Montag, 04.11.1974, – Sonnabend, 08.02.1975
Bild 4: MS „J. G. Fichte“
Tag 1: Rostock-Überseehafen, MS „J. G. Fichte“, Montag, den 04.11.1974
Nach der „Fichte“-Reise wird mein Studium, das mich zum Funkoffizier machen soll, beendet sein. Das heißt, wir haben zwar noch einige Prüfungen zu bestehen; denen sehe ich aber mit Gelassenheit entgegen.
Am Sonntagabend war ich um 23:47 Uhr mit dem „Ostsee-Express“ aus Berlin abgereist, nachdem ich mich von meiner kleinen Familie, meine Frau Roswita und unsere Tochter Katrin – sie war am 10. Oktober gerade vier Jahre alt geworden – verabschiedet hatte, wie ich glaubte, für drei Monate. Die Fahrt verlief wie üblich normal. Gegen 04:45 Uhr am Montag war ich in Warnemünde im Internat der Ingenieurhochschule für Seefahrt Warnemünde/Wustrow (IHS) angekommen. Leider konnte ich mich noch nicht gleich schlafen legen, sondern musste meinen zweiten Koffer packen. Die Sachen sollten morgens um 07:30 Uhr mit einem Lastkraftwagen (LKW) abgeholt und zur „Fichte“ gefahren werden. Als ich den Koffer gepackt hatte, legte ich mich schlafen, in nicht bezogenen Betten! Denn diese Übernachtung war so nicht geplant. Die Bettwäsche hatte ich abgegeben, bevor ich am Donnerstagabend nach Hause, nach Berlin, gefahren war.
Um 07:00 Uhr standen wir auf (Peter B., Manfred N. [Namen geändert] und ich) und brachten unsere Koffer in den Internatsvorbau. Ich hatte zwei knackvolle Koffer. Die Uniformmütze bekam ich nicht mehr mit hinein. „Peter“ sprechen wir alle übrigens wie das englische Peter, also wie „Pieter“, aus.
Danach gingen wir zum S-Bahnhof „Werft“, kauften uns im Zug eine Fahrkarte und fuhren dann mit einem kurzen Zwischenaufenthalt in Rostock zum Überseehafen. Von Rostock zum Überseehafen sind es etwa 12 Kilometer.
Wenn man das Seefahrtsbuch vorzeigt, kommt man „ungeschoren“ durch die Wache in den Hafen hinein. Der Hafen ist überall sehr stark bewacht.
Nach der „Fichte“ brauchten wir nicht zu suchen, da einige von uns wussten, an welcher Pier sie lag.
Wir waren etwas geschockt, als wir dort ankamen; die „Fichte“ lag nämlich an der so genannten „Apatit-Pier“ davor MS „Görlitz“, ein größerer Massengutfrachter (mehr als 20.000 BRT), und war völlig eingestaubt. Apatit in Pulverform wird u.a. zur Herstellung von Dünger verwendet. Man kann es sich in der Konsistenz wie Gips oder Mehl vorstellen und bildet eine schmierige Masse, wenn es mit Wasser in Berührung kommt. Es hat einen leichten Grauschimmer. Die „Görlitz“ hatte es aus Klaipeda [WM: damals Sowjetunion, heute Litauen und ganz früher Meml] geholt.
Als wir uns von diesem Schock erholt hatten, meldeten wir uns bei der Bordwache, und man zeigte uns den Weg zu unserer Kammer. Auf einem größeren Schiff kann man sich anfänglich sehr leicht verlaufen.
