Aber ich habe doch so viel für dich getan!
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Aber ich habe doch so viel für dich getan!

Schluss mit emotionaler Erpressung

  1. 180 Seiten
  2. German
  3. ePUB (handyfreundlich)
  4. Über iOS und Android verfügbar
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Aber ich habe doch so viel für dich getan!

Schluss mit emotionaler Erpressung

Über dieses Buch

Emotionale Erpressung - davon ist die Rede, wenn jemand negative Gefühle bei dir erzeugt und dich darüber manipuliert. Das Ziel? Du sollst dich so verhalten, wie es dein Gegenüber wünscht. Du sollst Dinge tun oder nicht tun, auf etwas verzichten, etwas aufgeben, das dir am Herzen liegt. Die Rede ist von Angstgefühlen, von Scham- oder Schuldgefühlen, von Abwertung deiner Person und von der Zerstörung deines Selbstbewusstseins. Wer in seiner Beziehung von emotionaler Erpressung betroffen ist, zweifelt häufig an seiner eigenen Wahrnehmung, fühlt sich unter Druck gesetzt, fürchtet sich vor emotionalen Ausbrüchen des Partners, versucht stets, es dem Anderen recht zu machen. Konflikte werden vermieden. Opfer emotionaler Erpressung geben ständig nach, stellen ihre Bedürfnisse hinter denen des Partners zurück, fühlen sich hilflos ausgeliefert und werden oft regelrecht krank durch diese Umstände. Viele Opfer emotionaler Erpressung leiden an psychosomatischen Erkrankungen oder an schweren Depressionen - und wissen nicht einmal, warum das so ist. Emotionale Erpressung ist ein Muster, das den meisten Menschen vertraut ist, weil sie dieses schon aus ihrer Kindheit kennen. Daher muss man erst einmal bewusst erkennen, was da passiert - und in welchen Formen emotionale Erpressung daherkommen kann. Welche das sind, erfährst du in diesem Ratgeber. Ebenso zeige ich dir, wie du dich am effektivsten dagegen zur Wehr setzt.

Häufig gestellte Fragen

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Information

Sabine und Lukas

Sabine hat mehrere Jahre gebraucht, um zu verstehen, dass sie während ihrer ganzen Beziehung von Lukas emotional erpresst wurde. Sie hat es erst gemerkt, als Lukas die Beziehung beendete. Er hatte eine andere Frau kennengelernt und das war dann das Beziehungsende. Sabine wäre niemals aus dieser Beziehung ausgebrochen. Sie liebte Lukas sehr. Oft fühlte sie sich niedergeschlagen, oft hatte sie eine unbestimmte Angst ihm gegenüber in sich, die sie nicht einmal hätte erklären können, denn er war niemals gewalttätig ihr gegenüber. Im Gegenteil – Lukas war stets liebevoll.
Als sie sich kennenlernten, lebte Sabine in einer hübschen, kleinen Wohnung. Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche, Badezimmer. Sie arbeitete als Verkäuferin im Supermarkt und saß die meiste Zeit an der Kasse. Das beinhaltete natürlich Schichtarbeit. Manchmal musste sie um 7:00 Uhr morgens anfangen und war dann schon nachmittags zu Hause. Manchmal fing sie nachmittags an und kam dann erst nach 23:00 Uhr nach Hause. Zweimal im Monat musste sie auch Samstags arbeiten, wenn Kollegen krank wurden, musste sie zusätzliche Schichten leisten.
Lukas lebte auch in einer eigenen Wohnung, hatte allerdings nur ein Apartment mit offener Küche und einem Bad. Vom ersten Tag an war er fast immer bei ihr zu Hause. Sabine hatte bis dahin eigentlich nicht täglich gekocht, sondern sich an den meisten Tagen eher von belegten Broten und einem Salat ernährt oder sich eben eine Kleinigkeit zubereitet. Aber als Lukas sie das erste Mal besuchte, gab sie sich natürlich große Mühe und kochte eine gute Mahlzeit. Lukas erschien auch am nächsten Abend, schlief dann sogar bei ihr, also kochte sie auch an diesem Abend. Dann kam das Wochenende, Sabine hatte ihren langen Samstag. Lukas kam nicht, das fand sie aber auch in Ordnung. Er stand allerdings sonntags vor der Tür, worüber sie sich freute. Sie kuschelten den ganzen Nachmittag auf dem Sofa, bis Lukas irgendwann sagte, er hätte Hunger. Sabine erhob sich, ging in die Küche und sah nach, was der Kühlschrank noch hergab. Und zauberte am Ende eine Mahlzeit.
