ErzÀhltes Jenseits - eine Genealogie
Mit der Vertreibung Adams und Evas wird die Pforte zum Paradies verschlossen und der Zugang zum Baum des Lebens durch Cherubim und Flammenschwert versperrt. Ăber das SĂŒndenfallnarrativ wird neben der Trennung von Diesseits und Jenseits damit auch die grundlegende UnzugĂ€nglichkeit des jenseitigen Raumes erzĂ€hlt: Sobald der Baum des Lebens auĂerhalb der Reichweite Adams und Evas liegt, wird mit der RealitĂ€t eines möglichen Todes eine Differenz von Diesseits und Jenseits konstituiert und es entsteht eine strukturelle Dynamik, in deren Konsequenz das menschliche Schicksal nach dem Tod erst ErzĂ€hlgegenstand werden kann.
So beginnt auch die einflussreichste mittelalterliche Sammlung von Jenseitsberichten,002 das vierte Buch der Dialogi Gregors des GroĂen, mit diesem Narrativ:
Postquam de paradisi gaudiis, culpa exigente, pulsus est primus humani generis parens, in huius exilii atque caecitatis quam patimur aerumnam uenit, quia peccando extra semetipsum fusus iam illa caelestis patriae gaudia, quae prius contemplabatur, uidere non potuit.003
[Nachdem der Stammvater des Menschengeschlechtes infolge seiner Schuld aus dem Paradies der Wonne verstoĂen war, kam er in dies Elend der Blindheit und Verbannung, das wir erdulden mĂŒssen; denn durch die SĂŒnde kam er ganz von sich selbst und konnte die Freuden des himmlischen Vaterlandes, die er vordem geschaut, nun nicht mehr sehen.]004
Nach dem SĂŒndenfall, so Gregor, ist der Zustand Adams defizitĂ€r. Mit der rĂ€umlichen Entfremdung vom paradiesischen Urzustand geht ein erheblicher Erkenntnisverlust einher - hier das Paradies mit den himmlischen Freuden, dort der Bereich eines nunmehr irdischen Menschen, der nun in seiner Defizienz gefasst werden muss: âNicht mehrâ im Paradies ist er sich selbst entfremdet (extra semetipsum).005 Mit dieser Grenzziehung wird eine Exklusions- und Transgressionsdynamik funktional, aus der sowohl endzeitliche Vollendung und zeitliche Defizienz als auch die exklusive Differenz von Diesseits und Jenseits (vorerst) unumstöĂlich gesetzt werden;006 wie fĂŒr Adam sind mit dem SĂŒndenfall auch fĂŒr die ihm nachfolgenden Menschen die paradiesischen Freuden verschlossen.
Im Moment dieser Grenzziehung eröffnet sich ein mediales Problem. Das Paradies - jenseitig und verschlossen - kann ab diesem Zeitpunkt nur mehr vermittelt erfahren werden. Adam mag um das Paradies noch unmittelbar wissen, aber alle Menschen nach ihm haben einzig mittelbaren Zugang:
Ex cuius uidelicet carne nos in huius exilii caecitate nati, audimus quidem esse caelestem patriam, audimus quidem esse caelestem patriam, audimus eius ciues angelos Dei, audimus eorundem angelorum socios spiritus iustorum perfectorum, sed carnales quique, quia illa inuisibilia scire non ualent per experimentum, dubitant utrumne sit quod corporalibus oculis non uident.007
[Wir, die wir aus seinem Fleische in der Finsternis dieser Verbannung geboren sind, haben davon gehört, daĂ es ein himmlisches Vaterland gibt, haben gehört, daĂ die Engel Gottes seine BĂŒrger sind; wir haben gehört, daĂ die Genossen dieser Engel die Seelen der Gerechten und Vollkommenen sind. Die fleischlichen Menschen aber, die diese unsichtbare Welt nicht aus Erfahrung kennen, zweifeln, ob das auch wirklich existiere, was sie mit ihren leiblichen Augen nicht sehen können.]008
Dem Menschen, der im Zustand der Verbannung geboren ist und damit kein Paradies mehr kennt, das er in seiner Erinnerung aufrufen könnte, muss das âĂŒberirdischeâ Paradies erzĂ€hlt werden. Er kann wieder und wieder von ihm hören (audimus/audimus/audimus/audimus), es jedoch im Zustand seiner irdischen Entfremdung nicht mehr selbst erfahren. Das anaphorische â(wir) haben gehörtâ (audimus) geht jedem Wissen um das Paradies seit dem SĂŒndenfall notwendigerweise voraus.