Leider bekamen wir nur eine verhältnismäßig kleine Kammer zugeteilt. Wir, das sind Peter B., Manfred N., Siggi D. und ich. Ein Waschbecken mit fließendem, lauwarmem Wasser ist vorhanden. Allerdings besitzt der Wasserhahn des Waschbeckens aus Gründen des Einsparens von Wasser einen Mechanismus, mit dem man den Wasserhahn und einen Metallbügel oberhalb des Wasserhahns mit einer Hand umklammern muss, um das Wasser zum Laufen zu bringen. Und wer kann sich schon so richtig mit einer Hand waschen? Was haben wir also getan? Wir haben uns einen Einweckgummi beschafft und ihn um den Wasserhahn befestigt! Und schon konnten wir beide Hände zum Waschen nutzen. Eine Dusche gibt es in den sanitären Gemeinschaftseinrichtungen. Beide sind aber nicht in besonders einladendem Zustand. Wir trösteten uns damit, dass es sich hier um einen zeitlich befristeten und absehbaren Aufenthalt handelt und wir später, wie alle Schiffsoffiziere, eine eigene Kammer haben werden, auf manchen Schiffen sogar mit eigenem Bad und einem größeren „Fenster“ mit möglicherweise sogar Blickrichtung auf See.
Um 11:30 Uhr gab es Mittagessen in der Offiziersmesse, und was wir dort vorfanden, übertraf alle unsere Erwartungen. Die Offiziersmesse ist ein wunderbarer Raum mit holzgetäfelten Wänden, weinrot bezogenen Sesseln und auch sonst mit angemessener Einrichtung. Das Essen wird von Stewardessen serviert, ist sehr, sehr gut und reichlich. Für mich ist das genau richtig – deftige deutsche Hausmannskost. Man kann so viel nachbestellen, wie man möchte. Das alles geschieht in einer dezenten und gepflegten Atmosphäre. Die Stewardessen bedienen uns leise und schnell. Die Offiziersmesse darf nur entsprechend der jeweils gerade angeordneten Uniformordnung betreten werden.
An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass Verpflegung und Unterkunft für alle Seeleute auf allen DDR-Schiffen kostenfrei sind (freie Kost und Logis).
Nach dem Essen hielten wir uns bis um 13:00 Uhr in unserer Kammer auf und gingen dann in den Musiksalon zur offiziellen Begrüßung und Einweisung. Salon ist übrigens schon die angemessene Bezeichnung für diesen Raum, denn er ist ähnlich gestaltet, wie die Offiziersmesse, nur zusätzlich mit einem dicken Teppich ausgestattet [WM: Der Teppich wird später noch eine besondere Erwähnung finden.]. Hier erfuhren wir, dass der Auslauftermin, der ursprünglich auf den 6. November festgelegt war, auf den 10. November verschoben wurde, aber auch der stehe noch nicht fest, da die „Fichte“ noch 3.000 Tonnen Zucker in ihren Laderäumen hat, die noch gelöscht werden müssen. Die voraussichtliche Route wird sein: Vlissingen in Holland (einige Tage Werftliegezeit), Kuba und zurück. Es können aber auch noch andere Häfen angelaufen werden. Weiterhin klärte man uns über einige Verhaltensmaßregeln auf, die auf diesem Schiff gelten. Sie sind dadurch, dass die „Fichte“ ein Ausbildungs- und Frachtschiff ist und dementsprechend eine Besatzungsstärke von etwa 300 Mann hat, gegenüber Schiffen mit einer Besatzungsstärke von üblicherweise 20 bis 30 etwas anders.
Wir als Praktikanten und angehende Schiffsoffiziere haben die gleichen Rechte wie die Offiziere der Besatzung des Schiffes und bekommen auch jegliche Unterstützung von ihnen. Das habe ich bereits mehrfach in verschiedenen Situationen eindrucksvoll bewiesen bekommen.
Bis zu dieser Einweisung trugen wir alle noch unsere Zivilsachen, aber ab morgen tragen wir an Bord ständig die Uniform; zurzeit noch blaue Hose und Khakijacke. Nach der Einweisung bekamen wir unsere Bettwäsche. Jeder erhielt komplette Bettwäsche sowie zwei Decken und drei Handtücher.
In der Mittagspause war auch der LKW mit unseren Koffern aus Warnemünde angekommen, so dass wir nach dem Wäscheempfang unsere Sachen in die Schränke einräumen und die Kojen einrichten konnten.
