DIE DIGITALISIERTE JUGEND
Wenden wir uns nun also wirklich mal den Millennials zu, die sich am anderen Ende der Generation befinden und von der digitalen Wende in einem anderen Ausmaß betroffen sind. In mehreren Publikationen befassten sich Neil Howe und William Strauss mit der Lebenswelt der Jugend und prägten im Zuge dessen die nun am Häufigsten verwendete Bezeichnung für die heutigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen24. Interessanterweise sind ihre Beobachtungen insgesamt wesentlich positiver ausgefallen, als die Zuschreibungen der späteren Autoren, die sich mit derselben Population befassten und dieses Label übernahmen. Sie liefern in ihrem Buch "Millennials Rising - The Next Great Generation" eine große Bandbreite an Studien und Widerlegungen allgemeiner und fast ausschließlich negativer Annahmen zur jungen Generation und kehren diese nicht selten ins Gegenteil. Aufgrund des Veröffentlichungsdatums stammen die Daten allerdings höchstens aus dem Jahr 1999, und seitdem ist relativ viel passiert. Naja, wenigstens ziehen sie für meinen Teil der Generation den Karren aus dem Dreck, mit dem man uns bewirft, und das nehme ich dankbar zur Kenntnis.
Denn nicht um mich abzugrenzen, aber aus einem bestimmten Grund sehe ich mich und meinen Jahrgang nicht als vollwertige Teilnehmer dieser Gruppe. Fernsehen und Videospiele hatte ich als Kind und junger Jugendlicher zwar auch, und wenn es nach dem Soziologen Neil Postman geht hat das schon eine große Menge an potentiellem Schaden angerichtet, aber die Teildigitalisierung unseres Alltagslebens und die damit verbundene gravierende Beschleunigung der Globalisierung ist etwas, in das ich, wie ich es ausführlich beschrieben habe, erst im Verlauf meiner Teenagerzeit langsam hineingewachsen bin. Und das macht meines Erachtens einen deutlichen Unterschied. Man muss sich vor Augen halten, dass die bislang beschriebene Entwicklung für die heutigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter von etwa 20 Jahren oder weniger gar nicht mehr wahrnehmbar ist. Als sie in die Welt geboren wurden, war diese schon (weitestgehend) fertig digitalisiert, und sie hatten sie nie anders erlebt. Deshalb hat alles, was uns verwundert, ärgert, erfreut oder nachdenklich macht, für die jüngeren Millennials eine Aura des Selbstverständlichen. Gleichzeitig sind sie gefangen in einem Zustand, in dem sie in zwei Welten leben, die sich gegenseitig in Frage stellen, und die letztlich für den Millennial gleichermaßen real, ideal und falsch sind. Das, was im Netz passiert, wird von ihnen oft viel ernster genommen, als eventuelle Einzelaussagen von realen Erwachsenen. Es zeigt sich auch, dass die Millennials ein besseres Bewusstsein dafür haben, dass die anderen Nutzer tatsächliche Menschen sind. Aber andererseits gehen sie genauso unmenschlich mit ihnen um, wie die älteren Generationen, die das Internet überwiegend nicht ernst genommen haben und es als eine Spielwiese benutzen, während sie nur allzu oft vergessen, dass am anderen Ende reale Personen sitzen. Oder sie nutzen es als entmenschlichtes Werkzeug, wie ein Haustelefon oder eine Schreibmaschine, und nicht als eine geradezu lebendige Entität. Im Folgenden werde ich mich mit der Frage befassen, was der freie Zugriff aus das Internet mit den Kindern und Jugendlichen macht, um dann darzustellen, wieso diese Generation in einem scheinbar so schlechten Licht erscheint.
definierende Eigenschaften und Zuschreibungen
Wenn wir im Pädagogik-Unterricht über die Jugendphase sprechen zeige ich meinen Schülern immer gerne dieses Zitat und frage sie, von wem es kommen könnte.
Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.
