung des Wortes mehnat, das sich in der sozialistischsowjetischen Zeit etabliert hat und eine Entsprechung des russischen Wortes trud ,Arbeit, Mühe‘ ist, wohingegen kor seine Entsprechung im russischen Wort rabota ,Arbeit‘ findet. Der letzte Ausdruck mardikoron kann auch mit ,Tagelöhner‘ übersetzt werden und konnotiert negativ, dass der betroffene Mann jede Art von Arbeit annehmen muss, um zu überleben.
In Moskau selbst beschreiben sich die ArbeitsmigrantInnen aufgrund ihres rechtlichen Status und aus dem Verständnis der lokalen Bevölkerung heraus mit dem russischen Wort migrant – gewissermaßen eine Fremdzuschreibung, die zu einer Eigenbezeichnung geworden ist. In der vorliegenden Arbeit spreche ich deswegen, und auch in Anlehnung an Olimovas Kategorisierung, ebenfalls primär von tadschikischer Arbeitsmigration, auch wenn in einigen Kontexten lediglich der Begriff Migration erscheint.

Forschungsgegenstand und Fragestellung

In der ethnologischen Annäherung wird Arbeitsmigration, wie alle menschlichen Bewegungen und Handlungen, als ein kulturelles Phänomen verstanden. Wie Cohen und Sirkeci (2011) in ihrer Zusammenschau auf Migrationsprozesse in verschiedenen Regionen der Welt aufzeigen, orientiert sich die Arbeitsmobilität – beziehungsweise besser: orientieren sich deren Träger, genannt movers8 – an ihren kulturspezifischen Handlungsmöglichkeiten. Cohen und Sirkeci verweisen auf die besondere Bedeutung der Untersuchung der Meso-Ebene, da äußere Determinanten wie Grenzen, Regime, die Ökonomie und bestimmte lokale Faktoren die Mobilität des Individuums auslösen, aufhalten oder strukturieren (ebd.: x). Im Umgang mit diesen Bedingungen unterliegt die Mobilität einem komplexen Aushandlungsprozess, der sich innerhalb der Bahnen von bestehenden „cultures of migration“ abspielt.9 Dies bedeutet, dass „traditionelle Überzeugungen“ sowie „kulturelle Erwartungen“ und die gegebene soziale Struktur die Migrationsabsicht mit beeinflussen (Cohen und Sirkeci 2011: 14 ff.). Auch Klute und Hahn verstehen in ihrem Sammelwerk Cultures of Migration Migrationsbewegungen als einen Komplexe von kulturellen Repräsentationen (2007: 13). Sie heben jedoch hervor:
Various Cultures of Migration are established by discourses, and sometimes even conflicting negotiations among migrants themselves (ebd.: 14).
Kulturen sind ihrer Ansicht nach im stetigen Fluss (flows), sind also immer das Ergebnis eines interaktiven Prozesses (Klute & Hahn 2007: 14). Aufgrund dieser Perspektive plädieren Klute und Hahn für die besondere Berücksichtigung einer emischen Sichtweise, um die Bedeutungen der Migration für die Lebensweise der MigrantInnen zu entschlüsseln (ebd.: 16−17). In einer früheren Kleinstudie hatte ich mich bereits mit der emischen Perspektive auf Migration befasst, indem ich die Erfahrungswelt der in Tadschikistan zurückbleibenden jungen Frauen untersucht habe, die durch die Auswirkungen der Arbeitsmigration der Männer indirekt mit Migration konfrontiert sind. Die Frauen reflektierten über das veränderte Verhalten ihrer Brüder, Männer und Väter nach deren Rückkehr aus der Arbeitsmigration. Darüber hinaus enthüllten sie eine Vielschichtigkeit der Migrationsmotive, die den in dem einführenden Zitat genannten vermeintlichen Zwang („die Männer sind gezwungen, nach Russland zu gehen“) teilweise entkräftet. Dass die Aussagen dieser Frauen von der in der Literatur bekannten normativen Argumentation abwichen, hat mich letztlich dazu bewogen, den Migrationsweg der jungen Männer nachzuvollziehen und die Arbeitsmigranten in ihrer Heimat und an ihrem Ankunftsort aufzusuchen.
