Kyrie und Gloria
Kyrie eleison
Die ersten vier Takte wirken wie ein qualvoller, markerschütternder Urschrei1, wie das Artikulieren eines heftigen, bedrängenden Urschmerzes. In dissonanten Akkordballungen (a) wird mit dem fünfstimmigen2 Chor wiederholt das Wort Kyrie (Herr) ausgestoßen. Wie ein Ertrinkender verzweifelt seine Arme hochwirft, so recken sich auf das eleison (erbarme Dich) Dreiklänge nach oben. Im letzten Takt durchschreiten die 1.Violinen unter Seufzern eine ganze Oktave (b) – eine bei Bach häufig verwandte Formel fallender Sekunden, immer mit „Tränen und Weinen“ assoziiert3. Chor und Orchester landen auf der Spannung der Dominante.
Es ist ungewöhnlich, dass Bach einen großen chorischen Einleitungssatz nicht mit einem instrumentalen Vorspiel, sondern mit wenigen Takten des Chores beginnt, die die Kernaussage, die Quintessenz des ganzen folgenden Textes in einem einzigen eruptiven Aufschrei zusammenpressen.
Die wenigen Takte eröffnen damit den längsten Chorsatz in Bachs Werk, der mit seinen 126 Takten und seiner Aufführungsdauer von ca 9-10 Minuten sogar den gewaltigen Einleitungssatz der Matthäuspassion (90 Takte, ca 8 Minuten) übertrifft.
Wir wissen nicht, warum die Sänger klagen, welcher Schmerz gemeint ist. Und wir erfahren es auch nicht, denn der Schmerz wird nicht benannt. Es ist jeder Schmerz gemeint, jede Verletzung, jeder Verlust, jedes eigene Versagen – vielleicht wirklich ein Urschmerz.
Jedenfalls verleiht die Musik – das ist das Wesen von Kunst – diesem Schrei, wie jedem anderen Gefühl auch, Übertragbarkeit, Allgemeingültigkeit. Denn in diesen Takten kann ein jeder seinen Schmerz, seine Verlorenheit, seine Ängste, seine Verzweiflung, sein ganz eigenes Versagen ausgesprochen finden.
Es ist etwas Archetypisches in unseren Gefühlen. Angst und Schmerz sind Begleiter eines jeden Lebens. Wir entkommen ihnen nicht, indem wir sie verleugnen, verdrängen oder ihnen mit Erklärungen einen Sinn zu geben versuchen, sondern wir befreien uns von ihnen, indem wir ihnen Ausdruck geben.
Als vorgegebene Form, in die wir unseren Schmerz eintragen, als Ventil, durch das der Kessel der bedrängenden Emotionen sich entladen kann, dient Musik. Sie kann helfen, nicht an dem unartikulierten, lautlosen Schmerz der Hoffnungslosigkeit zu ersticken. Sie findet Ausdruck für das Unsagbare. Die Klage wird nicht gemildert, aber sie wird (mit)geteilt.
Hier wird der Schrei an den Kyrios, an den „Herrn“ gerichtet. In Verzweiflung und Leid erfahren wir eine gefühlte, tiefe Verletzung unseres Selbstwertgefühls. Siegmund Freud beschreibt diese bittere Kränkung mit der Erkennnis: Wir sind nicht Herr im eigenen Haus. Anders sind Gefühle nicht zu erklären, die uns oft wie eine fremde, unheimliche Macht beherrschen, uns oft gegen unsere bessere Einsicht, gegen jeden Verstand lenken: Schreckliche Erinnerungen, die uns bis in unsere Träume verfolgen und immer neu traumatisieren; Sorgen, die uns quälen. Aber auch Ideen, die uns wie ein Blitz aus heiterem Himmel „ein“fallen, packen, nicht loslassen und eine neue Sicht der Dinge aufzwingen; oder auch das wunderbare Gefühl, verliebt und, ohne Widerstand leisten zu können, einem anderen Menschen ausgeliefert zu sein. Emotionen sind lebenswichtig. Sie motivieren uns, spornen uns an, machen uns lebendig. Allerdings haben sie einen Januskopf: Auch Verachtung, Wut und Hass sind Gefühle, sogar besonders starke Gefühle; aber sie entwickeln nicht Leben fördernde, sondern Leben tötende Kraft.
Da wir also nicht Herr im eigenen Hause sind, ist es dann nicht einleuchtend, einen HERRN anzurufen, der womöglich Herr in jedem Haus ist, der über alles wacht und der alles lenkt? Hier wird der Gott als Kyrios, als „HERR“ angerufen. Aber Gott hat viele Namen. Keiner kann ihn wirklich nennen. Das ist das Wesen von Transzendenz. Jeder Name ist nur eine Übersetzung; oft, nicht nur im Christentum, eine Umschreibung der Wirkungen des Gottes.
