HERWEGH
Der Herzensbräutigam
Unsere Liebe ist wie das stolze, hehre Freiheitsbanner, unbefleckt von dem Schmutze der gemeinen Menge und unverletzt mitten im Zwiste und Kampfe der Völker, über ihnen wie ein ewig Gebot fortrauschend.
28. September 1841
Emma Siegmund liest ›Die Gedichte eines Lebendigen‹.
1842, ab September
Georg Herweghs Triumphreise durch deutsche Länder.
6. November
Erste Begegnung.
13. November
Verlobung im Hause Siegmund.
19. November
Herweghs Audienz bei Friedrich Wilhelm IV.
Dezember
Weiterreise nach Königsberg.
Ende Dezember
Verbot des ›Deutschen Boten‹, Brief an den König,
Ausweisung aus den Königreichen Preußen und Sachsen.
8. März 1843
Hochzeit in Baden, Schweiz.
»Geahnt habe ich Dich seit ich bin.« Als Emma Siegmund ›Die Gedichte eines Lebendigen‹ liest, ist sie überwältigt: »Erste Klänge von Herwegh... ich wünschte ich kennte den jungen Dichter.« (BR H 1718, 28. September 1841)
Eigentlich sei sie schon seine Braut gewesen, seit »ich Dein liebes Buch zum ersten Mal in Händen hielt«, gesteht sie ihm später.
Die Liebe kann uns helfen nicht,
Die Liebe nicht erretten;
Halt du, o Haß, dein Jüngst Gericht,
Brich du, o Haß die Ketten!
Und wo es noch Tyrannen gibt,
Die laßt uns keck erfassen;
Wir haben lang genug geliebt,
Und wollen endlich hassen!
Der ungestüme, bis dahin unerhörte Ton seiner Lieder begeistert nicht nur Emma Siegmund. Herweghs rebellische ›Gedichte eines Lebendigen‹ werden trotz sofortigen Verbots ein sensationeller Verkaufserfolg. Die Verse sind formvollendet, populär und revolutionär.
Tagebucheintrag: “Erste Klänge von Herwegh” (HA)
Nach der Lektüre habe sie vor der versammelten Fami lie ausgerufen: »Das ist die Antwort auf meine Seele!« Und wenig später widmet Emma Siegmund - ähnlich wie Heinrich Heine, Gottfried Keller, Theodor Fontane - ihrem neuen Lieblingsdichter auch schon einen eigenen Hymnus:
Du dem ein Gott die heil’ge Kraft verlieh
Dein Vaterland aus tiefem Schlaf zu wecken,
Laß Dich durch keine Königskronen schrecken
Nach Ost und West, nach Nord und Süden zieh!
Dein Wort flieg’ durch die Luft gleich Schwerteshieben
So frei, so kühn, so blutig wie sein Stahl,
Daß die dich fürchten, welche Dich nicht lieben,
Bei jedem Streich ein feiger Sklaven Fall.
O wäre mir die Wunderkraft bekannt
Die Dir ein Gott verlieh, eh’ Du geboren,
Es stünde anders um mein Vaterland!
Und Polen wäre nimmermehr verloren!
Emma Siegmund liebt Herwegh, noch ehe sie ihn kennt. Am 3. Oktober nimmt er bereits einen hohen Rang in ihrem Herzen ein: »Mein erster Gruß gilt meinem Gotte heut und Dir Du verklärter... Der zweite Gruß gilt Dir edler deutscher Sänger, der Du durch Deine ehernen Lieder wie feierlicher Orgelklang mir den Sonntag ins Gemüth heute gesungen, obschon ich in keiner Kirche war. - Wie groß ist der Gott, der Dich so erfassen kann, wie unendlich der begabt, der was er gleich Goldadern in der Tiefe des Herzens birgt, frei und unversehrt an die Tageshelle bringen kann, daß sein innerer Glanz zur großen gewaltigen Lebenssonne wird, dessen Muth in seiner Hand zum flammenden Schwerdte für jeden Despoten wird. Ich bin arm in Hinsicht des Schaffens, aber reich genug, Dich zu begreifen, edler Dichter, und dafür danke ich meinem Gott. - was ich für Lust habe zu dichten! Seines Vaterlandes Waffe sein und sein Schutzengel werden, wie schön muß das sein!« (BR H 1718, 3. Oktober 1841)
Die platonische Liebe zum »Herzensbräutigam« schreitet stürmisch voran: »Ich muß an Herwegh schreiben, es treibt mich mit allen Kräften dazu«. (BR H 1718, 17. August 1842)
Als Emma Siegmund erfährt, dass Herwegh im Spätsommer 1842 durch die deutschen Staaten reisen und dabei auch Berlin besuchen wird, setzt sie alles daran, ihn in ihre Nähe zu locken.
Der junge Dichter will Mitarbeiter und Leser für ein neues politisches Zeitungsprojekt, den ›Deutschen Boten aus der Schweiz‹, gewinnen. Nachdem sich in Preußen die Zensur ein wenig gelockert hat, sieht er eine Möglichkeit, ein Forum für oppositionelle Ideen zu gründen. Die »Werbereise« für das ›Literarische Comptoir‹ entwickelt sich allerdings mehr und mehr zu einer Huldigung, wie sie zuvor noch keinem Dichter zuteil wurde. In nahezu jeder Stadt wird der junge Bestsellerautor mit Ständchen, Festessen und Fackelzügen gefeiert. Ganz Deutschland befindet sich im Herwegh-Fieber. Handwerker und Studenten singen seine Lieder, Mädchen schicken ihm ihre Locken. Gutzkow bezeichnet ihn als den »Matador des Jahres 1842«.