Meistens gehen die Schüler von einem Zitat aus, das aus den 50ern oder 60ern stammt. Gesagt haben soll das aber angeblich der griechische Philosoph Sokrates, also ist das Zitat gut 2400 Jahre alt. Fairerweise muss man sagen, dass Sokrates das wahrscheinlich nicht genau so gesagt hat und es nur überliefert worden ist. Außerdem gehe ich davon aus, dass er kein Deutsch sprechen konnte. Zudem fand ich zahllose Zitationen, aber keine Hinweise darauf, wo dieses Zitat genau her kommt oder wie es überliefert wurde, wenn es denn echt ist. Am Ende könnte es ihm in den Mund gelegt worden sein, wie bei Marie Antoinette das Zitat mit dem Kuchen. Aber in beiden Fällen muss uns genügen, dass es die Person aufgrund der sonstigen Überlieferungen durchaus hätte gesagt haben können.
Ähnliches gilt für seinen Kollegen Hesiod. Er hatte sich mit dem Einfluss der verschiedenen Generationen (Altersklassen) auf das soziale Gefüge und die Geschichte seiner Gesellschaft befasst, und von ihm ist dieser Schluss überliefert:
Ich habe keine Hoffnung mehr für die Zukunft unseres Volkes, wenn sie von der leichtfertigen Jugend von heute abhängig sein sollte. Denn diese Jugend ist ohne Zweifel unerträglich, rücksichtslos und altklug. Als ich noch jung war, lehrte man uns gutes Benehmen und Respekt vor den Eltern. Aber die Jugend von heute will alles besser wissen.25
Überlegen Sie einmal, ob, als Sie in Ihrer Jugendphase waren, das Bild, das die Elterngeneration von Ihnen und Ihresgleichen hatte, sehr viel besser war, als jenes, welches heute über die aktuelle Jugend verbreitet wird. Die Wahrscheinlichkeit ist, abhängig von ihrem sozialen Umfeld, sehr hoch, dass es nicht besonders positiv war, abgesehen von der gelegentlichen Kontrastierung durch öffentliche Sprecher, die die Jugend als die Zukunft unserer Gesellschaft bezeichneten und dazu aufforderten, diese mit allen Mitteln zu fördern. Die Unterschiede liegen dabei aber immer in den politischen, sozialen und kulturellen Nuancen, die von der jeweiligen Zeit gesetzt worden sind. Eine Komponente ist unabhängig von ihrem aktuellen Auslöser aber immer ein Vorwurf bezüglich der wesentlichen Charaktereigenschaften, die der Jugend zugeschrieben werden. In Deutschland sind diese ständigen Generationenkonflikte besonders gut durch die geschichtlichen Meilensteine und die daraus resultierenden Protestbewegungen, sowie öffentliche Sentiments und Agenden dokumentiert. Was ist aber diesmal das Problem, dessen Wurzel wir zu ergründen haben, damit die kommende Generation, die noch in ihren Kinderschuhen steckt, zur Abwechslung mal nicht komplett verkorkst wird?
Zu Beginn des Buches erwähnte ich Tomas Chamorro-Premuzics Artikel im "Guardian" mit dem Titel "Are Millennials as bad as we think?". Und auf den Inhalt gehe ich im Folgenden ein, denn die Grundlagen sind durch die bisherige Darstellung jetzt vorhanden, um nicht ständig für zusätzliche Darstellungen absetzen zu müssen. Denn die Aussagen des Unternehmers und Professors für Wirtschaftspsychologie aus London fußen auf seiner Perspektive auf die wirtschaftliche Entwicklung der nachfolgenden Generation. Deshalb will ich seine Befunde aus einer pädagogischen Sicht noch ein wenig ergänzen. In dem Artikel erläutert Chamorro-Premuzic, was er auch in mehreren Interviews noch einmal ausgeführt hat. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die man als Millennials bezeichnet, leben in einem paradoxen Umfeld, gefangen zwischen mehreren Extrempolen. Sie sind ambitioniert und gleichzeitig faul, vollständig vernetzt und doch von sich selbst absorbiert, idealistisch (nicht konform) und gleichzeitig materialistisch, sowie schwer zu motivieren und gleichzeitig sehr engagiert. Er bricht, wie erwähnt, auch gewissermaßen eine Lanze für die armen konfligierten Kinder, indem er eine Teilschuld für ihre Lage auch bei den Eltern und Institutionen sieht, aber im Kern warnt er letztlich vor einer Generation, die schwierig zu handhaben und kompliziert für den Arbeitsmarkt einzusetzen ist.
