Formen lyrischen Erzählens im Minnesang des 12. bis 14. Jahrhunderts
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Formen lyrischen Erzählens im Minnesang des 12. bis 14. Jahrhunderts

Metapher, Topos und Diagramm zwischen Nähe und Distanz

  1. 361 Seiten
  2. German
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Formen lyrischen Erzählens im Minnesang des 12. bis 14. Jahrhunderts

Metapher, Topos und Diagramm zwischen Nähe und Distanz

Über dieses Buch

Die Studie untersucht, ob und wie Lyrik erzählt. Dazu werden die bisherigen Versuche einer Lyriknarratologie gesammelt, strukturiert und perspektiviert. Die Metapher kristallisiert sich mithilfe ihres lyrisch zentrierten Erbes und der Arbeiten Wolf Schmids schnell als Ansatzpunkt für weitere Überlegungen heraus. Ins Verhältnis gesetzt werden u.a. der mit einem reichen rhetorischen Erbe behafteten Topos, die forschungsgeschichtlich junge Diagrammatik und die Rolle der Aufführung in narratologischen Kontexten. Hauptanliegen ist es insbesondere, ein Licht auf die Vielgestaltigkeit und lebendige Unbezähmbarkeit lyrischer Erzählmöglichkeiten zu werfen, die die lyrische Lektüre so reichhaltig, eine Lyriknarratologie nach dem Muster klassischer Erzähltheorien aber auch so schwierig macht.

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Information

Jahr
2020
ISBN drucken
9783110683349
eBook-ISBN:
9783110684407
Auflage
1

1Theoriekonzepte zur möglichen Beschreibung einer lyrischen Narrativität

1.1Terminologische Bemerkungen im Vorfeld der Lyrik

Bevor auf die Merkmale einer Gattung Lyrik eingegangen wird, ist es sinnvoll danach zu fragen, welche Aussage der Terminus ‚Gattung‘ überhaupt treffen kann und möchte. Dazu soll im folgenden Abschnitt einerseits die historische Gemachtheit der klassischen Trias vor alternativen Ordnungsmöglichkeiten in Erinnerung gerufen werden. Andererseits ist der mediävistische Begriffsdiskurs zu Rate zu ziehen, um aus der Kombination dieser beiden Problemfelder eine Abstraktion jener Aufgabe vorzunehmen, die die Gattung in der Beziehung zwischen Autor und Rezipient wahrnimmt.