Da sie am nächsten Tag wieder um 7:00 Uhr im Geschäft sein musste, wollte sie um zehn ins Bett gehen. Lukas war das zu früh und so ging er nach Hause. Sabine räumte noch schnell die Küche auf, spülte das Geschirr und ging dann ins Bett. Sie ärgerte sich ein bisschen, denn sie war es eigentlich gewohnt, direkt für Ordnung zu sorgen, und hatte ja versucht, gleich nach dem Essen die Küche sauber zu machen. Aber Lukas wollte noch ein bisschen Zeit mit ihr genießen. »Die Küche können wir auch später machen«, sagte er. Und dann hatte er das Ganze immer weiter hinausgezögert, bis er eben gegangen war.
So lief das in den kommenden Monaten immer ab. Er verbrachte viel Zeit bei ihr, sie kochte, er drückte sich immer davor, ihr zu helfen, wenn es darum ging, die Küche wieder sauber zu machen. Aber es war ja nur »ein bisschen Geschirr«. Irgendwann sprach sie ihn darauf an, und erklärte ihm im gleichen Zug, dass ihr auch durch die ständige Kocherei Mehrkosten entstünden. Sie bat ihn um eine finanzielle Beteiligung.
Lukas reagierte darauf ziemlich beleidigt. »Ich wohne hier nicht«, sagte er. »Ich bin dein Gast. Aber gut, wenn du drauf bestehst, helfe ich dir beim Abwasch. Was allerdings das Kochen betrifft, sorry, also ich denke, du kochst doch sowieso für dich, warum soll ich mich jetzt beteiligen?«
»Weil es ein Unterschied ist, ob ich zwei Schnitzel kaufen muss oder nur eins. Außerdem habe ich für mich selbst immer nur eine Kleinigkeit zubereitet und gar nicht richtig gekocht. Früher kam ich mit 50 Euro in der Woche aus, jetzt brauche ich das Doppelte.«
Lukas bemaß sie mit einem vielsagenden Blick, der alles Mögliche bedeuten konnte. Er wurde sehr schweigsam, half ihr aber beim Abtrocknen – schweigend – und verabschiedete sich dann. Nach dieser Aktion meldete er sich tagelang nicht und war auch für Sabine nicht zu erreichen. Sabine versank in diesen Tagen in einer tiefen Grübelei. War es das jetzt gewesen? Würde sie Lukas noch mal wiedersehen? Was hatte sie eigentlich getan, außer ihm zu verdeutlichen, dass er sich angemessen beteiligen musste? War das überhaupt eine berechtigte Forderung? War sie nicht zu kleinlich gewesen?
Sabine war tieftraurig und ging davon aus, Lukas nicht mehr wieder zu sehen. Nach drei Tagen war sie stinksauer auf sich selbst. Warum nur war sie so kleinlich gewesen? Am Wochenende darauf stand er plötzlich vor der Tür. Er hatte ein paar Lebensmittel eingekauft: Ein Brot, ein Paket abgepacktes Fleisch und ein Päckchen Butter. Sabine wertete das als Zeichen seines guten Willens, auch wenn es nur ein recht kleiner Beitrag war. Immerhin! Dass er wieder da war, versetzte sie in Hochstimmung. Dass er Lebensmittel mitgebracht hatte, war in ihren Augen ein Zeichen dafür, dass er die Botschaft verstanden hatte und die Dinge ändern wollte.
