DDR-Geschichte auf YouTube. Alltag und Diktatur in digitalen Geschichtserzählungen des DDR-Museums (Berlin)
1 Einleitung
YouTube prägt als Massenmedium gegenwärtige gesellschaftliche Kommunikationsprozesse in erheblichem Maße und ist nicht nur für Jugendliche ein Raum für individuelle und kollektive Sozialkonstruktionen.1 In der einschlägigen Literatur zum Kultur- und Museumsmanagement herrscht Konsens darüber, dass heute keine Institution der Geschichtskultur, egal ob sie regionale, nationale oder internationale Relevanz anstrebt, ohne eigene Social-Media-Kanäle auskommen kann, inklusive einer eigenen Präsenz auf YouTube.2 Als Medium des kollektiven Gedächtnisses oder als Ort für Geschichtserzählungen ist YouTube allerdings bisher kaum wissenschaftlich beschrieben worden.3 Studien zur Erinnerung an die DDR in Online-Medien sind ebenfalls sehr rar,4 während einschlägige Arbeiten zu Erinnerungskulturen zur DDR in Social Media allgemein oder konkret auf YouTube bisher nicht vorliegen.
Dieser Beitrag wirft aus geschichtsdidaktischer Perspektive einen analytischen Blick auf die Art und Weise, wie das DDR-Museum (Berlin) Geschichte auf seinem YouTube-Kanal erzählt.5 Analytischer Ausgangspunkt der Untersuchung dieses Kanals ist die Geschichte der deutsch-deutschen DDR-Erinnerung seit den 1990er Jahren. Die zentralen Fragestellungen dieses Beitrages beinhalten zwei Fragekomplexe zu den vermittelten Geschichtsnarrationen einerseits und zu den auf YouTube aktiven Akteurinnen und Akteure andererseits:
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Geschichtsnarrationen: Welche historischen Perspektiven und gegenwärtigen Deutungen werden vom DDR-Museum (Berlin) auf YouTube in den Geschichtserzählungen präsentiert? Welche Rolle nehmen Alltag und Diktatur dabei ein und in welches Verhältnis werden diese zueinander diskursiv gesetzt?
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Akteurinnen und Akteure: Welche Bedeutung kommt der Geschichtswissenschaft einerseits und Zeitzeuginnen und Zeitzeugen andererseits als Vermittlungsinstanzen für Geschichtserzählungen auf dem YouTube-Kanal des DDR-Museums (Berlin) zu? Wie reagieren Nutzerinnen und Nutzer auf die angebotenen Geschichtsnarrationen? Führen sie mit dem Museum oder gegenseitig Debatten über Geschichtsdeutungen oder über Fragen der Erinnerungspolitik?
2 Die Analysemethode: Social-Media-Monitoring als Diskursanalyse
Als methodische Rahmung vollzieht dieser Beitrag ein Social-Media-Monitoring nach dem Analyseschema des Fünf-Phasenmodells von Oliver Plauschinat und Florian Klaus in leicht veränderter Form.6 Das Modell dient vor allem dazu, den Forschungsprozess zu strukturieren und ihn transparent und nachvollziehbar zu gestalten und umfasst die Phasen Planung, Datenerhebung, Datenanalyse, Dateninterpretation und Reaktionen.