1.1.1Der Gattungsbegriff

Die Gegebenheit der klassischen Trias und der Ordnungskategorie ‚Gattung‘ allgemein, die der umgangssprachlich selbstverständliche Gebrauch vermuten lässt, darf bezweifelt werden, offenbart doch bereits ein flüchtiger Blick in die Geschichte der Gattungen deren historische Dynamik.23 Bereits die Antike liefert erste Beispiele für die zweckmäßige Einteilung von Texten in Gattungen.24 Auch die Trias als Konzept tritt bereits hier auf, doch mit deutlich anderer Füllung als zu Goethes Zeiten: Klaus W. Hempfer führt Diomedes als Erstbeleg für eine Trias an, die im 4. Jahrhundert n. Chr. ihre Texte nach dem Redekriterium in genus activum vel imitativum, genus enarrativum vel enuntiativum und genus commune vel mixtum einteilt.25 Neben einer triadischen existieren auch dyadische Ordnungen, so bei Aristoteles26 (erzählend und dramatisch) und später bei Käte Hamburger (mimetisch und lyrisch)27, wobei letztere auch den sehr viel spezielleren Fall der Ballade gleichermaßen als Gattung und nicht etwa als Subgattung oder Liedtyp bezeichnet.
Auch in Richtung feinerer Abstufungen wurden Überlegungen unternommen. So fügen einerseits Friedrich Sengle mit der didaktischen Literatur, andererseits Alfred Kerr und Ernst Robert Curtius mit Kritik bzw. Polemik eine vierte Hauptgattung hinzu. Durch diese drei Ansätze wird bereits deutlich, dass ein Mangel des klassisch-triadischen Systems vor allem in seiner Blindheit gegenüber vermeintlichen Gebrauchstexten gesehen werden kann.28 Weiterhin versucht so manche Theorie, den einzelnen Gattungsrichtungen weiterführende Kategorien zuzuordnen, wie René Wellek und Austin Warren illustrieren: Eneas S. Dallas unterscheidet demnach Schauspiel, Geschichte und Lied mit der weiterführenden Zuordnung dramatisch, gegenwärtig, 2. Person; episch, vergangen, 3. Person und lyrisch, zukünftig, 1. Person. Demgegenüber ordnet John Erskine dem Drama die Vergangenheit, der Lyrik die Gegenwart und der Epik die Zukunft zu. Roman Jakobson erkennt schließlich, quasi als Synthese von Dallas und Erskine, der Lyrik die 1. Person sowie Gegenwart und der Epik die 3. Person sowie Vergangenheit zu.29
Ganz im Gegensatz zu Aristoteles und dem antiken Umfeld, dessen Einteilung stets deskriptiv30 bleibt und keine vollständige Gattungstheorie31 ausformt, operiert Johann Wolfgang Goethe. Er stellt in seinen Naturformen der Dichtung klar, dass er die drei „Dichtweisen“32 des Epischen, Lyrischen und Dramatischen als natürlich vorhandene Eigenschaften von Dichtung ansieht. Dieser Anspruch auf Natürlichkeit widerspricht dem Konstruktionscharakter der Gattungen, den neben den antiken Quellen auch die spätere Forschung33 wiederum betont. Doch für die vorliegende Studie ist es besonders interessant, dass Goethe die drei Gattungen in den Naturformen bereits als Pole auffasst, die keineswegs inaktiv nebeneinanderstehen und deren Merkmale sich in Texten durchaus mischen können. Damit entwickelt sich sein Konzept einigermaßen unerwartet zu einem Hauptbeleg des dynamischen Gattungsverständnisses. Für diesen Grenzen überschreitenden, durchmischenden Fall führt Goethe nun ausgerechnet das Gedicht als besonders geeigneten Ort an34 und beschreibt sein Gattungssystem folgendermaßen:
Man wird sich aber einigermaßen dadurch helfen daß man die drey Hauptelemente in einem Kreis gegen einander überstellt und sich Musterstücke sucht, wo jedes Element einzeln obwaltet. Alsdann sammle man Beyspiele die sich nach der einen oder nach der anderen Seite hinneigen, bis endlich die Vereinigung von allen dreyen erscheint und somit der ganze Kreis in sich geschlossen ist.35
Daraus lässt sich schlussfolgern, dass die Gattung als Ordnungs- und Klassifikationsbegriff zu sehen ist, dessen verschiedene, im konkreten Text funktionalisierten Komponenten aufgrund einer habituellen Konvention zwischen Autor und Rezipient in Kombination miteinander auf eine Gattung deuten, im Einzelnen aber nicht einer Gattung fest zugeordnet werden können.
Speziell in Bezug auf die Vormoderne wird dieses Konzept weiter verkompliziert, da nicht nur die Komponenten, sondern auch Gattungen dynamisch zu denken sind. So stellt Jürgen Kühnel fest, dass gerade die mittelalterlichen Gattungen keineswegs als eigenständige Gebilde, sondern als dynamische Systeme gedacht werden müssen.36 Darin stimmt er einerseits mit Kurt Ruh überein,37 der jedoch besonders die aus den antiken Formen nicht ableitbare Eigenständigkeit der mittelalterlichen Gattungen betont, sowie andererseits mit Klaus Grubmüller,38 der für ein außerbegriffliches Vorhandensein gattungsartiger Regeln und Ordnungen innerhalb der konkreten poetischen Werke plädiert. In der Folge ist demnach ein mittelalterliches Gattungsverständnis anzunehmen, das sich auf das Bewusstsein seiner Benutzer und nicht auf ausformulierte Poetiken gegründet hat. Trotz dieser gesteigert unfesten Verhältnisse der Vormoderne bleibt im konkreten Text oder Lied die Spannung zwischen einer Verwendung traditioneller Kombinationen und innovativer Elemente bestehen und macht zu einem nicht geringen Grad auch den Reiz des Gattungsbezugs aus.39
