NUR DIE HÄLFTE WURDE MIR GESAGT!
Mit diesen Worten drückte die Königin von Saba ihr Erstaunen aus, als sie König Salomos Weisheit und die Pracht Seines Königreiches mit eigenen Augen sehen konnte (2.Chr 9,6); ihre Erwartungen wurden weit übertroffen. Man kann aber auch negativ überrascht werden, wenn man nur die Hälfte einer Sache hört; beispielsweise, wenn man einen Vertrag abschließt und erst nachher auf das Kleingedruckte aufmerksam gemacht wird. Seit Jahren frage ich mich, ob wir das Evangelium wirklich in einer Weise predigen, die angemessen ist, um uns auf die Jahre zwischen unserer Bekehrung und unserer Verherrlichung hinreichend vorbereiten. Mein Eindruck ist, dass wir nicht einmal die Hälfte dessen, was nötig ist, lehren und deshalb viele Christen nur mit halber Kraft leben und auf halbem Weg scheitern, oder zumindest ihre Irritation zum Ausdruck bringen: „Das war aber nicht ausgemacht!“
Mit diesem Buch möchte ich auf ein paar vernachlässigte Themen hinweisen, die für das Gelingen unseres Glaubensweges von entscheidender Bedeutung sind. Ich selbst brauchte mehrere Jahre, um das zu durchschauen, doch dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen; deshalb gehe ich davon aus, dass manche Ausführungen den einen oder anderen auch erschrecken werden, je nachdem wie er theologisch geprägt wurde. Bevor ich in das Thema einführe, möchte ich ein paar allgemeine Bemerkungen vorausschicken:
Für normale Gemeindeglieder
Ich bin der Überzeugung, dass jedes Gemeindeglied in geistlichen Dingen zuerst bei der Gemeindeleitung Rat suchen soll und nicht bei fremden Buchautoren. Die Realität sieht oft anders aus, und auch ich habe hier etwas veröffentlicht, das frei zugänglich ist. Darum habe ich eine Bitte an Dich: Besprich die Fragen, die Dir zu diesem Buch kommen, mit den Ältesten (Predigern, Pastoren) Deiner Gemeinde. Es kann sein, dass ich ein Irrlehrer bin und vor mir gewarnt werden muss. Wenn das die Meinung Deiner Ältesten ist, dann respektiere sie, denn es soll nicht um mich gehen, sondern um das Wort Gottes. Sie sind verantwortlich für Deine geistliche Entwicklung, ich kann darauf aus der Distanz ohnedies keinen Einfluss nehmen, und es steht mir auch nicht zu. Andererseits ist die Gabe, die Gott mir gegeben hat, ein Geschenk für die ganze Gemeinde und nicht nur für die, mit denen ich vor Ort verbunden bin. In diesem Sinn mag das Buch den Rang eines Gastpredigers einnehmen, der einen (hoffentlich wertvollen) Denkanstoß gibt, dann aber wieder weiterzieht.
Für Gemeindeleiter und Lehrer
Mit diesen Ausführungen möchte ich vor allem Euch ermuntern, das Evangelium unseres Herrn Jesus Christus vollständiger zu erfassen und zu lehren. Wir stehen in großer Verantwortung vor dem Herrn (Jak 3,1), und es geht um die uns anvertrauten Seelen (Heb 13,17). Ich bin selbst ein Lehrer in einer christlichen Gemeinde und bemühe mich, dieser Berufung gerecht zu werden. Nachdem mir vor Jahren bewusst wurde, wie ich (und viele andere), in dem Bestreben, das Evangelium leicht verständlich zu präsentieren, es um wesentliche Aspekte verkürzt haben, wurde ich zuerst sehr verunsichert und beschämt. Seither bemühe ich mich darum, was fehlt auszugleichen. Diese wenigen Seiten sind ein Zwischenergebnis dieses Bemühens. Ich strebe mit dieser Broschüre keineswegs Vollständigkeit an, sondern will Gedanken anstoßen, die Ihr vor dem Herrn selbst weiterverfolgen und vertiefen könnt. Selbst kann ich mit Freude bezeugen, dass meine anfängliche Verunsicherung einem tiefen Frieden und einer fundierten Gewissheit gewichen ist, die ich Euch und allen Lesern von Herzen wünsche.
