Nachdem die DDR 1975 die KSZE-Schlussakte von Helsinki unterzeichnet hatte, forderten immer mehr Bürger ihre Freiheitsrechte ein. Bis 1989 verließen fast 400.000 Menschen die DDR, indem sie ihre »ständige Ausreise« beantragten – ohne bei einem Fluchtversuch ihr Leben zu riskieren. Doch wer einen Ausreiseantrag gestellt und die »Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR« beantragt hatte, musste sich auf eine harte Zeit einstellen und wurde oft wie ein Verräter behandelt – nicht nur von Behörden, oft auch von Vorgesetzten, Kollegen und sogar von Nachbarn oder Familienmitgliedern. Was waren die Motive für das Verlassen der DDR? Wie lebte man in der Zeit zwischen Antragstellung und Ausreise, wenn man sich besser nicht verlieben sollte, wenn man monate- oder jahrelang auf gepackten Koffern saß?
Journalistinnen und Journalisten aus ganz Deutschland erzählen 24 Geschichten von Menschen, die per Ausreiseantrag die DDR verlassen haben, von Repressionen durch die Staatssicherheit, von Familienzusammenführungen und trickreichen Scheinehen.

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Moderne GeschichteDie Überwindung der deutschen Teilung durch Flucht und Ausreise
Eine historische Einordnung

Mauern und Grenzen überwinden zu wollen, gehört zu den immerwährenden Versuchen und Hoffnungen in der menschlichen Geschichte. Sie werden errichtet, um Menschen daran zu hindern, Territorien nach eigenem Gutdünken zu verlassen oder zu betreten. Die Menschheitsgeschichte ist von nichts anderem so stark geprägt worden wie von Wanderungen. Migration war die Vorbedingung jedweder menschlichen Geschichte und Entwicklung, die wiederum immer und überall von Wanderungen – oder ihrer gewaltsamen Unterdrückung! – begleitet worden ist.
In der Geschichte lassen sich zwei Erscheinungen voneinander unterscheiden: Zum einen gehen Menschen über Grenzen – meist flüchten sie. Gegenwärtig sind es laut UNHCR weltweit etwa 70 Millionen Menschen. Ein Drittel davon flüchten über die staatlichen Grenzen ihrer Herkunftsländer; zwei Drittel über innere Grenzen in ihren Heimatländern. Die westliche Welt ist statistisch gesehen davon fast nicht betroffen. Nur zwei bis drei Prozent (!) der flüchtenden Menschen kommen nach Deutschland, Spanien, Italien, Frankreich, Griechenland, Schweden oder in die USA. Viele Medien und die Wahrnehmung in den westlichen Staaten spiegeln andere Größenverhältnisse.
Zum anderen gehen Grenzen über Menschen hinweg. Auch das ist eine ständig wiederkehrende Erscheinung der Menschheitsgeschichte. Deutschland ist ein gutes Beispiel dafür: Wer vor 1945 im schlesischen Breslau geboren wurde und nach 1945 dort wohnen bleiben konnte, lebte fortan in Polen, ohne dass er sich selbst bewegt hatte. Wer aber zum Beispiel 1917 in Breslau von deutschen Eltern geboren wurde, wurde mit größter Wahrscheinlichkeit 1945 vertrieben.
Die SED als Heimathafen
Deutschland war nach 1945 vierfach geteilt worden. 1949 entstand aus der Sowjetischen Besatzungszone die DDR, aus der amerikanischen, englischen und französischen Zone die Bundesrepublik. Für Vertriebene war es zunächst Zufall, in welche Besatzungszone sie kamen. Während 1949/50 in der Bundesrepublik etwa 7,9 Millionen Vertriebene lebten, hielten sich zur selben Zeit auf dem nicht einmal halb so großen Gebiet der DDR rund 4,5 Millionen auf. Das entsprach etwa einem Anteil von 20 Prozent der DDR-Bevölkerung. In manchen Gebieten, insbesondere in Agrarregionen, lag der Anteil bei mehr als 50 Prozent.