So steht im Text der Messe beispielsweise Rex (König) für seine Allmacht, Pater (Vater) für seine Fürsorglichkeit, altissimus (Höchster) dafür, dass er erste Ursache für alles ist. Die Tiefenpsychologin Ingrid Riedel ersetzt in ihren Vorträgen das Wort Gott, das so leicht abgegriffen wirkt, mit „das Leben selbst“. Man könnte auch sagen: „die Liebe selbst“. Beides wäre biblisch und ersetzte doch nur eine Umschreibung durch eine andere. Die vielen Menschen, die heute behaupten, sie glaubten an keinen Gott, erliegen einer Selbsttäuschung. Denn Luthers Erkenntnis gilt: Woran wir unser Herz hängen, das ist unser Gott. Und etwas, woran sein Herz hängt, hat jeder. Ob aber die heute so gern verehrten Herren Reichtum, Erfolg und Berühmtheit oder Macht verehrungswürdigere Götter sind als Leben und Liebe – das mag jeder für sich entscheiden.
Zurück zur Musik: Was in den ersten Takten eruptiv herausgeschrien war, das wird nun ausführlich und eindringlich in zwei großen Fugen ausgebreitet. Bereits die Wahl dieser Form ist bedeutungsvoll und für Bach charakteristisch: Denn mit der strengen Form legt Bach der Subjektivität der Aussage gleichsam ein haltendes Korsett an. So kann die Klage nicht in allzu persönliches Jammern ausufern, nicht in hilfloses, ohnmächtiges Stammeln abgleiten und gewinnt dadurch Allgemeingültigkeit.
Nach dem Aufschrei der ersten vier Takte folgt also ein ausgedehnter Komplex von zwei Chorfugen, die von einem Orchestervorspiel eingeleitet und durch ein Orchesterzwischenspiel getrennt sind.
Der allem zugrundeliegende musikalische Hauptgedanke spricht sein Anliegen mit einem Thema aus, das in seiner Plastizität ein Wunder an musikalischer Gebärdensprache ist. Dreimal wiederholt es den Grundton „h“ auf die Anrede „Kyrie“ – verleiht ihr mit solchem Insistieren auf einem Ton Nachdruck. Dann folgt eine intensive Gebärde des „eleison“, des „erbarme Dich“: Die Hand der Töne greift nach oben, bittend, flehend, bettelnd – und fällt mit einem Seufzer immer wieder zurück auf den Dominantton fis (a). Sammelt neue Kraft, holt neu Atem und stemmt sich qualvoll, chromatisch angestrengt ein zweites, ein drittes Mal nach oben, nur um immer wieder abzustürzen. Schließlich landet sie auf dem Leitton – der doch eigentlich in die Sicherheit des Grundtons zurückführen soll. Aber in einer letzten, verzweifelten Geste greift die Musik stattdessen in einem gewagten Septsprung nach oben (b), als wolle sie sich in äußerster Not an einem hohen Ton, der Obersext anklammern.
Die Spitzennoten (a) des Themas durchschreiten mit ihrer Chromatik der „eleison“-Töne eine Quart aufwärts, (nur das „c“ fehlt) und deuten damit eine musikalische Figur an, die im weiteren Verlauf der Messe, wie auch im gesamten Werk Bachs, eine große Rolle spielt und von Zeitgenossen als „passus duriusculus“ (ein etwas harter Gang) beschrieben wird. Ich komme darauf zurück4, wenn sie uns zum ersten Mal vollständig, wenn auch immer noch verborgen entgegentritt.
Drei kleine Zwischenspiele fordern unsere Aufmerksamkeit, denn sie fügen in beiden Fugen dem Hauptthema neue Gedanken hinzu. Gedanken, die dem Schrei nach Erbarmen Gewicht und neues Gesicht geben.
Das erste: eine Sequenzierung von drei Noten, die mit ihrer einfachen Diatonik die Chromatik des Hauptthemas beruhigen. Sie wirken wie die Zusage: „Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden“5.
Das kleine Motiv scheint nach der vorausgegangenen Qual des Hauptthemas in beiden Fugen nur eine nahezu belanglose, füllende Formel zu sein, die mit ihrer einfachen Diatonik wie mit einer segnenden Handbewegung die quälende Chromatik des Hauptthemas besänftigt, Entspannung und Lockerung gewährt. Es entpuppt sich aber als Umkehrung des Hauptthemas im nächsten Satz, dem Christe eleison. Es verbindet beide Sätze und signalisiert damit, man könne Trost finden, Qual und Leid besonders sicher mildern mit einer Anrufung des Sohns, also des Menschen.
Ein zweites Motiv wiederholt dreimal die Tritonus-Dissonanz (a), die es mit einer heftigen Handbewegung, mit von einem Anapäst-Rhythmus geschärften Sechzehnteln verjagt.
Dieses eigenartig dissonante Intervall von drei Ganztönen wird in der Musiklehre der Zeit als „saltus duriusculus“ (ein etwas harter Sprung) beschrieben und steht für den „diabolus in musica“, für den Teufel in der Musik. Als würde also hier die Musik beschwörend rufen: „toi, toi, toi“ – eine abkürzende, quasi ausspuckende Zauberform...