Einstieg in die Chinastudien
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Einstieg in die Chinastudien

Methoden, Modelle, Übungsaufgaben

  1. 274 Seiten
  2. German
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  4. Über iOS und Android verfĂŒgbar
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Einstieg in die Chinastudien

Methoden, Modelle, Übungsaufgaben

Über dieses Buch

Dieses Buch fĂŒhrt in die Chinastudien ein und richtet sich an Studierende, die noch kein wissenschaftliches oder fachspezifisches Vorwissen besitzen, sowie an Außenstehende, die einen Zugang zur Chinaforschung gewinnen möchten. Die Sinologie greift auf die Methoden und Arbeitsweisen einer Vielzahl von Disziplinen zurĂŒck: Politik- und Wirtschaftswissenschaften, Ethnologie und Soziologie, Religionswissenschaften, Geschichts- und Sprachwissenschaften sind hierfĂŒr nur einige Beispiele. Sinologische LehrstĂŒhle sind dagegen meist auf ausgewĂ€hlte Disziplinen spezialisiert und vermitteln vorwiegend die Modelle und Methode der ihnen naheliegenden Expertisen.

FĂŒr eine erste Orientierung gibt das Buch Einblicke in Forschungsfelder und Arbeitsweise von 14 Disziplinen, die hĂ€ufig fĂŒr die Chinastudien herangezogen werden. AusgewĂ€hlte Themen und Beispiele stellen eine mögliche Anwendung innerhalb der Chinaforschung vor. Kurzdefinitionen von SchlĂŒsselbegriffen, Literaturhinweise, Transferaufgaben zur Übung und ein Anhang mit LeitfĂ€den fĂŒr das wissenschaftliche Arbeiten helfen den Studierenden bei ihrem Einstieg in die Chinastudien.

Das Buch ist damit sowohl fĂŒr die Studierenden als auch als eine didaktische Grundlage fĂŒr Dozierende geeignet.

375,005 Studierende vertrauen auf uns

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Information

Jahr
2019
ISBN drucken
9783110665017
eBook-ISBN:
9783110665079

1 China als Idee

Thorben Pelzer

Zusammenfassung

In diesem Kapitel werden die ambivalenten Konnotationen des Begriffs „China“ diskutiert. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Frage nach der Deutungshoheit ĂŒber den Begriff „China“ und seinen Assoziationen. Zur Auseinandersetzung mit dieser Fragestellung wird in grundlegende Methoden und Modelle der Kulturstudien, insbesondere die des Postkolonialismus, eingefĂŒhrt.

