Hat Erich Maria Remarque wirklich gelebt? / Der Holzweg zurück
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Hat Erich Maria Remarque wirklich gelebt? / Der Holzweg zurück

Gesammelte Schriften Band 11

  1. 512 Seiten
  2. German
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  4. Über iOS und Android verfügbar
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Hat Erich Maria Remarque wirklich gelebt? / Der Holzweg zurück

Gesammelte Schriften Band 11

Über dieses Buch

Ewiger Frieden à la Kant? Ewiger Krieg? Soldaten sind doch nicht etwa Mörder? Der größte Bucherfolg der deutschen Literatur: Erich Maria Remarques Roman "Im Westen nichts Neues" (1929)...Friedlaender/Mynona ist im Gewand des Satirikers sofort zur Stelle: Der Autor hat die Pflicht, die Leser über den prinzipiellen Pazifismus aufzuklären. Remarque jedoch errichtet sein "pazifistisches Kriegsbuch und bellizistisches Friedensbuch" präzis auf dem Kreuzweg, vermeidet genial jede Entscheidung. Dagegen treibt Mynona Dekonstruktion - 50 Jahre vor Derrida. Daß sein Anti-Remarque von der Nazi-Presse gelobt, von Tucholsky aber, dem früheren Mynona-Fan, in arrogantester Weise diffamiert wurde, gehört zu den zeitgenössischen Paradoxien."Der Holzweg zurück" (1931), in der Tucholsky-Forschung bislangmarginalisiert, ist eine geharnischte Antwort an "Ignatius Illoyola".Aus rigoros Kantischer Position, mit seltenem Witz und stupenderKenntnis, seziert Friedlaender die (zeitlosen) Strategien desLiteraturbetriebs. Er gibt eine scharfsichtige Kulturdiagnose undwarnt eindringlich vor allem Opportunismus. "Ich habe meine Narrenhand an eure Lieblinge gelegt." -Die ausführlich dokumentierte und kommentierte Neuausgabe der beiden jahrzehntelang kaum greifbaren Bücher lädt ein, diesen Spezial- (oder Parade-?) Fall des Epocheneinschnitts der deutschenLiteraturgeschichte endlich angemessen zu beurteilen.

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Prolog unter der kalten Dusche