Die Vertriebenen nahmen in der DDR in den 1950er-Jahren unterschiedliche gesellschaftliche Positionen ein. Zwischen 750 000 und einer Million Menschen kehrten der DDR bis zum Mauerbau 1961 den Rücken und flüchteten in den Westen. Da die Vertriebenen ihre heimatlichen Wurzeln verloren hatten, fiel ihnen auch die Flucht aus der DDR weitaus leichter als jenen, die seit vielen Generationen regional verankert waren. Andererseits erwiesen sich viele »Umsiedler« – der Begriff »Vertriebene« war in der DDR offiziell untersagt – als integrations- und assimilierungswillig. Die Bodenreform bescherte auch Hunderttausenden Vertriebenen eigenes Land. Zwar verließen Zehntausende in den darauf folgenden Jahren den Agrarsektor, aber zugleich blieben Zehntausende, die in den 1950er-Jahren eine entscheidende Rolle bei der Kollektivierung der Landwirtschaft spielten. Weil sie in den Dörfern nicht verwurzelt waren und dort jahrzehntelang als Außenseiter und Zuzügler behandelt wurden, benutzten sie oftmals die SED als »Heimathafen«. Viele Kinder von Vertriebenen fanden hier politische Betätigungsfelder und gesellschaftliche Integrationsangebote. Die herrschende Partei bot ihnen politische und soziale Aufstiegschancen, die ihnen ohne die SED verwehrt gewesen wären – so jedenfalls die Wahrnehmung vieler Betroffener.
Je nach Lebensentscheidung ging man über eine oder mehrere Grenzen. Blieb man auch nach dem Mauerbau in der DDR, und feierte man beispielsweise 1992 seinen 75. Geburtstag, dann hatte man 1990 erlebt, wie erneut Grenzverschiebungen das staatliche Gemeinwesen veränderten. Ein einziges Leben – und allein in Deutschland gab es viele Millionen derartige Schicksale im 20. Jahrhundert – erfuhr die Wanderung von Menschen über Grenzen und die Grenzwanderung über Menschen hinweg. Wenn man nun noch bedenkt, dass der 1917 Geborene sechs politische Systeme erlebte (Kaiserreich, Weimarer Republik, NS-Diktatur, Sowjetische Besatzungszone, DDR, vereinigtes Deutschland), wird man kaum behaupten wollen, gesellschaftspolitischer Wandel und damit einhergehende Grenzwanderungen stellten Ausnahmefälle dar.
Staatliche Grenzen, Mauern, Sperranlagen richten sich von jeher gegen Eindringlinge. Das war im sowjetischen Machtbereich anders. Die Befestigungsanlagen, der militärisch abgesicherte Ausbau der Grenzen richteten sich nicht gegen äußere, sondern vorrangig gegen innere Feinde, gegen die, die dem System den Rücken kehren wollten. Bis heute wissen wir nicht, wie viele Menschen zwischen Kamtschatka, der bulgarisch-griechischen und der innerdeutschen Grenze den Tod fanden. Zugespitzt kann man formulieren: Die Mauer war für die Kommunisten ein Überlebensbauwerk. Sie wurde errichtet, um das System zu stabilisieren. Als die Mauer fiel, war nicht nur die DDR dahin, das ganze kommunistische System brach zusammen.
Eine Mauer lag für viele Menschen im Berlin der 1950er-Jahre nicht außerhalb der Vorstellungswelt. Seit der Berlin-Blockade 1948/49, der eigentlichen Geburtsstunde West-Berlins, war für Berliner und Berlinerinnen eigentlich alles denkbar. Nach 1948 waren die innerdeutsche Grenze und die Westsektoren vom Ostsektor immer stärker separiert, seit 1952 war die innerdeutsche Grenze abgeriegelt worden. In Berlin wurden die Infrastruktur, die Telefonleitungen, teilweise sogar die Kanalisation unterbrochen. 1957 wurde die »Republikflucht« zu einem Straftatbestand erklärt, der mit drei Jahren Gefängnis geahndet werden konnte. Der Versuch war bereits strafbar. 1968 und 1979 wurden die Strafen auf bis zu fünf beziehungsweise acht Jahre erhöht. Als am 13. August 1961 der Mauerbau begann, war es dennoch für viele ein Schock. Erst allmählich erwuchs aus dem Drahtzaun und den Straßensperren ein Mauersystem, das immer unüberwindbarer wurde. Für den Historiker liegt die eigentliche Überraschung darin, dass die Mauer erst 1961 gebaut wurde.
