Zusammenfassung
In diesem Kapitel werden die ambivalenten Konnotationen des Begriffs âChinaâ diskutiert. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Frage nach der Deutungshoheit ĂŒber den Begriff âChinaâ und seinen Assoziationen. Zur Auseinandersetzung mit dieser Fragestellung wird in grundlegende Methoden und Modelle der Kulturstudien, insbesondere die des Postkolonialismus, eingefĂŒhrt.
1.1 Chinabilder
Egal, ob wir von âChinastudienâ, âChinawissenschaftenâ oder lateinisch von der âSinologieâ sprechen: Dem Namen nach befasst sich unsere Disziplin mit etwas, das wir âChinaâ nennen. Im Alltag mag die Bedeutung des Wortes âChinaâ trivial erscheinen. Haben unsere Freunde in âChinaâ einen Urlaub verbracht, denken wir unweigerlich an Drachen, grĂŒnen Tee, Konfuzius, chinesische Schriftzeichen, Reis, Maultaschen, Tierkreiszeichen, oder an den Film The Great Wall (2016). Je nach Interessenslage denken wir an imposante Naturlandschaften, an die maoistischen BĂŒndnisse an den deutschen UniversitĂ€ten 1968, oder an David Bowies Lied âChina Girlâ (1983). Bei einer sich anbahnenden GeschĂ€ftsreise sind unsere Chinabilder oftmals weniger romantisch: Wir denken an ĂŒberfĂŒllte U-Bahnen, an Korruption und an Fabriken mit schlecht bezahlten ArbeitskrĂ€ften. Womöglich studieren wir vor dem Abflug noch einen ReisefĂŒhrer, der uns auf tatsĂ€chliche oder angebliche kulturelle Eigenarten vorbereiten soll. Im Zeitschriftenregal titelt Der Spiegel mit der Ăberschrift âChinas Welt â Was will die neue Supermacht?â und abends stellen sich auf dem Fernsehsender 3sat die GĂ€ste einer Talkshow der Frage âWie tickt China?â.1 In politischen Diskussionen wirkt âChinaâ hĂ€ufig eher wie ein einzelnes, durchschaubares Individuum als wie ein groĂflĂ€chiges Land mit vielfĂ€ltigen Gruppen, Interessen und Weltanschauungen.
Als Menschen sind wir empfĂ€nglich fĂŒr Vorurteile und Abstraktionen. Sie machen unseren Alltag berechenbarer. Wir können das Verhalten von Individuen und Institutionen voraussagen, in dem wir auf unsere bisherigen Erfahrungen zurĂŒckgreifen. Wenn wir in der Bibliothek fĂŒr die verspĂ€tete RĂŒckgabe eines Buches eine StrafgebĂŒhr zahlen mĂŒssen, können wir berechtigterweise annehmen, dass wir im folgenden Monat fĂŒr die nĂ€chste verspĂ€tete BuchrĂŒckgabe ebenfalls eine StrafgebĂŒhr zahlen mĂŒssen. Anhand erkannter Regeln und Muster passen wir unser Verhalten an: Wir geben das nĂ€chste Buch lieber fristgerecht zurĂŒck. Haben wir in unserem Leben bereits einige Freunde mit indischen Wurzeln kennengelernt, die ihr Essen fĂŒr unseren Geschmack zu scharf wĂŒrzen, könnten wir zu der Annahme gelangen, dass schĂ€rferes Essen ein fester Bestandteil einer âindischen KĂŒcheâ sei, und uns in der Konsequenz vornehmen, indische Restaurants in Zukunft zu vermeiden. Nicht alle Muster, die wir auf diese Art und Weise entdecken, mĂŒssen in der Wirklichkeit BestĂ€tigung finden: Zwar hat unsere Nachbarin regelmĂ€Ăig mit zwei arabischen Anwohnern Streit. Doch ob sie tatsĂ€chlich, wie wir schnell annehmen, eine allgemeine Aversion gegen AuslĂ€nder*innen hegt, oder einfach nur mit genau diesen zwei Menschen nicht zurechtkommt, können wir anhand der zu geringen Stichprobe nicht mit Sicherheit feststellen.
Auf diese Weise sind auch unsere Chinabilder eine Ansammlung von stereotypischen Motiven (auch âTropenâ genannt). Die meisten dieser Vorurteile stammen dabei nicht einmal aus unseren eigenen Erfahrungen, sondern wurden kollektiv ĂŒber Jahrhunderte in unserer Gesellschaft angesammelt. Da wir Teil dieser Gesellschaft sind und von klein auf in ihr kultiviert wurden, können wir uns nicht vollstĂ€ndig von diesen Vorstellungen befreien. Es ist allerdings unsere Aufgabe, zu verstehen, woher diese Ideen rĂŒhren und mit welchen Absichten sie popularisiert wurden. Es ist weiterhin wichtig, dass wir uns bewusstwerden, dass diese Abstraktionen die RealitĂ€t nicht passiv wiederspiegeln, sondern sie aktiv beeinflussen. Anders ausgedrĂŒckt: Unsere Vorstellungen, auch in Bezug auf China, sind keine unmittelbaren Abbilder von dem, was wir wahrnehmen, sondern bilden das Kaleidoskop, durch welches wir die RealitĂ€t betrachten.