Parturiunt Monty’s – nascetur ridiculus mus (cote)..
(Die Bühne stellt ein Badezimmer mit offenem Hintertürchen dar. In der Wanne ein alter Mann, ICH):
Bevor ich den Clown spiele, möchte ich doch zuvor noch einen Augenblick mein ernstes Gesicht zeigen.
Ich will in das Wespennest der triumphierenden Mittelmäßigkeit stechen. Die an sich zufällige Person des Herrn Remarque dient mir nur deshalb zum Angriffspunkt, weil sich in ihr jener Triumph konzentriert.
Indem man heute weder theoretische noch praktische Vernunft kennt, infolgedessen keine Urteilskraft hat, gibt man Rechenmaschinen die höchsten wissenschaftlichen, ja philosophischen Ehren; feiert Staatsmänner, die vom Grunde der Politik, von Ethik nur einen heuchlerischen Anschein erregen: und bekränzt Künstler und Dichter mit Weltruhm, die es virtuos verstehen, Sinne und Gemüt aufzuwühlen, ohne daß ihr Geist und Wille vernünftig orientiert wäre; so daß sie schwärmen oder dürr bleiben.
Hat es schon jemals eine mittelmäßigere Verkennung des Genius, eine brausendere Verherrlichung der geschickten Banalität gegeben?
Dieses Mittelmaß ist weder schlecht noch gut, weder wahr noch schön, noch erhaben. Remarques Buch z. B. ist eher im besten Sinne mittelmäßig. Ist denn damit der Kolossalerfolg gerechtfertigt? Wie wenig, das wird sich wohl aufhellen, wenn man der allgemeinen Mittelmäßigkeit ihren Liebling in meinem Zerrspiegel zeigt.
Sie gestatten doch, Herr Remarque, daß einer Sie auch zur Abwechslung mal karikiert; ich hoffe sogar, Sie fühlen sich geschmeichelt, mindestens belustigt. Niemand ist ja, wie man hört, über diesen Erfolg mehr erstaunt als Sie selber.
Also demonstrieren wir doch der Mittelmäßigkeit ihr plattes Genügen! Beobachten wir, wie sehr selbst gute Mittelmäßigkeit, der man wütend applaudiert oder entgegenzischt, ihre Blößen aufdeckt, wenn man sie spaßeshalber mit dem Höchsten identifiziert.
Ich wähle die Form der satirischen Apotheose.
Vor keinem satirischen Mittel darf ich zurückschrecken und mache (zumal Herrn Remarque) darauf aufmerksam, daß meine Worte selbstverständlich Zeichensprache sind: „Gummi“ ist nicht Gummi, „Osnabrück“ nicht Geographie; sondern es sind Vokabeln, welche die noch so sympathische Mittelmäßigkeit kennzeichnen. Den Privatmann Remarque diesem humoristischen Attentat auszusetzen, liegt mir unendlich fern. Meine Attacke gilt der gesamten zeitgenössischen Mittelmäßigkeit, den Epigonen der Antike, des Mittelalters, des Schopenhauer und des Nietzsche, der sogenannten „Moderne“ gilt es, insbesondere aber dem Abgotte der modernen Mittelmäßigkeit, dem Relativismus und Einsteinismus. Ideell von Nietzsche, materiell von Ullstein her mächtig aufgeblasen, ist diese Mittelmäßigkeit zum Glück allmählich immer explosibler geworden. Sie zum Platzen zu bringen, auf die Gefahr, von den Granatsplittern ihrer Dummheit getroffen zu werden, amüsiert mich.
Die „Moderne“ ist eine Versicherung auf Gegenseitigkeit, das wahrhaft Bedeutende nicht aufkommen zu lassen. Sie fallen – positiv oder negativ – nur sich selber bei; der Rest bleibt anonym. Unter „Genie“ verstehen sie die Ausschaltung der vernünftigen Urteilskraft durch „Intuition“, „Evidenz“, „Gefühl“, „Erlebnis“: alle ihre Anschauungen sind blind, alle ihre Begriffe, z. B. der einer „Vierten Dimension“, bloß gekaute Luft, hohler Wind, relativistische Verkrüppelung der Zeiträumlichkeit, an der sie Form vom Inhalt nicht mehr unterscheiden. Vernunft wird mit abstrakter Reflexion, mit formaler Logik verwechselt, organische Urteilskraft mit „Unbewußt“, bis der tollste Unsinn losgeht.
Moderne Mittelmäßigkeit überlärmt das Genie der Vernunft, den obersten Lehrmeister der Menschheit: Kant und erst recht dessen einzigen kongenialen Nachfolger, Ernst Marcus. Dieses echten Genies findet man in der Moderne, die deshalb mittelmäßig ist, nur eine verhagelte, verhegelte, vermarxte, vermurxte, verschopenhauerte, vernietzscherlte Spur. Selbst eure „Männer“ (heißen sie Thomas oder Heinrich), eure Döblins, Unruhs, Kerre, tuttiquanti lassen diesen Geist beträchtlich vermissen und erheben sich dadurch nicht über das beste Mittelmaß. Ohne Kant werdet ihr verdummen, und ohne Marcus werdet ihr Kant nie verstehen; daher, mit euren glänzendsten Fähigkeiten, mittelmäßig bleiben und höchstens die Freude und der Stolz eurer Mitwelt werden. Ihr seid romantisch oder urteilslos funkelnagelneu, d. h. blitzdumm …
Remarques Werk reflektiert diese mittelmäßige Gesamtverfassung so neutral, trifft damit so kräftig ins Herz des Allerweltsgeschmacks, daß es sich zu meiner Zielscheibe am besten eignet.
Wie dem sei, – ich wähle mir ihn. Ebensogut hätte ich Herrn … aber keine Namen! Am liebsten sollte ich mich selbst wählen? Da ich erst gegen das Ende meines Lebens zu erwachen beginne? Vielleicht, Herr Remarque habe ich mich selbst gewählt? Mißverstehen wir uns nicht, meine andern Egos! Das Spiel beginnt.
Vorhang auf!

