Der interdisziplinär angelegte Band untersucht die Konstrukte von Vertrauen in und Glaubwürdigkeit von Medien und Kommunikation – ausgehend von den medienhistorischen Grundlagen bis zu den Konsequenzen der aktuellen Debatten für die journalistische Praxis. Die Beiträge analysieren strukturelle Faktoren und Motive des Medienvertrauens und der Medienskepsis, sie verfolgen die Prinzipien des journalistischen Selbstverständnisses und diskutieren die strategische Neuausrichtung kommunikationswissenschaftlicher Forschungen.

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Medienvertrauen
Historische und aktuelle Perspektiven
- 212 Seiten
- German
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Medienvertrauen
Historische und aktuelle Perspektiven
Über dieses Buch
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Information
Thema
Media StudiesInterpersonales Vertrauen als Prädiktor für Medienvertrauen
Befunde der Mainzer Langzeitstudie
Viola Granow
Nikolaus Jackob
Marc Ziegele
Oliver Quiring
Christian Schemer
Tanjev Schultz
1 Einleitung
Seit dem (Wieder‐)Aufkommen der Lügenpresse-Vorwürfe im Jahr 2014 ist das Vertrauen in die Medien zu einem der zentralen Themen des öffentlichen Diskurses geworden (Jackob u. a. 2017a). Demokratische Gesellschaften sind auf informierte Bürger angewiesen, welche die für ihre Meinungsbildung und Entscheidungsfindung notwendigen Informationen größtenteils den Medien entnehmen: „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien“ (Luhmann 2009, 9). Das Vertrauen in die Medien ist folglich nicht nur für die Medien selbst, sondern ebenso für die Gesellschaft als Ganzes relevant.
Dies ist mit der Rolle der Medien im gesellschaftlichen System zu begründen, denn sie haben innerhalb einer modernen, demokratischen Gesellschaft grundlegende politische und soziale Aufgaben zu erfüllen: Auf politischer Ebene sollen sie Öffentlichkeit herstellen, politische Sozialisation ermöglichen, kritisieren und kontrollieren sowie zur politischen Bildung beitragen, während Medien auf sozialer Ebene zur Sozialisation beitragen, Wissen vermitteln und soziale Orientierung bieten (Weischenberg u. a. 2006, 30; Kepplinger 2011, 9; Mast 2012, 26).
Im Idealfall erfüllt der Journalismus damit entscheidende Funktionen für eine intakte Demokratie, denn auf Grundlage der in journalistischen Inhalten verbreiteten Informationen kann eine (politische) Meinungs- und Willensbildung der Bürger stattfinden (Weischenberg u. a. 2006, 30; Mast 2012, 26). Diese Verantwortung können Medien allerdings nur dann erfüllen, wenn ihre Inhalte auch rezipiert und für individuelle Meinungsbildungsprozesse und Entscheidungen von Bürgern herangezogen und akzeptiert werden. Voraussetzung dafür ist wiederum das Vertrauen, das ihnen die Bürger entgegenbringen. Und um dieses Vertrauen kreist der Diskurs innerhalb und außerhalb des Faches seit geraumer Zeit – vor allem darum, was mit der Gesellschaft geschieht, wenn es erodiert oder verloren geht (Schultz u. a. 2017; Ziegele u. a. 2018). Was dagegen nicht vergleichbar intensiv erforscht wird, ist die Frage nach den Ursachen für Vertrauen in die Medien (vgl. auch den Beitrag von Michael Meyen in diesem Band).
Viele der einleitend vorgetragenen Gedanken sind sicherlich grundlegend für die Kommunikationswissenschaft und haben – trotz der Aktualität der Debatte selbst – keinen Neuigkeitswert. Über die Rolle des Medienvertrauens für die Funktionserfüllung des Journalismus und seine gesellschaftlichen Wirkungen wird im nationalen und internationalen Fachdiskurs seit Langem lebhaft geforscht. Spätestens seit der Jahrtausendwende ist mit den einschlägigen Arbeiten von Tsfati und Kollegen (z. B. Tsfati/Cappella 2003 und Tsfati/Peri 2006) sowie Kohring (2004) Grundlagenarbeit geleistet worden. Hier stand zumeist die Definition und Messung des Phänomens an sich im Mittelpunkt (Kohring 2004; Kohring/Matthes 2007) sowie seine Beziehungen zu anderen Konstrukten – etwa als abhängige oder unabhängige Variable von Mediennutzung (Tsfati/Cappella 2003) oder als Mediatorvariable im Medienwirkungsprozess (Tsfati 2003a; Tsfati 2003b). Weniger umfassend erforscht sind jedoch bis dato die Ursachen des Medienvertrauens: Welche individuellen Faktoren beeinflussen, ob Menschen Vertrauen in die Medien haben?