1.2 Der Orient als das âAndereâ
Werden wir uns der Funktion relativer Adjektive bewusst: Wir können Gegensatzpaare wie lang und kurz, groĂ und klein, oder dick und dĂŒnn nur anwenden, wenn wir mindestens zwei Objekte in einer Kategorie vergleichen können. Wir können nur zu der Aussage gelangen, Kapellen seien relativ klein, wenn wir von der Existenz von Kirchen und Kathedralen wissen. Stellen wir uns vor, es wĂŒrde auĂer uns keine andere Person auf der Welt geben: Wir könnten nicht sagen, ob wir relativ groĂ oder klein gewachsen sind. Das MittelmaĂ unserer Mitmenschen wĂŒrde uns auch keinen Eindruck darĂŒber geben können, ob wir an Ăber- oder Untergewicht leiden. Unsere SchuhgröĂe wĂ€re nicht gröĂer oder kleiner als der Durchschnitt, denn unsere SchuhgröĂe wĂ€re gleichsam der Durchschnitt. Wir könnten nicht einmal von uns behaupten, dass wir ĂŒber einen besonderen Charakter verfĂŒgen: Wir wĂ€ren uns nicht bewusst, dass wir ein Individuum sind, welches sich durch irgendwelche Eigenarten von anderen Individuen abgrenzt. In der Fachsprache nennen wir diese Gegensatzpaare âbinĂ€re Oppositionâ.
Es braucht also das GegenĂŒber, um uns unserer Selbst bewusst zu werden. Das gilt nicht nur fĂŒr Individuen. Um von Verwandtschaften sprechen zu können, brauchen wir Regeln, die bestimmen, welche Menschen nicht als unsere Verwandten gelten. Einen nationalistischen Chauvinismus kann es nur geben, wenn es in unserem Bewusstsein auch andere Nationalstaaten gibt, die wir fĂŒr unterlegen erklĂ€ren können. SchlieĂlich kann es âden Westenâ mit seinen aufklĂ€rerischen Idealen nur geben, wenn es Regionen auf der Erde gibt, die explizit nicht dem âWestenâ zugehörig sind.
In der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts entwickelten Philosophen der sogenannten Frankfurter Schule die Kritische Theorie der Gesellschaft. Sie hat zum Ziel, den ideologischen Ăberbau einer Gesellschaft zu hinterfragen. Zum Ăberbau gehören neben unseren Institutionen, Ritualen und Strukturen auch unsere geistigen Vorstellungen und damit auch jene Gedanken, die wir ĂŒber den âAnderenâ oder das âAndereâ hegen. Teilweise auf der Kritischen Theorie aufbauend, teilweise mit ihr in Konkurrenz stehend, etablierte sich ab den 1960ern die wissenschaftliche Disziplin der Kulturstudien (oft englisch belassen: cultural studies), welche die Dynamiken des gesellschaftlichen Ăberbaus als kulturelle Felder analysiert. Die vielleicht wichtigste Gemeinsamkeit dieser wissenschaftlichen Strömungen ist es, dass Wissen nicht mehr als zeitlos gĂŒltig verstanden wird, sondern dass Wahrheiten als sich mit der Zeit verĂ€ndernde Machtstrategien begriffen werden.2 So analysieren als Teilgebiet der Kulturstudien die Postkolonialen Studien das Wissen und die damit einhergehende Macht ĂŒber âfremdeâ Gebiete, beispielsweise das Wissen und die Macht Europas ĂŒber China.
Aus dem Geschichtsunterricht kennen wir den fĂŒr die postkolonialen Studien namensstiftenden Begriff Kolonialismus: Er meint die staatlich geförderte Inbesitznahme auswĂ€rtiger Territorien und die Unterwerfung, Vertreibung oder Ermordung der ansĂ€ssigen Bevölkerung. In den postkolonialen Studien ist der Begriff aber weiter gefasst und meint auch einen âkulturellen Kolonialismusâ: Auch, wenn die Herrschaft einer Kultur ĂŒber eine andere strenggenommen nicht der politischen Ordnung einer Kolonialherrschaft entspricht, kann sie ĂŒber ihre kulturelle Hegemonie Macht ĂŒber Werte und Vorstellungen einer fremden, âanderenâ Kultur ausĂŒben.
