Der verschwundene Turm
Gäste, die das Marienmünster in Königshofen an der Heide das erste Mal sehen und von seinem tragischen Schicksal, seiner Zerstörung im Dreißigjährigen Krieg hören, vermuten manchmal, die vielen Löcher in der Fassade seien auf den Beschuss der Soldaten damals zurückzuführen. Wenn sie die Löcher aber genauer betrachten, kommen schnell Zweifel auf: Dass es doch eigenartig wäre, dass diese Löcher sich jeweils ziemlich genau in der Mitte eines jeden Steines befänden. Sollten sich die Soldaten daraus einen Spaß gemacht haben? In der Tat: Die Löcher wurden schon bei der Erbauung, ja, schon vor der Erbauung der Kirche von den Steinmetzen gemacht und dienten als Halterungen für große, eiserne Zangen, mit denen die Steine zum Bauplatz und endlich an die für sie vorgesehene Stelle auf den hohen, dicken Mauern gebracht und gehoben wurden.
Es ist nicht verwunderlich, dass um ein Bauwerk, dessen Ursprünge so sehr im Dunkeln liegen wie die des Marienmünsters, Gerüchte und Legenden entstehen. Verwunderlich ist aber, was an solchen Gerüchten und Legenden im Umlauf ist, wenn es um unseren Turm geht, genauer: um den Nordturm, der sich dem jetzt noch bestehenden Südturm gegenüber auf der anderen Seite des Chores befand. Von diesem wird erzählt, er sei bei der Zerstörung des Münsters im Dreißigjährigen Krieg verloren gegangen oder - nach anderen Quellen - es habe ihn nie gegeben. Die erste Behauptung fügt sich gut in die traurige Geschichte der Kirche und des Ortes im Dreißigjährigen Krieg ein, von der wir später noch mehr hören werden. Die zweite Unterstellung, es habe diesen Turm nie gegeben, hat ihren Ursprung im Wunschdenken des Bauträgers, also des Staates, der von alters her für den baulichen Unterhalt der Kirche zuständig ist und naturgemäß Ausgaben scheut.
Wahr ist, dass es diesen Turm gab, dass er die Schönheit des mittelalterlichen Bauwerkes vervollkommnete und dass sein Verlust schmerzlich empfunden wurde. Aber wie kam es dazu? Wo ist er nur geblieben?
Den Anfang machte ein schreckliches Unwetter, das Königshofen an der Heide am 9. Juni 1788 heimsuchte. Dabei wurde, den Aufzeichnungen früherer Königshöfer Pfarrer zufolge, der Nordturm von einem mächtigen Blitz getroffen, der die großen Sandsteinquader fast bis zum Boden hinunter entzwei brach. Der Turm blieb zwar stehen, war aber so unsicher geworden, dass der zuständige Bauinspektor ihn im Jahr 1810 zunächst bis zur Höhe des Kirchendaches abbrechen ließ. Der damalige Pfarrer Johann Daniel Zinck bezeichnete ihn dafür als Verrückten. Ob ihm das etwas ausgemacht hat ist nicht überliefert. Fast sechzig Jahre später zeigte es sich jedoch, dass er sich im Recht befand, denn da wurde der Turm - im Sommer 1868 - vollständig abgebrochen und an seiner Stelle die jetzige Sakristei errichtet. Dabei wurde der große Schaden, den der Blitz angerichtet hatte, offen sichtbar. Damals wurde auch das dritte, aufregendste Gerücht, das über den Nordturm im Umlauf war, zerstreut: Dass man 1810 den falschen, guten Turm abgebrochen und den schlechten, den Südturm, hätte stehen lassen.
Heute, mehr als zweihundert Jahre nach dem verhängnisvollen Blitzschlag, würde man den Turm wohl wieder instand setzen können; oder man würde ihn, wenn man ihn ja abbrechen müsste, wieder aufbauen. Doch leider dauert der jetzige Zustand schon so lange an, dass den Turm heute wieder aufzubauen mittlerweile einen dramatischen Eingriff in die Substanz eines historischen Gebäudes darstellen würde. Und so bleibt es, wie es ist: Der Turm ist weg, verschwunden. Na ja, das heißt: nicht ganz. Das abgebrochene Material wurde nämlich damals, 1868, verwendet, um einen Sockel rings um die Kirche zu bauen. Er ist also noch immer, im wahrsten Sinne des Wortes, unter uns.