1.1 Chinabilder

Egal, ob wir von „Chinastudien“, „Chinawissenschaften“ oder lateinisch von der „Sinologie“ sprechen: Dem Namen nach befasst sich unsere Disziplin mit etwas, das wir „China“ nennen. Im Alltag mag die Bedeutung des Wortes „China“ trivial erscheinen. Haben unsere Freunde in „China“ einen Urlaub verbracht, denken wir unweigerlich an Drachen, grĂŒnen Tee, Konfuzius, chinesische Schriftzeichen, Reis, Maultaschen, Tierkreiszeichen, oder an den Film The Great Wall (2016). Je nach Interessenslage denken wir an imposante Naturlandschaften, an die maoistischen BĂŒndnisse an den deutschen UniversitĂ€ten 1968, oder an David Bowies Lied „China Girl“ (1983). Bei einer sich anbahnenden GeschĂ€ftsreise sind unsere Chinabilder oftmals weniger romantisch: Wir denken an ĂŒberfĂŒllte U-Bahnen, an Korruption und an Fabriken mit schlecht bezahlten ArbeitskrĂ€ften. Womöglich studieren wir vor dem Abflug noch einen ReisefĂŒhrer, der uns auf tatsĂ€chliche oder angebliche kulturelle Eigenarten vorbereiten soll. Im Zeitschriftenregal titelt Der Spiegel mit der Überschrift „Chinas Welt – Was will die neue Supermacht?“ und abends stellen sich auf dem Fernsehsender 3sat die GĂ€ste einer Talkshow der Frage „Wie tickt China?“.1 In politischen Diskussionen wirkt „China“ hĂ€ufig eher wie ein einzelnes, durchschaubares Individuum als wie ein großflĂ€chiges Land mit vielfĂ€ltigen Gruppen, Interessen und Weltanschauungen.
Als Menschen sind wir empfĂ€nglich fĂŒr Vorurteile und Abstraktionen. Sie machen unseren Alltag berechenbarer. Wir können das Verhalten von Individuen und Institutionen voraussagen, in dem wir auf unsere bisherigen Erfahrungen zurĂŒckgreifen. Wenn wir in der Bibliothek fĂŒr die verspĂ€tete RĂŒckgabe eines Buches eine StrafgebĂŒhr zahlen mĂŒssen, können wir berechtigterweise annehmen, dass wir im folgenden Monat fĂŒr die nĂ€chste verspĂ€tete BuchrĂŒckgabe ebenfalls eine StrafgebĂŒhr zahlen mĂŒssen. Anhand erkannter Regeln und Muster passen wir unser Verhalten an: Wir geben das nĂ€chste Buch lieber fristgerecht zurĂŒck. Haben wir in unserem Leben bereits einige Freunde mit indischen Wurzeln kennengelernt, die ihr Essen fĂŒr unseren Geschmack zu scharf wĂŒrzen, könnten wir zu der Annahme gelangen, dass schĂ€rferes Essen ein fester Bestandteil einer „indischen KĂŒche“ sei, und uns in der Konsequenz vornehmen, indische Restaurants in Zukunft zu vermeiden. Nicht alle Muster, die wir auf diese Art und Weise entdecken, mĂŒssen in der Wirklichkeit BestĂ€tigung finden: Zwar hat unsere Nachbarin regelmĂ€ĂŸig mit zwei arabischen Anwohnern Streit. Doch ob sie tatsĂ€chlich, wie wir schnell annehmen, eine allgemeine Aversion gegen AuslĂ€nder*innen hegt, oder einfach nur mit genau diesen zwei Menschen nicht zurechtkommt, können wir anhand der zu geringen Stichprobe nicht mit Sicherheit feststellen.
Auf diese Weise sind auch unsere Chinabilder eine Ansammlung von stereotypischen Motiven (auch „Tropen“ genannt). Die meisten dieser Vorurteile stammen dabei nicht einmal aus unseren eigenen Erfahrungen, sondern wurden kollektiv ĂŒber Jahrhunderte in unserer Gesellschaft angesammelt. Da wir Teil dieser Gesellschaft sind und von klein auf in ihr kultiviert wurden, können wir uns nicht vollstĂ€ndig von diesen Vorstellungen befreien. Es ist allerdings unsere Aufgabe, zu verstehen, woher diese Ideen rĂŒhren und mit welchen Absichten sie popularisiert wurden. Es ist weiterhin wichtig, dass wir uns bewusstwerden, dass diese Abstraktionen die RealitĂ€t nicht passiv wiederspiegeln, sondern sie aktiv beeinflussen. Anders ausgedrĂŒckt: Unsere Vorstellungen, auch in Bezug auf China, sind keine unmittelbaren Abbilder von dem, was wir wahrnehmen, sondern bilden das Kaleidoskop, durch welches wir die RealitĂ€t betrachten.

