Unser Raubgut
eBook - ePub

Unser Raubgut

Eine Streitschrift zur kolonialen Debatte

  1. 224 Seiten
  2. German
  3. ePUB (handyfreundlich)
  4. Über iOS und Android verfügbar
eBook - ePub

Unser Raubgut

Eine Streitschrift zur kolonialen Debatte

Über dieses Buch

Im November 2018 verkündete Emmanuel Macron in Paris sein radikales Vorhaben zur Rückerstattung kolonialen Raubguts. Das schreckte auch deutsche Museumschefs auf, die in Sachen Restitution lange Zeit nur zu diffusen Absichtserklärungen bereit waren. Vor allem im Berliner Humboldt Forum, das mit den Sammlungen des Ethnologischen Museums ab Herbst 2019 einen »Dialog der Weltkulturen« installieren will, begannen hektische Aktivitäten. Nun wird auch öffentlich über den Umgang mit kolonialen Raubgütern gestritten.
Moritz Holfelder hat deutsche und europäische Museen besucht und sich den Umgang mit Kulturgütern ungeklärter Provenienz angesehen. Er plädiert in seiner Streitschrift für einen offenen und differenzierten Umgang mit dem einstigen Raubgut.

Information

Jahr
2019
ISBN drucken
9783962890582
eBook-ISBN:
9783862844609
Thema
Art

Anhang

image
Vision im Rohbau: Im Juni 2015 wurde bei einem Tag der offenen Tür im Berliner Humboldt Forum das Palau-Haus der Südseeabteilung in Originalgröße an eine Wand projiziert.