Zwischen 1949 und Sommer 1961 flüchteten rund drei Millionen Menschen aus der DDR. In Krisenjahren wie 1953 oder 1961 schnellten die Flüchtlingszahlen in die Höhe. Der Bau der Mauer am 13. August 1961 stoppte den Übersiedlerstrom. 1962 bis 1965 konnten aber immerhin noch mehr als 50 000 Menschen flüchten (jeden Tag durchschnittlich 32), mit dem Ausbau des Grenzregimes gingen die Zahlen zurück. In den 1970er-Jahren flüchteten jährlich etwa 4800 Menschen (täglich im Durchschnitt 13), zwischen 1980 und 1985 waren es jährlich noch rund 3000. Der Schießbefehl brachte viele Menschen von ihren Fluchtgedanken ab. Doch die Anzahl der vereitelten Fluchten übertraf die erfolgreichen: 75 000 bis 100 000 Menschen wurden seit 1961 wegen Fluchtversuchen verurteilt, in der Regel zu Gefängnisstrafen zwischen einem und drei Jahren. Unter den etwa 34 000 aus DDR-Haftanstalten ab Herbst 1963 von der Bundesregierung freigekauften politischen Häftlingen befanden sich viele wegen »Republikflucht« Verurteilte.
Viele DDR-Bürger, die ihrem »Vaterland« den Rücken kehren wollten, waren erfinderisch. Hunderte fanden dabei den Tod, etwa wenn sie über die Ostsee nach Dänemark oder die Donau zwischen Rumänien und Jugoslawien schwimmend den Westen erreichen wollten. Andere versuchten schlicht die Mauer oder die innerdeutschen Grenzanlagen zu überwinden, was gefahrvoll war, weil dort nicht nur scharfe Hunde, schwer bewaffnete Soldaten, Tretminen und Selbstschussanlagen sowie »Freiwillige Helfer der Grenztruppen« lauerten, sondern auch weil die Grenzanlagen aus mehreren Mauern und Zäunen bestanden. Wiederum andere bauten sich U-Boote, bastelten Ballons, gruben Tunnel, konstruierten Flugzeuge oder Hubschrauber oder versuchten sich in Westautos herausschmuggeln zu lassen.
Der Westen wirkte wie ein Dauermagnet
Der Westen war im Osten omnipräsent, er wirkte wie ein Dauermagnet. An erster Stelle standen Fernseh- und Radiosender. Die in westlichen Medien vermittelten Bilder haben die Sicht vieler Ostdeutscher auf den Westen geprägt. Sie kompensierten die Informationsleere der DDR-Medien. Die DDR-Gesellschaft war in weiten Teilen eine informelle Nachahmungsgesellschaft. Fast alles, was nach Bundesrepublik roch, so aussah oder so schmeckte, schien erstrebenswert. Im ganzen Land blühten illegale Märkte für westliche Produkte. Dort gab es alles, was das Herz begehrte. Zur inoffiziellen zweiten Währung in der DDR avancierte die D-Mark. Hatte man Westgeld, war praktisch alles zu haben. In den 1980er-Jahren konnten es sich Handwerker und andere Dienstleistende angesichts der großen Nachfrage erlauben, ihre Arbeit allein gegen Westgeld anzubieten. Viele sprachen insofern von einer Zweiklassengesellschaft: Die eine Klasse verfügte über Westgeld, die andere nicht. Dies beförderte Unzufriedenheit und die Sehnsucht nach dem »richtigen« Westen.
