Von Mensch zu Mensch
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Von Mensch zu Mensch

Möglichkeiten, sich und anderen zu begegnen

  1. 288 Seiten
  2. German
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  4. Über iOS und Android verfügbar
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Von Mensch zu Mensch

Möglichkeiten, sich und anderen zu begegnen

Über dieses Buch

Dieses Buch stammt aus dem Jahre 1967. Fasziniert spüren wir beim Lesen die unbekümmerte Frische, die Aufbruchsstimmung und die Hoffnung jener Zeit. Der Aufruf der beiden Autoren, des Gesprächstherapeuten Carl R. Rogers und der Gestalttherapeutin Barry Stevens, zu einem freien, selbstbestimmten und glücklichen Leben, hat an Aktualität bis heute nichts verloren.Schon die unvergleichliche Gestalt dieses Buches ist ein wirklich beachtliches Projekt: Barry Stevens sammelte einige grundlegende Artikel zur Gesprächstherapie von Carl R. Rogers, Eugene T. Grendline, John M. Shlien und Wilson van Dusen. Dazu beschrieb sie ihren eigenen inneren Prozess beim Lesen dieser Beiträge: ihre Reaktionen, Gedanken, Erinnerungen, Erfahrungen… So verbinden sich auf eine einzigartige Weise Wissenschaft und Lebenspraxis.