Bisherige empirische Studien (z. B. Jackob 2012b; Jackob u. a. 2017a; und überblicksartige Analysen z. B. Tsfati/Ariely 2014) legen den Schluss nahe, dass die individuelle Ausprägung des Medienvertrauens unter anderem von persönlichen Prädispositionen abhängt, etwa politischen und gesellschaftsbezogenen Einstellungsmustern und psychologischen Charakteristika von Personen. Auch das individuelle Mediennutzungsverhalten steht in einem Zusammenhang zu verschiedenen Niveaus von Medienvertrauen, wobei die Kausalitätsrichtung diskutabel ist.
Die soziologische und psychologische Vertrauensforschung legt den Schluss nahe, dass eine wesentliche Einflussgröße auf die Entstehung und die Ausprägung einer Vielzahl von Vertrauensbezügen – darunter Institutionenvertrauen und das hier relevante Medienvertrauen – das in Kindheit und Jugend erworbene interpersonale Basisvertrauen ist. Die zentrale Annahme des vorliegenden Beitrages lautet, dass Individuen sich hinsichtlich ihrer persönlichen Vertrauenstendenz unterscheiden und sich diese individuellen Niveaus an interpersonalem Vertrauen auch auf andere Vertrauensbezüge in ihrem Leben auswirken. Je nachdem, ob sie viel Zutrauen in ihre Mitmenschen und ihre Umwelt hegen oder nicht, sollten sie, der Annahme entsprechend, auch unterschiedliche Niveaus an Medienvertrauen aufweisen. Dieser Zusammenhang wurde in Theoriearbeiten plausibilisiert und in singulären Querschnittsstudien auch vereinzelt aufgezeigt (Jackob 2012a, 100; Jackob 2012b; Tsfati/Ariely 2014) – es fehlt jedoch eine systematische Analyse auf Basis eines im Großen und Ganzen einheitlichen Erhebungsmodells, die mehrere Erhebungszeiträume umfasst, um die insgesamt sehr plausiblen, aber selten erforschten Zusammenhänge auf soliderer Basis betrachten zu können. Ziel des vorliegenden Beitrages ist es daher zu untersuchen, inwiefern die individuelle interpersonale Vertrauenstendenz eines Menschen als Prädiktor für Medienvertrauen herangezogen werden kann. Auf diese Weise soll der einschlägigen Vertrauensforschung auch aufgezeigt werden, dass Kausalmodelle, die solche individuellen Traits unbeachtet lassen, Blindstellen bei der Erklärung von Medienvertrauen aufweisen.
Hierfür definiert der Beitrag zunächst die Konzepte Vertrauen, interpersonales Vertrauen sowie Medienvertrauen, um darauf aufbauend Hypothesen über den Zusammenhang zwischen interpersonalem Vertrauen und Medienvertrauen abzuleiten. Im Methodenteil werden daraufhin d...
Inhaltsverzeichnis
- Title Page
- Copyright
- Contents
- Vorwort
- Einleitung
- Journalistisches Ethos und das Ideal einer vollkommenen Zeitung in den ersten Jahrhunderten der deutschen Presse Historische Utopie und aktuelle Notwendigkeit
- Von der Entfesselung der Presse zur „Lügenpresse“ 1848 bis zum Ersten Weltkrieg
- Die Erfindung der Glaubwürdigkeit Umfragen zur Medienbewertung in Deutschland seit 1945
- Medienvertrauen und Medienskepsis Theoretische Grundlagen und empirische Evidenzen
- Interpersonales Vertrauen als Prädiktor für Medienvertrauen Befunde der Mainzer Langzeitstudie
- Zur Glaubwürdigkeit von Akteuren Plädoyer für eine stilistische Perspektive in der Kommunikationswissenschaft
- In Enttäuschung vereint Motive für dysfunktionale Anschlusskommunikation in Nutzerkommentaren und Konsequenzen für den Journalismus
- Vertrauen in Medien oder in Journalismus oder …? Leistungserbringung durch und Leistungsbewertung von Medien als Forschungsaufgabe
- Journalisten als Scouts in unübersichtlichen öffentlichen Räumen Ein Zwischenruf zur journalistischen Bildung
- Kurzbiographien
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