Interkulturelle Medizin und Kommunikation
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Interkulturelle Medizin und Kommunikation

Transkulturelle Kompetenz und Resilienz fördern die Integration

  1. 240 Seiten
  2. German
  3. ePUB (handyfreundlich)
  4. Über iOS und Android verfügbar
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Interkulturelle Medizin und Kommunikation

Transkulturelle Kompetenz und Resilienz fördern die Integration

Über dieses Buch

Würden Sie in der Arzt-Patient-Beziehung oder sonst im Alltag bei einem deutschen nach Befinden seiner Familie fragen? Dies wäre für den betroffenen eine soziale Kontrolle und womöglich Mangel an fachliche Kompetenz. Und genau das ist für einen Iraner Zeichen einer wertschätzenden und fachlichen Kompetenz. Dadurch können Sie den Kontakt professionell strukturieren, Komplikationen verringern und Ressourcen schonen. Braucht die kulturelle Vielfalt NUR eine abendländische Medizin? Was ist "richtiges" Fachwissen für den Arzt? Ist der Patient EIN Fall oder ein Individuum mit seiner soziokulturellen und emotionalen Biographie? Wo bleibt mein ICH und meine psychosomatischen Beschwerden angesichts meiner Gruppenzugehörigkeit? Niemand ist dem Menschen so nah wie der Arzt seines Vertrauens. Nirgendwo sonst kann der Unterschied zwischen Verstehen und Nichtverstehen so gefährlich sein. Helmut Schmidt hatte mal gesagt: "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen". Der Meinung bin ich nicht und sage deshalb als Arzt: Dieses Buch liefert fundierte Anregungen für ein neues Bewusstsein und ist eine wichtige Grundlage für eine ressourcen-orientierte transkulturelle Kommunikation in unserer pluralistischen Gesellschaft, die sich durch kulturelle, religiöse und weltanschauliche Vielfalt auszeichnet.Das Buch ist für Mediziner, Therapeuten, Pflegepersonal, Sozialverbände und Pädagogen geschrieben und richtet sich außerdem an alle, die sich für Gesundheit in der Einwanderungsgesellschaft und am Fragenkomplex Migranten interessieren. Es behandelt migrationsspezifische Aspekte in der Arzt-Patient-Beziehung mit vielen Fallbeispielen, Prävention, Rehabilitation, Pflege, Demenz, Hospiz, Sterbebegleitung und Religion, Trauma-Behandlung bei Folteropfern und Flüchtlingen, Beschneidung, Suizid, traditionelle Heiler und Psychosomatik; außerdem Medizin für wohnungslose Menschen, Armut und Gesundheit, Ethik, Chancen und Risiken binationaler Paare und ihren Kindern.Autor: Dr. Dr. med. Rahim Schmidt, Hausarzt, Naturwissenschaftler, Landtagsabgeordneter a. D., 2.Vorsitzender des Vereins "Armut und Gesundheit in Deutschland", Arzt für wohnungslose Menschen und Flüchtlinge, Forschungspreisträger des deutschen Hausärzteverbandes RLP 2011. Aktiv als Dozent im Universitätsklinikum Marburg und Lehrbeauftragter in Mainz für Studierende der Medizin.Empfohlen: Prof. Dr. Erika Baum, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin. Ulrich Weigeldt, Bundesvorsitzender, Deutscher Hausärzteverband e.V.; Prof. Dr. Susanne Schröter Ethnologin und FFGI; Julia Klöckner, Stellvertretende Bundesvorsitzende der CDU; Dr. habil Hamid Peseschkian WIAP.

Häufig gestellte Fragen

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III. Migration und Gesundheit

