Der Detailhandel gehört punkto Arbeitsplätze und Wirtschaftsleistung zu den wichtigsten Sektoren der Schweiz. Aber was wissen wir über die Arbeitsbedingungen der Männer und – mehrheitlich – Frauen, die in dieser Branche beschäftigt sind? Zeit für eine kritische Betrachtung, die die Stiftung für Erforschung der Frauenarbeit mit einer Studie angestossen hat.

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Damit der Laden läuft
Ein kritischer Blick in die scheinbar vertraute Welt des Detailhandels
- 112 Seiten
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Damit der Laden läuft
Ein kritischer Blick in die scheinbar vertraute Welt des Detailhandels
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Information
II
FRAUEN UND MÄNNER ERZÄHLEN
DIE SICHT DER ANGESTELLTEN
BERUFSBIOGRAFIEN – DREI FALLBEISPIELE
Im Gespräch vertraten die interviewten Detailhandelsangestellten ihre Sicht des Alltags im Verkauf und zeigten dessen Verzahnung mit dem privaten Leben. Ihre Erfahrungen, ihre Wahrnehmung, ihre Einschätzung der Entwicklung in der Branche, ihre Identifikation mit dem Beruf ebenso wie ihre Kritik an der Stellung der Beschäftigten im Verkauf flossen in ihre Erzählungen ein.
Es gibt sie nicht, die typische Berufsbiografie oder die typische Bedeutung der Erwerbsarbeit im Detailhandel. Typisch ist vielmehr die Diversität und Vielschichtigkeit der Lebensläufe und Erwerbszwecke, Motive und Zukunftspläne. Wenige sind seit der Grundausbildung ohne Unterbruch in der Branche tätig. Häufiger ist der Fall, dass jemand eher zufällig in die Branche hineingerutscht und dann geblieben ist. Für mehrere der Befragten ist die Stelle im Detailhandel auch klar nur eine Zwischenstation.
Die drei Fallbeispiele lassen erahnen, wie gross die Bandbreite der Berufs- und Lebensbiografien ist: eine klassische Karriere innerhalb der Branche wie bei Esther Hefti, ein zeitlich beschränkter Job aus finanzieller Notwendigkeit wie bei Erez Yasin oder eine Einstiegsmöglichkeit in die Erwerbswelt mangels Alternativen wie bei Pinar Arslan.
Eine «Zufallskarriere» – Filialleiterin eines grossen Schuhgeschäfts
Die 45-jährige Esther Hefti ist schon seit vielen Jahren in der Branche tätig. Eher per Zufall hat sie sich nach Abschluss der obligatorischen Schule für eine Ausbildung zur Detailhandelsangestellten entschieden. Ursprünglich wollte sie nicht in der Branche bleiben, ist aber nach der Grundbildung in den Schuhverkauf gerutscht. Nun arbeitet sie seit über zwanzig Jahren im selben Unternehmen und ist heute Filialleiterin einer der grössten Filialen ihrer Region. Es ist zwar kein «Traumberuf», dennoch identifiziert sich Esther Hefti stark mit der Branche und ihrem Unternehmen. Sie ist stolz auf das Erreichte und gibt jeden Tag vollen Einsatz. Oft empfindet sie die Arbeit aber auch als anstrengend und belastend.
«Wenn man jetzt noch mal jung wäre, würde man sicher einen anderen Beruf wählen. Also nicht, dass es mir nicht gefällt oder so. Gar nicht. Also ich komme jeden Tag gerne arbeiten. Aber ich denke, wenn man nochmals zurück könnte, würde man sicher anders entscheiden.»
Für Ihre Zukunft wünscht sie sich noch etwas anderes, etwas Ruhigeres und Entspanntes. Was das genau sein soll, weiss sie nicht. Konkrete Pläne hat sie keine.
«Stunden sammeln» als notwendige Zwischenstation – Mitarbeiter im Stundenlohn
Erez Yasin ist 39-jährig und arbeitet seit gut vier Jahren in der Branche. Seine Frau absolviert zurzeit ein Anwaltspraktikum. Daher verfügen die beiden für eine befristete Zeit nur über ein sehr knappes Haushaltseinkommen. Erez Yasin ist darauf angewiesen, möglichst viele «Stunden zu sammeln», um so seine Frau und sich finanziell über Wasser zu halten. Seine erste Stelle bekam er durch einen Bekannten in einem Tankstellenshop vermittelt. Aufgrund verschiedener Vorfälle wechselte er mehrmals den Standort. Jetzt arbeitet er seit knapp zwei Jahren vor allem als Magaziner, aber auch als Kassierer und in den Rayons in einer Bahnhofsfiliale desselben Grossverteilers.