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Information

Barry Stevens

IV

Ich wußte, die Masse der Menschen verbirgt ihre Gedanken aus Angst vor Entdeckung und vor der Begegnung mit anderen, vor deren Gleichgültigkeit oder ihrem Vorwurf und Tadel.
Ich wußte, sie lebten und bewegten sich vortäuschend hinter Masken, entfremdet für den Rest der Menschheit, und auch sich selber fremd.
Matthew Arnold, »The Buried Life«
Wir besitzen die irrwitzige Begabung zum Betrügen. Die Erinnerung an mein inneres Wissen um diesen Betrug liegt so weit zurück wie mein drittes Lebensjahr:
Meine Mutter und mein Vater lachen über mich, weil ich von einem Loch im Boden fasziniert bin. Das Loch wird in der nächsten Straße gegraben, also kann ich dorthin nicht allein gehen. Ich warte aufgeregt auf meinen Vater, der mich mitnehmen soll. Als er es tut, schaue ich in das sich immer mehr vertiefende Loch mit der gleichen Faszination, wie ich meine Mutter beobachte, wenn sie Kartoffeln schält; ich bemerke die sich verändernde Form, die sich ändernde Farbe, das sich ändernde Gewebe und den sich ändernden Duft sowohl bei Löchern im Boden als auch bei Kartoffeln.
Mein Vater sagt zu meiner Mutter: »Ein Loch im Boden!« (An der Art, wie er es sagt, erkenne ich, daß es nichts Großartiges ist.) »Man hätte glauben können, daß unten im Loch ein Magnet sei. Wenn ich sie nicht an der Hand gehalten hätte, wäre sie geradewegs hineingefallen.« (Ich kann all die Worte nicht auf einmal verstehen. Es sind zu viele dabei, die ich nicht kenne. Ich höre sie später wieder, als mein Vater sie jemandem erzählt, und ich erinnere mich an das Leid, und wie ich damit umging.)
Mein Vater und meine Mutter lachen zusammen und sind zärtlich mit mir und lieben mich, aber sie verstehen nicht. Ich fühle mich allein, und meine Verzauberung läuft aus, als wäre ich leck. Ich bin wütend wie jemand, der verletzt ist. Ich bin einen Moment lang ehrlich zu mir selbst und grolle meinen Eltern.
Sie necken mich dann, weil man Kinder bei Laune halten muß. Und dann bin ich nicht ehrlich zu mir. Ich lache, denn in der Erwachsenenwelt, an der ich gern teilhaben möchte, gehört sich das so. (Ein paar Jahre später lasse ich eine Murmel in die Löcher fallen, die mich anziehen, so daß ich, falls jemand vorbeikommt, sagen kann, daß ich meine Murmel suche, und nicht, daß ich mich an dem Loch freue, was lächerlich wäre.)
Es gibt Zeiten, da grolle ich meinen Eltern, nicht weil sie mich mißverstehen oder nicht verstehen, sondern weil ich entdeckt habe, daß das ein Weg ist, ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Und dann, wenn sie mich vom Groll zum Gelächter herumgekriegt haben, sind sie mit sich und mir sehr zufrieden.
Und ich bin mit mir zufrieden, daß ich das herausgefunden habe. Vom Glücksgefühl wegen eines Loches im Boden bis dorthin ist es ein langer Weg.
Weniger als drei Jahre auf der Welt, und schon in diese Art Schläue verstrickt. Ich habe das nicht von mir aus entwickelt. Meine Eltern haben mich schon betrickst, und ich sehe andere Betrügereien bei Tanten und Onkeln, beim Großvater …
Meine Eltern und ich, wir lieben uns und freuen uns aneinander. Meistens gehen wir ziemlich feinfühlig miteinander um. Wir wissen nicht, daß wir zunehmend oberflächlicher werden, daß eine Dimension fehlt und daß ihr Mangel an Respekt für mich in mir einen Mangel an Respekt für sie entstehen läßt. In äußeren Dingen respektieren sie mich, wenn sie mich das Geländer auf der Veranda anmalen und Sachen tragen lassen, die zerbrechen würden, wenn ich sie fallen ließe, aber sie respektieren nicht mein Inneres, weil sie denken, daß ich keins habe.
Wenn ich auf dem Fußboden spiele, reden sie untereinander oder mit anderen Leuten über Dinge, für die ich »zu klein bin, um sie zu verstehen«, also ist es in Ordnung, wenn sie darüber reden. Aber sie wissen nichts von meinem Verstehen, und ich habe keine Möglichkeit, es ihnen zu sagen. So geht in meinem Kopf alles durcheinander. Manchmal verstehe ich etwas und bin verletzt. Ein anderes Mal verstehe ich etwas nicht und versuche, mir etwas zusammenzureimen, und habe nicht genug Informationen im Kopf, um zu einem sinnvollen Ergebnis zu kommen. Also ist das, was ich zusammenreime, Unsinn, aber das weiß ich nicht. Manchmal bleibt das, was ich daraus mache, offen. Ich verstehe es einmal so – und bin verletzt, also reime ich es mir anders zusammen, damit ich mich wohlfühle. Aber es entwischt mir, und ich weiß nicht, was stimmt. Ich bin zu jung, um zu wissen, daß Verwirrung das Wort für mein Dilemma ist.
Für meine Eltern, Tanten und Onkel ist mein Leben schön: ich habe liebevolle Eltern, Tanten und Onkel und: »Wie herrlich ist es, ein Kind zu sein und keine Sorgen zu haben.«
Für mich scheint es oft, daß ich von den falschen Eltern geboren worden sein muß, oder daß dies nicht meine Eltern sind, weil meine wirklichen Eltern mich kennen würden.
Meine Schwester, sechs Jahre älter als ich, verwirrt mich, weil sie manchmal ein Kind wie ich, und dann plötzlich ist sie ganz anders und redet wie eine Erwachsene. Sie sagt mir, wie ich denken und fühlen soll. Sie sagt, es ist dumm, was ich denke und fühle. Einen Moment vorher war sie einer Meinung mit mir. Manchmal streite ich mit meiner Schwester darüber. Aber manchmal sage ich, daß ich denke und fühle wie sie, und dann fühle ich mich GROSS.
Aber dann werde ich ganz durcheinander und schreie: »Wer bin ich?« Und keiner hilft mir dabei, weil das eine dumme Frage ist. Ich bin ich. Wer könnte ich sonst sein? Das scheint mir auch so, also warum weiß ich es dann nicht? Mit mir scheint etwas so sehr nicht in Ordnung zu sein, daß niemand mit mir darüber sprechen will.
Ich rede mit meinem Hund und meinen Puppen und mit den Bäumen. Sie verwirren mich nicht, weil sie zuhören, und ich kann alles sagen, was ich will, und sie sagen nichts dazu. Sie hören weiter zu. Und dann fange ich an, mich selbst zu hören, und weiß, daß ich es bin.