Die vorliegende Arbeit widmet sich also jungen Männern, welche in den Migrationsprozess nach Moskau involviert sind. Als „junge Männer“ bezeichne ich dabei solche in der Altersgruppe zwischen 17 und 27, die sich in der Lebensphase der Postadoleszenz befinden.10 Die kulturspezifisch etablierten Begriffe pul kor kardan ,Geld erarbeiten‘ oder Moskvaba raftan ,nach Moskau gehen‘, mit denen die Arbeitsmigration umschrieben wird, verweisen auf eine von Saisonarbeit geprägte Lebensweise und sind nicht nur für die Migrierenden selbst, sondern auch für die Nichtmigrierenden mit bestimmten Imaginationen behaftet (siehe S. 63/ 91).11
Mit diesen Imaginationen verlassen die jungen Männer also das familiäre Nest; in Moskau stoßen sie auf eine Alltagsrealität, die häufig unerwartete Hürden und Schwierigkeiten mit sich bringt. Sie werden auf physischer und mentaler Ebene herausgefordert, was sich letztlich auf verschiedene Lebensbereiche der jungen Männer auswirkt. Ziel meiner Forschung ist es, diese Migrationserfahrung zu untersuchen und die prägenden Eigenschaften eines Russlandaufenthalts zu enthüllen. Im Mittelpunkt meines Forschungsinteresses steht die Frage, wie die Bewegung hinaus aus dem ursprünglichen sozialen Kontext für einen jungen Mann überhaupt relevant wird. Des Weiteren interessiert mich, wie die jungen Männer ihre Arbeitsmigration und sich selbst im Migrationsraum Moskau wahrnehmen. Mein Anliegen hierbei ist, die Rolle des Russlandaufenthalts für die Lebensbahn eines jungen Mannes deuten zu können. Im Lebenszyklus eines heranwachsenden tadschikischen Mannes signalisieren entscheidende Ereignisse und Handlungen Reifung, die den Status des jungen Mannes in der Familie erhöht und damit für Sicherheit und Stabilität der Familie von großer Bedeutung ist.
Bei dem Begriff „Reifung“ beziehe ich mich auf Straube: „Das Individuum wächst unter der Obhut der Gruppe heran und wird als Frau oder Mann in die jeweils gültigen Normen- und Wertsysteme hineinsozialisiert. Seine Reifung vollzieht sich dabei als lebenslanger Prozess innerhalb des Lebenszyklus, in dem es gesellschaftliche Rollen erlernt“ (Straube 2002: 13). Ebenso wird im lokalen tadschikischen Verständnis das Reifen oder Reifwerden als ein offener Lernprozess verstanden (Stephan 2010: 174). Stephan weist darauf hin, dass noch ein weiteres lokales Konzept von Reife in Tadschikistan vorzufinden ist, welches mit dem Begriff baloġat (,Vollkommenheit‘, (geschlechtliche) Reife) benannt wird (ebda. 2010: 176). Hier wird Reife als der Endzustand einer Entwicklung begriffen, der das Zusammenwirken der geschlechtlichen Reife mit der moralischen und religiösen Reife12 impliziert, was letztlich den Beginn der Jugendphase und damit den Abschied vom Kindsein markiert (ebd.). In der Jugendphase angekommen, welcher baloġat vorausgeht, steht nun die soziale Reifung des Heranwachsenden im Vordergrund, die zur nächste Stufe führt.
Anders als bei jugendlichen Mädchen oder Frauen, deren Reife primär an biologischen Faktoren und äußeren Merkmalen bemessen wird, bilden bei den heranwachsenden Männern die erreichte psychologische und soziale Entwicklung die entscheidenden Kriterien für die Behauptung der Reifung (Roche 2010: 106). Um Reifung zu ermöglichen, wird den jungendlichen Männern eine experimentelle Phase der Jugend zugestanden, welche den weiblichen Jugendlichen aufgrund eines schnellen Überganges von Mädchen/Tochter zu Braut/Schwiegertochter (kelin) vorenthalten wird (ebd.). Den Statusübergang vom bača (,Junge, Kind; unverheirateter junger Mann‘) zum mardak ,Mann‘ markiert natürlich die Heirat, aber auch der körperliche Einsatz und das Übernehmen von Verantwortung für Familie und Gemeinschaft, wodurch die psychologische Reifung eines Mannes (mardak) signalisiert wird (Roche 2010: 107). Im Zuge dieser Studie werde ich verschiedene Merkmale und Besonderheiten der sozialen Reifung junger tadschikischer Männer im Hinblick auf die Migration beleuchten.
