Einleitung zum Teil D: Berufstheorie
Wie die vorangegangenen Kapitel zeigen, ist Gemeindepädagogik mehr als nur eine Berufstheorie, aber sie muss eben immer auch Berufstheorie sein. Obwohl sich Gemeindepädagogik neben dem Beruf auch als Fachdisziplin entwickelt hat und gemeindepädagogische Ausbildungsinhalte und Tätigkeiten ebenfalls eine wichtige Rolle in anderen kirchlichen Berufen – etwa Pfarrer und Pastorinnen oder Erzieher und Erzieherinnen – spielen, so bedarf es dennoch einer bewussten Reflexion der Besonderheit einer spezifischen gemeindepädagogischen Beruflichkeit.
Gottfried Buttler betont daher die „Zusammengehörigkeit von Profession der Gemeindepädagogen und Gemeindepädagoginnen und Sache der Gemeindepädagogik“ und vertritt die Überzeugung,
„daß wir bei recht verstandener Suche nach der Professionalität der Gemeindepädagogin auch bei der Sache der Gemeindepädagogik sind. Denn gemeindepädagogische Professionalität meint hier die ‚Kompetenz‘ der Gemeindepädagogin, ohne die es den volkskirchlichen Institutionen nicht gelingen kann, das Interesse des Subjekts im doppelten Sinne ‚wahrzunehmen‘, als sein Interesse an Mündigkeit und an einer Beteiligung, wie sie ihm entspricht, zu entdecken und im Sinne dieses Interesses zu handeln.“1
In einer solchen berufstheoretischen Beschäftigung verbinden sich daher immer Fragen nach den beruflichen Aufgaben und Rollen der gemeindepädagogischen Berufsgruppe mit bestimmten inhaltlichen und ekklesiologischen Anfragen an die Strukturen kirchlicher Arbeit insgesamt, der Frage also, wie der Kommunikation des Evangeliums zur besseren Geltung verholfen werden kann angesichts sich wandelnder gesellschaftlicher, kirchlicher und lebensweltlicher Bedingungen.
Gemeindepädagogische Berufstheorie beschäftigt sich dabei einerseits mit der Frage nach der Entwicklung und Veränderung einer eigenständigen Professionalität im Kontext gesellschaftlicher und kirchlicher Veränderungen und institutioneller Rahmenbedingungen und nach den Wechselwirkungen und Verschränkungen mit und Abgrenzungen zu anderen Institutionen, Professionen und beruflichen Aufgaben. Zum anderen geht es um die Frage, wie sich gemeindepädagogisches Handeln konkret in der Interaktion mit Menschen unterschiedlicher Milieus, Lebensstile und Frömmigkeitsmuster gestaltet, welche Strukturprinzipien und Handlungsmuster gemeindepädagogischen Handelns sich beschreiben lassen und welche Kompetenzen zur Wahrnehmung und Ausübung der gemeindepädagogischen Berufsrolle erforderlich sind.
Welche Einsichten sich aus der Geschichte der Verberuflichung und der Professionalisierung der gemeindebezogenen Berufe auch für heutige Strukturprobleme und inhaltliche Fragen gewinnen lassen, zeichnet Hildrun Keßler in Kapitel 10 „Gemeindepädagogische Beruflichkeit in der Spannung von sozialen, pädagogischen und theologischen Aufgaben“ nach. Für die Beantwortung der Frage nach den heutigen Aufgabenprofilen gemeindepädagogischer Arbeit und den dafür erforderlichen Kompetenzen werden dann exemplarisch die Gemeinwesenarbeit und Gemeinwesendiakonie in den Blick genommen, als jener Arbeitsbereich, in dem Vernetzung und Kooperation und das Zusammenspiel von Kirche und Gesellschaft in besonderer Weise zum Ausdruck kommen.
Der Professionalisierungsprozess in Kirche und Diakonie weist im Vergleich mit anderen gesellschaftlichen Berufssparten eine Besonderheit auf: Die seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts neu entstehenden gemeindepädagogischen und sozialdiakonischen Berufe lösten nicht einfach die ehrenamtlichen ‚christlichen Liebestätigkeiten‘ ab, sondern es kam zu einem Nebeneinander von ehrenamtlich und hauptberuflich ausgeübten Tätigkeiten. In der Kirche gibt es heute stärker als in anderen gesellschaftlichen Bereichen ein Neben- und Miteinander von ehrenamtlichem und beruflichem Handeln. Diese Doppelstruktur von Ehrenamt und Beruflichkeit ist für die gemeindepädagogische Arbeit in besonderer Weise konstitutiv, denn in dem Bemühen um Befähigung von Gemeindemitgliedern und Ehrenamtlichen liegt ein Spezifikum des gemeindepädagogischen Berufsverständnisses. Auch wenn angesichts von Kostendruck und kirchlichen Stellenkürzungen manche befürchten, die gemeindepädagogische Arbeit der Kirche werde sich in Zukunft wieder verstärkt entprofessionalisieren und auf Ehrenamtlichkeit setzen, so ist doch eine unabweisbare Tatsache, dass gerade unter den heutigen gesellschaftlichen Bedingungen ein qualifiziert ausgeübtes Ehrenamt angewiesen bleibt auf hauptberufliche Begleitung, Befähigung und Unterstützung. Wie sich heute „Gemeindepädagogische Arbeit zwischen Engagement und Profession“ gestaltet und welche Bedeutung der Mitarbeitendenbildung als zentralem Aufgabenfeld von Gemeindepädagogen und -pädagoginnen bzw. Diakoninnen und Diakonen dabei zukommt, dem geht Beate Hofmann in Kapitel 11 nach.