So lief das Ganze dann über mehrere Monate. Er kam weiterhin täglich vorbei, wenn ihre Arbeitszeit es zuließ, und erwartete auch, dass sie kochte. Mit vollem Magen könnte man einen gemütlichen Abend natürlich besser genießen. Außerdem, so erklärte er ihr, sei ein gemeinsames Essen eine Art Ritual der Gemeinsamkeit. Ab und zu brachte er ein paar Lebensmittel mit, dabei fragte er aber nie, was wirklich gebraucht wurde. Er war auch immer öfter da, aß bei ihr, duschte bei ihr, schlief bei ihr, ließ schließlich auch seine schmutzige Wäsche bei ihr, die sie natürlich wusch und bügelte.
Nach einem Jahr beschlossen sie, zusammen zu ziehen. Lukas zog bei ihr ein, denn ihre Wohnung war groß genug für beide. Bevor er einzog, setzte Sabine sich mit ihm zusammen und sprach über finanzielle Angelegenheiten. Die halbe Miete müsse er zahlen. Die Hälfte von Telefon und Strom. Außerdem, so verkündete sie, würde sie eine Haushaltskasse anlegen. Jeder sollte pro Woche fünfzig Euro in die Kasse legen und dieses Geld sollte für die Einkäufe verwendet werden.
Lukas beteiligte sich also am Anfang des kommenden Monats mit dem vereinbarten Betrag, er überreichte ihr das Geld in bar. Und er legte gleich 200 Euro in die Haushaltskasse. Sabine machte sich keine Gedanken darum, er hatte sich ja beteiligt. Sie putzte. Sie kochte. Sie kümmerte sich um die Wäsche. Und Lukas fasste überhaupt nichts an. Sabine machte ihn darauf aufmerksam, dass sie etwas Hilfe gebrauchen könnte. Als sie noch alleine lebte, hatte sie eine saubere Wohnung verlassen und abends nach der Arbeit eine saubere Wohnung vorgefunden. Nun aber lebte Lukas mit in der Wohnung. Er hatte völlig andere Arbeitszeiten als sie. Manchmal kam sie von der Spätschicht, da schlief er bereits und die Küche war ein einziges Chaos. Also räumte sie noch schnell auf, spülte das Geschirr und ging dann schlafen. Am nächsten Morgen war Lukas schon weg, aber es war deutlich zu sehen, dass er sich ein Frühstück gemacht hatte, denn nicht mal Wurst und Käse lagen wieder im Kühlschrank. Er ließ einfach immer alles liegen. Sie räumte auf, saugte die Wohnung, duschte, putzte das Bad hinter sich und ging dann zu ihrer Schicht. Abends wieder das gleiche Theater.
Sprach sie ihn auf solche Dinge an, war er beleidigt. Er räumte dann zwar demonstrativ und recht laut alles weg, was er hatte liegen lassen, aber danach ging er schweigend ins Bett und sprach dann auch tagelang nur das Nötigste mit ihr. Schließlich sagte sie irgendwann nichts mehr dazu und räumte eben hinter ihm her.
Eigentlich verstanden sie sich gut. Sie lachten viel, verbrachten angenehme Stunden gemeinsamer Freizeit – nur der Haushalt hing einzig an ihr. Lukas ließ alles stehen und liegen, wo auch immer er sich gerade befand, und er half auch nicht, die Wohnung sauber zu halten. Immer hatte er Ausreden. Wenn der wöchentliche Großputz anstand, verdrückte er sich. Sabine ließ sich das irgendwann nicht mehr gefallen und stellte ihn zur Rede. Äußerst »verschnupft«, in eisigem Ton, sagte er daraufhin, wenn sie darauf bestünde, würde er das, was sie als seinen Arbeitsanteil sehen würde, eben erledigen. Demonstrativ holte er also den Staubsauger raus und saugte die Wohnung. Sie holte das Bügelbrett vor und begann zu bügeln. Als er gesaugt hatte – sehr lange und sehr ausgiebig – bat sie ihn, bitte auch mal das Badezimmer zu putzen. Daran hatte er sich noch nie »vergriffen«. Er putzte das Badezimmer, das Klo fasste er allerdings nicht an. Das sei ekelig, erklärte er ihr. Danach verließ er die Wohnung. Er müsse jetzt weg, er sei mit einem Freund verabredet. Er hätte sie ja gerne mitgenommen, aber nicht unter »diesen Umständen« und danach, wie »dieser Tag verlaufen sei«.
