Volksfeind im Arbeiter- und Bauernstaat
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Volksfeind im Arbeiter- und Bauernstaat

Eine Innenansicht der DDR

  1. 278 Seiten
  2. German
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Volksfeind im Arbeiter- und Bauernstaat

Eine Innenansicht der DDR

Über dieses Buch

Mitte der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts holte die UdSSR tief Luft, um den Endspurt beim Aufbau des Kommunismus anzutreten. "Die heutige Generation wird im Kommunismus leben". Die DDR unter Führung der SED folgte ihr im Rahmen ihrer MöglichkeitenIn der Landtechnik der DDR vollzog sich eine beschleunigte Entwicklung, die von den Forderungen der neuen Großbetriebe in der Landwirtschaft initiiert wurde. In den Wäldern Südbrandenburgs, die früher schon für geheime Projekte der Rüstungswirtschaft genutzt worden waren, tat sich wieder Geheimnisvolles. Im "WTZ für Landtechnik Schlieben" wurden in strenger Geheimhaltung Wunderwaffen geschmiedet

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Information

Jahr
2019
ISBN drucken
9783748162469
eBook-ISBN:
9783749490684
Auflage
1

1. Auf zum Kommunismus!

Manche Autoren beginnen die Kapitel ihrer Werke mit mehr oder weniger ergreifenden Schilderungen der Wetterverhältnisse für die Örtlichkeit, in der sich die Handlung vollzieht. Oft werden auch Himmelserscheinungen zu Hilfe genommen, um den Leser auf die folgende Handlung einzustimmen. "Blutrot ging die Sonne im Westen unter", oder "die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne beleuchteten die weite Ebene", wenn denn im nachfolgenden Text von einer solchen die Rede sein sollte. Einmal las ich: „Lautlos zog ein Schwarm von Wildgänsen am Himmel vorüber“. Das kann nicht stimmen, Gänse schnattern immer! Da sich die von mir beschriebene Handlung nicht auf einer weiten Ebene abspielt und auch zum Wetter fast keine Beziehung hat, finde ich es passender, die umgebende politische Wetterlage wenigstens in Streiflichtern zu beleuchten, wie man mit einer Lampe bei Nacht auf der "weiten Ebene" ein paar markante Sträucher beleuchten kann. Die von mir zu beschreibenden Handlungen sind ja ohnehin politischer Natur, und da ist das politische Wetter im Umfeld schon interessant. Genauer betrachtet wird ein Grasbüschel auf der Wiese des Sozialismus.
Das halbe Jahr vor meinem Eintritt in das damalige Ministerium für Land- und Forstwirtschaft unter der Leitung von Hans Reichelt war das Halbjahr, in dem der "antifaschistische Schutzwall" in Berlin errichtet wurde.
Am 05.07.1961 (1/2) berichtet "Neues Deutschland" über die 13. Tagung des ZK der SED. Im Kommunique heißt es: „Genosse Walter Ulbricht begründete den Friedensplan des deutschen Volkes mit den Vorschlägen über den Abschluss eines Friedensvertrages und die Umwandlung Westberlins in eine entmilitarisierte, neutrale Freie Stadt".
Albert Norden sprach auf dieser Konferenz über die Vorbereitung der Komrnunalwahlen und gab die Losung dafür aus: "Mit dem Friedensvertrag zu Frieden und Einheit der Nation! Mit dem Sozialismus zum Glück des Volkes!"
Erich Honecker gab den Bericht des Politbüros und forderte "die Erhöhung der Kampfkraft, der Qualität der Arbeit und die Verbesserung der Massenarbeit unserer Grundorganisationen."