«Es geht um Stunden. Aber ich brauche noch mehr Stunden, meine Frau macht ein Praktikum. […] Ich würde sogar gerne am Sonntag arbeiten. Am Sonntag ist wie Doppellohn: doppelt bezahlt. […] Sie können mich jederzeit anrufen, wenn man mich braucht. Zum Beispiel, wenn jemand krank ist. Ich bin flexibel. […] Meine Antwort ist immer Ja.»
Wegen des schwankenden Lohns hätte Erez Yasin gerne eine Festanstellung. Die wird ihm aber ohne Begründung seit mehreren Jahren verweigert, während Kollegen im selben Zeitraum feste Verträge erhalten haben. Er hat einen Vertrag im Stundenlohn mit einer Bandbreite von 8 bis 20 Stunden pro Woche, arbeitet jedoch oft viel mehr. Trotzdem bekunden Erez Yasin und seine Frau Schwierigkeiten, Rechnungen wie etwa die Steuern zu bezahlen. Ab dem Zwanzigsten des Monats wird jeweils das Geld knapp. Dinge wie im Restaurant essen oder ins Kino gehen liegen nicht drin.
In seinem Herkunftsland Türkei hat Erez Yasin Bautechniker gelernt. Sobald seine Frau ihre Ausbildung abgeschlossen hat und als Anwältin arbeitet, möchte er einen Deutschkurs besuchen und anschliessend Politikwissenschaft studieren. Die Stelle im Detailhandel ist für ihn also nur eine Zwischenstation – ein notweniger Schritt zur Erreichung eines längerfristigen Ziels.
«Irgendwo» in der Arbeitswelt «Fuss fassen» – Mitarbeiterin im Textilbereich
Nach Abschluss der obligatorischen Schule wünschte sich die 26-jährige Pinar Arslan eigentlich eine Lehrstelle in einem sozialen Bereich. Weil sie aber keinen Ausbildungsplatz fand, beschloss sie, zunächst einfach irgendwo in der Arbeitswelt Fuss zu fassen. So landete sie damals mit 18 Jahren bei einem multinationalen Konzern der Textilbranche.
«Also eigentlich ist das der letzte Laden gewesen, bei dem ich mich bewerben wollte. […] Mein Traumjob ist von Anfang an immer Kindergärtnerin gewesen und das ist leider nicht passiert. Aus diesem Grund habe ich gedacht: Okay, versuche ich Kleinkindererzieherin. Dort hineinzukommen, ist mega schwer gewesen. Ich habe sogar beinahe eine Lehrstelle gekriegt […]; zuerst haben sie Nein gesagt, dann haben sie Ja gesagt, dann habe ich aber schon bei [Name des Unternehmens] angefangen. Da habe ich gesagt: ‹Nein, ich habe jetzt schon einen Job›, und das ist mein grösster Fehler gewesen.»
Inzwischen arbeitet Pinar Arslan schon acht Jahre im selben Unternehmen. Einmal hat sie sich für eine unternehmensinterne Lehrstelle beworben. Ihr Arbeitgeber hat sie aber aufgrund ungenügender Ergebnisse beim hauseigenen Einstufungstest abgelehnt.
Mit 70 Stellenprozent reicht der Verdienst nicht aus, um sich selbst zu finanzieren, zumal sie auch noch ihren Bruder unterstützt, der noch studiert. Deshalb wohnen Pinar Arslan wie auch ihr Bruder noch zu Hause bei ihren Eltern. Die ganze Familie verfügt nur über ein sehr geringes Haushaltseinkommen. An ihrer Arbeit mag Pinar Arslan vor allem den Kontakt mit den Menschen – mit den Arbeitskolleg_innen und der Kundschaft.
«Ich bin recht lange dabei. […] Ich berate gerne. Ich spreche gerne mit Menschen. Ich helfe ihnen gerne. Ich arbeite gerne im Team. Das sind eigentlich die Gründe, und nicht die Ware, die dort drinnen ist.»
Neben ihrer Festanstellung absolviert Pinar Arslan eine einjährige Ausbildung im kaufmännischen Bereich. Die Aufgaben für die Schule erledigt sie am Sonntag. Unter der Woche steht sie oft früh auf, um noch vor der Arbeit zu lernen. Ein Sozialleben hat daneben kaum Platz.
«Die Arbeitszeiten sind immer anders und man hat kein Privatleben. Später will ich mal Kinder haben und daher am Samstag nicht so arbeiten. Denn du bist wirklich den ganzen Tag dort. […] Also ich habe nicht einmal für meine Freunde, meine Familie richtig Zeit, weil ich so kaputt bin von dieser Woche. Ich bin so kaputt, dass ich am Samstag nach Hause gehe, um zu schlafen.»