Millionenfache Familien- und Freundesbande bestanden zwischen beiden deutschen Staaten. Seit Ende 1964 durften Rentner einmal jährlich in den Westen reisen, später insgesamt 60 Tage im Jahr. Nach Inkrafttreten des Grundlagenvertrages konnten ab Juni 1973 jährlich einige Tausend jüngere Menschen in »dringenden Familienangelegenheiten« (Geburt, Taufe, Hochzeit, Hochzeitsjubiläen, runde Geburtstage, hohe Geburtstage, schwere Erkrankungen, Todesfälle) reisen. Bis 1985 gab es jährlich im Durchschnitt 1,3 Millionen Rentnerreisen. Die Privatreisen »in dringenden Familienangelegenheiten« stiegen nur langsam an: 1982 verzeichnete die Statistik 110 000, 1983 118 000, 1984 124 000 und 1985 139 000 derartige Reisen.
Unter dem Druck, an die Bundesrepublik Zugeständnisse machen zu müssen, um Wirtschafts- und Finanzhilfen zu erhalten, lockerte die SED-Führung die Genehmigungspraxis ab 1986 deutlich. Die entsprechenden Beschlüsse wurden zwar nicht veröffentlicht, aber sie sprachen sich schnell herum. 1986 konnten 573 000, 1987 1,3 Millionen, 1988 rund 1,6 Millionen und im ersten Halbjahr 1989 829 000 »Reisen in dringenden Familienangelegenheiten« unternommen werden. 1987 bis 1989 lehnten die Behörden wiederum eine weitere Million Reiseanträge ab oder nahmen diese »wegen fehlender Voraussetzungen« erst gar nicht an. Darüber hinaus verdreifachten sich die Rentnerreisen. Im selben Zeitraum reisten jährlich fünf bis acht Millionen Menschen aus der Bundesrepublik und West-Berlin privat in die DDR.
Doch die größere Reisetätigkeit erwies sich – anders als erhofft – nicht als Entlastung für die SED. Statt die Geister zu beruhigen, bewirkte eine Westreise eher das Gegenteil. Nach der Rückkehr hatten viele nur eines im Sinn: so schnell wie möglich wieder rüber. Das von der Bundesregierung maßgeblich initiierte und geförderte private Besuchsprogramm war einer der nachhaltigsten Destabilisierungs- und Delegitimierungsfaktoren für die SED-Diktatur. Hunderttausende Menschen konnten nun selbst Vergleiche anstellen. Hinzu kam, dass die Genehmigungspraxis einmal mehr die rechtlose Stellung des Einzelnen deutlich machte. Jeder Antrag war von der willkürlichen Entscheidung der Genehmigungsstellen abhängig. Noch größerer Frust stellte sich bei der Bevölkerungsmehrheit ein, die gar nicht in den Westen fahren durfte. Praktisch war jeder benachteiligt, der kein Familienmitglied in der Bundesrepublik oder in West-Berlin hatte. Auch wenn Hunderttausende DDR-Bürger in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre reisen durften, Millionen durften es nicht. Die Statistik half den Zukurzgekommenen nicht wirklich.