Nicht nur Emma Siegmund sieht in ihm den »Vaterlandserwecker«. In diesen Wochen kann sie nahezu jeden Morgen etwas über den »Lebendigen« in den Zeitungen lesen. Der Dichter wird gefeiert, als wäre er der Anführer einer Massenbewegung. Die Herwegh-Feiern werden zugleich auch als Demonstrationen gegen das monarchische System genutzt.
Von Berlin aus setzt derweil Emma Siegmund Himmel und Hölle in Bewegung, um in die Nähe ihres »Herzensbräutigams« zu gelangen. Zehn Jahre ihres Lebens würde sie um seine Bekanntschaft geben, flüstert sie ihrer Freundin Ottilie von Graefe auf einer Gemäldeausstellung ins Ohr, als von der baldigen Ankunft des Dichters die Rede ist. Ungeniert bearbeitet sie Freundinnen und Bekannte. Bereits in Halle erfährt Herwegh, wie sehnlich er in Berlin erwartet wird. Emma Siegmunds Freundin Charlotte Gutike steckt dem Dichter, der im Hause ihres Vaters logiert, ein Empfehlungsschreiben an das Fräulein Siegmund zu.
Am 6. November steht Herwegh vor der Tür des Hauses Siegmund. Der Sohn Marcel schildert das Ereignis mehr als ein halbes Jahrhundert später in der Buchausgabe der Brautbriefe, an der Emma Herwegh noch mitgewirkt hat: »Die erste Begegnung war wie eine Wiedersehen von Menschen, die endlich, nach langer Wanderschaft in der Fremde, in ihre eigentliche Heimat zurückkehren.«(Brautbriefe, Vorwort von Marcel Herwegh, S. 28)
Auch Herwegh ist wie gebannt. Der Augenblick, in dem sich die beiden zum ersten Mal gegenüberstanden, sei eigentlich schon ihre Hochzeit gewesen, heißt es später.
Der junge Dichter bleibt nicht nur zum Mittagessen, sondern geschlagene neun Stunden im Hause, vergisst seine Verabredungen und Verpflichtungen, unterhält sich fast ausschließlich mit Emma Siegmund und kann sich erst am späten Abend von ihr losreißen. Ein paar Tage später vertraut sie ihrem Tagebuch an: »Ich habe diese ganze Zeit nicht schreiben können, der Himmel ist in mich und über mich gekommen. Ich weiß jetzt, daß ich noch Keinen geliebt, denn außer Dir, mein verklärter Bruder, sah ich noch keinen Mann, der meine Seele in solchem Masse erschüttert hätte; mag mein Schicksal jetzt sich vollziehen, wie es Gottes Wille ist, aber mich durchschauert der Gedanke an eine Trennung. Das war der sichtbare leuchtende Tritt eines Engels. Einen so freien Mann sah ich nie, ebensowenig einen, der so ohne jede Spur von Egoismus gewesen wäre, sich nur als Werkzeug einer großen Idee betrachtend.« (BR H 1718, 12. Oktober 1842)
Anknüpfungspunkt für weitere Rendezvous sind Emma Siegmunds Zeichenkünste. Herwegh wünscht sich von ihr gezeichnet zu werden. »Sonntag sah ich ihn zum Erstenmale, Dienstag fing ich sein Bild an. Den 10. zeichnete ich zum Zweitenmale. Abends Herwegh bei uns. Der Mann ist am Größten, am Schönsten, wenn er sein eigen Schicksal vergißt und nur die einzige Verwirklichung der Freiheitsidee erstrebt.
Gestern zeichnete ich ihn zum Letztenmale...
Daß ich die Beste wäre!« ( BR H 1718, 12. Oktober 1842)
Georg Herwegh ist von ihr begeistert.
»Das Mädchen ist noch rabiater als ich und ein Republikaner von der ersten Sorte«, schreibt er einem Freund.
Am folgenden Tag, dem 13. November, eine Woche nach seinem ersten Besuch in der Villa Siegmund, wird dem Dichter zu Ehren ein großes Abschiedsessen gegeben. Emma Siegmunds Bruder bringt einen Toast auf den Gast aus. Doch die Verse verraten eindeutig ihre Handschrift.
Wer so die zarten Triebe weiß zu stählen,
Daß aus den Blumenkelchen Waffen sprießen,
Kann der sein volkerlösend Ziel verfehlen?
Von Süd herauf mag fort die Quelle fließen!
Auch hier im Norden gibt es freie Seelen.
Mit Herz und Hand laßt uns den Dichter grüßen!
(Brautbriefe, Vorwort von M. Herwegh, S. 31)
Nach dem Essen habe Herwegh - so sein Sohn - Emma Siegmund halblaut an ein Versprechen erinnert: »Nach dem Essen machen Sie mir bitte noch eine kleine Profilzeichnung auf Ihrem Zimmer, und ich schreibe Ihnen, wie Sie es gewünscht, meinen Morgenruf in Ihr Gedichtbuch.« (Brautbriefe, Vorwort von M. Herwegh, S. 30)
Als sie nach einer Stunde wieder in den Salon ...