Um 17:30 Uhr gingen wir wieder in die Offiziersmesse. Dieses Mal zum Abendbrot, und die Atmosphäre war für mich wieder so faszinierend wie zum Mittag. Es gab jedenfalls wieder reichliches und gutes Essen.
Anschließend schrieb ich einen Brief nach Hause, um meine ersten Eindrücke vom Schiff zu schildern und meinen beiden Mädels mitzuteilen, dass ich am Wochenende wahrscheinlich noch einmal nach Hause kommen würde. Ich hoffe sehr, dass es geschehen wird.
Am Abend spielten wir Skat, um uns die Zeit zu vertreiben. Es blieb aber nicht bei einem kurzen Zeitvertreib, sondern wir spielten bis um 23:30 Uhr, weil wir großen Spaß daran hatten. Zum Durststillen hatten wir uns aus einer nahegelegenen Kaufhalle Cola geholt. Alkohol gibt es im ganzen Hafen nicht, und die Verkaufsstelle und der Transit-Shop auf der „Fichte“ haben erst während der Fahrt geöffnet.
Leider sehe ich meine Geldvorräte schwinden, wenn wir nicht bald auslaufen, denn ich hatte ja damit gerechnet, im Transit-Shop billig einkaufen zu können (beispielsweise Zigaretten F6 für 80 Pfennig), und der ursprüngliche Auslauftermin war der 6. November 1974!
Dann kam unsere erste Nacht auf der „Fichte“, und ich war mit der Situation eigentlich ganz zufrieden.
Tag 2: Rostock-Überseehafen, MS „J. G. Fichte“, Dienstag, den 05.11.1974
Meine „Kammergenossen“ hatten die ganze Nacht über jämmerlich gefroren und sollten sich wohl noch eine zusätzliche Decke geben lassen. Warum aber habe ich eigentlich nicht gefroren?
Um 07:00 Uhr standen wir auf und gingen um 07:30 Uhr zum Frühstück. Hier wiederholte sich alles wie bei den ersten beiden Mahlzeiten gestern, nur dass alle Praktikanten, wie man uns hier nennt, jetzt ihre Uniformen tragen. Es gab für jeden, der Appetit darauf hatte, Bockwurst; ansonsten Bohnenkaffee oder Milch, Brötchen, Butter und Marmelade. Alles selbstverständlich in großer Auswahl und ausreichender Menge.
Nun habe ich drei verschiedene Mahlzeiten etwas ausführlicher beschrieben und möchte sie deshalb später nur noch am Rande beziehungsweise stichwortartig erwähnen.
Für uns Praktikanten beginnt der Arbeitstag auf dem Schiff um 09:00 Uhr und endet um 16:00 Uhr. Der obligatorische Unterricht geht für uns von 09:00 bis 11:00 Uhr und von 14:00 bis 16:00 Uhr. Während der „echten“ Seefahrtzeit hat dann zusätzlich jeder von uns täglich einen vierstündigen Brückenwachdienst zu verrichten, so dass täglich mindestens etwa 8 Dienst- beziehungsweise Unterrichtsstunden zusammenkommen. Heute hatten wir allerdings noch keinen Unterricht, sondern mussten einige Arbeiten verrichten, die notwendig waren, um einen ordentlichen Ablauf des Praktikums zu gewährleisten. Peter und ich sollten zum Beispiel die defekten Lautsprecher in den Kammern der Studenten reparieren und an leicht zugänglichen Stellen anbringen. Wir schafften das innerhalb der beiden Stunden am Vormittag.
Gegen 11:30 Uhr zogen wir uns um und gingen wieder zum Mittagessen. Es gab gefüllte Paprikaschoten mit Kartoffeln oder Reis. Jeder konnte nach Belieben auswählen.