I. Kiek in die Halbundhalbwelt

Fast an der Grenze meiner Lebensjahre stehend (meistens liegend), wurde ich von der Vorsehung, indem ich auf ein mäßiges Beifallsgeklatsch hinhörte, in das sich ein paar Zischlaute mischten, begnadet, das überlebensgroße, unsterbliche Tag- und Nachtwerk „Nichts Neues“ von Erich Maria Remarque kennen, lieben, verehren, vergöttern zu lernen. Unbegreiflich ist mir die Menschheit in ihrem vollkommenen Stumpfsinn. Solches Werk, hätte ich gemeint, müßte doch den jungen Dichter sofort zum Ehrenbürger mindestens Osnabrücks machen. Osnabrück nämlich ist das kreißende Mäuslein, das einen solchen Berg gebar.
Was aber zeigt sich? Eine gottverzeihsmir Ullsteinclique, die (nu schön) eine Million Exemplare an die Weiber und Männer bringt. Menschenleute gibt es rund eine Milliarde. Tableau! Er selber aber, der Strahlende, der Verherrlicher zugleich und Betrauerer, der Kriegs- und Friedensenthusiast (wenn man den Blättern folgt), der – wie Monty Jacobs, Ullsteins Feuilletonchef i. d. Voss. Ztg. v. 25.5.29, so galant bemerkt – Frische, Schlanke – sei mein Trost, wenn ich seinen, wie zahlenmäßig bewiesen, so spärlichen Erfolg bitterlich beklage. Spießer werden mich nicht verstehen. Ihnen genügt es, wenn man einem Genius eine halbe Million in die überarbeitete, ob auch junge, frische, schlanke Pfote drückt. Lieber Gott! Was hat „der lohe Ätherstrahl Genie“ mit Geld zu tun? Alles Geld der lumpigen Erde langt nicht hin, ihn angemessen zu honorieren. Ein gewisser Björn, Sohn eines mal berühmt Gewesenen, proponiert für unseren Remarque den Nobelpreis –: stets war es die jesuitisch verkniffene Teufelslist der Tierquäler des Genius, ihn, den Einzigen, den Solitär in Gesellschaft zu stecken, in irgendeine Clique, wo er halt auch so einer sein durfte …
Oh! Möchte man doch auf meine brüchige Stimme hier hinhorchen wie auf die des alten Attinghausen in Schillers Teil: Seid einig darin, Remarque mit der Idee vielmehr der Aus- als der Einnahme zu verbinden! Er ist, wie Schopenhauer, wenn der nicht inzwischen verblichen wäre, so gern von ihm gesagt hätte, zwar among us, but not of us. Gut, gebt ihm sämtliche Literatur- und andre Preise. Vergeßt aber nie, daß es ist, als wollte man einem Milliardär deutsche Inflationsmark zumuten. Beschämt ihn nicht dadurch, daß ihr eure Ellenmaßstäbe an ihn legt. Ist er doch kein Spezialist (wie z. B. Albert Einstein), sondern Universalschütze, der jeden von uns mitten ins friedliche Herz trifft.
Bitte laßt hier noch einmal die fast göttlichen Propyläenworte ertönen, mit denen der Friedensheld uns an der Rampe seines ullsteinernen Palais empfängt: „Dieses Buch soll weder eine Anklage noch ein Bekenntnis sein“ … Unerhört fein, wie der taciteisch, sine ira et studio verfahrene – pardon, verfahrende Autor, diese Hinter- als Freitreppe kaschierend, seinen Besuchern, seien es Hohenzollern oder Bolschewiken, jede Unannehmlichkeit erspart. Stellt er sich etwa lau, um aus jenem Urmunde, dessen Gegenteil der des Volkes ist, ausgespien zu werden? Bewahre! Sondern er will wirklich nur „den Versuch machen, über eine Generation zu berichten, die vom Kriege zerstört wurde, auch wenn sie seinen Granaten entkam.“ Das Eosanderportal am Berliner Kgl. Schloß gefällt mir kaum so sehr wie diese Entree, dieses mannhafte Bekenntnis zur Lebensgefährlichkeit des Krieges, der ja künftig auch die Zivilisten restlos vergasen wird. Nur Toren, über die man weinen würde, wenn man nicht über sie lachen müßte, finden das immer wieder „lau“; während hier mit ebenso genialen wie schamhaften Worten der infame Aberglaube widerlegt wird, daß Friede möglich wäre, so lange es noch Krieg geben kann. Ein Afterglaube, den der Pazifist leider mit dem Bellizisten teilt.