Sabine rief ihm nach, was das sollte, von was er da überhaupt sprach? Aber als er irgendwann spät nach Hause kam, schwieg er eisig. Ebenso hartnäckig schwieg er am Sonntagmorgen. »Die Atmosphäre war furchtbar«, sagt Sabine. »Ich deckte den Frühstückstisch, hatte Brötchen aufgebacken, Eier gekocht, alles was zu einem guten Frühstück gehört. Er saß da und sprach nur das Nötigste mit mir – in eiskaltem Ton.«
Sabine bemühte sich um ein freundliches Gespräch am Frühstückstisch und sprach ihn schließlich darauf an, warum er sich so eisig verhielt. Da donnerte er los. Er habe ja nun gestern zum ersten Mal Staub gesaugt und bei der Gelegenheit festgestellt, dass sie, wo sie ihm doch ständig Vorträge zu ihrer Überlastung halten würde, den Haushalt wohl selbst nicht so ernst nehmen würde. Angeblich habe er überall Spinnweben gefunden – ein deutliches Zeichen dafür, dass sie es wohl selbst nicht so genau genommen hatte, und das schon lange vor ihm. Und das Klo habe er deswegen nicht geputzt, weil er zum ersten Mal genauer hingesehen hätte. »Hätte ich vielleicht schon früher machen sollen«, sagte er patzig. »Aber den Dreck der letzten Jahre, mit dem ich nichts zu tun habe, werde ich ganz sicher nicht wegmachen. Das machst du mal schön selbst.«
Sabine war sprachlos, ging ins Badezimmer und besah die Toilette näher. Da war kein Dreck der letzten Jahre, sie hatte ihre Toilette immer regelmäßig geputzt. Jetzt allerdings, seit er bei ihr lebte, musste sie das öfter tun, denn Lukas pinkelte im Stehen. Überall Spritzer, auch an der Wand hinter der Toilette. Sie schrubbte an diesem Tag das Badezimmer gründlich, Lukas schwieg immer noch, und das dauerte auch noch ein paar Tage. Nach dieser Sache bat sie ihn nie wieder um Hilfe im Haushalt, sie machte ihn einfach. Und Lukas verhielt sich wieder nett und liebevoll. Im Großen und Ganzen konnte Sabine sich nicht beklagen.
Sie war noch drei Jahre lang mit Lukas zusammen, drei Jahre, in denen er auch mit in ihrer Wohnung lebte. Den Haushalt erledigte sie inzwischen alleine, dieses Ziel hatte er bereits erreicht. Wenn sie mit Freundinnen ausging, war er beleidigt. »Du hast sowieso so komische Arbeitszeiten und wir haben nur den Sonntag – musst du an diesem Sonntag noch mit deinen Freundinnen brunchen gehen?« Zum Brunch war sie mit ihren Freundinnen nur selten verabredet, normalerweise traf sie sich abends mit ihnen. Aber nehmen lassen wollte sie sich diese Events durch ihn auch nicht. Der nächste Brunch fand mehrere Wochen später statt und obwohl er sich beim letzten Mal so aufgeregt hatte, ging sie wieder hin. Die Quittung: Eisiges Schweigen. Nachdem das mehrfach vorgekommen war, traf sie sich mit ihren Freundinnen nur noch alle paar Wochen mal auf einen Samstagabend.
»An so vielen Samstagen musst du bis Abends spät arbeiten«, sagte Lukas und war offensichtlich beleidigt. »Und dann hast du mal frei, aber verbringst den Abend lieber mit deinen Weibern als mit mir. Dann weiß ich ja, wo ich stehe!« Die Quittung: eisiges Schweigen, über Tage. Immer öfter erfand sie Ausreden bei ihren Freundinnen, um Lukas nicht an einem freien Samstagabend alleine in der Wohnung sitzen zu lassen.