Zwischendurch erfuhren wir, dass die „Fichte“ zwischen 18:00 und 19:00 Uhr zur gegenüberliegenden Pier verholt werden soll und damit endlich von dem Apatit-Staub wegkommt, gereinigt werden und wahrscheinlich auch entladen werden kann.
Am Nachmittag schrieb ich an meinem Tagebuch.
Gegen 16:00 Uhr hatten Peter und ich die grandiose Idee, doch noch „auf ein Bier“ nach Warnemünde zu fahren. Die Fähre fährt um 16:15 Uhr vom Hafen nach Warnemünde und um 20:40 Uhr zurück. Wir zogen uns also „Zivil“ an und starteten durch. An der Pier lagen zwei kleine Fährschiffe. Wir bestiegen natürlich das falsche, und als wir das bemerkten, war es bereits zu spät; inzwischen legte der „Dampfer“ nach Warnemünde ab, und wir konnten nur noch zusehen, wie sich die Fähre entfernte und das weiße Hecklicht zu sehen war.
Dann überlegten wir uns, dass man ja auch in Rostock ein Bier trinken könnte und gingen zur Bushaltestelle. Leider war im Hafen gerade Schichtwechsel, so dass wir wegen Überfüllung mit keinem Bus wegkamen. Aber den Zug um 16:27 Uhr schafften wir gerade noch.
In Rostock tranken wir dann endlich unser Bier und wollten eigentlich mit dem Zug um 20:40 Uhr, das ist der letzte, der abends zum Überseehafen fährt, wieder zurückkehren. Dann geschah unser nächstes Missgeschick. Wir verpassten diesen Zug, sahen nur noch die Rücklichter – das hatten wir heute doch schon einmal! Was tun? Wir fuhren mit dem nächsten Vorortzug nach Warnemünde und schliefen dort im Internat in unserer „Studentenbude“. Kalle P. (Name geändert) war für die zweite Reise mit der „Fichte“ vorgesehen und guckte nicht schlecht, d.h., er guckte eigentlich gar nicht, weil er schon schlief, als wir kamen, und weil er noch schlief, als wir aufstanden und das Haus verließen.
Dazu eine kurze Erläuterung: Unsere Studiengruppe der angehenden Funkoffiziere bestand über die fast vier Studienjahre aus zwei Seminargruppen, F11 und F12, mit insgesamt knapp 50 Studenten. Da man nicht alle Studenten aus zwei Seminargruppen für die Praktikumsreise auf MS „J. G. Fichte“ gleichzeitig mit an Bord nehmen konnte, hatte man nach einem Auswahlkriterium gesucht und war dabei auf die Prüfungsergebnisse im Fach Morsetelegrafie gestoßen, warum auch immer.
Das heißt, diejenigen Studenten, die als erste und beste diese Prüfung bestanden hatten, durften an der ersten Praktikumsreise dieses Studienjahres teilnehmen. Bei den angehenden Nautikern wurde in ähnlicher Weise verfahren; allerdings kenne ich nicht das dort angewandte Auswahlverfahren. Demnach nahm also an unserer jetzigen Reise die entsprechend den Ergebnissen des Auswahlverfahrens gemischte Hälfte der beiden Funkseminargruppen und die gemischte Hälfte der Nautik-Studenten teil. Demnach waren wir auf der „Fichte“ insgesamt 48 Praktikanten aus insgesamt vier Seminargruppen. Kalle P. gehörte offensichtlich zu dem Teil der Seminargruppe, die nicht sofort ein gutes Prüfungsergebnis erzielt hatte und deshalb erst später, nach uns, die Praktikumsreise antreten durfte. Deshalb trafen wir ihn auch im Internat an, als wir dort in unseren nicht bezogenen Betten schlafen mussten. Meines Erachtens hat die eben erläuterte Einstufung jedoch keinen größeren Einfluss auf die Ausübung des späteren Berufes. Ich behaupte sogar, dass auch Kalle P. sowie alle anderen, die zur „zweiten Gruppe“ gehörten, ihren Job ...