Gerade angesichts des rasanten gesellschaftlichen Wandels, kirchlicher Strukturreformprozesse und eines gewandelten Mitgliedschafts- und Teilnahmeverhaltens der Menschen sieht sich die gemeindepädagogische Arbeit steigenden Anforderungen gegenüber. Professionelles gemeindepädagogisches Handeln ist dabei stets in gewisse Spannungen und Ambivalenzen verstrickt. Zum einen sind grundlegende Polaritäten (wie diejenige zwischen sozialisierender Erziehung und Bildung zur Autonomie) jeglichem pädagogischen Handeln eingeschrieben. Zum anderen zeichnet sich die Gemeindepädagogik durch ganz eigene, grundlegende ambivalente Anforderungen an das von ihr verantwortete Handeln aus. Nicole Piroth skizziert in Kapitel 12 „Aufgaben und Spannungsfelder gemeindepädagogischen Handelns“ die Gemeindepädagogik in den Ambivalenzen der Moderne und deren Auswirkungen auf Individuum und Institution, um anschließend einige spannungsvolle Anforderungen an berufliches gemeindepädagogisches Handeln selbst darzustellen. Als eine Möglichkeit des professionellen Umgangs mit Ambivalenzen wird abschließend die Konzeptionsentwicklung als zentrale berufliche Aufgabe in den Blick genommen.
Fußnoten
1 Gottfried Buttler, Gemeindepädagogik als Handlungsfeld und als Professionswissen in einer Kirche des ‚allgemeinen Priestertums‘, in: Roland Degen / Wolf-Eckart Failing / Karl Foitzik (Hg.), Mitten in der Lebenswelt. Lehrstücke und Lernprozesse zur zweiten Phase der Gemeindepädagogik, Münster 1992, 16 – 24, 24.
10 Gemeindepädagogische Beruflichkeit in der Spannung von sozialen, pädagogischen und theologischen Aufgaben
10.1 Ausbildung und Berufsbild als Thema der Gemeindepädagogik 289
10.2 Geschichtliche Perspektiven zum Berufsbild der Gemeindepädagogin bzw. des Gemeindepädagogen 292
10.2.1 Kirchliche Berufe im 19. und 20. Jahrhundert 294
10.2.2 „Die Kirche braucht andere Mitarbeiter“ – Von der Ausbildungsreform der 1960er/70er Jahre bis zur Gründung von Fachhochschulen in Westdeutschland 297
10.2.3 Die „großen Aufgaben einer kleiner werdenden Gemeinde“ – Zur Entwicklung der gemeindepädagogischen Ausbildung in Ostdeutschland 299
10.2.4 Amt und Ordination 301
10.2.5 Neuere professions- und kirchentheoretische Entwürfe 303
10.2.6 Gemeindepädagogische Kompetenzprofile 305
10.3 Gemeinwesenarbeit und Gemeinwesendiakonie 308
10.3.1 Kirchliche Gemeinwesenarbeit und Gemeinwesendiakonie 311
10.3.2 Folgerungen für die gemeindepädagogische und diakonische Qualifikation 313
10.1 Ausbildung und Berufsbild als Thema der Gemeindepädagogik
Gemeindepädagogik ist seit ihren Anfängen eng mit Reformideen verbunden. Um weiterhin an Kirchenreformen und Gemeindeentwicklung mitzuwirken, braucht es die Bereitschaft, die beruflichen Kompetenzen an den Erfordernissen aus der Praxis zu überprüfen und weiterzuentwickeln. Welche Fragen sich an das gemeindepädagogische Berufsbild und die Ausbildung stellen, zeigen ausgewählte aktuelle Entwicklungen in Gesellschaft und Kirche.
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Gemeindepädagogische Arbeit ist in den vergangenen Jahrzehnten vielfältiger geworden: Das betrifft ihre Zielgruppen, Einsatzorte, Aufgaben und Handlungsfelder. Gemeindepädagoginnen und Gemeindepädagogen arbeiten in unterschiedlichen Anforderungsstrukturen auf unterschiedlichen Ebenen: Sie arbeiten mit Menschen aller Altersstufen und in vi...