Ganz besonders lange und ausführlich wurde der erste Punkt besprochen, und der hat es auch in sich. Jugendliche sollen faul sein und gleichzeitig den Anspruch haben, ohne große Mühen großen Erfolg im Leben zu haben. So gesehen ist das ja nicht einmal ein Gegensatzpaar. Ein Ausdruck, der in dem Artikel direkt aufkam, war "entitlement", also das Anspruchsdenken der Millennials. Es geht hier weniger um einen üblen Charakter, sondern darum, dass die Elterngeneration, inklusive der Institutionen, wie Schulen und Universitäten, den Kindern immer wieder gesagt hatten, sie seien etwas Besonderes und hätten eine glorreiche Zukunft vor sich, einfach weil sie sind, wer sie sind, und weil sie in einem goldenen Zeitalter aufwachsen. Natürlich haben solche Zusagen auch etwas mit dem Stolz der Institution zu tun. Können Sie sich vorstellen, wie enttäuscht ich war, als ich irgendwann herausfand, dass mein kleines Gymnasium in Greven nicht eine Oase der Bildung war, wie es mir immer gesagt worden war? Später musste ich sogar schlucken, dass scheinbar die Bildung, die man in NRW bekommt, der anderer Bundesländer unterlegen ist, wie es Vergleichsstudien, etwa die PISA-E Studie, suggerierten, und Deutschland selbst nicht so gut da stand.
Natürlich führt das haltlose Versprechen, jedes Kind sei etwas Besonderes und habe das Potential, alles zu werden, was es will, dazu, dass Jugendliche tendenziell ihre eigene Genialität als Grund sehen, sich nicht besonders anzustrengen. Ihnen wurde ja offensichtlich eine riesige Menge Talent und Grandiosität in die Wiege gelegt. Und für den eigenen Erfolg über Gebühr arbeiten zu müssen würde ja das Gegenteil beweisen. Dem gegenüber, und das merkt man als Lehrer immer wieder, sinkt die Frustrationstoleranz gewaltig.
Der US-amerikanische Autor und Unternehmensberater Simon Sinek vertritt in einem Interview bei "Inside Quest" eine sehr ähnliche Position26. Er nennt auch einen wesentlichen Leitspruch, der eine Grundüberzeugung vieler Eltern zusammenfasst: "Du kannst alles sein, was du willst, solange du es nur stark genug wünschst.". Und dies ist eine radikale Verkürzung klassischen Erfolgsdenkens auf ein einzelnes Element, den Ehrgeiz und eventuell noch den reinen Willen. Aber ohne andere Komponenten, wie etwa echte Tatkraft, harte Arbeit, ein entsprechendes Durchhaltevermögen und die Fähigkeit, Kontakte zu knüpfen oder mit Rückschlägen klarzukommen, ist reine Determination nur recht wenig wert. Im Interview selbst ergänzt Sinek, dass viele Kinder auch deshalb in der Schule erfolgreich sind, weil ihre Eltern so vehement für ihre Erfolge kämpfen, dass sie selbst kaum mehr etwas tun müssen, weil die Lehrer lieber eine bessere Note geben oder dem Kind andere Vorteile einräumen, als ständig den Attacken der Eltern ausgesetzt zu sein. Irgendwann kämen die Kinder dann in die "reale Welt" nach der Schule und würden desillusioniert feststellen, dass Mama und Papa keinen Einfluss auf die Uni oder den Arbeitgeber haben und dass es selbst dann doch nichts Besonderes ist, wie es immer geglaubt hat.
Harte Worte, aber sie bezeichnen auch aus pädagogischer Sicht das, was mit großer Wahrscheinlichkeit passiert, wenn ein Kind leeren Versprechungen ausgesetzt ist, anstatt das Rüstwerk zu bekommen, die Erfolge seines Lebens selbst zu säen und zu ernten. Aber das ist ein Zeichen unserer Instant-Gesellschaft. Es ist viel einfacher, bequemer und auf kurze Sicht erfolgreich, Größe für die Zukunft zu versprechen, statt Arbeit in ihre Erfüllung zu stecken. Und mit echter Arbeit ist nicht gemeint, Lehrer zu bedrängen. Auch Schüler wollen immer häufiger alles sofort und ohne Umwege oder Anstrengung. Und nicht selten stehen hinter ihnen eben diese Eltern, die selbst nichts oder nur wenig tun und trotzdem verlangen, dass ihre Kinder gefälligst als die Halbgötter behandelt werden, als die sie zuhause gesehen werden.