Sowohl aus der Dynamik des mittelalterlichen Gattungsgefüges und der abweichenden „literarischen Bewußtseinsbildung“40 der Vormoderne als auch den Überlegungen Goethes lässt sich nun eine Lizenz transgenerischer Untersuchungen ableiten. Bezogen auf verschiedene Primärkorpora wurden diese auch bereits angegangen. So stellen etwa Jens Haustein41 für die Lyrik Hartmanns von Aue, Antje Sablotny42 für den Frauendienst Ulrichs von Liechtenstein oder Hartmut Bleumer zum Tristan Gottfrieds von Straßburg verwandte Überlegungen an.
Letztere Studie ist besonders deshalb herauszuheben, weil sie sich der Thematik mit einem weit höheren Theorieanspruch nähert, der sie letztlich auf den Begriff der ‚generischen Paradoxie‘43 führt. Damit umreißt der Autor das sonderbare Wechselverhältnis, in dem gerade epische und lyrische Texte – diese Zuordnung sei hier wie auch in der folgenden Untersuchung als Tendenz im Sinne eines Gattungskontinuums gemeint – zu stehen scheinen:
[Die These, D.R.] lautet, dass es zwischen Epik und Lyrik zu einem speziellen Ausschlussverhältnis kommen kann, das sich zugleich als Bedingungsverhältnis erweist. In diesem Falle beruht die epische Qualität narrativer Texte darauf, dass sie die lyrische Qualität in bestimmter Weise begrenzt, zugleich liegt aber in der lyrischen Qualität ein Präsenzversprechen, dem das Erzählen nachstrebt, ohne es je erreichen zu können. Umgekehrt muss dann gelten: die lyrische Qualität beruht darauf, dass sie Narrationen entgrenzt, was aber wiederum die Geschichte zu einer abwesenden Ursache für das lyrische Präsenzversprechen macht. Und das hieße für die Theoriefigur insgesamt: Das mögliche Spannungsverhältnis zwischen Epik und Lyrik beruht auf einer generischen Paradoxie.44
Das hier verdeutlichte, fluide Gattungsverständnis lässt sich beispielhaft auch an Wolframs von Eschenbach Titurel demonstrieren.45 Bei diesem Werk handelt es sich einerseits bedingt durch den Artusstoffkomplex um ein episches Betätigungsfeld, andererseits ist das Fragment im Gegensatz zu den meisten mittelalterlichen Romanen nicht nur in Reimpaarversen, sondern sogar in Strophenform gesetzt. Es enthält zudem eine Fülle bildhafter Elemente und Metaphern, die derart über sich selbst hinaus zu verweisen scheinen, dass dem Werk etwas rätselhaft Lyrisches anhaftet.
Ein trennscharfes Gattungssystem kann der Faszinationskraft dieses Textes nicht gerecht werden, da eine Einordnung in die eine oder andere Gattung notwendig den Anteil der jeweils anderen im Text negieren würde. Dieser negierte, doch noch immer vorhandene Textteil würde zudem die ‚aktive‘, in Anspruch genommene Gattung als Störfaktor irritieren. Das vielfach betrachtete Brackenseil46 lässt sich exemplarisch als eines jener Phänomene heranziehen, die in ihrer multiplen Bedeutungsaufladung unweigerlich lyrisch anmuten. Es wird auf textlicher Ebene ausführlich und als nahezu magischer Gegenstand beschrieben,47 was die Vermutung stützt, dass es sich um ein Tristans Petitcrû analog fungierendes Versatzstück von lyrisch schimmernder, semantisch verdichteter Qualität handelt.48
Vom hier zugrunde gelegten Gattungsverständnis lässt sich mithilfe des Modells der ‚Familienähnlichkeit‘ Ludwig Wittgensteins leichter eine Vorstellung bilden.49 Dieses wurde geschaffen, um Begriffe mit unscharfen Grenzen einem tauglichen Gebrauch zuzuführen, und so eignet es sich für das Themenfeld der Gattungen ebenso wie etwa für das von Wittgenstein verwendete Exempel des Spiels. Der Autor beschreibt dabei Phänomene,50 die begrifflich nicht nur unbegrenzt sind, sondern auch unbegrenzt bleiben müssen und sich trotzdem einem Gebrauch nicht verwehren, da demnach nicht der Gebrauch, sondern nur die Definition des Begriffs das Problem darstellt. Die Fähigkeit, mit derart unscharfen Begriffen umzugehen, gründet jedoch nicht in Definition oder Reflexion, sondern bildet sich stattdessen durch schauende Erfahrung heraus.
Reflexion und Definition bewirken laut Wittgenstein auf den Gebieten der Ethik und Ästhetik im Gegenteil allgemein „alles – und nichts“51, da deren Begriffe zwar durch eine Familie von Bedeutungen verbunden sind, ihr Gemeinsames sich jedoch nicht klar aussprechen lässt und daher auf Beispiele und Analogien52 angewiesen ist, um sich verständlich machen zu können. Die einzelnen Teile dieser Begriffsannäherung ergeben dann zusammengenommen umrissartig den Begriff. In Bezug auf die Gattung bedeutet dies, dass eine erschöpfende Definition weder möglich noch nötig ist, denn was eine Gattung ist...

Inhaltsverzeichnis

  1. Cover
  2. Titelseite
  3. Impressum
  4. Danksagung
  5. Inhalt
  6. Einleitung
  7. 1 Theoriekonzepte zur möglichen Beschreibung einer lyrischen Narrativität
  8. 2 Darstellung verschiedener Narrationsansätze am Beispiel der Minnelyrik des 12. bis 14. Jahrhunderts
  9. 3 Die Aufführung mittelalterlich-lyrischer Texte und ihre Relevanz für narrative Ansätze
  10. Fazit und Ausblick
  11. Abkürzungsverzeichnis
  12. Literatur
  13. Register