Die Körperlichkeit des Menschen, wiewohl sie ĂŒber die fleischliche Abstammung von Adam den genealogischen RĂŒckbezug auf das Paradies und somit den göttlichen Schöpfer erlaubt,009 erweist sich als Defizit: Die âleiblichen Augenâ (corporales oculi) scheitern modal an ihrem Gegenstand, der âunsichtbaren Weltâ (inuisibilia). Dem Menschen fehlt nicht nur das prĂ€lapsarische Wissen, das Adam noch hatte, und das ĂŒber den Weg der fleischlichen Abstammung nicht weitergegeben werden konnte. Gerade die Körperlichkeit, die der Mensch ĂŒber das âFleischâ unmittelbar mit Adam teilt (ex carne - carnales), versperrt dem Menschen in seiner Nachfolge rĂ€umlich wie epistemologisch den Blick zurĂŒck. Solange er in diesem Zustand verweilt, mĂŒssen die inuisibilia des Paradieses auĂerhalb seiner eigenen Erkenntnismöglichkeiten bleiben. Die epistemologische BeschrĂ€nkung des Menschen wie sein Zweifel an dem, was seine ErkenntnisfĂ€higkeit ĂŒbersteigt, ist dabei auch im positiven Sinne allerdings an seine Fleischlichkeit gebunden, denn es ist mit der Fleischlichkeit ein zeitlich begrenzter Modus, der den Blick zurĂŒck versperrt.010 Generell bleibt die ZugĂ€nglichkeit im entkörperten Zustand durchaus möglich, sei es ĂŒber eine auĂerkörperliche Offenbarung oder in einer nachkörperlichen eschatologischen Zukunft.
Die Transzendenz des Jenseits, seine Positionierung auĂerhalb und eben âĂŒberâ der menschlichen ErkenntnisfĂ€higkeit, wird in diesem Narrativ, auf das sich nach Gregor dem GroĂen auch weitere JenseitserzĂ€hlungen berufen werden,011 auf die Vertreibung Adams zurĂŒckgefĂŒhrt. Der Mensch wird ĂŒber seine Defizienz relational zu einem (vergangenen wie kĂŒnftigen) Paradieszustand dimensioniert und seine Körperlichkeit zugleich problematisiert. Damit begrĂŒndet die ErzĂ€hlung des SĂŒndenfalls zugleich die Notwendigkeit eines neuen ErzĂ€hlens. Der âblindeâ Mensch, dem die Erfahrung des Jenseits verwehrt bleiben muss, kann und muss sich an den Berichten derer orientieren, denen Einblick gewĂ€hrt worden ist:
Quisquis autem in hac credulitate adhuc solidus non est, debet procul dubio maiorum dictis fidem praebere, eisque iam per Spiritum sanctum inuisibilium experimentum habentibus credere.012
[Wer aber in diesem Glauben noch nicht fest ist, der muĂ ohne Zweifel den Worten der Vollkommenen Glauben schenken und sich auf jene verlassen, die durch den Heiligen Geist schon eine Erfahrung von den unsichtbaren Dingen besitzen.]013
An die Stelle der eigenen Erfahrung tritt die Anderer, die diese im Vorgriff auf eine implizite paradiesische Zukunft âschonâ (iam) machen durften. Das mittelbare Wissen um das Jenseitige tritt an die Stelle des unmittelbaren, eigenen. Das erzĂ€hlte Jenseits wird deshalb notwendig, weil es den notwendigen Zweifel des fleischlichen Menschen durch Wissen, das ĂŒber ihn und seine Erkenntnismöglichkeiten hinausgeht, auszurĂ€umen vermag.014
Ăber diese Genealogie der JenseitserzĂ€hlung ist auch ihre spezifische ModalitĂ€t notwendigerweise bestimmt. Sie ist, wie zu zeigen sein wird, von einer Reihe von Begrenzungs- und BeschrĂ€nkungsmechanismen getragen, die die inhĂ€rente InkommensurabilitĂ€t ihrerseits auf narratologischer Ebene verhandeln - und zu denen nicht zuletzt auch die ErzĂ€hlung im Zwischenraum zu zĂ€hlen ist, als ErzĂ€hlmodus immanenter Jenseitigkeit. Es ist dieses besondere narratologische PhĂ€nomen, das in der folgenden Untersuchung an drei ausgewĂ€hlten Texten - der Navigatio S. Brendani (NSB), dem Tractatus de purgatorio S. Patricii (TPSP) und der ErzĂ€hltradition von âMönch und Vögleinâ - in drei spezifischen narratologischen Konfigurationen aufzeigt werden wird: Die PrĂ€misse eines alteritĂ€ren Jenseits, wie sie der SĂŒndenfall im Diskurszusammenhang notwendigerweise voraussetzt, wird hier ĂŒber die ErzĂ€hlung immanenter JenseitsrĂ€ume unterlaufen und bleibt doch narratologisch bestimmendes Moment.