Zusammenfassung Buchteil III
Im dritten Buchteil wird der aktuelle Forschungsstand zum Zusammenhang von Migration und Gesundheit rezipiert und im Kontext der Buchteile I und II weiterführend diskutiert. Hierbei geht es vor allem um den Gesundheitszustand der MMH, Prävention, diverse Krankheitsbilder und um Erklärungsmodelle für diesen Gesundheitszustand. Durch die Analyse von konkreten Zielgruppen (Spätaussiedler, Familien, Arme) wird das Beziehungsgefüge von Migration und Gesundheit konkret erlebbar. Dazu werden Krankheitsbilder vertieft dargestellt und kategorisiert. Abschließend werden Vorschläge für (kultursensible) ärztliche Behandlung, Pflege, familiäre Unterstützung und Rehabilitation unterbreitet.
Es gibt zahlreiche Studien, die sich mit dem Thema Gesundheit von Menschen mit Migrationshintergrund beschäftigen. Generell kann man hier vier Studientypen unterscheiden:
  • Gesundheitsberichterstattung, die sich allgemein mit dem Gesundheitszustand der Bevölkerung beschäftigt und dabei Aussagen zu verschiedenen sozialen Gruppen macht (z. B. Gesundheitsberichterstattung des Bundes)60;
  • Studien zu Gesundheitsrisiken bestimmter ethnischer Gruppen;
  • Studien, die für eine bestimmte Erkrankung die Häufigkeit und Ausprägung in verschiedenen ethnischen Gruppen untersuchen;
  • Die Versorgungsforschung beschäftigt sich nicht nur mit der Wirksamkeit von Therapien. Sie sucht gezielt nach Defiziten im Gesundheitswesen und macht Vorschläge, um die medizinische Versorgung der Patienten insgesamt und der MMH im Speziellen zu verbessern.
Die Ergebnisse der Studien werden von zahlreichen Faktoren beeinflusst, so dass sie unterschiedlich ausfallen können und deshalb nicht immer eindeutige Aussagen zulassen. Insbesondere die Festlegung der Untersuchungsgruppe und die Art der Datenerfassung sind von großer Bedeutung.
Bei den MMH handelt es sich um eine sehr heterogene Gruppe. Wenn man z. B. iranischstämmige Patienten untersuchen möchte, muss man entscheiden, ob hier die Nationalität oder die Abstammung berücksichtigt wird und ob man die Ergebnisse mit den Patienten ohne Migrationshintergrund oder mit Nichtmigranten aus diesen Ländern vergleicht.
Bestimmte Personenkreise werden gar nicht (»illegalisierte Zuwanderer«) oder nur teilweise erfasst, da Zugangsbarrieren und Aufenthaltsstatus die Nutzung des deutschen Gesundheitssystems erschweren.
Im Folgenden werden einige Erkenntnisse aus den verschiedenen Studientypen vorgestellt. Es wird dabei auch auf die spezielle Problematik der Zugangsbarrieren eingegangen. Zur Erklärung der Studienergebnisse gibt es verschiedene Ansätze, die zeigen, wie vielfältig die Einflussfaktoren auf den Gesundheitszustand sind und wie sie die Interpretation erschweren können.
Zunächst werden in diesem Abschnitt exemplarisch einige Studienergebnisse vorgestellt und es wird auf die Problematik der interkulturellen Psychosomatik gesondert eingegangen. Für den Gesundheitszustand gibt es eine Reihe von Erklärungsfaktoren, die sich auch gegenseitig beeinflussen. Hier spielen die Themen Bildung und Zugangsbarrieren zum Gesundheitswesen eine besondere Rolle. Die erste Anlaufstelle bei gesundheitlichen Problemen ist der Hausarzt. Sein Verhalten trägt wesentlich zum Therapieerfolg bei. In diesem Zusammenhang spielt die Aufklärung und Informationsvermittlung durch den Hausarzt – insbesondere bei der Anamnese – die entscheidende Rolle. So gesehen sind die Hausärzte die zentrale Säule der medizinischen Versorgung. Denn diese Instanz wird stark respektiert und gewürdigt. Diese Ressourcen können bei der Arzt-Patienten-Beziehung die Compliance verbessern und die Komplikationen u. a. aufgrund sprachlicher Barrieren oder bei religiösen Menschen, wie z. B. beim Fasten, reduzieren. Je nach kulturellem Hintergrund bei MMH existieren ein unterschiedliches Krankheits- bzw. Gesundheitsverständnis, andere Erwartungen an den Arzt und auch andere Betreuungsbedürfnisse. Kultursensible Konzepte, wie z. B. das gemeinsame Kochen, und ähnliche Aktivitäten, wie regelmäßige Bewegung, können die Aufklärung und die Umsetzung der präventiven Maßnahmen erleichtern. Auch bei der Pflege und Rehabilitation ist ein kultursensibles Verständnis für die MMH erforderlich, da hier besondere Anforderungen an das Pflegepersonal gestellt werden.