Der Turmbau zu Babel. Meister der Weltenchronik, 1370
Eine bleibende Erinnerung
In der Gesellschaft des Mittelalters und der frühen Neuzeit spielten Frauen meistens eine eher untergeordnete Rolle (sofern man bei den wichtigen Ämtern der Haushaltsführung und des Kindergebärens von untergeordneten Aufgaben sprechen kann). Gesellschaftlich jedenfalls kamen sie nicht so zur Geltung, wie sie es verdient hätten. Umso bemerkenswerter ist es, dass gleich mehrere Frauen in der Geschichte des Marienmünsters eine herausragende Stellung inne haben. Zuvorderst ist hier natürlich Maria zu nennen, die Mutter Jesu, in deren Ehre das Gotteshaus seinerzeit am Ende des 14. Jahrhunderts geweiht wurde; dann die Stifterin der Kirche, Anna Marschalkin von Pappenheim; später Anna Tischler, die erste Klausnerin in Königshofen, und Elisabeth Fickel, die der gewachsenen Klause, dem späteren Kloster, als Vorsteherin diente. Von dem Kloster ist heute nichts mehr zu finden und Spuren der Stifterin der Kirche nur von Eingeweihten. Ganz auffällig aber ist - neben der steinernen Präsenz der Jungfrau Maria - die Hinterlassenschaft einer gewissen Ursula Mayer. Die Rede ist vom barocken Hochaltar, der, wie Inschriften zu beiden Seiten desselben verkünden, wesentlich von besagter Ursula Mayer gestiftet wurde.
Heute betreten die meisten Besucher das Münster durch das Hauptportal, allzumal unter der Woche, wenn das Hauptportal als einziges geöffnet ist. Ihnen fällt der Hochaltar sofort ins Auge. In der alten Zeit aber betrat man eine gotische Kirche durch das Seitenportal, denn das Hauptportal war besonderen Anlässen vorbehalten. Dann musste man, von der Seite her kommend, erst in das Hauptoder Mittelschiff gelangen, um den Hauptaltar, gleichsam das Allerheiligste der Kirche, sehen zu können. Das war sozusagen ein Teil der Inszenierung, die dem Besucher dargeboten wurde. Zu dieser Inszenierung gehörte aber auch ein inhaltlicher Teil, nämlich das Altarbild.
Im Näherkommen erkennt der bibelfeste Betrachter sogleich, dass es sich um eine Kreuzabnahme handelt. Sie ist, wie der Altar selbst, im drallen Stil des Barock ausgeführt und zeigt einen wohlgenährten, durchtrainierten Christus, der eigentlich nur durch seine blasse Hautfarbe und die schlaffe Körperhaltung als Toter erkennbar ist. Das Gemälde als solches ist eine - allerdings spiegelverkehrte - Kopie der Kreuzabnahme von Peter Paul Rubens von 1612, die die Liebfrauenkathedrale in Antwerpen ziert. Dieses Bild wurde möglicherweise als Altarbild für Königshofen ausgesucht, weil die Kirche seinerzeit immer noch nur halb wiederhergestellt war, immer noch die Spuren ihrer Zerstörung im Dreißigjährigen Krieg trug. Aber - so könnten die Verantwortlichen damals gedacht haben - die Zeit ihres größten Leidens war wie für den Christus auf dem Gemälde vorbei. Kreuzabnahme und Grablegung sind nur kurze Stationen vor der erhofften, erwarteten Auferstehung in Herrlichkeit. Diese stellt die Figur zuoberst auf dem Altar dar: Der auferstandene Christus hat die vom Bösen (wieder einmal wie schon in der Schöpfungsgeschichte von der armen Schlange verkörpert) durchdrungene Welt überwunden. In der Linken hält er die Siegesfahne, mit der Rechten segnet er den Betrachter. Die Königshöfer des Jahres 1696, die sich als erste um den damals ganz neuen Altar versammelten, wussten, denke ich, mit der Botschaft etwas anzufangen. Sie lasen aus den Geschichten, die der Altar erzählte, ihre eigene Geschichte heraus, die Geschichte ihrer Kirche, ihrer Gemeinde, vom Tod im Krieg bis zu ihrer Wiederauferstehung in den Jahrzehnten danach.
Als Ursula Mayer, die Witwe eines Sachsbacher Bauers, zwei Jahre später dreiundachtzigjährig un...