Als würde man um diese fürchten, ging es in diesen und den folgenden Jahren in der Propaganda immer wieder um die „Stärkung der führenden Rolle der Partei“, der SED. Dabei ging es durchaus auch um die vom sozialistischen Staat gelenkte Produktion von materiellen Gütern.
Am 06.07.1961 (1/3) erklärt im gleichen Blatt (ND) Ernst Henkel, Parteisekretär und Agronom der LPG Albinshof auf einem Erfahrungsaustausch der Abteilung Parteiorgane des ZK:
"Die Durchsetzung der führenden Rolle der Partei und eine geduldige Arbeit mit allen Genossenschaftsbauern ist der Schlüssel aller Erfolge."
Wie die führende Rolle in der landwirtschaftlichen Praxis durchzusetzen sei, hatte der Leitartikel des ND vom 03.07.1961 (1/4) unter der Überschrift "Keine LPG ohne Parteiorganisation" schon anhand der LPG "Florian Schenk" in Blumberg (Brandenburg) erklärt:
"Ein Genosse Viehzuchtbrigadier ist z. B. dafür verantwortlich, täglich zu kontrollieren, dass in allen Bereichen der Viehzucht die Beschlüsse der Partei und des LPG-Vorstandes exakt verwirklicht werden. Täglich ist dieser Genosse bereits am frühen Morgen in den Ställen und gibt den Viehpflegern Ratschläge(...)"
Das immer wiederkehrende Schema der Partei erklärte die SED durch den Mund von Ernst Henkel: "Auf Grund der gründlichen Einschätzung der Lage (...) eine Klärung der ideologischen Unklarheiten (...) und damit den Weg frei machen zu neuen ökonomischen Erfolgen."
Kaum war die führende Rolle der SED vorbei, stiegen die Leistungen der Landwirtschaft auf dem Territorium der gewesenen DDR. Die Milchleistungen je Kuh betrugen in der DDR 1990 4.114 kg/a und stiegen bis 1998 ohne die Ratschläge der Partei aber mit importiertem Sojaschrot auf 6.317 kg/a oder um 54% = 6,75%/a. (1/5). In der Wirtschaft der DDR fehlte es immerfort an etwas. Kaum war die Mangelwirtschaft vorbei, erreichten die Agrarbetriebe das Ertragsniveau des Westens oder übertrafen es sogar.
In Brandenburg betrug die Milchleistung je Kuh im Jahre 1990 4.312 kg/a (1/6).
Nach Berechnungen des Landeskontrollverbands Brandenburg in Waldsieversdorf betrug die Milchleistung je Kuh 2011 in Brandenburg 9.103 kg/a (211% gegenüber 1990 oder 10% pro Jahr!) und das ohne die „Klärung der ideologischen Unklarheiten“ durch die SED (1/7). Die „Klasse der Genossenschaftsbauern“ meisterte die Lage, sobald sie die notwendigen Rahmenbedingungen zum freien Wirtschaften bekam, die sie im „realen Sozialismus auf deutschem Boden“ nicht hatte. Ein Witz jener Jahre zum Unterschied zwischen Sozialismus und Kapitalismus sagte: „der Kapitalismus macht soziale Fehler, der Sozialismus kapitale“. Ein hoher kommunistischer Funktionär aus der UdSSR wurde nach seinem irdischen Ableben am Himmelstor von Petrus abgewiesen, aber gefragt, ob er in die sozialistische oder in die kapitalistische Hölle wolle. Auf seine Frage nach den Unterschieden sagte Petrus, dass er zunächst 3000 Jahre in Kesseln mit siedendem Öl sitzen, danach 5000 Jahre auf glühenden Kohle braten müsste u.s.w.; das wäre in beiden Abteilungen so. Daraufhin wünschte sich der Verstorbene, in die sozialistische Abteilung eingewiesen zu werden, weil er dort damit rechnen könne, dass es mal kein Öl, mal keine Kohle und mal keine Kessel oder Roste geben würde.
