1. DIE EINSTIGE KLOSTERANLAGE UND IHRE AUSSTATTUNG
Das Benediktinerkloster Gottesaue wurde von Graf Berthold dem Älteren von Hohenberg 1094 unweit seiner Burg gegründet. Heute steht an dessen Stelle das Schloss Gottesaue inmitten von Karlsruhe, doch sah die hochmittelalterliche Kulturlandschaft in der Oberrheinebene zur Gründungszeit des Klosters natürlich ganz anders aus: Gottesaue wurde auf bewaldetem Gelände angelegt, etwa sieben Kilometer vom Hochgestade des Rheins im Westen und drei Kilometer von den Ausläufern des Nordschwarzwaldes im Osten entfernt.14 Sein Standort am Rande der sandigen, mit Eichenmischwäldern besetzten Hardtplatte der Rheinniederterrasse bot damals ebenso gute Voraussetzungen für monastische Abgeschiedenheit wie für den wirtschaftlichen Ausbau seiner Umgebung in der Rheinaue. Entsprechend wurde sein Name gewählt: Augia Dei oder Gottesaue – gleichsam ein Programm für Stifter und Mönche, ihre Umwelt zur „Gottesaue“ zu gestalten.
Über viereinhalb Jahrhunderte hatte das Kloster Bestand und war für die mittelalterliche Territorial- und Geistesgeschichte am mittleren Oberrhein von wesentlicher Bedeutung.15 Gerade seine aufsehenerregenden Anfänge und die mit den monastischen Reformen der Zeit einhergehenden Umbrüche lassen die Gottesauer Geschichte hervortreten, sowohl aus dem geistigen Profil der Sakrallandschaft am Oberrhein wie auch im Kontext der territorialen und kulturellen Entwicklungen im deutschen Südwesten.
Von der einstigen Gottesauer Klosteranlage selbst vermitteln allerdings nur die zeitgenössischen schriftlichen und bildlichen Quellen einschlägige Informationen; von der Klosterkirche und den Konventsgebäuden ist nichts mehr erhalten. Auch die archäologischen Befunde vom früheren Klosterareal sind spärlich und können nur sporadische Informationen vermitteln.16 Zwar wurden durch verschiedene Grabungen auch hochmittelalterliche Gebäudereste nachgewiesen, doch weder die Konventsgebäude noch die Klosterkirche waren dabei erfasst worden.17
Nachdem sich der Gottesauer Benediktinerkonvent mit dem Tod des letzten Mönchs im Jahre 1557 aufgelöst hatte, ließ Markgraf Ernst Friedrich von Baden-Durlach die verlassene Klosteranlage gegen Ende des 16. Jahrhunderts abbrechen. An deren Stelle sollte ein prächtiges Lustschloss auf dem Klosterareal entstehen.18 Im Mauerwerk des Renaissanceschlosses finden sich einige Spolien aus dem Kloster verbaut, und auch etliche Streufunde vom Klostergelände datieren noch in die Zeit der Benediktiner.19 Aber diese Fragmente von Würfelkapitellen, Bodenfliesen, Keramik, Kacheln und Glas können doch nicht mehr als einen sporadischen Eindruck von der einstigen materiellen Kultur der Mönche in der „Gottesaue“ vermitteln.20 Die wesentliche Hinterlassenschaft des Klosters sind seine Schriftzeugnisse, die es auch erlauben, die zerstörte Klosteranlage weitgehend zu beschreiben und ihre Ausstattung zumindest beispielhaft vor Augen zu führen.
Besonders deutlich werden die bauliche Struktur von Kirche und Kloster anhand eines ausführlichen Urkundentextes, der eine erneute Altar- und Kirchweihe im gesamten Klosterbereich dokumentiert, die zwischen dem 6. und 10. November 1485 vollzogen wurde.21 Der Weihe war offenbar eine längere Bauphase vorausgegangen, und dieser eine Periode der Baufälligkeit und Reparaturbedürftigkeit im ganzen Klosterareal und insbesondere in der Kirche. Deshalb wurden nicht nur eine damals neu erbaute Kapelle geweiht, sondern auch erneut die bereits vorhandenen Altäre und kirchlichen Geräte, soweit sie im liturgischen Gebrauch standen.