Nach insgesamt fünf Jahren Beziehung kam Sabine eines Tages nach Hause und fand ihre Wohnung leer vor. Lukas war gegangen. Auf dem Küchentisch lag ein Zettel: »Ich bin weg. Mit dir kann man nicht leben. Ruf mich nicht an, ich habe keine Lust mehr, mit dir zu diskutieren.«
Sabine musste sich erst mal setzen, dann heulte sie für ein paar Stunden, aber dann stellte sie schon am gleichen Abend fest: Das Leben fühlte sich seltsam anders an. Freier. Natürlich war sie unglücklich, dass er sie verlassen hatte und ihr kamen auch immer wieder die Tränen. Aber sie spürte auch, dass diese unbestimmte Angst, die sie seit Jahren immer im Bauch mit sich herumgetragen hatte, nicht mehr da war. Angst?
Ja, Angst. Es dauerte ein paar Wochen und viele Gespräche mit ihren Freundinnen, bis sie verstanden hat, was da jahrelang vor sich ging. Lukas hatte sie nie angebrüllt, ihr nie gedroht, sie nie geschlagen. All diese Dinge, die man gemeinhin unter »Gewalt« versteht, hatte Lukas niemals getan. Sabine hätte sich das auch nie und nimmer gefallen lassen! Aber sie hatte es auch fünf Jahre lang nicht geschafft, ihre Interessen durchzusetzen. Ihn dazu zu bewegen, sich angemessen an allem zu beteiligen, nicht nur an den Kosten, sondern auch an der Arbeit im Haushalt. Aber auch mit den Kosten war es ihm gelungen, diese auf einem Minimum zu belassen. Mit der Umlagennachzahlung ließ er sie alleine, und erklärte ihr hierzu, das läge daran, dass sie immer so ausgiebig duschte – viel zu lange. Außerdem ließ sie immer und überall die Heizkörper laufen, drehe sie auch viel zu hoch und auch das Licht würde sie niemals hinter sich ausmachen. Er überreichte ihr am Anfang des Monats seinen Obolus in Form der halben Miete und der Hälfte der sonstigen Kosten, inklusive 200 Euro Haushaltsgeld zum Einkaufen. Inzwischen hatte er aber angefangen, zu trainieren, brauchte spezielle, eiweißhaltige Kost und das ging ganz schön ins Geld. Mehr als 200 Euro zu zahlen, lehnte er aber ab und nannte sie »verschwenderisch«. Sie müsse eben sparsamer sein. Wich sie nicht zurück, schwieg er eisig – tagelang. Und Sabine war dann lieber wieder still und bemühte sich um Harmonie. Es waren ihre Freundinnen, die sie darauf aufmerksam machten, dass über die Jahre ihr Gang immer schleppender geworden war. Aus der fröhlichen Sabine war eine Frau geworden, die stets eine riesige Last auf dem Rücken zu tragen schien. Mit jedem Jahr, das sie in dieser Beziehung verbrachte, fühlte sie sich ein Stück leerer, wie ausgesaugt. »Deswegen fühlte ich mich auch so seltsam frei«, sagt sie. »Als Lukas gegangen war und ich mich vom ersten Schock erholt hatte, war ich so erleichtert und konnte mir das überhaupt nicht erklären.«
Sabine zuckt mit den Schultern und sagt, der finanzielle Verlust sei tragbar, es geht ihr recht gut. Wütend wurde sie erst, als sie feststellte, mit welchen Mitteln er sie dazu gebracht hatte, über Jahre hinweg jede Forderung nur ein einziges Mal zu stellen und alle anfallende Arbeit im Haushalt letztlich dann doch alleine zu bewältigen. Es hatte immer genügt, dass er dieses eisige Verhalten zeigte, und nicht nur an diesem Tag, sondern auch an den Folgetagen nur noch das Nötigste mit ihr sprach.