Die Außenpolitik der DDR in jenen Tagen umreißt eine rote Schlagzeile des ND vom 07.07.1961 (1/8): "Der deutsche Friedensplan" mit der Unterzeile "Freie Stadt Westberlin und deutsche Konföderation, Vorschlag zur Bildung einer deutschen Friedenskommission".
Dieser politische Vorstoß wurde in der Presse flankiert von einer Darstellung der militärischen und wirtschaftlichen Macht der UdSSR. Über viele Ausgaben wird sehr breit in Wort und Bild über die militärische Luftparade in Tuschino bei Moskau berichtet. Der Weltraumflug Gagarins und später German Titows schmückt jede Ausgabe der Zeitung.
Am letzten Tag des Monats Juni 1961 (1/9) liefert das ND einen neuen Paukenschlag. Es veröffentlicht den Entwurf des neuen Programms der KPdSU mit "grandiosen" wirtschaftlichen Vorhaben. Fettgedruckt wird hervorgehoben:
"In den nächsten 10 Jahren (1961 bis 1970) wird die Sowjetunion, die die materielltechnische Basis des Kommunismus errichtet, in der Produktion pro Kopf der Bevölkerung das mächtigste und reichste Land des Kapitalismus - die USA – übertreffen (...)“
„Im zweiten Jahrzehnt (1971 bis 1980) wird die materiell-technische Basis des Kommunismus geschaffen, für die ganze Bevölkerung wird ein Überfluss an materiellen und kulturellen Gütern gesichert sein.“
Ganz konkret wurden die wirtschaftlichen Ziele beschrieben:
  • Die UdSSR übertrifft die Pro-Kopf-Produktion der USA,
  • die Industrieproduktion der UdSSR steigt auf das 2,5 fache,
  • das Nationaleinkommen steigt auf das 2,5 fache,
  • die Fleischproduktion wird verdreifacht, (2010 und 2011 war Russland (RF) mit jeweils ca. 1 Mill. t der größte Rindfleischimporteur der Welt, (1/10) und mit 855 000 t/a der zweitgrößte Importeur von Schweinefleisch (1/11).
  • das Realeinkommen der Kolchosbauern steigt auf das Doppelte.
Vielen Bürgern der DDR waren die hehren Ziele und Perspektiven des Kommunismus in der UdSSR ziemlich schnuppe und sie stimmten im „Hammelsprung“ gegen den Sozialismus in der DDR, indem sie sich in stark zunehmender Anzahl in den Notaufnahmelagern in Westberlin einfanden. Im Monat Juni 1961 gingen über 30.000 Menschen diesen Weg aus dem Arbeiter- und Bauernstaat in den Imperialistischen Westen.
Am 02.08.1961 wendet sich der "Demokratische Block" (Zusammenfassung der politischen Parteien und Organisationen der DDR) "an alle Bürger der DDR" mit den Schlagzeilen (1/12):
"Kampf gegen den Menschenhandel!
Meidet Menschenschleuse Westberlin!
Alles für die Stärkung der Republik!"
Der "Evening Standard" interviewt am 31.07.1961 Walter Ulbricht (1/13). Auf die "Gretchenfrage": "Gibt es von Ihrer Seite, Herr Ulbricht, irgendeine Drohung, die Grenzen zu schließen?" antwortet dieser:
"Eine solche Drohung gibt es nicht. Sehen Sie, das hängt von den Westmächten ab, nicht von uns."
Auf die peinliche Frage nach der Abwanderung von Bürgern nach dem Westen sagt Ulbricht: "Die Abwanderung von Bürgern der DDR nach Westdeutschland ist seit Jahren keine bloße Abwanderung oder Auswanderung aus diesen oder jenen Gründen, sondern ein fester Bestandteil des Kalten Krieges, des Menschenhandels, der psychologischen Kriegsführung und der Sabotage - gerichtet gegen die DDR." Dies sei "keine politische Emigration, sondern schmutziger Menschenhandel, der mit den verwerflichsten Mitteln betrieben wird, in den die Bonner Behörden, das westdeutsche Monopolkapital und auch die US-amerikanischen Agentenzentralen, die meist von Westberlin aus arbeiten, große Geldmittel investieren". Nicht unerhebliche Geldmittel bekam die DDR für den staatlichen Handel mit Inhaftierten, die von der Bundesrepublik Deutschland freigekauft wurden. Das war für das Politbüro der SED offenbar sauberer Menschenhandel.