Die Beschreibung der neugeweihten Altäre ermöglicht einen virtuellen Rundgang in der Klosterkirche, deren Aussehen dann im Vergleich mit anderen zeitgenössischen Klosterkirchen der Benediktiner deutlich wird:22 Im Westteil der Kirche, auf der Empore, die über eine Wendeltreppe erreichbar war, werden drei Altäre geweiht, im Chor zwei und im Kapitelsaal einer. Dort befand sich auch die Grablege der Edelherren von Rüppurr. An der vornehmsten Stelle, unter der Vierung, lag das Stiftergrab Bertholds von Hohenberg, dessen eindrucksvolle Grabplatte erhalten geblieben ist (Abb. 1). Die Lage der neu erbauten Nothelferkapelle wird zwischen Chor und Langhaus beschrieben. Der neue Friedhof für die Klosterbrüder und alle diejenigen, die beim Kloster begraben werden wollten, befand sich nördlich der Klosterkirche, der Nothelferkapelle unmittelbar benachbart, während die früheren Begräbnisse im Kreuzgang gelegen war.
Überträgt man die hier vermittelten Informationen auf den Grundrissplan einer Klosteranlage nach dem ,,Hirsauer Schema“, so erhält man einen zwar hypothetischen, aber sicher realitätsnahen Eindruck vom einstigen Erscheinungsbild der in den Jahren um 1100 erbauten Gottesauer Kirche (Abb. 2).23 Man wird sich die verschwundene Gottesauer Klosterkirche jedenfalls als eine dreischiffige Basilika mit Querhaus und Westwerk vorstellen dürfen, die als „Adelskirche“ am Stiftergrab orientiert war.
Im Zusammenhang mit dem Kapellenbau von 1485 und der umfassenden Altarweihe im Klosterbereich ging auch eine weitere Ausstattung der Kirche mit Reliquien und Andachtsbildern einher, ohne dass wir dazu genauer informiert wären. Die neue Kapelle erhielt damals jedenfalls einen Altar der hl. Maria und der 14 hl. Nothelfer, wenig später wurde die Holzplastik einer lebensgroßen Mutter Gottes auf der Mondsichel im Kloster aufgestellt, gefertigt von einem unbekannten oberrheinischen Meister zu Anfang des 16. Jahrhunderts (Abb. 3).24
Als eindrucksvolle Zeugnisse der monastischen Memoria, des von den Gottesauer Mönchen geübten Totengedenkens, sind immerhin etliche Grabsteine bzw. deren Abzeichnungen erhalten geblieben. Sie datieren ins 14. bis 16. Jahrhundert und hatten ursprünglich in der Klosterkirche, im Kreuzgang bzw. im Kapitelsaal ihren Platz. Teilweise waren die Grabplatten dann während der abermaligen Nutzung des Gottesauer Areals durch die Benediktiner im Dreißigjährigen Krieg in die neue Schlosskirche überführt worden.25 Neben drei Grabplatten von Äbten und zwei von Gottesauer Konventualen, die in den von ihnen versehenen Pfarrkirchen erhalten geblieben sind, sind fünf Denkmäler für Personen weltlichen Standes aus Gottesaue bekannt. Darunter sind zwei für Mitglieder der Pfau von Rüppurr, die im Kloster ihre Familiengrabstätte hatten, besonders anzusprechen (Abb. 5).26 Sie bezeugen auch die Begräbnistradition und Verbundenheit der Familie mit Gottesaue bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts.
Die berühmteste Grabplatte ist die bereits angesprochene für den Klosterstifter Berthold von Hohenberg, der einst unter der Vierung der Klosterkirche begraben lag. Darüber hinaus sind auch drei Bruchstücke einer Steinplatte erhalten geblieben, die vermutlich zu einem weiteren Memorienstein für den Klostergründer gehörten (Abb. 6).27 Die Fragmente zeigen einen Mann weltlichen Standes, dessen Tracht mit langen, am Handgelenk in Bündchen gefassten Hängeärmeln für eine Entstehung der Platte im frühen 15. Jahrhundert spricht. Seine Hände tragen ein Kirchenmodell von basilikalem Querschnitt, an dessen Fassade eine Tür mit Beschlagwerk und ein Rundfenster mit Vierpass zu erkennen sind. Auch der Hahn vom Fassadengiebel der Kirche ist noch auszumachen. Diese Darstellung vermag trotz ihres Symbolcharakters doch die Erkenntnis vom Aussehen der Klosterkirche zu erweitern. Freilich ist nicht mehr bekannt, wo der Memorienstein einst seinen Platz hatte, jedoch unterstreicht seine Existenz nochmals das vor Ort gepflegte Gedenken an den Klostergründer und bringt den Reformwillen der Mönche, der mit diesem Gedenken verbunden war, deutlich zum Ausdruck.