Unser Remarque darf sich daher des eigenen Urteils gern enthalten: er verwirft den Krieg, weil der den Frieden aufhebt; und verzichtet auf einen Frieden, so lange Kriegsgranaten ihre Wirkung auf solchen (faulen) Frieden ausdehnen dürfen. Und dieses Werk nennt er in stolzer Bescheidenheit nur einen „Versuch“. Der wackere Fritz Nietzsche züchtete in dämonischer Diplomatie recht gern solche „Versucher“. Daß dessen Weimarer Schwester Lisbeth ihren Nietzschepreis nicht reflektorisch blitzschnell an Remarque gegeben hat, ist so wenig im Geiste Fritzens wie ihr sonstiger Geist. Ich selber bin heute Gegner eines Krieges, der den Frieden einzuschließen scheint; und Gegner eines Friedens, der den Krieg nicht ausschließt. Verschont uns mit eurer Humanität, die das Hinterteil des Krieges für Frieden hält, und so beide in gleicher Weise anrüchig macht. Hinterm Rükken des Krieges – das lehrt unser Surhumain, unser Re- (fast hätte ich Bis-) marque gesagt, gibt es keinen Frieden.
Also das Ullsteintamtam muß ich preisen, weil ich den jungen Genius sonst wohl kaum noch vor meinem Tode kennen gelernt hätte. Porträts von ihm sah ich hie und da prangen. Obgleich aber die erbarmungswürdigen Photographen sich krampfhafte Mühe gegeben hatten, das Inkognito dieser allerdings nicht auf flacher Hand liegenden Genialität zu lüften, ist es ihnen nicht halbwegs gelungen, die alraschidisch dekondeszendierende Majestät zu demaskieren. Pfui! über diese Zwielicht-, diese Finsternisbilder, auf denen sich der Unsterbliche ausnimmt wie irgendein Gent in „Sport im Bild“. Nichts unterläßt die herrschende Mittelmäßigkeit, was dazu taugt, Genies an die Ammenbrust der Gewohnheit zu legen, sie aus Gemeinem (u. U. auch aus gemeinen Soldaten) zu machen, Ungewöhnliches gewöhnlich scheinen zu lassen. Diese Porträts zeigen einen hübschen Jüngling, näher dem Manne, etwa nach dem Geschmack der Tante Voß oder des Onkels Monty Jacobs, weiter nichts. Während der echte Remarque wie jeder Genius unsagbar naiv ist (lesen Sie mal seinen Roman „Traumbude“!), nimmt sich der photographierte Remarque geradezu smart aus, wie wenn er soeben einem schnittigen Flugzeug entstiege. Was soll der Unfug? Man kommt auf den Gedanken, daß die optische Linse nicht mehr wert sei als das mittelmäßige Auge. Noch keinem unserer Rembrandts ist es eingefallen, sich selber dadurch zu verewigen, daß sie ihre ordinäre Leinwand durch das geniale Antlitz Remarques adelten. Sie halten ihn wohl nur für so ’nen ullsteinernen Gast, nicht wahr?