Gleichzeitig muss man auch hier fair bleiben und erwähnen, dass Eltern tatsächlich oft nicht die Zeit, Energie und Fähigkeiten haben, um gerade bei den leistungsschwachen Schülern einen Teil zu deren selbstverdientem Erfolg beizutragen. Das Ergebnis ist so oder so aber, dass große Anteile der Millennials überzeugt von ihrem Erfolg sind, aber wenig Selbstreflexion üben, kaum fähig sind, mit Frustration umzugehen und sich selbst zurückzunehmen.
Chamorro-Premuzic spricht, ähnlich wie Sinek, auch den wachsenden Egoismus und Egozentrismus der Millennials an, also das scheinbar unbändige Verlangen nach Selbstdarstellung, das teilweise Extremformen annimmt, in denen Jugendliche ihr Leben riskieren, um in Mutproben der ganzen Welt zu zeigen, wie cool sie sind. Wie schon so oft möchte ich an dieser Stelle darauf hinweisen, dass Mutproben, sogar die extremen oder fragwürdigen Varianten, schon immer existiert haben und durch die Gegebenheiten unserer Zeit nur in gewisser Weise potenziert wurden. Außerdem hat der Ausbau von Kommunikationsnetzwerken dafür gesorgt, dass man von jedem ansonsten kaum wahrnehmbaren Ereignis sofort auf der ganzen Welt erfahren kann. Vor wenigen Jahren starb bei uns in Mesum ein Schüler, weil er sich zusammen mit einigen Mitschülern auf die Gleise gestellt hatte, um im letzten Moment vor einem ankommenden Zug wegzuspringen. Er wollte zeigen, dass er der Mutigste aus der Gruppe war, unterschätzte die Geschwindigkeit des Zuges und wurde erfasst, so dass er später an seinen Verletzungen starb. An meiner Schule in Greven führten meine Klassenkameraden eine Mutprobe durch, bei der aus dem nahe gelegenen Schlecker möglichst viel oder große Packungen Süßkram gestohlen wurden. Im Nachhinein betrachtet wundere ich mich, warum ich zwar nie mitgemacht, aber auch keinen besonderen Anstoß daran gefunden hatte. Es war immerhin Ladendiebstahl.
Wenn Eltern ihrem Kind predigen, es sei etwas ganz Besonderes, dann bauen sie unter Umständen auch Druck auf. Dies ist die ganz andere Seite, die in Chamorro-Premuzics Äußerungen zumindest in den mir bekannten Quellen noch etwas fehlt, und auf die auch meine Schüler zu sprechen kamen. Man kann nämlich durchaus schon relativ früh bemerken, dass an dieser ganzen Sache mit der Besonderheit irgendetwas nicht stimmt, insbesondere wenn man tagtäglich in einer Klasse sitzt, in der bis zu 30 andere Kinder sind, die genau die selben Versprechungen von ihren Eltern und Lehrern mitgegeben bekommen haben. Jeder ist der Größte! Aber die Kinder sind (noch) nicht so verblendet oder von sich eingenommen, dass sie nicht merken, wenn ihnen leichtfertige Versprechungen ohne Substanz gegeben werden. Sie spüren jedoch die Verantwortung, die ihnen aufgebürdet wird. Deshalb müssen sie versuchen, sich aus der grauen Masse hervorzuheben, besser zu sein, als der Rest, weil ihnen Großes versprochen wurde und sie mit der Zeit immer mehr merken, dass sie eben tatsächlich irgendeine Legitimation brauchen.
Deshalb besteht aus einer pädagogischen Perspektive ein besonders deutlicher Zusammenhang zwischen den beiden zuerst genannten Gegensatzpaaren aus dem Artikel. Ein Kind steht vor einer Welt, die es maßgeblich zum Guten beeinflussen muss, sieht sich Schülern gegenüber, die seine Einzigartigkeit in Frage stellen, und Lehrern, die gleichzeitig versprechen, dass ihm nach dem Abschluss alle Tore offen stehen, aber gleichzeitig im Weg stehen, wenn man durch dieses Tor spazieren will. Millennials neigen stärker dazu, sich selbst als verantwortlich für alles zu sehen, weil sie glauben, die wesentliche Last bei der Verbesserung ihrer Welt zu schultern. Dadurch sehen sie sich auch selbst als diejenigen, die, wie zuvor beschrieben, die Welt über neue Ereignisse informieren müssen, die ihre Beobachtungen und Meinungen in Blogs oder Vlogs ins Netz stellen, um sich eine Plattform zu nehmen oder einfach nur ein wenig Aufmerksamkeit zu bekommen, die sie in dem Gefühl rechtfertigt, etwas Besonderes zu sein.