1. Der Gesundheitszustand von Menschen mit Migrationshintergrund (MMH)

Migration ist per se kein Grund, um krank zu werden, birgt aber für manche Migranten laut WHO insgesamt ein erhöhtes Risiko, an bestimmten Erkrankungen zu leiden, etwa an Depressionen (z. B. bei Marokkanern und Türken). Invalidität und Berentung treten rund zehn Jahre früher auf.61 Es wird berichtet, dass das Auftreten von Schizophrenie-Erkrankungen bei marokkanischen Männern in Holland im Vergleich zu den einheimischen deutlich erhöht sei (zwischen zwei Welten hin- und hergerissen zu sein). Aus bestehenden Erfahrungen wissen wir, dass z. B. die Gefahr, an Schizophrenie zu erkranken, umso niedriger ist, je enger diese Bevölkerungsgruppen gemeinsam an einem Ort wohnen. Wahrscheinlich wirkt das soziale Netzwerk dabei präventiv. Bei den türkischen Patienten sind insgesamt die Infektionskrankheiten, Störungen im Magen-Darm-Bereich, Erkrankungen der Stütz- und Bewegungsapparate und das Auftreten von manchen chronischen Erkrankungen wie Diabetes mellitus im Vergleich zur einheimischen Bevölkerung um das Zweifache erhöht. Es gibt eine Reihe von Untersuchungen über den Gesundheitszustand von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland, von denen viele darauf hinweisen, dass MMH einen besseren Gesundheitszustand und eine niedrigere Sterblichkeit aufweisen.62
Für diese Aussagen gibt es mindestens zwei Erklärungen:
  1. Insbesondere junge und gesunde Menschen sind in der Lage, den Migrationsprozess zu meistern (»Healthy migrant effect«).
  2. Ältere und kranke Migranten kehren teilweise in ihre Heimat zurück, was sich auf die demographische Zusammensetzung auswirkt. Sie werden in Studien über die gesamte Gruppe nicht mehr erfasst; die Ergebnisse werden damit »verfälscht«.
Auch wenn keine generelle Aussage über den Gesundheitszustand von MMH gemacht werden kann, so lassen sich jedoch für bestimmte Gruppen und Erkrankungen signifikante Unterschiede feststellen.

1.1 Prävention

MMH nehmen insgesamt weniger an Präventionsmaßnahmen, z. B. Schwangerschafts-Vorsorgeuntersuchungen, Früherkennungsuntersuchungen, Impfungen, Zahnuntersuchungen etc., teil. Dies kann zum einen daran liegen, dass die Gesundheitsvorsorge, insbesondere in den ersten Jahren des Integrationsprozesses, zunächst eine untergeordnete Rolle spielt. Auf der anderen Seite ist in vielen Herkunftsländern Prävention von geringerer Bedeutung. Die Menschen aus diesen Ländern sind es nicht gewohnt, entsprechende Maßnahmen in Anspruch zu nehmen. Zugangsbarrieren zu den Präventionsmaßnahmen liegen in der Unkenntnis der Möglichkeiten und des Sinns von bekannten Maßnahmen.63
Bei Asylbewerbern gibt es im Rahmen der Prävention eine besondere Zugangsbarriere: Die zuständigen Kostenträger übernehmen die Kosten nur bei akuten Erkrankungen, jedoch nicht bei Präventionsmaßnahmen. Aufgrund der aktuellen Zuwanderungsereignisse wird sich das Gesundheitssystem auch hier strukturell verändern und anpassen müssen.