Vielfach wird man die Beobachtung schon gemacht haben, daß die Spuren großer Ahnen wie absichtlich verwischt sind, damit sich der Mythos rascher darüber hermachen könne. Wäre Ullstein Himmel (er ist nebbich nicht mal Hölle), so würde man geistvoll bemerken können, kein Meister fällt von ihm. Kein Ull-Stein der Weisen war der Probierstein dieses Jungmeisters. Die Pike (um mich möglichst kriegerisch zu benehmen), von der auf er gedient hat, stand, wie schon angedeutet, in Osnabrück. Diese Stadt wird sich einst um die wohlbalsamierte Leiche unsres Kriegsfriedensfürsten mit noch sechs anderen Provinzstädten streiten! Allergrößte Geniusse (z. B. der Remarque-Aspirant Homer) pflegen mehrere Leichen zu hinterlassen. Unserer hier schläft nie wie quandoquidem Homer: keine seiner Zeilen läßt seinen Geist vermissen.
Mythos hin – Mythos her – ich beauftragte ein renommiertes Detektivinstitut mit der Eruierung seiner Herkunft. Kleine Geister halten solche Belastungsproben nicht aus: ihr Mythos stirbt an der profanen Wirklichkeit. Aber bei Größten wirkt sich der Mythos durchs Profane wie goldne durch silberne Fäden zur brokatenen Biographie. Der Vater kann Zimmermann sein, und doch ist der Sohn – ich brauche nicht zu sagen, was. Den guten Autor versteht der schlechteste Leser auf halbem Worte.
Wäre mir vergönnt, eine imaginäre Biographie des Anbetungswürdigen zu schreiben, so würde ich ihn nicht so sehr in Osnabrück als vielmehr – Remarques heißer Sehnsucht gemäß – auf der weißen Jacht der Lady Lilian Dunquerke fabrizieren lassen, so um die Südsee herum, und der Fabrikant, ein baufälliger Freiherr, würde sich aus dem Staube des Atolls machen. Fein, was?
Zu Osnabrück brachte die Ehefrau des Buchbinders Peter Franz Remark (ohne „que“), eine geborene Stallknecht, am 22. Juni 1898 in der Provinzialentbindungsanstalt Jemanden zur Welt, den diese noch heute nicht in seinem vollen Umfange würdigt.
Erteile ich mir hier nicht gleichsam die Rolle der Weitergebärung dieses Kindleins zu? Bin doch ich die Fortsetzung dieser nur gynäkologischen Politik mit biographischen Mitteln. Was (nebbich) ist schon so ein Ullsteinruhm? Wäre die Bibel in allererster Auflage bei Ullstein erschienen, so würde heut keine Henne mehr nach ihr gackern. Ullstein ist ein Zeit-, kein Ewigkeitswert. Remarque aber atmet nach Monty Ewigkeit. Walter von Molo, der Präsident der (stellenweise) illüstren Dichterakademie, läßt sogar drucken: „Remarques Buch ist“ … „von allen Toten geschrieben.“ Weh geschrien! So schreibt kein Toter!
„Ein Kind“, wie es in der Geburtsurkunde heißt, „männlichen Geschlechts“, welches die Vornamen Erich Paul erhalten hat. Forschte ich nach dem Ursprung des „que“, so erhielt ich regelmäßig mediumistische Antwort von einem toten Hugenotten, der mal sein Ahn gewesen wäre. Man sollte lieber fleißige statt fauler Witze machen. Genie ist Fleiß, so daß wir hoffen dürfen, Remarques Genie mit unserem Fleiße wettzumachen. Endlich ist er ja wenigstens geboren. Die katholische Frömmigkeit der Eltern machte aus dem kleinen Paul Remark unseren Maria Remarque. Andererseits gelten die Hugenotten als Protestanten. Aber der Genius ist kein ausgeklügelt Buch, er ist ein Mensch mit seinem Widerspruch.