Carl R. Rogers

Lernen, frei zu sein4

Ich möchte Ihnen ein Erfahrungsmuster beschreiben, das ich beobachtet und an dem ich teilgenommen habe. Es handelt sich um eine Erfahrung, die ich in zahlreichen Abänderungen bei vielen Menschen erlebt habe; bei jedem Menschen drückt sich diese Erfahrung nach außen hin unterschiedlich aus, hat jedoch offensichtlich einen gemeinsamen Kern. Es ist eine Erfahrung, für die ich schon viele Begriffe verwendet habe, wenn ich darüber nachzudenken versuchte: das Werden einer Persönlichkeit; die Freiheit, zu sein; Mut zum Sein; Lernen, frei zu sein; dennoch ist diese Erfahrung breitgefächerter und geht tiefer als irgendeiner dieser Begriffe. Es ist auch möglich, daß die Wörter, die ich dafür benutze, mißverständlich sind. Meine Ideen und Vermutungen, die sich auf diese Erfahrung stützen, sind vielleicht falsch oder teilweise falsch. Aber die Erfahrung selbst ist existent. Jeder, der diese Erfahrung beobachtet oder an sich erlebt hat, ist von diesem Phänomen zutiefst beeindruckt.
Die Erfahrung, Freiheit zu lernen
Die Erfahrung, auf die ich mich beziehe, ist ein zentraler Entwicklungsprozeß oder ein zentraler Aspekt von Psychotherapie. Ich meine die Erfahrung der Entwicklung zu einer autonomeren, spontaneren und vertrauensvolleren Person. Es ist die Erfahrung der Freiheit, man selbst zu sein.
In der Beziehung zu einem tüchtigen Therapeuten – und ich werde noch mehr über die Qualitäten einer solchen Beziehung zu sagen haben – entwickelt sich der Klient allmählich in die Richtung einer neuen Art der Selbstverwirklichung, der wachsenden Erkenntnis, daß er sich in gewisser Weise für sich selbst entscheidet. Das ist normalerweise kein plötzlicher Einbruch von Erkenntnis, es sind tastende, ambivalente, verwirrte und unsichere Bewegungen auf einem neuen Gebiet. Der Klient beginnt zu erkennen: »Ich lebe nicht unter dem Zwang, auf das Geschöpf und das Bild der anderen reduziert, durch ihre Erwartungen geformt und von ihren Forderungen geprägt zu werden. Ich muß nicht gezwungenermaßen das Opfer von unbekannten Kräften in mir selbst werden. Ich bin immer weniger das Geschöpf der Einflüsse, die außerhalb meines Gesichtskreises im Reich des Unbewußten regieren. Ich werde mehr und mehr zum Baumeister meines Selbst. Ich habe die Freiheit, zu wünschen und zu wählen. Ich kann, indem ich meine Individualität, mein gegenwärtiges ›Sein‹ akzeptiere, dafür sorgen, daß ich immer mehr zu meiner Unverwechselbarkeit und zu meinen Möglichkeiten werde.«
Charakteristische Züge dieser Erfahrung
Es gibt einige Charakteristika dieser Erfahrungen. Die Entwicklung verläuft so, daß der Klient zunächst seine eigenen Gefühle fürchtet und sich ihnen gegenüber verteidigt, während er später seine Gefühle sein lassen und in ihm leben lassen kann – sie werden nun als seinem Dasein zugehörig akzeptiert und anerkannt. Nachdem der Klient zu manchen Aspekten seiner Erfahrung den Kontakt völlig verloren hat, bewegt er sich nun auf eine freiere innere Kommunikation, auf eine größere Wahrnehmung dessen zu, was im Augenblick mit ihm vorgeht. Ein Klient sagt: »In Wirklichkeit bin ich nicht der liebe, geduldige Junge, den ich immer vorzutäuschen versuche. Gewisse Sachen können mich ärgern. Manchmal möchte ich jemanden anfahren, und manchmal möchte ich sehr selbstsüchtig sein; und ich weiß nicht, warum ich vortäuschen soll, daß ich nicht so sei.
Weiterhin ersetzt der Klient allmählich die Wertvorstellungen, die er von anderen übernommen hat, durch die, die er für sich selbst in der Gegenwart erlebt. Von seiner Existenz als jemand, der nur dazu da ist, die Erwartungen anderer zu erfüllen, entwickelt er sich zu jemandem, der selbst entscheidet, der eigene Gefühle, eigene Ziele und Vorstellungen hat. Eine junge Frau sagt: »Ich habe immer das getan, was die anderen von mir erwarteten, aber jetzt überlege ich, ob ich nicht einfach zusehen sollte, daß zu sein, was ich bin.«