Einen Monat vorher hatte Ulbricht in einer Erklärung im ND deutlich gesagt:
„Daran möchte ich keinen Zweifel lassen. Das heißt: der Provokationsherd in Westberlin und sein Missbrauch als Stützpunkt des kalten Krieges werden in jedem Falle beseitigt. Es kann sich nur darum handeln, ob dieser Prozess leichter und schmerzloser oder schwieriger verläuft.“ (1/14)
Die Herren vom "Evening Standard" hatten nicht ohne Grund so gezielt gefragt!
Am 12.08.1961 berichtet das ND von der 19. Tagung der Volkskammer mit der Mitteilung (1/15): "Die Zeit für entschlossene Maßnahmen zur Festigung des Friedens ist da." Nach dem 13. August bringt die Zeitung die .begeisterte Zustimmung" in Briefen an Walter Ulbricht. Wer Zweifel hat, wird bekehrt, wer dagegen ist, spürt die "Arbeiterfaust“. Der "Regierende Bürgermeister von Berlin" Willy Brandt wird zur Hauptzielscheibe der Propaganda.
German Titow, der 2. Kosmonaut der Welt, kommt in die DDR. Das ND vom 02.09.1961 macht mit einer roten Schlagzeile auf (1/16):
„Ein Jubelruf erfüllt Berlin! Titow - Ulbricht – Frieden!"
Das Missverhältnis zwischen Kaufkraft und Warendecke, der permanente "Warenhunger" dieser Wirtschaft soll mit Aufrufen an die Werktätigen für gleichen Lohn mehr zu leisten, gemildert oder beseitigt werden.
Das ND vom 15.09.1961 (1/17) erscheint mit dem Knittelvers:
"In gleicher Zeit mit gleichem Lohn erhöhen wir die Produktion."
Mitte September 1961 wird in der DDR gewählt und wie immer war die Wahl: "Ein Siegeszug ohne Beispiel für die deutsche Politik des Friedens" (1/18).
Der Grenzziehung auf der Erde folgt die Grenzziehung im Äther. "Klare Verhältnisse im Kopf setzen klare Verhältnisse auf dem Dach voraus" (1/19).. Man schaut jedem aufs Dach, um zu sehen, ob er seine Antenne etwa auf Westsender gerichtet hat. Der einzig rechtmäßige deutsche Staat, ausgerüstet mit der einzig wahren, alles erklärenden und voraussehenden Lehre des Marxismus-Leninismus hat Angst vor verderblichen Einflüssen aus dem absterbenden Kapitalismus, von dem Erich Honecker am 03.10.1961 (1/20) bei der Eröffnung des Parteilehrjahrs 1961/62 seinen Genossen erklärt: "Beim jetzigen Stand der Dinge ist die westdeutsche Bundesrepublik bereits in sozialer und kultureller Hinsicht (…) ein unterentwickelter Staat und gehört zu den rückständigsten Ländern in Europa."
Der Genosse Kurt Hager muss sich im Kulturbund mit Einwänden der Intelligenz auseinandersetzen, die SED fahre nach dem Mauerbau einen "harten Kurs". Hager bestreitet das natürlich und erklärt den zweifelnden Intellektuellen (1/21): "Es ist doch nicht bequem, dauernd vor dem Westen auf den Knien zu liegen. Aus dieser unbequemen Position sieht man die Dinge verzerrt und bemerkt nicht, dass (...) der Westen alt und grau wird und allmählich zusammenschrumpft, während neben ihm der Sozialismus in voller Frische und Jugendkraft blüht und gedeiht." (Was man besonders an den Zentren unserer Städte in der DDR sehen konnte!).