Vor allem wegen der unregelmässigen und langen Arbeitszeiten möchte Pinar Arslan nach Abschluss ihrer Ausbildung die Branche verlassen.
VIELFÄLTIGE TÄTIGKEITEN – GERINGE ANERKENNUNG
Beraten, auspacken, einräumen, putzen, informieren …
Die Arbeitstätigkeiten der fünfzehn Interviewten weisen eine grosse Vielfalt auf. Sie unterscheiden sich je nach Bereich, Unternehmen, Filiale, Standort und Rayon stark voneinander. Zum Beispiel in den Bereichen Lebensmittel und Textil: Die Angestellten beraten die Kundschaft, bestellen Ware, packen Warenkisten aus, räumen die Ware in die Regale und präsentieren sie, backen, putzen, informieren über verschiedene Wurstsorten oder Fleischprodukte, stellen Blumensträusse zusammen und arrangieren Kleiderpräsentationen, räumen Umkleidekabinen auf, kassieren, entscheiden über Aktionen und die Einführung saisonaler Produkte, organisieren Teams, erstellen Tages-, Wochen- und Monatsarbeitspläne, geben Kochtipps und erteilen Stilberatung, arbeiten unter grösstem Druck, langweilen sich, wenn der Laden leer ist, lächeln und sind freundlich, haben Stamm- und Laufkundschaft, sind (mit)verantwortlich für Umsatz- und Leistungssteigerung, erlernen neue Technologien und Computersysteme, leisten körperlich schwere Arbeit, wissen über Kaffeeplantagen in Nicaragua Bescheid und geben Auskunft über die Herstellung von Käse – und vieles, vieles mehr.
Von der Bestellung der Ware bis zu deren Verkauf sind sehr unterschiedliche Arbeitsschritte notwendig. Einige Tätigkeiten sind für die Kund_innen sichtbar, das meiste ist jedoch von aussen nicht zu erkennen. Wegen des beschränkten Blicks meinen viele Personen, sie wüssten, wie die Arbeit im Detailhandel aussieht – und das hat auch Folgen für das Berufsverständnis der Detailhandelsangestellten.
«Einfach Verkäuferin» – Berufsstolz im Zwiespalt
Viele der befragten Angestellten identifizieren sich mit ihrem Unternehmen, sind loyal gegenüber ihren Arbeitgeber_innen und Teamkolleg_innen. Die meisten sind sich der Vielseitigkeit und Bedeutung ihrer Arbeit bewusst. Stolz schwingt mit, wenn sie erzählen, welche Vielfalt von Tätigkeiten in ihrer Filiale anfällt und in welch kurzer Zeit diese Aufgaben vom Team erledigt werden. Doch gleichzeitig beurteilen einige ihren Beruf auch als wenig angesehen:
«Ich bin halt immer noch im Verkauf. Klar, jetzt bin ich Mami. Jetzt ist es ein wenig etwas Anderes. […] Aber ja, vielleicht – vielleicht bereue ich auch ein wenig, dass ich nicht vorher mal ein wenig etwas mehr aus mir gemacht habe. Denn ich bin einfach Verkäuferin.»Nina Steiner, 26 (Lebensmittel und Textil)
Es nagt an Nina Steiner, dass sie nicht «mehr» als Verkäuferin ist. Sie möchte später in der Pflege arbeiten. Zwiespalt gegenüber ihrem Beruf empfindet auch Melanie Gerber, die in einem multinationalen Kleidergeschäft arbeitet:
«Irgendwie kann ich es mir vorstellen, einfach noch ein wenig dort zu sein. Ein paar Jahre. Und trotzdem gibt es wirklich so Tage, wo du denkst: Hey nein, was mache ich hier? Was alles, für so wenig Lohn? […] Aber wenn du dann dahinter schaust, was wir eigentlich ...
Inhaltsverzeichnis
- Cover
- Titel
- Impressum
- INHALT
- ZUM GELEIT
- WAHRNEHMUNG, WERTSCHÄTZUNG, RESPEKT
- I ARBEITSPLATZ DETAILHANDEL – EINE EINFÜHRUNG
- II FRAUEN UND MÄNNER ERZÄHLEN – DIE SICHT DER ANGESTELLTEN
- III DETAILHANDEL IM UMBRUCH – ZAHLEN, FAKTEN, EINSCHÄTZUNGEN
- IV OPEN END – EIN AUSBLICK
- V ANHANG
Häufig gestellte Fragen
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