Teil 1: Die volle Botschaft
Was meine ich mit der halben Botschaft? Im ersten Abschnitt geht es darum, wie wir das, was vor bald 2.000 Jahren auf Golgatha geschah, verstehen und für uns wirksam werden lassen. Es werden nicht die Tatsachen des Heils in Zweifel gezogen, sondern es geht um deren Auslegung und Vermittlung. Ich wurde gelehrt, dass sich alles im Wesentlichen darum dreht, das unsere Sünden vergeben werden und wir durch Glauben an Jesus ewiges Leben erhalten. Das glaube ich auch heute noch. Aber ist das alles? Was fehlt, ist das ganze Leben zwischen Bekehrung und Verherrlichung: Hat die Art und Weise, wie wir in dieser Welt als Christen leben noch irgendeinen Einfluss auf die Errettung, oder ist das nur eine Zeit, die wir so recht und schlecht hinter uns zu bringen versuchen, bis wir im Himmel sind? Bei dieser „herkömmlich evangelikalen“ Verkündigung sind nämlich nur das sündige Leben vor unserer Bekehrung und das herrliche Leben nach unserer Auferstehung im Blick, und das bringt gravierende seelsorgerliche Probleme mit sich. Zum Beispiel: „Warum muss ich jetzt noch gute Werke tun und Jesus gehorchen, wenn eigentlich bereits alle Voraussetzungen unwiderruflich dadurch erfüllt sind, dass alle Sünden, selbst die noch gar nicht begangenen, bereits vergeben sind?“ Wir behelfen uns damit, zu ermuntern, dies aus Freude und Dankbarkeit über das Heil zu tun; oder weil es zusätzlich noch einen (nicht näher bestimmten) Lohn zu erwarten gibt. Beides ist wahr: Wir sollen aus dankbarem Herzen Gott gehorchen, und es wird einen Lohn geben.
Aber macht es wirklich gar nichts aus, wenn wir ungehorsam und faul sind? Sowie man nun nämlich sagt: „Du musst Gott gehorchen“, handelt man sich den Vorwurf der „Gesetzlichkeit“ ein, schließlich wäre es dann ja nicht mehr Gnade. Was ist nun das Ergebnis dessen? Ganz ehrlich und nüchtern beurteilt: Das christliche Leben, besonders bei uns im Westen, ist alles andere als überzeugend und mitreißend. Irgendwie stimmt hier etwas grundlegend nicht. Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass das ganze Thema des Herrschaftswechsels und des Glaubensgehorsams sich in ein auf Vergebung reduziertes Modell des Evangeliums1 nicht einfügen lässt, weil dies als etwas von der Errettung Abgekoppeltes gelehrt wird;2 deshalb meine ich, dass dieses Modell zu kurz greift. Allerdings gibt es ein vollständigeres Modell, um das Werk Christi zu beschreiben, wo Heiligung und Gehorsam sich natürlich einfügen; es ist jedoch relativ unbekannt. Das ist das erste Thema, das ich nach den Einleitungstexten vorstellen werde: Das Satisfaktionsmodell im Vergleich zum Lösegeldmodell (oder „Christus Victor“).
Teil 2: Ein Weg, den wir zur Gänze zurücklegen müssen
Am besten wird meine These verdeutlicht, wenn wir die Jahre und Jahrzehnte zwischen unserer Bekehrung und Verherrlichung als einen Weg begreifen, der uns zur Errettung führt. Die dahinter stehende Überlegung ist die, dass die Errettung offenbar mehrere „Phasen“ umfasst und nicht in einem Moment der Bekehrung allein erfasst werden kann.
Das Modell dafür ist der Exodus, mit dem ich mich im zweiten Abschnitt ausführlicher befasse. Unser Weg der Errettung beginnt mit der Bekehrung und unserem geistlichen Auszug aus Ägypten (unserer Knechtschaft in der Sünde), und dann gehen wir durch die Wüste bis zum Jordan und dem verheißenen Erbe dahinter. Damit bekommt das Leben, das wir führen, in natürlicher Weise Relevanz für das Heil. Die Errettung wird nämlich als ein Weg beschrieben, den wir zur Gänze zurücklegen müssen, um ans Ziel zu kommen. Wir erinnern uns vielleicht, dass „der Weg“ die eine der ersten Selbstbezeichnungen der Christen war (Apg 22,4). Auf dieser Reise erleben wir, dass die Rettung Gottes kein einmaliges Ereignis war, sondern auf täglicher Basis geschieht, indem Er uns das Manna zum Überleben gibt, oder uns im Kampf gegen Amalek beisteht. Doch ist diese Geschichte auch voll von Warnungen, da Menschen, die zwar aus Ägypten aufbrachen, das Ziel nicht erreichten, weil sie unterwegs den Glauben verloren. Was das für uns konkret bedeuten soll, ist das Thema des zweiten Abschnitts.
