Interesse am Anderen
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Interesse am Anderen

Interdisziplinäre Beiträge zum Verhältnis von Religion und Rationalität

  1. 854 Seiten
  2. German
  3. ePUB (handyfreundlich)
  4. Über iOS und Android verfügbar
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Interesse am Anderen

Interdisziplinäre Beiträge zum Verhältnis von Religion und Rationalität

Über dieses Buch

Die Klärung des Verhältnisses von Religion und Rationalität gehört zur Kernaufgabe religionsphilosophischer und theologischer Verständigung bzw. Selbstverständigung. Die in diesem Band aus Anlass des 60. Geburtstages von Heiko Schulz versammelten Beiträge aus Theologie, Philosophie und Geschichtswissenschaft widmen sich dieser Aufgabe in Detailstudien ebenso wie in übergreifenden Kontexten und eröffnen überdies ethisch-moralische Perspektiven.

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Information

II Einsichten

Klang der Seele

Zur Bedeutung von rationalitas bei Hildegard von Bingen
Eveline Waterboer
„Aber sowohl im Verstand als auch im Willen zeigt sich
gleichsam als Klang der Seele die Vernunft.“1
Seit einigen Jahren, besonders seit dem Jubiläumsjahr 1998, in dem ihr 900. Geburtstag gefeiert wurde, belegen zahlreiche Publikationen ein verstärktes Interesse an Hildegard von Bingen (1098 – 1179), der berühmten Äbtissin und ‚Seherin‘ des 12. Jahrhunderts. Diese betrachten Hildegard aber zumeist losgelöst von ihrem theologischen Gesamtwerk, sodass bei der Rezeption Hildegards häufig Gesichtspunkte in den Vordergrund gelangen, die als Einzelaspekte gegenwärtig zwar gefragt, aber im Blick auf Hildegard nur bedingt angemessen sind.2 Mit der Rezeption Hildegards wird häufig ihr theologisches Anliegen durch aktuelle Wünsche und Begriffe überlagert und ihre Verwurzelung im 12. Jahrhundert übergangen.
Am 10. Mai 2012 erklärte Papst Benedikt XVI. per Dekret (Litterae decretales) Hildegard von Bingen zur Heiligen der römisch-katholischen Kirche und am 7. Oktober 2012 erfolgte Hildegards Erhebung zur Kirchenlehrerin.3 Dieser Vorgang lässt eine Wertschätzung erkennen, die nicht nur ihre Person, sondern auch ihr Werk und ihre Lehre als wesentlich für den christlichen Glauben betont. In diesem Sinne erweist sich eine Annäherung an die theologischen Aussagen Hildegards als lohnenswert und sogar spannend – auch für die evangelische Theologie.
Es waren Visionen, die Hildegard bereits zu ihrer Zeit berühmt gemacht haben, und die sie in ihren Visionsschriften beschrieb und erläuterte. Die drei Werke, in denen Hildegard die von ihr erlebten Visionen und die mit ihnen verbundenen Auditionen schildert, haben zwar unterschiedliche Schwerpunkte, sind aber inhaltlich so miteinander verknüpft, dass sie oft als „Visionstrilogie“ bezeichnet werden. Für die Abfassung einer jeden Schrift benötigte sie mehrere Jahre: An der Schrift Scivias („Wisse die Wege“) arbeitete sie von 1141 bis 1151, Liber vite meritorum („Das Buch der Lebensverdienste“) wurde zwischen 1158 und 1163 verfasst und Liber divinorum operum („Das Buch der göttlichen Werke“) schließlich entstand zwischen 1163 und 1174. Hildegard wurde und wird in der Literatur – auch in der Forschungsliteratur – wegen ihrer Visionen vor allem als ‚Seherin‘ mit dem Phänomen ‚Sehen‘ (visio) in Verbindung gebracht. Zu bedenken ist aber, dass es gerade das Hören der Stimme Gottes war, das Hildegards Visionserfahrung wesentlich prägte. Es reicht also nicht, Hildegards ‚Schauungen‘ allein als Visionen zu betrachten, vielmehr ist es notwendig, ihre Visionen als gehörte Visionen wahrzunehmen. D. h. Hildegards Visionen entsprachen Audio-Visionen, die mit einer unmittelbaren Gotteserfahrung verbunden waren.
Hildegards Werk enthält eine theologische Welt- und Daseinsdeutung, die sich in den vielen Visionen der Visionsschriften zu einer theologischen Lehre entfalten; erst in der Summe lässt sie sich als Theologie im klassischen Sinne, nämlich als ‚Komposition des Ganzen einer visionären Theologie‘ erkennen, die alle theologischen Bereiche wie z. B. kosmologische und schöpfungstheologische Gedanken umfasst. Hinzu kommen Hildegards Überlegungen zur Inkarnation des Gotteswortes, zu Gotteslehre und Trinität, zu Sünde und Erlösungsbedürftigkeit des Menschen sowie zur heilsgeschichtlichen Bedeutung der Kirche. Wichtig ist, dass es Hildegard nicht um eine ‚rational-intellektuelle Darstellung‘ von Gott, Kosmos, Mensch und Heilsgeschichte ging; ihre Absicht bestand vor allem darin, als von Gott berufene Prophetin die Menschen zur Umkehr aufzurufen und zu sittlich verantwortetem Handeln aufzufordern. Als prophetische Theologin hatte Hildegard damit grundsätzlich in allen theologischen Bereichen die Heilsgeschichte und das zukünftige Heil der Menschheit im Blick. Hildegards Worte waren mithin Predigt- und Mahnworte, die, geprägt von einer biblisch orientierten symbolisch-allegorischen Sprache, oft schwer verständlich wirken. Da sie im Umgang mit Begriffen weder logisch noch analytisch vorging, sondern ihre Begrifflichkeiten durch Bilder und Vergleiche vermittelte, entsprechen ihre Gedanken und Deutungen keinem dogmatischen Konzept mit klar definierten Aussagen, weshalb sich ihre Ausführungen nur bedingt systematisch darstellen lassen.
Dennoch ist es gerade die Sprache, die Hildegards Genialität und Kreativität und somit das Besondere und Einzigartige ihrer Schriften belegt: Mit Hilfe der symbolisch-allegorischen Methode entfaltete sie terminologische Neuschöpfungen, indem sie traditionelle Bedeutungen in neue Zusammenhänge stellte, sodass der von ihr verwendete Begriff durch zusätzliche Nuancen sich zu etwas Neuem entwickelte. Trotz ihres Eingebundenseins in die Theologie ihrer Zeit hat Hildegard auf diese Weise eine einzigartige theologische Bildersprache geschaffen, die ungewöhnliche, von der Tradition abweichende Aspekte und Perspektiven bietet. Dazu gehört auch der Begriff rationalitas.