1.2 Der Orient als das „Andere“

Werden wir uns der Funktion relativer Adjektive bewusst: Wir können Gegensatzpaare wie lang und kurz, groß und klein, oder dick und dĂŒnn nur anwenden, wenn wir mindestens zwei Objekte in einer Kategorie vergleichen können. Wir können nur zu der Aussage gelangen, Kapellen seien relativ klein, wenn wir von der Existenz von Kirchen und Kathedralen wissen. Stellen wir uns vor, es wĂŒrde außer uns keine andere Person auf der Welt geben: Wir könnten nicht sagen, ob wir relativ groß oder klein gewachsen sind. Das Mittelmaß unserer Mitmenschen wĂŒrde uns auch keinen Eindruck darĂŒber geben können, ob wir an Über- oder Untergewicht leiden. Unsere SchuhgrĂ¶ĂŸe wĂ€re nicht grĂ¶ĂŸer oder kleiner als der Durchschnitt, denn unsere SchuhgrĂ¶ĂŸe wĂ€re gleichsam der Durchschnitt. Wir könnten nicht einmal von uns behaupten, dass wir ĂŒber einen besonderen Charakter verfĂŒgen: Wir wĂ€ren uns nicht bewusst, dass wir ein Individuum sind, welches sich durch irgendwelche Eigenarten von anderen Individuen abgrenzt. In der Fachsprache nennen wir diese Gegensatzpaare „binĂ€re Opposition“.
Es braucht also das GegenĂŒber, um uns unserer Selbst bewusst zu werden. Das gilt nicht nur fĂŒr Individuen. Um von Verwandtschaften sprechen zu können, brauchen wir Regeln, die bestimmen, welche Menschen nicht als unsere Verwandten gelten. Einen nationalistischen Chauvinismus kann es nur geben, wenn es in unserem Bewusstsein auch andere Nationalstaaten gibt, die wir fĂŒr unterlegen erklĂ€ren können. Schließlich kann es „den Westen“ mit seinen aufklĂ€rerischen Idealen nur geben, wenn es Regionen auf der Erde gibt, die explizit nicht dem „Westen“ zugehörig sind.
In der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts entwickelten Philosophen der sogenannten Frankfurter Schule die Kritische Theorie der Gesellschaft. Sie hat zum Ziel, den ideologischen Überbau einer Gesellschaft zu hinterfragen. Zum Überbau gehören neben unseren Institutionen, Ritualen und Strukturen auch unsere geistigen Vorstellungen und damit auch jene Gedanken, die wir ĂŒber den „Anderen“ oder das „Andere“ hegen. Teilweise auf der Kritischen Theorie aufbauend, teilweise mit ihr in Konkurrenz stehend, etablierte sich ab den 1960ern die wissenschaftliche Disziplin der Kulturstudien (oft englisch belassen: cultural studies), welche die Dynamiken des gesellschaftlichen Überbaus als kulturelle Felder analysiert. Die vielleicht wichtigste Gemeinsamkeit dieser wissenschaftlichen Strömungen ist es, dass Wissen nicht mehr als zeitlos gĂŒltig verstanden wird, sondern dass Wahrheiten als sich mit der Zeit verĂ€ndernde Machtstrategien begriffen werden.2 So analysieren als Teilgebiet der Kulturstudien die Postkolonialen Studien das Wissen und die damit einhergehende Macht ĂŒber „fremde“ Gebiete, beispielsweise das Wissen und die Macht Europas ĂŒber China.
Aus dem Geschichtsunterricht kennen wir den fĂŒr die postkolonialen Studien namensstiftenden Begriff Kolonialismus: Er meint die staatlich geförderte Inbesitznahme auswĂ€rtiger Territorien und die Unterwerfung, Vertreibung oder Ermordung der ansĂ€ssigen Bevölkerung. In den postkolonialen Studien ist der Begriff aber weiter gefasst und meint auch einen „kulturellen Kolonialismus“: Auch, wenn die Herrschaft einer Kultur ĂŒber eine andere strenggenommen nicht der politischen Ordnung einer Kolonialherrschaft entspricht, kann sie ĂŒber ihre kulturelle Hegemonie Macht ĂŒber Werte und Vorstellungen einer fremden, „anderen“ Kultur ausĂŒben.
Das Fremde oder das „Andere“ wird in den postkolonialen Studien als „the Other“ bezeichnet (auch in deutschsprachigen Publikationen meist auf Englisch belassen). Durch sogenanntes Othering wurden in der Vergangenheit sowohl soziale und ethnische Gruppen als auch kulturelle und geografische Regionen als „andersartig“ abgegrenzt und fĂŒr minderwertig erklĂ€rt. Der beobachtende Blick (im Englischen gaze) auf das „Andere“ erlaubt uns, zu Aussagen ĂŒber uns selbst zu gelangen. Ein Beispiel fĂŒr „Othering“ ist der Umgang Europas mit dem „Orient“, wie im Folgenden gezeigt werden soll. Der historische Umgang Europas mit dem Orient ist fĂŒr Sinolog*innen von Belang, da unsere Forschung immer auch eine Begegnung mit dem Fremden darstellt. Wir sind dazu angehalten, unsere Rolle als Mittler*innen kritisch zu ĂŒberprĂŒfen, um eine differenzierte Auseinandersetzung mit unserer Forschungsregion zu ermöglichen.