1.2 Kindergesundheit

Kinder mit Migrationshintergrund weisen bei somatischen Erkrankungen wie z. B. Bronchitis, Asthma und Allergien einen besseren Gesundheitszustand auf, aber einen schlechteren bei Anämien, Tuberkulose und Übergewicht.
Auffällig ist jedoch das Ergebnis im Bereich psychosomatischer Beschwerden. Diese äußern sich z. B. in Angstzuständen, Depressionen, Verhaltensproblemen und Essstörungen. Auch hier gibt es mehrere Einflussfaktoren, die eine solche Erkrankung fördern, z. B. geringer sozialer Status, Ablehnung und Ausgrenzung. Es gibt aber auch mildernde Faktoren, etwa der stärkere familiäre Zusammenhalt.64
Interessant sind die Ergebnisse bei Kindern und Jugendlichen mit Allergien: Hier zeigen sich bei den Kindern ohne Migrationshintergrund deutlich höhere Werte als bei den MMH.
Abb. 4: Auftreten ausgewählter Krankheiten bei Kindern mit und ohne Migrationshintergrund;
Quelle: Robert-Koch-Institut (Hrsg.), 2008: S. 78
Es gibt auch Untersuchungen zum Auftreten von Allergien in den unterschiedlichen sozialen Gruppen.65 Der Anteil der Kinder mit Allergien ist in Familien mit niedrigem sozialem Status geringer. Dies bestätigt einmal mehr, dass eine übertriebene Hygiene das Risiko, an Allergien zu erkranken, erhöht.
Die Ursachen für das Auftreten von Allergien sind noch nicht vollständig geklärt. Neben der Veranlagung können auch die Lebensbedingungen, unter denen die Kinder aufwachsen, zu den Auslösern gehören. Insgesamt scheinen Allergien zuzunehmen, wenn der Kontakt mit Krankheitserregern abnimmt. Je größer die Familien sind und je enger sie zusammenleben, desto eher sind Kinder Krankheitserregern ausgesetzt und umso besser sind sie gegen Allergien geschützt. Die Unterschiede können auch teilweise lediglich eine Folge von methodischen Problemen bei der Datenerhebung sein. Allergiesymptome werden aufgrund eines anderen Krankheitsverständnisses häufig nicht wahrgenommen. Hier haben wir ein gutes Beispiel dafür, wie schwierig es ist, Ergebnisse zu interpretieren.

1.3 Somatische Erkrankungen, Drogenmissbrauch und Suizid

Die zahlenmäßig größten Migrantengruppen sind die türkischstämmigen MMH und die Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion. In der türkischstämmigen Bevölkerung zeigt sich im Vergleich zu Menschen ohne Migrationshintergrund eine höhere Morbidität bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes mellitus und Virushepatitis.
Sowohl die Herzerkrankungen als auch Diabetes mellitus können ihre Ursachen in der Ernährungsweise wie cholesterinreicherer Kost und in geringerer körperlicher Aktivität haben. Virushepatitis kann ernsthafte Folgen wie Leberzirrhose und Magenkrebs mit sich bringen und ist in der Türkei weit verbreitet. Dies schlägt sich auch auf die Zahlen der Zuwanderer aus der Türkei nieder.
Aussiedler aus der Sowjetunion zeigen eine geringere Sterblichkeit insbesondere bei Krebs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, obwohl auch sie aufgrund ihrer Ernährungsweise zu einem höheren Cholesterinspiegel und Übergewicht neigen. Abschließende Erklärungen dazu fehlen noch. Auffällig sind die hohen Zahlen an Suiziden und Todesfällen durch Drogenmissbrauch.66 Dabei ist der Alkohol- und Drogenkonsum nicht generell erhöht. Man konnte jedoch feststellen, dass Jugendliche, die hier geboren und aufgewachsen sind, stärker betroffen sind. Hier gibt es Hinweise, dass sowohl kulturelle als auch sozioökonomische Faktoren eine Rolle spielen.
Eine Untersuchung der Suizidsterblichkeit unter Türken in Deutschland hat ergeben, dass die Suizidrate insgesamt niedriger ist als bei der deutschen Bevölkerung, allerdings genauso hoch wie im Herkunftsland.67 Gründe dafür können im religiösen Hintergrund (Verbot von Suiziden) und im größeren familiären Zusammenhalt liegen. Nach Altersgruppen aufgeschlüsselt ist die Gruppe der jungen Türkinnen besonders betroffen, auch im Vergleich zur deutschen Vergleichsgruppe. Es gibt Vermutungen, dass dies mit dem Familienstand und dem Migrationsstatus bzw. auch mit arrangierten Heiraten von jungen Mädchen während der Ferien in den Herkunftsländern zusammenhängt.

1.4 Infektionskrankheiten

Signifikante Unterschiede zwischen deutschen und ausländischen Patienten können auch bei Infektionskrankheiten wie Tuberkulose (Tbc), HIV/AIDS und Helicobacter pylori festgestellt werden.68 Aufgrund der Meldepflicht für Tuberkulose...

Inhaltsverzeichnis

  1. Glück
  2. Widmung
  3. Inhaltsverzeichnis
  4. Vorwort
  5. Erklärung des Autors
  6. I. Interkulturelle Medizin, Geschichte und soziokulturelle Einflüsse
  7. II. Kommunikation und Kultur
  8. III. Migration und Gesundheit
  9. IV. Spezielle Themen der MMH und sonstige Perspektiven
  10. Danksagung
  11. Der Autor von »Interkulturelle Medizin«
  12. Impressum