In der Planungsphase werden die konkreten Fragestellungen und Ziele des Monitorings definiert und der Untersuchungszeitraum festgelegt. In der Phase der Datenerhebung werden die Social-Media-Quellen hinsichtlich Relevanz und Reichweite eingeschränkt, also der zu analysierende Datenpool letztendlich bestimmt. Die Auswertung der Daten erfolgt in der Phase der Datenanalyse. Diese wird für diesen Beitrag in einem rein manuellen Monitoring vollzogen, in dem alle YouTube-Beiträge (Videos) des Kanals des DDR-Museums (Berlin) und die Nutzerkommentare manuell, das heißt ohne automatisierte Datenauslesung gesichtet werden.7 Für die Analyse werden die inhaltsanalytischen Analysekriterien von Plauschinat und Klaus zugunsten des diskursanalytischen DIMEAN-Modells keine Anwendung finden, da DIMEAN insgesamt als geeigneter erscheint, um Diskurse, Diskurspositionen, Akteurinnen und Akteure und eventuelle diskursive Aushandlungsprozesse in Social Media zu erfassen.8
Die vierte Phase stellt bei Plauschinat und Klaus die Dateninterpretation dar. Hier werden die Ergebnisse der Analysephase noch einmal zusammenfassend kommentiert, interpretiert und diskutiert, was in diesem Beitrag im letzten Kapitel vollzogen wird. Die letzte Phase ist bei Plauschinat und Klaus die der Reaktionen, in der „die Erkenntnisse des Social Media Monitorings unternehmensintern genutzt und umgesetzt werden“9 sollen. Diese Phase wird ausschließlich implizit vollzogen, da dieser Beitrag einen deskriptiven Ansatz verfolgt, der explizit keine konkreten normativen Handlungsanweisungen formulieren will.
3 Deutsch-Deutsche Erinnerungen an die DDR seit 1990
Zur inhaltlichen Strukturierung der deutsch-deutschen Erinnerungsgeschichte an die DDR sollen die drei von Martin Sabrow definierten Erinnerungsmuster des Diktatur-, Arrangement- und Fortschrittsgedächtnisses dienen.10
Das Diktaturgedächtnis stellt ins Zentrum seiner Erzählung den Unterdrückungscharakter der SED-Herrschaft in Kombination mit dem Narrativ der mutigen Überwindung in der friedlich gebliebenen Revolution von 1989/90 und betont in seiner diktaturzentrierten Erinnerung den Macht- und Repressionsapparat des kommunistischen DDR-Regimes, um an die DDR als „negatives Kontrastbild vor der Folie rechtsstaatlicher Normen und Freiheitstraditionen“11 zu erinnern. Geschichtspolitisch dominierte das Diktaturgedächtnis nach der Wiedervereinigung 1990. Deutlich wird dies an den Forderungen der Enquête-Kommissionen „Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur“12 und „Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozeß der deutschen Einheit“13 ebenso, wie am ersten Gedenkstättenkonzept des Bundes, das Gedenkstätten förderte, die den Repressionscharakter der SED-Diktatur verdeutlichten können.14
Das vor allem bei ehemaligen Bürgerinnen und Bürger der DDR dominante Arrangementgedächtnis verknüpft hingegen Machtsphäre und Lebenswelt, indem es die strikte Trennung von Biografie und Herrschaftssystem des Diktaturgedächtnisses und die westdeutsche Perspektive auf die DDR verweigert, die „zwischen ironischer Anrufung und ostalgischer Verehrung der ostdeutschen Lebensvergangenheit oszilliert.“15
Das am wenigsten dominante Fortschrittsgedächtnis beruht auf der Vorstellung einer vermeintlichen moralischen und politischen Gleichrangigkeit von DDR und BRD und sieht die Gründe für die Niederlage des sozialistischen Zukunftsentwurfs in der Unfähigkeit der politischen Führung der DDR und in intriganten Machinationen des Westblocks.16 Dominant war das Fortschrittsgedächtnis in den Jahren 1989/90 als einige ostdeutsche Intellektuelle und Künstlerinnen und Künstler eine Erneuerung reformsozialistischer Ideen versuchten.17 Heute existiert das Fortschrittsgedächtnis noch stärker als das Arrangementgedächtnis im Schatten der öffentlichen Wahrnehmung und wird vor allem von früheren DDR-Eliten und jüngeren linkspolitischen Akivistinnen und Aktivisten wach gehalten, die an der sozialistischen Utopie festhalten.18
Sabrows drei Erinnerungsmuster können verd...