I Die ‚geschaffene‘ und die ‚ungeschaffene rationalitas

Der Begriff rationalitas, der das Werk Hildegards wie ein „Leitmotiv“4 durchzieht, gehört zu den wichtigsten ‚Schlüsselwörtern‘ Hildegards. Auch wenn die Nähe zum Begriff ratio ins Auge fällt, lässt sich rationalitas nur bedingt mit dem modernen Begriff ratio bzw. ‚Rationalität‘ vergleichen, da es bei rationalitas nicht um unser modernes Vernunftverständnis geht, damit also weder eine Form der kritischen Vernunft noch logisches Denken angesprochen wird. Vielmehr handelt es sich bei diesem Begriff um eine der „merkwürdigen terminologischen Neuschöpfungen Hildegards“5.
Den Begriff rationalitas gab es zwar bereits in der frühchristlichen und mittelalterlichen Literatur,6 doch bei Hildegard erfuhr er eine Erneuerung im Sinne einer Erweiterung, d. h. Hildegard fügte der traditionellen Bedeutung eine ungewöhnliche Unterscheidung hinzu: In ihrem Werk ist die Rede von einer ‚geschaffenen‘ und einer ‚ungeschaffenen rationalitas‘. Mit dieser Differenzierung bezog Hildegard rationalitas zum einen auf den Menschen, zum anderen auf Gott. Während nämlich die ungeschaffene rationalitas dem ‚Vernunft-Sein‘ Gottes entspricht, erweist sich die geschaffene rationalitas als höchste geistige Kraft im Menschen. Diese wurde ihm bei der Schöpfung zusammen mit dem ‚tönenden Wort‘ als ‚Hauch‘ Gottes eingegeben, d. h. die geschaffene, menschliche rationalitas spiegelt – einem Abbild gleich – die göttliche Vernunft wider. So verbindet rationalitas also Gott und Mensch miteinander und macht das Göttliche im Menschlichen möglich.
Da die Vernunft Gottes sein Denken, seine Gedanken impliziert und da Gedanken, um zur Wirkung zu kommen, des (gesprochenen) Wortes bedürfen, sah Hildegard die Notwendigkeit, dass Gottes Wille in seinem Wort erklingen, d. h. ‚Laut‘ (sonus) werden muss. Für Hildegard war das Wort nicht nur gedachte Sprache, nicht nur Gedanke, sondern sie betrachtete das Wort bzw. verbum in Anlehnung an den Ternar7 sonus – virtus – flatus als ein Geschehen, zu dem auch der Vollzug der Sprache, das Sprechen gehört, um als vox bzw. sonus hörbar zu werden. Auf diese Weise beschrieb Hildegard rationalitas als das von Gott gesprochene ‚tönende Wort‘ ‚fiat‘, das das Schöpfungsgeschehen als ein sprachliches Ereignis darstellt, und den mit ‚fiat‘ verbundenen sonus als Impuls und Anstoß für das Schöpfungsgeschehen. Demnach entfaltete das innergöttliche Denken mit dem Schöpfungswort seine schöpferische Kraft und ließ die Welt in einem klingenden Wortgeschehen entstehen. Mit der Aussage, dass die göttliche Vernunft sich im Schöpfungsgeschehen als kommunikative und wirkende Kraft erwiesen habe, brachte Hildegard schließlich zum Ausdruck, dass alles Lebendige in der ungeschaffenen rationalitas Gottes wurzelt.
Im Folgenden soll vor allem die anthropologische Perspektive, die geschaffene rationalitas, im Vordergrund stehen. Es geht also um Hildegards Begriff von der menschlichen Vernunft, die deshalb ‚vernünftig‘ ist, weil sie von der göttlichen rationalitas abstammt und somit ‚göttlicher Natur‘ ist. Hildegard brachte damit zum Ausdruck, dass der Mensch durch Teilhabe an der göttlichen Vernunft in der Lage sei...

Inhaltsverzeichnis

  1. Title Page
  2. Copyright
  3. Contents
  4. Vorwort
  5. I Klärungen
  6. II Einsichten
  7. III Rationalität im Diskurs
  8. IV Irrationalität, Nichtrationalität und Nichtrationalisierbarkeit
  9. V Folgen
  10. Abkürzungsverzeichnis/List of Abbreviations
  11. Personenregister/Index of Persons
  12. Sachregister/Index of Subjects
  13. Verzeichnis der Beitragenden/List of Contributors