»Erich, nimm uns mit!«
Am 7. September 1987 legte die West-Berliner taz aus Anlass des Staatsbesuches von Erich Honecker in Bonn ihrer Ausgabe ein dem Neuen Deutschland nachempfundenes Blatt bei. In großen Lettern stand da: »›Erich, nimm uns mit!‹ Werktätige bereiten dem Staatsratsvorsitzenden einen würdevollen und herzlichen Abschied«. Der Spruch »Erich, nimm uns mit!« brachte auf den Punkt, was Millionen Ostdeutsche begehrten: in den Westen zu reisen. Hunderttausende wollten allerdings nicht nur besuchsweise ausreisen, sondern für immer. Flucht und Ausreise bildeten die zentralen Destabilisierungsfaktoren von Staat und Gesellschaft im gesamten Zeitraum der DDR-Existenz. Wenn im Westfernsehen ein Spielfilm oder eine Dokumentation zum Thema Flucht aus der DDR ausgestrahlt wurden, waren die Einschaltquoten im Osten besonders hoch. Nachdem das ZDF am 17. Juni 1985 den Spielfilm Mit dem Wind nach Westen gezeigt hatte, vermerkte ein Stasi-Bericht aus Pritzwalk: »Dieser Film wurde von breiten Bevölkerungskreisen (…) verfolgt. Von 80 abgeschöpften Bürgern waren 76 über dieses ›Machwerk‹ begeistert. Solche Meinungen, wie ›Der Film war spannend und ich mußte richtig mitfiebern, daß diese Flucht auch gelingt‹; ›Diese Leute und ihr Mut waren zu bewundern‹; ›Da gibt es noch mehr Möglichkeiten und Methoden zum illegalen Verlassen der DDR‹ waren in den Diskussionen keine Seltenheit.«
Bis Ende 1988 gab es in der DDR keine Rechtsgrundlage dafür, einen »Antrag auf ständige Ausreise« in die Bundesrepublik stellen zu können. Lediglich im Fall von »Familienzusammenführung« und anderen »humanitären Gründen« prüften die Behörden den Antrag, sonst galt er als »rechtswidrig«. Bereits einen Ausreiseantrag zu stellen, galt als illegal und konnte mit Gefängnisstrafe geahndet werden. Nachdem Vertreter von 35 Staaten des Ost- und Westblocks, darunter die DDR, am 1. August 1975 die »Schlussakte von Helsinki« unterzeichnet hatten, stiegen die »Anträge auf Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR« deutlich an.
Die UdSSR hatte sich seit den 1950er-Jahren bemüht, eine Konferenz der europäischen Staaten einzuberufen, um ein System kollektiver Sicherheit zu schaffen. Taktisch ging es ihr darum, die Nato zu schwächen. Gegen Ende der 1960er-Jahre, als sich der Ost-West-Konflikt entspannte, gingen die Nato-Staaten auf diese Initiative ein, forderten aber zugleich, auf der Konferenz auch die Einhaltung der Menschen- und Bürgerrechte in den einzelnen Staaten zu behandeln. Auf diesen Kompromiss ließ Moskau sich ein. An der Konferenz nahmen außer Albanien alle europäischen Staaten sowie Kanada und die USA teil. Im Mittelpunkt der Diskussionen standen drei Themenbereiche (»Körbe«): Korb I: Fragen zur Sicherheit Europas; Korb II: Zusammenarbeit in den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft, Technik und Umwelt; Korb III: menschliche Kontakte, Kultur- und Informationsaustausch. Insbesondere um Korb I und Korb III gab es kontroverse Diskussionen.
Die Schlussakte sollte in allen Unterzeichnerstaaten vollständig veröffentlicht werden. Insbesondere die Verpflichtungen, die Menschenrechte und Grundfreiheiten zu wahren und zu achten, den grenzüberschreitenden Reiseverkehr nicht zu behindern, der Bevölkerung Informationsmaterialien zur Verfügung zu stellen und hinreichende Arbeitsbedingungen für ausländische Journalisten zu schaffen, dienten fortan oppositionellen und ausreisewilligen Personen in den kommunistischen Staaten als eine willkommene Argumentationshilfe, um ihre Aktivitäten und Ausreiseersuchen mit dem Hinweis auf die KSZE-Akte abzusichern.
Der 1972 einsetzende KSZE-Prozess sowie die Aufnahme der DDR 1973 in die UNO, wobei sie 1974 die internationalen Pakte über bürgerliche und politische sowie soziale, wirtschaftliche und kulturelle Rechte vom 19. Dezember 1966 ratifizierte und die »Allgemeine Erklärung der Menschenrechte« vom 10. Dezember 1948 anerkannte, bewirkten, dass die Menschenrechte vor allem in oppositionellen und kirchlichen Kreisen stärker thematisiert wurden. Zugleich versuchten Ausreisewillige, ihr Verlangen, das Land zu verlassen, mit Hinweisen auf die ratifizierten Verträge und Abkommen zu begründen.