Teil 3: Mit voller Kraft
Die vielfältigen Aufforderungen, ein heiliges und gehorsames Leben zu führen, sind keine Überforderung, sobald wir verstanden haben, wie Gottes Kraft in uns zur Entfaltung kommt. Was uns dabei jedoch hindert, ist die allzu oft gehörte Ausflucht: „Wir sind ja nur arme Sünder und können ja gar nicht so richtig gut sein.“3 Dies steht jedoch im Gegensatz zum Wesen des Neuen Bundes und der Kraft des Heiligen Geistes. Wer das nicht gelernt hat, wird sich ab einem gewissen Zeitpunkt in seinem Glaubensleben mit der Normalität von Sünde in seinem Leben abgefunden haben; wobei er sich vielleicht noch damit tröstet, dass ohnedies alles vergeben sei. Allerdings spürt er, dass dies weder den Herrn ehrt, noch gegenüber der Welt wirklich glaubwürdig ist. Es sind nicht wenige, die den Weg des Glaubens dann überhaupt aufgeben, weil sich – ehrlich betrachtet – gegenüber ihrem alten Leben nicht so wirklich viel verändert hat. Dem möchte ich mit dem letzten Teil entgegenwirken, damit niemand auf halbem Weg liegen bleiben muss, weil er nur mit halber Kraft unterwegs war. Die Grundlage dafür ist aber die volle Botschaft des Heils.
Zwei Bilder zur Verdeutlichung:
„Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“, sagt das Sprichwort. Deshalb will ich diese Einleitung mit zwei einfachen Grafiken zusammenfassen. Das erste Bild zeigt, wie die Errettung in der Regel vermittelt wird:
Was wir in der Regel vermitteln, ist nur der Moment der Bekehrung, der uns Vergebung der Sünden und das ewige Leben „sichert“. Alles zwischen diesem Moment und unserer Auferweckung hat nach „herkömmlich evangelikaler“ Auffassung nichts mit der Errettung zu tun, und deshalb wird es in der Verkündigung ausgeblendet. Im Begriff Errettung ist alles zusammengefasst, sodass nicht mehr unterschieden wird zwischen Erlösung, Errettung, Reinigung und Vergebung. Dadurch aber entgehen uns mehr als nur „Feinheiten“.4 Die Nivellierung der Begriffe führt zu einer unsachgemäßen Verkündigung, mit allen Konsequenzen.
Ich schlage in dieser Arbeit folgendes Bild vor:
Dieses Bild macht deutlich, dass die Errettung in mehreren Phasen abläuft, die man voneinander unterscheiden muss. Hier wird sichtbar gemacht, dass zwischen unserer Erlösung und unserer Vollendung (also der Auferstehung des Leibes) ein Weg liegt, der in Beständigkeit und Treue zurückgelegt werden muss. Errettung wird so zum Überbegriff, der sich gliedert in die einmalige Erlösung aus der Knechtschaft der Sünde (geistl. Ägypten) und den vielfältigen Bewahrungen und Vergebungen auf dem Weg durch das Leben (unsere Wüstenreise). Das zeigt auch, warum Erlösung und Vergebung zwei verschiedene Dinge sind, denn erlöst wird man nur ein einziges Mal, Vergebung erhält man im Lauf des Lebens jedoch immer wieder.
Gerade das Exodus-Beispiel, das uns im Detail noch beschäftigen wird, lehrt aber auch, dass die einmalige und vollkommene Erlösung aus der Hand des Pharao nicht bedeutet, dass wir das Ziel des Glaubens automatisch erreichen werden. Der Weg muss zurückgelegt werden. Die Schritte, die wir tun müssen und der Gehorsam, den wir zu leisten haben, stehen dabei keineswegs im Gegensatz zur Gnade Gottes, die uns zu all dem befähigt, und uns auch zu vergeben bereit ist, wenn wir unterwegs straucheln. Aber die Gnade enthebt uns nicht vom Gehen und vom Gehorsam – Gnade, Glaube und Werke sind in dieser Grafik stimmig und widerspruchsfrei vereint. Auch die Möglichkeit des Abfalls vom Glauben, des Scheiterns auf dem Weg, wird erst nachvollziehbar, wenn man die Errettung als Weg versteht und nicht als ein punktuelles einmaliges Ereignis in der Biographie eines Menschen (Bekehrung).5
Es ist mein tiefer Wunsch, mit dieser Arbeit ein vollständigeres Verständnis des Evangeliums und daraus folgend ein Umdenken in unserer Verkündigungsarbeit einzuleiten. Ich ersuche daher vorab, davon Abstand zu nehmen, meine Ausführungen aus der Position dogmatischer Lehrsätze heraus zu beurteilen,6 sondern zuerst einmal aufmerksam zu verfolgen, welchem Ansatz ich folge, wie ich die Heilige Schrift auslege. Ich bin also nicht deshalb a-priori im Irrtum, weil ich zu anderen als den dogmatisch gewohnten Ergebnissen7 komme, sondern nur insofern, als ich dem Wort Gottes nicht entspreche. Für solche Hinweise bin ich immer dankbar und möchte lernbereit bleiben. Auch bei Meinungsverschiedenheiten ersuche ich um das Vorschussvertrauen, dass auch ich den Herrn mit dieser Schrift ehren und dem Aufbau Seiner Gemeinde dienen möchte. Ihm befehle ich deshalb mich und meine Ausführungen an, sowie alle Leser, dass sie von Seinem Geist geleitet prüfen und das Gute behalten mögen.