Das Fremde oder das âAndereâ wird in den postkolonialen Studien als âthe Otherâ bezeichnet (auch in deutschsprachigen Publikationen meist auf Englisch belassen). Durch sogenanntes Othering wurden in der Vergangenheit sowohl soziale und ethnische Gruppen als auch kulturelle und geografische Regionen als âandersartigâ abgegrenzt und fĂŒr minderwertig erklĂ€rt. Der beobachtende Blick (im Englischen gaze) auf das âAndereâ erlaubt uns, zu Aussagen ĂŒber uns selbst zu gelangen. Ein Beispiel fĂŒr âOtheringâ ist der Umgang Europas mit dem âOrientâ, wie im Folgenden gezeigt werden soll. Der historische Umgang Europas mit dem Orient ist fĂŒr Sinolog*innen von Belang, da unsere Forschung immer auch eine Begegnung mit dem Fremden darstellt. Wir sind dazu angehalten, unsere Rolle als Mittler*innen kritisch zu ĂŒberprĂŒfen, um eine differenzierte Auseinandersetzung mit unserer Forschungsregion zu ermöglichen.
1.2.1 Der Osten des Westens
Wie der Literaturtheoretiker Edward Said (1935â2003) in seinem disziplinenĂŒbergreifend einflussreichen Werk Orientalismus 1978 festgehalten hat, sicherte sich der selbsternannte âWestenâ auch zur eigenen IdentitĂ€tsbildung die Deutungshoheit ĂŒber den âOrientâ. Der âOrientâ wird dabei homogenisiert (das heiĂt undifferenziert und stereotypisch) betrachtet: Kulturelle Eigenarten eines weiten geografischen und gesellschaftlichen Raumes fallen auĂer Acht, um eine gesamte Landmasse und ihre Bevölkerung als kulturell rĂŒckstĂ€ndig und âandersâ zu charakterisieren. Diese rhetorische Strategie wird in der Fachsprache Orientalismus genannt.
Ein frĂŒhes Beispiel fĂŒr einen Schriftsteller, der China in dieser Weise diskutierte, ist der deutsche Philosoph Georg Friedrich Wilhelm Hegel (1770â1831). In einer Vorlesung, die er ab 1822 hielt, erklĂ€rte er:
Unter allen VerhĂ€ltnissen hat China seinen Charakter immer behalten; kein Volk von einem andern geistigen Prinzip hat sich an die Stelle des alten gesetzt. Insofern hat China eigentlich keine Geschichte. Wie es jetzt ist, so ist es das Resultat seiner Geschichte; wir sprechen hier nicht bloĂ von einem vergangenen, sondern auch von einem noch gegenwĂ€rtigen Reiche, und indem wir von seiner Ă€ltesten Geschichte sprechen, zugleich von seiner Gegenwart. Dies ist das Prinzip des chinesischen Staates, und ĂŒber seinen Begriff ist er nicht hinausgegangen; doch besitzt er in diesem seinem Bestande eine hohe Kultur.
Wenn wir also mit China anfangen, so haben wir vor uns den Àltesten Staat und doch keine Vergangenheit, sondern einen Staat, der ebenso heute existiert, wie wir ihn in alten Zeiten kennen lernen.3
FĂŒr Hegel war China also ein unverĂ€nderbares Motiv, welches den Konsequenzen historischer Entwicklungen nicht unterworfen sei. Chinas Gesellschaft sei damit statisch und geschichtslos. Wenige Jahrzehnte spĂ€ter ĂŒbernahm der Philosoph Karl Marx (1818â1883) diese Vorstellung, als er China 1862 als âlebendes Fossilâ beschrieb.4 Es handelt sich hier um âkulturessentialistischeâ Betrachtungen: Individuen werden auf Grundlage ihrer Gruppenzugehörigkeit (hier: ihrer Kultur) notwendige (âessentielleâ) Eigenschaften zugewiesen, was zur Stereotypisierung fĂŒhrt. Dass weiĂe, mĂ€nnliche Autoren eine komplexe Bevölkerung zu einer kollektiven Masse oder einem abstrakten PhĂ€nomen subsumieren, mag uns heute vielleicht ignorant und einem vernĂŒnftigen, differenzierenden Geist zuwider erscheinen. TatsĂ€chlich argumentieren kontemporĂ€re âChinaversteher*innenâ aber hĂ€ufig auch heute noch auf einer vergleichbaren Ebene, wenn sie versuchen, komplexe soziale ZusammenhĂ€nge auf eine Staatenebene zu abstrahieren. Noch 1991 soll Richard Nixon, einst der erste US-amerikanische PrĂ€sident, der in die Volksrepublik China reiste, zur Möglichkeit einer...