Der Mielke-Befehl 6/77
Da die SED diesem Engagement nicht tatenlos zusehen wollte, verschärfte sie 1979 mit dem 3. Strafrechtsänderungsgesetz das politische Strafrecht. So wurde Paragraf 219 des Strafgesetzbuches (StGB) »Ungesetzliche Verbindungsaufnahme« derart verändert, dass jeder Versuch, internationale (auch bundesdeutsche) Organisationen und Institutionen um Hilfe oder Beistand zu bitten, kriminalisiert werden konnte. Ebenfalls verschärft wurde Paragraf 99 »Landesverräterische Nachrichtenübermittlung«, sodass bereits die Sammlung nicht geheimer Nachrichten und Materialien unter Strafe gestellt werden konnte. Neben der drakonischen Verschärfung des politischen Strafrechts wurde im Januar 1976 die Richtlinie des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) Nr. 1/76 in Kraft gesetzt, die konkrete Zersetzungsmaßnahmen in »Operativen Vorgängen« festschrieb, bei denen keine strafrechtlichen Konsequenzen gezogen wurden. Um gegen die zunehmende Zahl der Ausreiseanträge vorzugehen, erließ Staatssicherheitsminister Erich Mielke am 18. März 1977 den Befehl Nr. 6/77 zur »Vorbeugung, Verhinderung und Bekämpfung feindlich-negativer Handlungen im Zusammenhang mit rechtswidrigen Versuchen von Bürgern der DDR, die Übersiedlung nach nichtsozialistischen Staaten und Westberlin zu erreichen, sowie zur Unterbindung dieser rechtswidrigen Versuche«. Ab Herbst 1983 bezeichnete das MfS diese Personengruppe als »Übersiedlungsersuchende«. Von 1977 bis zum Sommer 1989 wurden in der DDR etwa 20 000 Ermittlungsverfahren gegen Ausreiseantragsteller eingeleitet.
Erst auf internationalen Druck hin wurde am 30. November 1988 eine vage Rechtsgrundlage fixiert. Die 1983 erlassene Verordnung zur Regelung der Familienzusammenführung und Eheschließung zwischen Bürgern der DDR und Ausländern brachte der SED-Führung keine Entlastung, da der Personenkreis eng begrenzt blieb. Ab Mitte der 1970er-Jahre stieg die Zahl der Ausreiseanträge kontinuierlich und lag 1977, im Jahr nach der »Ausbürgerung« Wolf Biermanns, mit 8400 am höchsten. 1980 lagen den Behörden 21 500 Ausreiseanträge vor, 1985 waren es 53 000, 1987 mehr als 105 000 und zum Sommeranfang 1989 rund 160 000. I...
Inhaltsverzeichnis
- Cover
- Titel
- Impressum
- Inhalt
- Vorwort
- Die Überwindung der deutschen Teilung durch Flucht und Ausreise
- »Der Uwe wollte schon immer weg«
- »Im Knast wussten sie mehr über Ausreiseanträge als draußen«
- »Das Schlimme war die Ungewissheit«
- »Jetzt nicht die Wut verlieren«
- »Ich war ein ›hartnäckiger rechtswidriger Übersiedlungsersuchender‹«
- »Freiwillig bin ich nicht ausgereist«
- »Wie in einem gepolsterten Mercedes«
- »Ich wollte meine Heimat nicht SED und Stasi überlassen«
- »Sehnsucht nach dem Kurfürstendamm«
- »Okay, jetzt oder nie«
- »Unsere Kinder sollten keine Duckmäuser werden«
- »Sechs Koffer und ein pubertierendes Kind«
- »Wir waren verzweifelte Linke«
- »Plötzlich hatte ich zwölf Freundinnen«
- »Aktion Störenfried«
- »Ich war so wütend«
- »Wir haben immer die Grenzen ausgetestet«
- »Wir haben alles richtig gemacht«
- »Ich hatte keinen Schlüssel mehr«
- »Ich bin ein deutsch-deutscher Zwitter«
- »Nicht alles Gold«
- »Wir hatten verdrängt, dass wir wegwollten«
- »Wir waren gefährlich übermütig«
- »Safari durch den Sozialismus«
- Ankunft in der Bundesrepublik
- Warum Menschen ihre Heimat verlassen
- Anhang
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