Es ist zwar etwas schwierig, eine Person zu hassen, die man gar nicht kennt, aber Shay fand, in Bezug auf Liam Alcott war er darin schon ziemlich gut.
Abgesehen von einem gelegentlichen Händedruck oder einer flüchtigen Begrüßung auf einer Branchenveranstaltung hatte Shay ihn zwar noch nie wirklich kennengelernt, aber er hatte Alcott schon ein paarmal reden gehört und mehr Print‐Interviews mit ihm gelesen, als ihm lieb war. Er hatte sich angewöhnt, die Freundlichkeit dieses Mannes als aufgesetzt zu verabscheuen, dem alles so leicht zu fallen schien, was Shay selbst bisher noch nicht so gut konnte.
Als seine Assistentin Rita zu ihm ins Büro kam, um ihm mitzuteilen, dass auf Leitung eins ein Mann namens Liam für ihn am Apparat sei, nahm Shay daher an, dass in Wirklichkeit einer seiner eigenen Manager anrufe, um ihm einen Streich zu spielen. Aber bevor er den Hörer abnahm, um bei dem Spielchen mitzumachen, bemerkte er die Vorwahl 619 und kam zu dem Schluss, dass der Anrufer am Ende doch seine Nemesis aus San Diego sein könnte.
Er atmete einmal tief durch und nahm das Gespräch an: „Shay Davis.«
„Hallo Shay! Liam Alcott.«
Shay war sich sofort darüber im Klaren, dass es sich hier nicht um den Streich eines Kollegen handelte. Dafür war er geradezu erleichtert, dass ihm sogar die Stimme dieses Mannes unsympathisch war, seinem englischen Akzent zum Trotz, den er affektiert zu finden beschloss. Er entschied sich dafür, sich übertrieben freundlich zu geben.
„Was kann ich für Sie tun, Liam?«
„Also zunächst einmal möchte ich mich bei Ihnen entschuldigen, dass ich mich letzten Sommer nicht bei Ihnen gemeldet habe, um Ihnen zu Ihrer Beförderung zu gratulieren. Ich fühle mich wie ein Stoffel.«
Shay war nicht überzeugt, dass der Mann es ernst meinte, aber er wollte sich auch nichts anmerken lassen. „Kommen Sie! Wenn einer weiß, wie viel Sie um die Ohren haben, dann bin ich das.«
„Da mag etwas dran sein. Aber ich rufe auch an, weil mir Amy von der Agentur Lighthouse mitgeteilt hat, dass Sie bei ihr angerufen hätten, weil Sie gerne mit ihr zusammenarbeiten wollten.«
Shay spürte, wie eine Woge der Scham ihn überflutete, und nahm an, dass Liam ihn für seinen Versuch zur Rede stellen wollte, ihm seine Berater zu stehlen, ganz zu schweigen von seinem geistigen Eigentum. Shay versuchte, cool zu bleiben. „Ja. Ich dachte halt, dass die mit unserer Branche vertraut sind, und wenn sie keine Probleme damit hätten ...«
Liam ging dazwischen. „Klar. Das verstehe ich. Damit habe ich auch überhaupt kein Problem. Amy ist eine hervorragende Beraterin und Lighthouse hat uns auch schon äußerst gute Dienste geleistet. Sie würden sehr gut mit ihr zusammenarbeiten.«
Mehr als nur ein bisschen überrascht ruderte Shay etwas zurück, um ein wenig von seinem Stolz zu wahren. „Ja, wir werden aber natürlich auch noch andere Firmen kontaktieren, wir haben uns da noch nicht festgelegt.«
Liam blieb unbeeindruckt. „Das ist vernünftig. Und bevor Sie überhaupt irgendwelche Berater engagieren, sollten Sie ohnehin zunächst mal Eines tun.«
Shay machte sich jetzt auf irgendeinen herablassenden Ratschlag gefasst. „Und das wäre?«
„Lassen Sie mich erzählen, was wir von Lighthouse gelernt haben, damit Sie beurteilen können, ob das auch für Sie das Richtige wäre.«
Jetzt wusste Shay nicht mehr, was er sagen sollte. Hatte er gerade richtig gehört?
Aber bevor ihm etwas einfiel, hatte Liam auch schon weitergeredet. „Also es ist so, dass ich nächsten Donnerstag zu einer Konferenz bei Ihnen in der Gegend bin, und übers Wochenende bleibe ich dann bei meiner Schwägerin in Walnut Creek – sollen wir uns da nicht vielleicht nächsten Freitag einmal treffen?«
„Also da müsste ich erst mal bei meiner ...«
„Mit Ihrer Assistentin Rita habe ich darüber gerade schon gesprochen. Rita heißt sie doch, oder?«
„Ja.«
„Sie sagte, dass bei Ihnen am Freitag alles frei sei. Sie hätten da ursprünglich zwar einen Lagebericht vorstellen sollen oder so etwas, aber das sei um ein paar Wochen verschoben worden.«
Shay fühlte sich nun von allen verraten – von Rita, von den Beratern bei Lighthouse, von jedem. Er war nicht bereit, das eindeutig dubiose Angebot seines Gegners anzunehmen, und ging in Abwehrhaltung.
„Nehmen Sie's mir nicht übel, L...