Im Januar 1963 fand der VI. Parteitag der SED statt. Er beschloss ein neues Parteiprogramm. Mit diesem Programm ordnet die SED im vollen Machtbewusstsein die Entwicklung der DDR in die Vorhaben der Sowjetunion zur Errichtung des Kommunismus in naher Zukunft ein, ohne sich allerdings auf einen so strikten Zeitplan festzulegen wie die Genossen in Moskau. Man legt sich nur fest auf „innerhalb derselben geschichtlichen Epoche“. (1/22)
Jedenfalls setzt man zu so etwas an wie zu einem „großen Sprung“, um die Wirtschaft auf ein höheres Niveau zu hieven. Der ökonomische Nutzeffekt wird in den Vordergrund gerückt und das neue Wort vom „Produktionsprinzip“ wird erfunden. (1/23) Auf der Basis begannen Erich Apel und Günter Mittag mit der Ausarbeitung und Durchsetzung des Neuen Systems der Planung und Leitung der Volkswirtschaft „NÖSPL“. Das System sollte effizienter werden durch Einführung marktwirtschaftlicher Elemente.
Wir jungen Leute fanden die bombastische Propaganda einseitig und töricht, aber wir ließen uns auch mitunter von den Erfolgsmeldungen z. B. von den Erfolgen der UdSSR in der Raumfahrt beeindrucken. Wir litten unter den Mängeln der Wirtschaft und der Dummheit der Propaganda, hofften aber auch, dass das große Potential der Sowjetunion und des ganzen „sozialistischen Lagers" wirtschaftliche Erfolge hervorbringen könne, dass der "Knoten reißen“ könnte und dann die versprochenen "Springquellen des Reichtums" sprudeln würden. Das Vorhaben der Sowjetunion, die USA zu überholen, hielten wir im Hinblick auf die gewaltigen Ressourcen dieses Landes und auf die vorgesehene Wirtschaftsreform nicht für völlig unrealistisch. Unser Fehler bestand vor allem darin, der Wirtschaftsentwicklung im „Weltfriedenslager“ Effektivitätswerte zu unterstellen, die der westlichen Wirtschaft eigen sind. Aber der „Wirkungsgrad“, um einen technischen Ausdruck zu benutzen, des „entwickelten Sozialismus“ war eben einfach schlechter als der des „faulenden Kapitalismus“.
Wir wollten es nicht gerne wahrhaben, dass wir auf der Verliererseite sind und einer törichten Propaganda aufsitzen. Wir schwankten zwischen „das wird ja doch nichts“ und „vielleicht geht es doch!“ Wir hätten gern einen Staat gehabt, wie ihn die SED versprach, antifaschistisch, demokratisch, freiheitlich „und der Zukunft zugewandt“. Doch die Realität wollte nicht so werden, wie wir uns auch mühten. Mit den verzweifelten Versuchen der SED, die Situation durch noch mehr Zentralismus und Parteikontrolle zu verbessern, ging die Schere zwischen Wunsch und...

Inhaltsverzeichnis

  1. Inhaltsverzeichnis
  2. Über das Buch
  3. 1. Auf zum Kommunismus!
  4. 2. Vorbemerkungen
  5. 3. Der Anfang der "Bestellkombine"
  6. 4. Schlieben, Forschung oder Bastelbude im Aufbau
  7. 5. Nach der Euphorie zum Parteitag, die Mühen der Ebene
  8. 6. Dem 20. Jahrestag der DDR entgegen
  9. 7. Ein Saufabend mit Bruno Kiesler
  10. 8. „Bereich Forschung" im WTZ Schlieben
  11. 9. "Sozialistische Menschengemeinschaft" und "bürgerliche Elemente"
  12. 10. Beurlaubung“ und "Aussprache"
  13. 11. „Rolle und Bedeutung“ der Demokratischen Bauernpartei Deutschlands (DBD)
  14. 12. Das Recht auf Arbeit
  15. 13. Alles was Recht ist
  16. 14. Weidmannsheil!
  17. 15. Unter "Parteikontrolle"
  18. 16. Nachwirkungen
  19. 17. Quellenverzeichnis
  20. Quellen der Bilder
  21. Impressum