Anmerkungen

1Der Vorläufer des Pariser Musée de l’Homme war das 1882 von dem Anthropologen Ernest Hamy gegründete Musée d‘Ethnographie du Trocadéro. 1937 zur Weltausstellung wurde es inhaltlich sowie personell neu aufgestellt und hieß fortan Musée de l’Homme. Die ethnologische Sammlung wurde 2006 in das von Jean Nouvel gebaute Musée du Quai Branly überführt, das neue, in der Nähe des Eiffelturms gelegene nationale Haus für außereuropäische Kunst. Interessant ist, dass der Kurator und Kunsthändler Jacques Kerchache Anfang der 1990er Jahre forderte, die afrikanische Kunst (so wie es Alain Resnais vierzig Jahre zuvor gewollt hatte) im Louvre unterzubringen, sozusagen auf Augenhöhe mit der Mona Lisa. Gemeinsam mit Jacques Chirac, zuerst noch Bürgermeister von Paris, schaffte er es tatsächlich, dort eine Abteilung für die von ihm so genannte »Art premier« zu etablieren. Doch dann wollte Chirac als neuer Staatspräsident noch mehr – und kündigte den Bau des Musée du Quai Branly an, das sich ausschließlich der Kunst aus Afrika widmen würde. Die Mitarbeiter des Musée de l’Homme rebellierten und demonstrierten gegen die Zerschlagung ihrer Bestände. Sie riefen 1999 sogar zu einem Streik auf und bekamen damit viel Öffentlichkeit, konnten den Gang der Dinge aber nicht aufhalten. Die Trennung der ethnologischen von der vorgeschichtlichen und anthropologischen Sammlung wurde vollzogen. Zwischen 2009 und 2015 erfolgte ein grundlegender Umbau des Musée de l’Homme samt neuem Ausstellungskonzept. Seit der Wiedereröffnung im Oktober 2015 beherbergt das sanierte Haus zwei große Abteilungen: zum einen die »Préhistoire« (Vorgeschichte), zum anderen den Bereich »Hommes, nature, sociétés« (Mensch, Natur, Gesellschaften).
2So formulierte es Alain Resnais in einem Interview, das im März 1957 in »Paris Lettres n°3« erschien und von Guy Muller/Serge Richard geführt wurde.
3Charles Ratton (1897 – 1986) war ein umtriebiger Kunsthändler, der in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts über sein Faible für den Kubismus die Werke der afrikanischen Völker entdeckte und umfassend anfing, mit ihnen zu handeln. Den Weg hatte rund zehn Jahre davor sein Kollege Paul Guillaume (1891 – 1934) geebnet, der als Fürsprecher der damaligen Avantgardekünstler (vor allem von Cezanne, Renoir, de Chirico, Modigliani, Picasso und Matisse) auch Kunst aus Afrika ausstellte. Mit den ersten nach Europa gelangten Masken und Plastiken fingen einige der genannten Maler an, Formen und Muster des fremden Kontinents stilistisch in die eigenen Arbeiten einzubauen. In einer Zeit rasanter technischer und wirtschaftlicher Entwicklungen entstand eine große Sehnsucht nach dem Ursprünglichen, Natürlichen und auch vermeintlich Primitiven. Picasso soll im Herbst 1906 das erste Mal eine traditionelle Skulptur aus Afrika gesehen haben. Matisse hatte sie zu einem Treffen bei Gertrude Stein mitgebracht. Danach besuchte Picasso häufig das Musée d‘Ethnographie du Trocadéro, zeichnete dort und fing an, selbst Skulpturen und Masken zu sammeln. Bald folgte seine afrikanische Phase (1907 bis 1909).
Inspirierend wirkte auch das 1915 erschienene Buch »Negerplastik« des deutschen Kunsthistorikers Carl Einstein (1885 – 1940), der sich als erster Autor den Werken aus Afrika vorurteilsfrei und ohne den Habitus der überlegenen westlichen Zivilisation näherte. Sein höchst einflussreiches Buch stand natürlich auch in der Bibliothek von Charles Ratton. Dieser organisierte 1930 gemeinsam mit Tristan Tzara seine erste große Afrika-Ausstellung unter dem Titel »Exposition d’art africain et océanien«. Zwei Jahre später präsentierte er Bronzen aus Benin und war 1935 auch mit einigen Stücken bei der ersten Schau von »Negro Art« im New Yorker Museum of Modern Art vertreten. Ratton war – anders als seine Kollegen Einstein oder Guillaume – vor allem am Geschäft interessiert.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er der Kollaboration verdächtigt. 1946 schrieb er in einem Artikel, der Handel mit Kunstobjekten aus Afrika sei nun beendet: »Es kommt nichts mehr aus den Kolonien, sie sind ausgeplündert – und die meisten verbliebenen Stücke werden bald mit Ausfuhrbeschränkungen versehen sein.« Dass ausgerechnet der umstrittene Opportunist Ratton zum Berater für Resnais und Marker wurde, erscheint seltsam, entspricht aber seinem kommerziellen Pragmatismus. 2013, knapp 30 Jahre nach seinem Tod, wurde er im Louvre mit der Ausstellung »Charles Ratton, l’invention des Arts primitivs« geehrt und zugleich kritisch hinterfragt.
4Aus »Paris Lettres n°3«, März 1957, Interview mit Alain Resnais von Guy Muller und Serge Richard
5Der senegalesische Autor und Verleger Alioune Diop (1910 – 1980) gründete 1947 in Paris das vierteljährlich erscheinende Magazin »Présence Africaine«, das schnell zu einer in Afrika und Europa sehr einflussreichen Publikation wurde – im Sinne der Dekolonisation, des Panafrikanismus und der Négritude. 1949 kamen noch ein Verlag sowie ein Buchladen in der Pariser Rue des Écoles 25 dazu. Letzteren gibt es nach wie vor, genauso wie das Magazin. Die bis heute erfolgreichste Veröffentlichung des Verlags ist die in den fünfziger Jahren erstmals erschienene Schrift »Discours sur le colonialisme« des aus Martinique stammenden Poeten und Politikers Aimé Césaire (1913 – 2008). Auf Deutsch ist sein Buch 2017 als kommentierte Neuausgabe erschienen (»Über den Kolonialismus«, Alexander Verlag).
6Interview mit Alain Resnais am 1. April 1969, Länge: 4:34, abrufbar auf der Website von Institut National de l’Audiovisuel – ina.fr/audio/P12123747
7Nach den offiziellen Zahlen hatte »Les Statues meurent aussi« zwischen 1960 und 1996 insgesamt 125 000 Zuschauer. Seitdem ist der Film auf DVD erhältlich, meist in Kombination mit einem der Spielfilme von Alain Resnais, etwa »Hiroshima, mon amour«. Inzwischen ist das ehedem zensierte Werk im Internet abrufbar (freier Zugang), dort wurde die Originalfassung mit englischen Untertiteln seit 2012 von über 150 000 Menschen gesehen (Stand: Sommer 2019), was eine hohe Zahl von Betrachtern darstellt angesichts des experimentellen Charakters des Films.
8Das Jahr 1960 gilt in Frankreich bis heute als das »Afrikanische Jahr«. Der Prozess, mit dem die 14 Kolonien in die Unabhängigkeit entlassen wurden, verlief sehr unterschiedlich, bisweilen friedlich, manchmal auch ausgesprochen blutig (wie etwa in Kamerun oder auf Madagaskar).
9Eines der schlimmsten Staatsverbrechen Frankreichs während des Algerienkriegs fand in Paris statt. Am 17. Oktober 1961 demonstrierten dort Zehntausende von Algeriern friedlich, aber ohne polizeiliche Genehmigung für die Unabhängigkeitsbewegung FLN. In den Wochen davor waren nach Attentaten von FLN-Kämpfern einige französische Polizisten ums Leben gekommen. Deswegen wurde für Franzosen algerischer Herkunft eine nächtliche Ausgangssperre verhängt. Weil sich die Teilnehmer der Demonstration nicht daran hielten, wurde von dem Polizeipräfekten Maurice Papon ein Schießbefehl erteilt. Der Abend ging als »Massaker von Paris« in die Geschichte ein. Es gibt keine nachweisbaren Zahlen, aber vermutlich wurden über 200 Algerier erschossen, erschlagen oder in die Seine geworfen, in der die meisten ertranken. In den französischen Medien war darüber nichts zu lesen. Erst Jahrzehnte später wurde der Vorfall öffentlich diskutiert. Der aus Tunis stammende Bertrand Delanoë, von 2001 bis 2014 sozialdemokratischer Bürgermeister von Paris, ließ gleich zu Beginn seiner ersten Amtszeit eine Gedenktafel an der Pont Saint-Michel anbringen. Staatspräsident Francois Hollande verurteilte gut zehn Jahre später das Massaker, gedachte der Opfer und entschuldigte sich bei den Hinterbliebenen.
Der Regisseur Michael Haneke wandte sich 2005 in seinem Spielfilm »Caché« gegen die Tabuisierung des Massakers in der französischen Gesellschaft. Auf dem Festival von Cannes, wo der ...