Mit Bezug auf die Migration und die durch sie gestiegene ökonomische Bedeutung der jungen Männer sind sowohl der Umstand, dass der junge Mann die Familie unterstützt, als auch seine dauerhafte Bindung dadurch, dass er in Tadschikistan verheiratet ist, zentrale Signale, die eine Statuserhöhung bewirken (Roche 2010: 317−318). Die Familienstruktur in Tadschikistan basiert auf definierten Positionen, die jeweils mit einem bestimmten Status verbunden sind; jedes Individuum erlebt daher auch Positions- und Statuswechsel. Reeves (2010: 220) sagt dazu:
[...] for any given society at any historical moment, there are repertoires of ‘male’ and ‘female’ that are learned and embodied from our earliest days of life. Nor are these repertoires immutable: they change through the life-course and from one historical epoch to another […]. 13
Ausgehend davon, dass ein jeder Status eine Verhaltensweise bzw. Rolle vorgibt, werde ich untersuchen, welchen Status ein junger tadschikischer Mann während und aufgrund seiner Arbeitsmigration einnimmt.
Ähnlich wie Roche (2010) habe ich mich dieser Frage angenähert, indem ich das Strukturschema der „rites de passage“ von van Gennep (1986) und Turner (2000) in den Blick genommen und auf die Migrationserfahrung junger Männer übertragen habe. Dabei gilt die Aufmerksamkeit in meiner Studie nicht der rituellen Praxis, sondern primär den durch die Riten abgegrenzten Lebensphasen. Diese Perspektive richtet sich also nicht, wie in vielen anderen Arbeiten der Fall, primär auf die wirtschaftliche, sondern auf die soziale Dimension des Weggehens und Zurückkommens des Arbeitsmigranten. Wie erlebt der junge Mann den Übergang von der einen in die andere Struktur, und was sind es für Strukturen, die er durchkreuzt? Eine solche Perspektive bietet Erklärungspotenzial für bestimmte soziale Mechanismen, die sich innerhalb der Familie und der Gemeinschaft abspielen und die auch Gründe für Mobilität liefern.
Durch die Analyse der Sichtweise der jungen Männer auf die eigene Migration, auf Motive für das „nach Moskau Gehen“ und auf Erlebnisse in Moskau wird letztlich die kulturspezifische Situation dieser jungen Männer umfassend in den Blick genommen; die Migration ist nicht nur deren Ausdruck und eine Antwort auf sie, sondern bedingt sie auch gleichzeitig (Brettell 2008: 136). Dies führt zu einer weiteren Analyseebene, die ich auf der Grundlage meiner Beobachtungen und Gespräche mit jungen Migranten in Moskau für diese Studie heranziehe: die Frage nach Geschlechterverhältnissen und insbesondere Männlichkeitsrollen im Zusammenhang mit der Arbeitsmigration nach Russland. In vielen soziologischen und ethnologischen Forschungen zu gesellschaftlichen Veränderungen in Zentralasien und speziell Tadschikistan werden Spannungsmomente infolge von sich wandelnden Geschlechterordnungen und Geschlechteridentitäten auch in Bezug auf die Migration thematisiert...

Inhaltsverzeichnis

  1. Cover
  2. Titelseite
  3. Impressum
  4. Inhalt
  5. Danksagung
  6. Vorbemerkung
  7. 1 Einleitung
  8. 2 „Wie gut, dass es Moskau gab“: Ein Rückblick
  9. 3 Den Migrationsaufenthalt in Moskau erleben
  10. 4 Übergangsriten zwischen Tadschikistan und Russland
  11. 5 Kennzeichen eines erfolgreichen Übergangs
  12. 6 Statusübergang und Rollenverständnis in der Migration
  13. 7 Fazit
  14. 8 Literaturverzeichnis
  15. Anhang: InformantInnen