Von der übrigen Ausstattung, vor allem den zahlreichen Altären, die im späten Mittelalter im Kloster vorhanden waren, ist indes nur Weniges bekannt. In der Michaelskirche von Rußheim hat sich ein vergoldeter Kelch mit zugehöriger Patene erhalten, der 1523 von dem Gottesauer Mönch Johannes Wester gestiftet worden war. Es muss offen bleiben, wie Kelch und Patene nach Rußheim kamen. Wester diente jedenfalls als Pfarrer im unweit gelegenen Eggenstein, wo er 1538 beerdigt wurde und sein Grabstein noch zu sehen ist.28
Auch soll eine Figur des hl. Nikolaus aus dem 14. Jahrhundert, die heute in der Michaelskirche von Beiertheim, einem ehemaligen Klosterort, steht, laut örtlicher Tradition aus Gottesaue stammen (Abb. 22).29 Neben dieser Figur beherbergt die Michaelskirche einen mächtigen spätgotischen Flügelaltar aus dem Jahre 1523, der der Mutter Gottes geweiht ist und sie zusammen mit zahlreichen weiteren Heiligen zeigt (Abb. 4). Verschiedene Indizien legen nahe, dass auch dieser Altar aus dem Kloster Gottesaue stammt und im Gefolge der Unruhen während des Bauernkriegs nach Beiertheim verbracht wurde.30
Der Altar zeigt mit seinen Holzfiguren und auf seinen Bildtafeln eine stattliche Reihe von Heiligen, die in Gottesaue besondere Verehrung genossen. Neben Maria, der Klosterheiligen, erscheinen hier die Heiligen Michael und Wendelin als Schreinfiguren. Der geschlossene Altar (Werktagsseite) zeigt die Heiligen Theodul, Leonhard, Ursula, Anna Selbdritt, Appolonia und Wolfgang. Im geöffneten Zustand (Festtagsseite) sind neben den Altarpatronen im Schrein links die Heiligen Valentin und Margaretha und rechts Blasius und Juliana zu sehen: Sie gehören größtenteils zur Gruppe der Nothelfer, deren Verehrung im Kloster ja bereits angesprochen wurde. Der nicht näher bekannte Maler signierte sein Werk mit den Buchstaben LF, seine Werkstatt wird in Straßburg gesucht.31
Vom ursprünglichen spätgotischen Altar stammen allerdings nur die drei Schreinfiguren und die Flügel. Die Predella und die Kreuzigungsgruppe wurden aus anderen Quellen 1965 hinzugefügt.32 Die Holzfiguren des Schreins werden dem bekannten Meister Hans Wydyz zugeschrieben, der damals wohl ebenfalls seine Werkstatt in Straßburg betrieb und zahlreiche bedeutende Werke am Oberrhein hinterlassen hat.33
Als im Frühjahr 1525 der Bauernkrieg am Oberrhein ausbrach, wurde auch das Kloster Gottesaue geplündert und verbrannt.34 Ein zeitgenössischer Chronist berichtet davon, dass die aufrührerischen Bauern der Umgebung von Markgraf Philipp von Baden sogar forderten, die Klostergebäude abzureißen und das Baumaterial den bedürftigen Bauern von Berghausen zu überlassen, deren Häuser kurz zuvor von markgräflichen Truppen niedergebrannt worden waren.35 Doch sollte es nicht dazu kommen: Als der Aufruhr niedergeschlagen worden war, konnte der Abt mit einigen Mönchen wieder nach Gottesaue zurückkehren, um sich in den erhalten gebliebenen Gebäuden, so gut es ging, einzurichten.36 Freilich nicht mehr lange – die allmähliche Auflösung des Klosterlebens sollte schon 1556 zur Aufhebung des Klosters und Säkularisation des Klosterguts durch den Markgrafen von Baden führen.37
Bereits 1550 hatte der damalige Klosterschaffner Wolf Bescher gemeinsam mit dem Durlacher Stadtschreiber Franz Erhardt auf Befehl des Markgrafen ein Inventar über die Möbel und Küchengeräte im Kloster erstellt.38 Hier werden etwa 30 Räume der Abtei angeführt, darunter ein „Kellerstüblein“, ein „heimliches Gemach unter der Stiegen“, die Badstube, zwei Gästekammern, die „alte Abtstube“, ein Saal vor der Abtei, der Gang zwischen der Abtei und dem Schlafhaus, die Siechstube, zwei „Somerhäuse...