Inhaltsverzeichnis

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Inhalt
  5. Widmung
  6. Geraubt und gut? Die Gier nach dem Besitz des Fremden
  7. Koloniale »Amnesie« oder bewusste Verleugnung?
  8. In alle Welt verscherbelt: Die legendären Bronzen aus Benin
  9. Kann Restitution funktionieren? Na klar!
  10. Was wollen »die Afrikaner«? Zwischen Postkolonialismus und Afrofuturismus
  11. Ich bin’s mal wieder, euer Humboldt Forum!
  12. Ausstellungskonzepte der Zukunft: Eine Reise zu Museen, die es hinbekommen
  13. Sieben Vorschläge zum Umgang mit der kolonialen Vergangenheit
  14. Epilog
  15. Anhang

375,005 Studierende vertrauen auf uns

Zugang zu über 1,5 Millionen Titeln zu einem fairen monatlichen Preis.

Mit unseren Lerntools kannst du noch effizienter lernen.

Häufig gestellte Fragen

Ja, du kannst dein Abo jederzeit über den Tab Abo in deinen Kontoeinstellungen auf der Perlego-Website kündigen. Dein Abo bleibt bis zum Ende deines aktuellen Abrechnungszeitraums aktiv. Erfahre, wie du dein Abo kündigen kannst
Nein, Bücher können nicht als externe Dateien, z. B. PDFs, zur Verwendung außerhalb von Perlego heruntergeladen werden. Du kannst jedoch Bücher in der Perlego-App herunterladen, um sie offline auf deinem Smartphone oder Tablet zu lesen. Erfahre, wie du Bücher herunterladen kannst, um sie offline zu lesen
Perlego bietet zwei Pläne an: Essential und Complete
  • Essential ist ideal für Lernende und Fachkräfte, die es genießen, eine Vielzahl von Themen zu erkunden. Greife auf die Essential Library mit über 800.000 vertrauenswürdigen Titeln und Bestsellern in den Bereichen Wirtschaft, persönliche Weiterentwicklung und Geisteswissenschaften zu. Enthält unbegrenzte Lesezeit und Standard-Vorlesestimme.
  • Complete: Perfekt für fortgeschrittene Lernende und Forschende, die vollen, uneingeschränkten Zugriff benötigen. Entsperre über 1,5 Millionen Bücher zu Hunderten von Themen, einschließlich akademischen und spezialisierten Titeln. Der Complete-Plan enthält außerdem fortschrittliche Funktionen wie Premium Vorlesen und Forschungsassistent.
Beide Pläne sind mit monatlicher, halbjährlicher oder jährlicher Abrechnungskadenz verfügbar.
Wir sind ein Online-Lehrbuch-Abonnement-Service, bei dem du für weniger als den Preis eines einzelnen Buchs pro Monat Zugriff auf eine gesamte Online-Bibliothek erhältst. Bei über 1,5 Millionen Büchern zu mehr als 990 Themen bist du bestens versorgt! Erfahre mehr über unsere Mission
Achte auf das Symbol zum Vorlesen bei deinem nächsten Buch, um zu sehen, ob du es dir auch anhören kannst. Bei diesem Tool wird dir Text laut vorgelesen, wobei der Text beim Vorlesen auch grafisch hervorgehoben wird. Du kannst das Vorlesen jederzeit anhalten, beschleunigen und verlangsamen. Erfahre mehr über die Funktion „Vorlesen“
Ja! Du kannst die Perlego-App sowohl auf iOS- als auch auf Android-Geräten nutzen, damit du jederzeit und überall lesen kannst – sogar offline. Perfekt für den Weg zur Arbeit oder wenn du unterwegs bist.
Bitte beachte, dass wir Geräte, auf denen die Betriebssysteme iOS 13 und Android 7 oder noch ältere Versionen ausgeführt werden, nicht unterstützen können. Mehr über die Verwendung der App erfahren
Ja, du kannst auf Unser Raubgut von Moritz Holfelder im PDF- und/oder ePUB-Format sowie auf andere beliebte Bücher in Art & Art General zugreifen. In unserem Katalog stehen über 1,5 Millionen Bücher zur Verfügung.