Ein anderer wichtiger Grundzug dieser Erfahrung ist, daß der Klient sich von einer Person, die durch äußere und innere Kräfte außerhalb ihrer Kontrolle getrieben und beeinflußt wird, zu einer Person entwickelt, die verantwortliche Entscheidungen trifft. Ein Klient erzählt, daß er immer das Gefühl gehabt habe, seine Familie sei für alle seine Schwierigkeiten verantwortlich, und dann fügt er hinzu: »Aber jetzt, wo ich all das sehe, was sie gemacht haben, denke ich, daß ich nun dran bin.« Ein Mann, der jahrelang in einem Krankenhaus gelebt hat, macht in der Therapie große Fortschritte bis zu dem Punkt, an dem er sich einer sehr verwirrenden Lage, seine Entlassung aus dem Krankenhaus betreffend, gegenüber sieht. Er reflektiert sowohl seine Verwirrung als auch seine neugeborene Selbständigkeit und sagt: »Ich weiß nicht, was ich tun werde, aber ich werde es tun.«
Ein anderes Merkmal dieser Erfahrung besteht darin, daß der Klient sich von einem Mißtrauen gegen die spontanen und unbewußten Aspekte seines Selbst löst und ein grundlegendes Vertrauen in sein Erleben und in seinen Organismus entwickelt. Dies wird sein solides Instrument, dem Leben zu begegnen. Die Klienten finden viele Möglichkeiten, diese Gehversuche auszudrücken, die zu einem größeren Vertrauen zu den tiefer liegenden Aspekten ihres Selbst gehören. Ein Mann sagt: »Ich habe das Gefühl, daß ich meine Ausgangspositionen verlassen muß, die ich jetzt habe und von denen aus ich mich betrachte. Irgendwie muß ich weniger bewußt und eher spontan werden. Mehr die Position des Passagiers als die des Fahrers einnehmen. Mehr zusehen, wie die Dinge laufen, wenn man sie laufen läßt. Aber mir ist das noch sehr unheimlich.« Ein anderes Mal drückt er das gleiche Gefühl aus, als er über seine geheimsten Gedanken redet: »Die Schmetterlinge sind die Gedanken, die am dichtesten unter der Oberfläche sind. Darunter ist eine tiefere Strömung … Die tiefere Strömung ist wie eine große Schule von Fischen, die unter der Oberfläche schwimmen. Ich sehe welche, die die Wasseroberfläche durchbrechen, sitze da mit meiner Angel in der Hand und versuche, einen besseren Köder zu finden. Oder, noch besser, ich versuche, eine Möglichkeit zu finden, hineinzutauchen. Das ist eine schreckliche Sache. Ich habe die Vorstellung, daß ich selbst einer der Fische sein möchte.« Der Therapeut sagt: »Sie möchten auch dort unten entlangschwimmen.« Dieser Wunsch, mit der unterirdischen Spontaneität eins zu sein, ist ein realer Teil der Erfahrung, die ich zu beschreiben versuche.
Noch ein anderes Element dieser Erfahrung ist die Ambivalenz und Angst des Klienten hinsichtlich seiner Entwicklung zu dieser verantwortungsvollen Freiheit. Es ist keine einfache Angelegenheit, zu dem zu stehen, was man ist, und die Klienten schrecken davor zurück im gleichen Maße, wie sie sich darauf zubewegen. So eine junge Frau, die einen großen Schritt vorwärts zu ihrer Selbstverwirklichung gemacht hat: »Ich kann mich auf niemand anderen verlassen, daß er mir eine Ausbildung gibt. Ich muß selbst etwas dafür tun.« Sie folgt diesem Gedanken einen Augenblick später und sagt: »Ich’ habe das Gefühl von Stärke, und dennoch habe ich das Gefühl, daß es mir irgendwie Angst macht.«
Ich hoffe, daß das bis hierher Gesagte die Bedeutung dessen enthüllt, was ich meine, wenn Klienten sich in einer befriedigenden therapeutischen Beziehung einem Prozeß unterziehen, der von ihnen selbst hervorgerufen wird und bei dem sie allmählich lernen, frei zu sein. Dieser Lernprozeß setzt sich sowohl aus einer Bewegung von etwas weg als auch aus einer Bewegung zu etwas hin zusammen. Von Menschen, die von inneren unverständlichen Kräften getrieben werden und diesen Gefühlen und sich selbst gegenüber ängstlich und mißtrauisch sind, die mit Wertvorstellungen leben, die sie von anderen übernommen haben, entwickeln die Klienten sich zu Menschen, die ihre eigenen Gefühle akzeptieren und sogar genießen, die tieferen Schichten ihrer Natur wertschätzen und ihnen vertrauen, die Stärke darin finden, unverwechselbar sie selbst zu sein, und die mit Wertvorstellungen leben, die sie selbst erfahren haben. Dieser Lernprozeß befähigt sie, individueller, schöpferischer, aufgeschlossener und verantwortlicher zu sein. Wie ich darzustellen versucht habe, sind sich Klienten der Richtungen, die sich in ihnen entwickeln, oft sehr bewußt, wenn sie sich mit Angst darauf zubewegen, ungehindert sie selbst zu sein.