1.2.1 Der Osten des Westens

Wie der Literaturtheoretiker Edward Said (1935–2003) in seinem disziplinenĂŒbergreifend einflussreichen Werk Orientalismus 1978 festgehalten hat, sicherte sich der selbsternannte „Westen“ auch zur eigenen IdentitĂ€tsbildung die Deutungshoheit ĂŒber den „Orient“. Der „Orient“ wird dabei homogenisiert (das heißt undifferenziert und stereotypisch) betrachtet: Kulturelle Eigenarten eines weiten geografischen und gesellschaftlichen Raumes fallen außer Acht, um eine gesamte Landmasse und ihre Bevölkerung als kulturell rĂŒckstĂ€ndig und „anders“ zu charakterisieren. Diese rhetorische Strategie wird in der Fachsprache Orientalismus genannt.
Ein frĂŒhes Beispiel fĂŒr einen Schriftsteller, der China in dieser Weise diskutierte, ist der deutsche Philosoph Georg Friedrich Wilhelm Hegel (1770–1831). In einer Vorlesung, die er ab 1822 hielt, erklĂ€rte er:
Unter allen VerhĂ€ltnissen hat China seinen Charakter immer behalten; kein Volk von einem andern geistigen Prinzip hat sich an die Stelle des alten gesetzt. Insofern hat China eigentlich keine Geschichte. Wie es jetzt ist, so ist es das Resultat seiner Geschichte; wir sprechen hier nicht bloß von einem vergangenen, sondern auch von einem noch gegenwĂ€rtigen Reiche, und indem wir von seiner Ă€ltesten Geschichte sprechen, zugleich von seiner Gegenwart. Dies ist das Prinzip des chinesischen Staates, und ĂŒber seinen Begriff ist er nicht hinausgegangen; doch besitzt er in diesem seinem Bestande eine hohe Kultur.
Wenn wir also mit China anfangen, so haben wir vor uns den Àltesten Staat und doch keine Vergangenheit, sondern einen Staat, der ebenso heute existiert, wie wir ihn in alten Zeiten kennen lernen.3
FĂŒr Hegel war China also ein unverĂ€nderbares Motiv, welches den Konsequenzen historischer Entwicklungen nicht unterworfen sei. Chinas Gesellschaft sei damit statisch und geschichtslos. Wenige Jahrzehnte spĂ€ter ĂŒbernahm der Philosoph Karl Marx (1818–1883) diese Vorstellung, als er China 1862 als „lebendes Fossil“ beschrieb.4 Es handelt sich hier um „kulturessentialistische“ Betrachtungen: Individuen werden auf Grundlage ihrer Gruppenzugehörigkeit (hier: ihrer Kultur) notwendige („essentielle“) Eigenschaften zugewiesen, was zur Stereotypisierung fĂŒhrt. Dass weiße, mĂ€nnliche Autoren eine komplexe Bevölkerung zu einer kollektiven Masse oder einem abstrakten PhĂ€nomen subsumieren, mag uns heute vielleicht ignorant und einem vernĂŒnftigen, differenzierenden Geist zuwider erscheinen. TatsĂ€chlich argumentieren kontemporĂ€re „Chinaversteher*innen“ aber hĂ€ufig auch heute noch auf einer vergleichbaren Ebene, wenn sie versuchen, komplexe soziale ZusammenhĂ€nge auf eine Staatenebene zu abstrahieren. Noch 1991 soll Richard Nixon, einst der erste US-amerikanische PrĂ€sident, der in die Volksrepublik China reiste, zur Möglichkeit einer...

Inhaltsverzeichnis

  1. Title Page
  2. Copyright
  3. Contents
  4. Einleitung Thorben Pelzer und Merle Schatz
  5. 1 China als Idee Thorben Pelzer
  6. 2 Geschichtswissenschaft und Sinologie Merle Schatz
  7. 3 Historiografie Chinas Thorben Pelzer
  8. 4 Chinastudien und Literaturwissenschaft Merle Schatz
  9. 5 Philosophie im alten China Merle Schatz
  10. 6 Religionswissenschaftliche Chinastudien Merle Schatz
  11. 7 Sprachwissenschaften und Sinologie Merle Schatz
  12. 8 Chinastudien und Ethnologie Merle Schatz
  13. 9 Gender Studies und China Thorben Pelzer
  14. 10 Soziologie und Chinastudien Merle Schatz und Peter Ludes
  15. 11 Kommunikation und Medien in China Thorben Pelzer
  16. 12 Wirtschaften in China Thorben Pelzer
  17. 13 China als Teil der politischen Welt Thorben Pelzer
  18. 14 China als Wissenschaft Thorben Pelzer
  19. Anhang
  20. Bibliografie
  21. Register

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