»Die Atmosphäre war in solchen Zeiten immer sehr angespannt«, sagt sie. »Dieses eisige Schweigen, dieses beleidigte Gesicht, das er dazu aufsetzte, hat immer verursacht, dass ich mich schlecht fühlte. Ich hatte dann immer das Gefühl, ich müsste mir besonders viel Mühe geben: Ein gutes Essen kochen, für Gemütlichkeit sorgen, Kerzchen anzünden, vielleicht noch einen Kuchen backen …«
Sabine fühlte sich in solchen Zeiten stets schlecht und tat alles menschenmögliche, um ihn wieder zu einem freundlichen Verhalten zu bewegen. Mit der Zeit hatte er sie recht gut »erzogen«. Sie belästigte ihn gar nicht mehr mit irgendwelchen Anliegen, sondern funktionierte einfach in seinem Sinne. So entstanden Diskussionen erst gar nicht. Sie hatte nicht wirklich Angstgefühle im Bauch, aber sehr häufig ein Gefühl innerer Anspannung, das sie allerdings nur schwer einordnen konnte. Das gelang ihr erst, als Lukas weg war und sie ihren ersten Liebeskummer einigermaßen gut überwunden hatte.
Lukas hat das wahrscheinlich zu Hause auch so erlebt. Ich kenne ihn nicht, könnte mir aber gut vorstellen, dass es seine Mutter war, die die Hausarbeit übernommen hat. Ich könnte mir gut vorstellen, dass sein Vater mit eisigem Schweigen reagierte, wenn Dinge ihm nicht gefielen. Lukas hat das übernommen. Ich möchte ihm, da ich ihn nie kennenlernte, nicht unterstellen, dass er sein erpresserisches Verhalten eiskalt geplant hat. Aber es ist offensichtlich ein Verhaltensmuster, wahrscheinlich ein unbewusstes. Möglicherweise hat er ebenso unbewusst gespürt, dass die Methode funktioniert. Wann und aus welchen Gründen er die Lust an der Beziehung verloren hat, weiß kein Mensch, denn Sabine wurde mit seinem geringfügigen Abschiedsbriefchen ja erneut zum Schweigen gebracht. Er war einfach weg, ohne ein Gespräch. Natürlich hat sie irgendwann, als sie sich einigermaßen beruhigt hatte, versucht, ihn anzurufen – und festgestellt, dass er inzwischen eine neue Handynummer hat. Er ist einfach aus ihrem Leben verschwunden, mit dem gleichen, eisigen Schweigen, mit dem er sich auch in den Jahren der Beziehung vor jedem Gespräch gedrückt hatte, das irgendwie nachteilig für ihn hätte ausgehen können. Sein parasitäres Verhalten in der Beziehung und die eiskalte Trennung ohne jegliche Aussprache lässt schon fast Narzissmus vermuten.
Sabine kam recht schnell über ihn hinweg. Natürlich war sie anfangs am Boden zerstört – aber sie ist ansonsten eine recht stabile, junge Dame und hat relativ schnell erkannt, mit welchen Methoden er jahrelang gearbeitet hatte. »Das passiert mir nie mehr«, sagt sie heute lachend.
Wenn jemand dir gegenüber in ein eisiges Schweigen verfällt, will er dich dazu bewegen, in seinem Sinne zu funktionieren! Eisiges Schweigen ist übrigens keine Männermethode – das können Frauen mindestens genauso gut. Es ist aber eine Methode, die gerne von Männern angewendet wird, weil die meisten Männer schon bei den eigenen Eltern gelernt haben, dass sie funktioniert, während Frauen in der Regel auf der Suche nach Harmonie sind.
Es ist sehr wichtig, einem solchen Verhalten entsprechend entgegen zu treten, und zwar schon gleich beim ersten Mal. Im Fall von Sabine wäre das der Moment gewesen, als Lukas noch gar nicht bei ihr lebte, aber nach einigen Tagen Nichterreichbarkeit und Schweigen seinerseits plötzlich mit einer Tüte Lebensmittel vor ihrer Tür stand. Sabine freute sich an diesem Abend, dass er überhaupt wiederkam, denn sie hatte tagelang gegrübelt und getrauert, weil er sich nicht mehr meldete und nicht ans Telefon ging, wenn sie ihn anrief. Also bat sie ihn freudig herein, wertete das Ganze als kurzfristiges Beleidigtsein und unterstellte ihm, er sei von selbst drauf gekommen, dass sein Verhalten einfach nur blöd war. Um die soeben wieder hergestellte Harmonie nicht erneut zu gefährden, mied sie das Thema und tat, als sei gar nichts gewesen.