Die moderne Ansicht von der Unfreiheit des Menschen
Für manche Menschen scheint es im Widerspruch zu der modernen Welt zu stehen, wenn man – wie ich – behauptet, daß Freiheit erlernbar sei. Heutzutage wächst die Zahl derer, die glauben, der Mensch sei zutiefst unfrei. Er sei unfrei in einem kulturellen Sinne. Er sei ganz offensichtlich eine Schachfigur der Regierung. Durch Massenpropaganda werde er zu einem Wesen geformt, das bestimmte Meinungen und Ansichten habe, mit Wünschen versehen und von den existierenden Mächten vorgeplant werde. Er sei ein Produkt seiner Gesellschaftsklasse – der unteren, mittleren, oder oberen –, und seine Wertvorstellungen und sein Verhalten seien geprägt von der Klasse, zu der er gehört. Wenn man die sozialen Institutionen und Einflüsse studiert, wird anscheinend zunehmend deutlich, daß der Mensch schlicht das Geschöpf seiner Kultur und seiner Umgebung und damit eindeutig nicht frei sei.
Auf einer tieferen Ebene hat die Verhaltensforschung zu diesem Konzept, daß der Mensch nicht frei sei, beigetragen. Ein Teil des Menschen sei durch Vererbung festgelegt – in bezug auf Intelligenz, Persönlichkeitstypus, vielleicht sogar hinsichtlich seiner Neigung zu geistiger Verwirrung. Er sei vor allem das Resultat seiner Konditionierung das unvermeidliche Produkt der zufälligen Ereignisse, die sein Verhalten »geformt« haben.
Nicht wenige unserer äußerst scharfsinnigen Verhaltenswissenschaftler glauben übereinstimmend, daß dieser Prozeß der Konditionierung, der »Verhaltensformung« des Menschen, nicht mehr dem Zufall überlassen, sondern genauestens geplant werden wird. Sicher entwickeln die Verhaltenswissenschaften bereits eine Technologie, die uns befähigen wird, das individuelle Verhalten bis zu einem Ausmaß zu kontrollieren, das uns bis jetzt noch phantastisch erscheint.
Parallel mit dieser Technologie entwickelte sich eine ihr zugrundeliegende Philosophie, die einen starren Determinismus in den psychologischen Wissenschaften verfolgt und die vielleicht am besten durch eine kurze Auseinandersetzung dargestellt werden kann, die ich neulich bei einer Konferenz mit Professor B. F. Skinner von der HarvardUniversität hatte. Der Vortrag, den er hielt, veranlaßte mich, folgende Bemerkungen an ihn zu richten: »Wenn ich Dr. Skinner richtig verstanden habe, mag er zwar gedacht haben, daß er von sich aus zu dieser Versammlung gekommen ist, daß er mit seiner Rede ein Ziel verfolgt hat – aber nach seinem Verständnis sind solche Überlegungen reine Illusion. Die wirkliche Ursache dafür, daß er einige Gedanken zu Papier brachte und etliche Laute ausstieß, liegt einfach darin, daß seine erblich bedingte Veranlagung und das soziale Umfeld seiner Vergangenheit sein Verhalten in einer solchen Weise operant konditioniert hat, daß es entsprechend belohnt wird, wenn man diese Töne von sich gibt; er als Person hat damit nichts zu tun. In der Tat, wenn ich seine Gedanken richtig verstanden habe, ist er, von seinem streng wissenschaftlichen Standpunkt aus, als Person gar nicht vorhanden.« In seiner Antwort sagte Dr. Skinner, daß er nicht auf die Frage eingehen möchte, ob er in der Angelegenheit eine Wahl hatte (wahrscheinlich, weil der gesamte Ansatz illusorisch ist), stellte aber fest: »Ich akzeptiere, wie Sie meine Anwesenheit hier charakterisiert haben.« Ich brauche wohl nicht näher darauf einzugehen, ...

Inhaltsverzeichnis

  1. Über die Autorin
  2. Zur Künstlerin des Covers
  3. Inhaltsverzeichnis
  4. Geleitwort zur neuen deutschen Ausgabe
  5. Carl R. Rogers: Vorwort
  6. Barry Stevens: Einführung
  7. Barry Stevens: Vorspiel
  8. I. Barry Stevens: Aus meinem Leben
  9. II. Barry Stevens
  10. III. Barry Stevens
  11. IV. Barry Stevens
  12. V. Barry Stevens
  13. VI. Barry Stevens
  14. VII. Barry Stevens
  15. VIII. Barry Stevens
  16. IX. Barry Stevens
  17. X. Barry Stevens
  18. XI. Barry Stevens
  19. XII. Barry Stevens
  20. XIII. Barry Stevens
  21. XIV. Barry Stevens
  22. Weiterführende Literatur
  23. Die Autoren
  24. Gestalttherapie
  25. Praxisadressen
  26. Impressum