An dieser Stelle möchte ich auf den Unterschied hinweisen zwischen dem Vorwurf, die Jugend sei zunehmend egoistisch, und der Beobachtung, dass der Egozentrismus steigt. Egoisten nehmen die Bedürfnisse anderer nur schwach oder gar nicht wahr, ihre eigenen Bedürfnisse aber sind ihnen sehr wichtig. All ihr Handeln ist tendenziell darauf ausgerichtet, dass sie ihren Willen durchsetzen und bekommen, was sie wollen, selbst wenn die eigenen Wünsche unangemessen sind oder zum Schaden anderer erfüllt werden müssen. Menschen, die man als egozentrisch bezeichnet, sind der Auffassung, dass alles, was um sie herum passiert, irgendwie einen Bezug zu ihnen hat. Das kann zu Egoismus führen, aber in den meisten Fällen ist es mehr von dem Gefühl begleitet, für alles, was passiert, verantwortlich zu sein, also zum Beispiel auch Unfälle jeder Art auf sich selbst zu beziehen, manchmal in einem absolut absurden und an den Haaren herbeigezogenen Begründungszusammenhang. Zwischen den Versprechungen, dem Druck und der Belastung mit Verantwortung entsteht bei den Millennials eben diese Form des Egozentrismus. Denn dadurch dass jeder Mensch die Welt mit den eigenen Augen sieht, mit den eigenen Ohren hört und überhaupt nur durch sich selbst sinnlich erfahren kann und nicht einfach sein Bewusstsein in andere Menschen transferieren kann, erlebt er auch die Welt nur aus der Ego-Perspektive.
Erinnern Sie sich noch einmal an den radikalen Konstruktivismus. Wenn die Welt wie eine Bühne ist, dann sind wir, wie es in Shakespeares Theaterstück "Wie es euch gefällt" so schön metaphorisch ausgedrückt wird, Schauspieler auf einer riesigen Bühne. Und während sich alle Menschen mehr oder weniger bewusst sind, dass sie in dem großen Theaterstück des Lebens ein Statist sind oder nur eine kleine Rolle spielen, fühlen sich die Jugendlichen zusehends von anderen in das Rampenlicht geschoben, haben aber kaum geprobt, die Requisiten sind schäbig, und sie kennen den Text nicht. Aber der Erfolg der Veranstaltung liegt, so scheint es, in ihren Händen. Und das Publikum, wer auch immer das in dieser Metapher sein mag, schaut mit kritischem Blick auf das Geschehen. Dadurch könnte unsere Gesellschaft irgendwann zu einem Laienstück werden oder, und das wäre vielleicht sogar wünschenswerter, zu einem Improvisationstheater. Dazu brauchen die Kinder aber erst einmal Talent und die Kompetenzen, dieses auszuschöpfen. So wie es derzeit aussieht, liegen dem aber noch einige Steine im Weg, und das hat mit der Mentalität der Instant-Gesellschaft zu tun, aber auch mit dem reinen Konsum. Ich gehe also im Folgenden noch einmal genauer darauf ein, was insbesondere das Internet als geheimer Erzieher mit den Kindern macht, die es früh und regelmäßig nutzen, ohne die entsprechenden Medienkompetenzen vermittelt bekommen oder die nötige Supervision erfahren zu haben.
Weltbild und Eigenständigkeit
Das Internet bleibt durch politische und kulturelle Barrieren und unsere Gewohnheiten, insbesondere den Unwillen und mangelnde Kompetenzen der Älteren, immer noch weit hinter seinem Potential zurück, während seine wertvollen Ressourcen weitestgehend brach liegen bleiben. Wir sind noch lange nicht in der Lage oder Situation, es vollends zum unmittelbaren Austausch von Informationen und der globalen Kommunikation zu nutzen, um Wissenschaft zu befördern oder Frieden zu stiften und zu erhalten. Dies ist nur...