Zur Transzendenz der JenseitserzÀhlung
Mit dem SĂŒndenfallnarrativ werden Diesseits und Jenseits mit Transzendenz - im Sinne von UnverfĂŒgbarkeit - und Immanenz - als kategorial VerfĂŒgbares - analog gesetzt; das unverfĂŒgbare Jenseits wird zum Gegenstand der ErzĂ€hlung. Vor dem Hintergrund dieser strukturellen Dynamik wird fĂŒr die JenseitserzĂ€hlung im Allgemeinen und fĂŒr die immanente JenseitserzĂ€hlung im Besonderen ein Transzendenzbegriff notwendig, der den immanenten Jenseitsraum, wie ihn die untersuchten Texte zum Gegenstand haben, nicht a priori ausschlieĂt und die nuancierte Auseinandersetzung der ErzĂ€hlung mit einem inkommensurablen Jenseits beschreibbar macht.
GrundsĂ€tzlich werden unter âTranszendenzâ zwei Aspekte gefasst:015 Das absolut UnverfĂŒgbare, Göttliche auf der einen und der Prozess des graduellen Ăbersteigens auf der anderen Seite.016
FĂŒr das VerstĂ€ndnis der âTranszendenzâ als Absolutes einerseits ist eine ârĂ€umliche Vorstellung von zwei Weltenâ prĂ€gend, ânach der die T. als striktes Jenseits zwar Grund des von ihm AbhĂ€ngigen, jedoch selbst nicht mit den kategorialen Formen des Diesseits zu erfassen ist.â017 Das (metaphysische) Jenseits, das hier gemeint ist, entspricht allerdings dezidiert nicht dem erzĂ€hlten Jenseits. Diese absolute Transzendenz ĂŒbersteigt die immanenten Kategorien von Mensch und Text und ist von diesen entsprechend absolut unabhĂ€ngig zu denken. Der Text kann auf sie verweisen, sie darstellen oder erzĂ€hlen, bleibt aber notwendigerweise auĂerhalb seiner kategorialen Möglichkeiten. Trotzdem ist diese kategoriale, âabsoluteâ Transzendenz immer wieder literaturwissenschaftlichen Analysen gerade des âHeiligenâ zugrunde gelegt worden.018 Nach einem differenztheoretischen Modell ist Transzendenz hier zunĂ€chst das UnverfĂŒgbare, Ununterschiedene. Sie kann narrativ nicht abgebildet werden, eine ErzĂ€hlung von ihr muss notwendigerweise a priori scheitern. Die einzige Möglichkeit, die diese strikte Trennung von Transzendenz und Immanenz (und damit immanentem Text) fĂŒr die Narration offenlĂ€sst, ist die Medialisierung von Geschehenem - âeine Geschichte vom Hereinragen der Transzendenz in die Immanenz, von ihrem Wirksamwerden in der Geschichte.â019
Ein solcher Transzendenzbegriff ist fĂŒr das VerstĂ€ndnis von JenseitserzĂ€hlungen und die Beschreibung Analyse ihrer Darstellungsmodi problematisch. Im Sinne der âabsolutenâ Transzendenz ist das Denken einer strikten Differenz zwischen dem immanenten Text und einer âTranszendenzâ zwar wichtig, aber sie verstellt den Blick auf etwaige Nuancierungen: Das âJenseitsâ de...