Wie hätte sie reagieren sollen? Eine Frage, über die ich mit Sabine ein bisschen diskutiert habe. Sie meint heute, sie hätte ihn wegschicken müssen. »Gleich rauswerfen«, sagt sie, und lacht.
Ich meine, es hätte vielleicht genügt, sich mal ebenso eisig zu verhalten, ihn herein zu bitten, auf einem Gespräch zu bestehen. Ich persönlich hätte ihn in diesem Gespräch auf sein Verhalten hingewiesen und ihm klar gemacht, dass ich so etwas kein weiteres Mal hinnehmen würde. Beim nächsten eisigen Schweigen hätte ich ihn vor die Tür gesetzt. Aber die Frage ist, ob er das noch mal gewagt hätte, das weiß man einfach nicht, wenn man solche Situationen nachträglich analysiert und diese Person nicht mal persönlich kennt. Ein einigermaßen intelligenter Mensch würde durch ein solches Gespräch ...

Inhaltsverzeichnis

  1. Inhaltsverzeichnis
  2. Emotionale Erpressung in der Beziehung
  3. Emotionale Erpressung – Definition
  4. Wie fühlst du dich?
  5. Sabine und Lukas
  6. Beziehung heute
  7. Egoismus und Achtsamkeit
  8. Bedingungslose Liebe und persönliche Grenzen
  9. Gestörte Persönlichkeiten – und emotionale Erpressung
  10. Die narzisstische Persönlichkeitsstörung
  11. Die paranoide Persönlichkeitsstörung
  12. Die schizoide Persönlichkeitsstörung
  13. Die histrionische Persönlichkeitsstörung
  14. Die emotional instabile Persönlich keitsstörung (Borderline-Typ)
  15. Die dissoziale Persönlichkeitsstörung
  16. Die anankastische Persönlichkeitsstörung
  17. Die dependente Persönlichkeitsstörung
  18. Die selbstunsichere Persönlichkeitsstörung
  19. Emotionale Erpressung – die Methoden
  20. Vorwürfe machen: »Du würdest dich niemals so verhalten, wenn du mich wirklich lieben würdest!«
  21. Bedingungen stellen: »Wenn du mich liebst, wirst du das für mich tun!«
  22. Forderungen stellen: »Du musst…sonst bin ich nicht glücklich.«
  23. Moralische Vorwürfe: »So was tut man einfach nicht!«
  24. Stiller Vorwurf mit Leidensmine: »Schau mich an, ich armes Opfer!«
  25. Aufrechnung von Gefälligkeiten: »Und das, obwohl ich so viel für dich getan habe!«
  26. Lucia und Thomas
  27. Andere Menschen involvieren
  28. Susanne und Jürgen
  29. Drohungen: »Ich bringe mich um!«
  30. »Ohne dich hat mein Leben keinen Sinn mehr.«
  31. »Wenn du nicht…dann verlasse ich dich!«
  32. Die Wahrheit wird verdreht
  33. »Ich meine es doch nur gut mit dir.«
  34. Du bist so egoistisch!
  35. An Verpflichtungen erinnern
  36. An die Opfer erinnern, die man für dich erbracht hat
  37. Beleidigtes Schweigen
  38. Das Verweigern von Nähe und Sexualität
  39. Unangemessene Dankbarkeit erzeugen
  40. Täter und Opfer
  41. Abwertung
  42. Manche haben es anders gelernt
  43. Emotionale Erpressung bei Trennungen
  44. Überprüfe dich selbst!
  45. Wer emotional erpresst, denkt nur an sich selbst
  46. Schlusswort
  47. Über das Buch
  48. Über die Autorin
  49. Impressum