Unser Paul Remark ist zugleich Maria Remarque, katholischer Hugenottenenkel, mondäner Kriegsheld, zerstörter Friedensenthusiast, Pädagog, Gummiagent, Dichter, förmlich dünner und dichter Genie; kurzum verschiedene Brüste in garantiert nur einer einzigen Seele, wie Proteus Einer und doch viele ist. Auf Schritt und Tritt zeigt sich hier die gleiche Unterschätzung, wie sie uns im Falle Remarque sofort begegnet ist: der Genius ist proteisch – er hat so viele Charaktere, wie es Menschen gibt, um jeden elektrisieren zu können; leider haben die meisten Blitzableiter der Wahrheit auf den Köpfen. Der dramatische Dichter – und Remarque wird uns eines Nachts auch sein Drama geben – kann sich in sämtliche Charaktere dividieren. Der Spießer verlangt vom Dramatiker eine ethische Grundgesinnung, verrät uns aber nicht das Rezept, wie man dann die dramatis personae so höchst mannigfaltig vom ehrenfesten Frontkrieger bis zum belletristischen Gummimann charakterisieren könne. Kein Spießer erfaßt das Ideal des genialen Verwandlungskünstlers, der jeden Charakter nach buntem Belieben annehmen, bald Scherlscher Patriot, bald Ullsteinscher Bolschewik, bald Arier, bald judenlieb sein kann. Talent, sagt Spießer, kein Charakter. Weder noch, lästert die Bösartigkeit, welche vergißt, daß sogar Kopernikus, wie Goethe das schnurrig ausdrückt, seinen Wurm hatte; oder, wie Lichtenberg zu sagen pflegte, jeder große Mann sein dunkles Eck habe.
Senken wir die Sonde der liebevollsten Verständnisinnigkeit in diese labyrinthische Brust unseres – darf ich Helden sagen? –, so begreifen wir endlich seine vornehm verborgene Seele, seine intimste Einzigkeit, sein Wesen selber in einer vollkommenen Neutralität: alles bekennend, indem er nichts zu bekennen scheint, alles versuchend. Wie das Wort „Granate“ den köstlichsten Halbedelstein so gut wie die zerstörendste Stickgasbombe bedeuten kann: – ist unser proteischer Remarque ebenso gern ein halber Dorian Gray, wie die leichenhafte Frontseele in selbiger Person, Mischung aus Bonvivant mit Arnold von Winkelried oder so, den Halbmesser (mindestens) der Menschheit in sich ausspannend.
Ungeheuerlich für den Tiefstand der Kultur bezeichnend ist’s, daß dieser inkarnierte Inbegriff alles Menschlichen nur eine flach ullsteinerne Modesensation bewirkt. Bitte photographiert doch mal die Antlitze aller Zeitgenossen und -innen übereinander, ob dann nicht „nichts Neues“ resultiert und geradezu das Gesicht Remarques, dessen Durchschlagskraft sich wohl erst nach unserer einigermaßen adäquaten Würdigung voll auswirken kann. Bisher fehlte die zutiefst schürfende Kritik. Unser alter lieber Monty meint es zwar gut, aber nicht gut genug. Er ist nicht sachlich, wenn er alleweil die frische, junge Schlankheit und dergleichen Kosmetika betont. Er hat ein sinnliches Faible für die Lieblichkeit des Dichters, der ihm halt auch äußerlich – nu laßt ihn schon! – so gut gefällt. Ich argwöhne fast, es müsse einem Genius nicht angenehm sein, wenn man ihn immerfort jung, blond, frisch und schlank nennt, als ob er von Idioten seiner schönen Beine wegen preisgekrönt werden solle.
Teures Genie, sei häßlich wie Sokrates, habe den Mut zu Obeinen...

Inhaltsverzeichnis

  1. Inhaltsverzeichnis
  2. Einleitung: Stiche in Wespennester. Mynona dekonstruiert die Moderne (Remarque/Tucholsky) von Detlef Thiel
  3. Hat Erich Maria Remarque wirklich gelebt?
  4. Der Holzweg zurück oder Knackes Umgang mit Flöhen
  5. Ankündigungen und Rezensionen
  6. Nachweise und Anmerkungen
  7. Verzeichnis der Abbildungen
  8. Literaturverzeichnis und Abkürzungen
  9. Namenverzeichnis
  10. Sachverzeichnis
  11. Impressum