Sanders
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Sanders

  1. 220 Seiten
  2. German
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Über dieses Buch

Das Werk "Sanders" ist ein 1951 veröffentlichter Afrikaroman von Edgar Wallace. Der Originaltitel lautet "Sanders".Richard Horatio Edgar Wallace (geboren 1. April 1875 in Greenwich, London; gestorben 10. Februar 1932 in Hollywood, Kalifornien) war ein englischer Schriftsteller, Drehbuchautor, Regisseur, Journalist und Dramatiker. Wallace gehört zu den erfolgreichsten englischsprachigen Kriminalschriftstellern.

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I. Die Magie der Furcht

1.

Alles dieses ereignete sich während des Amtswechsels zweier Gouverneure, sonst hätte es sich überhaupt nicht ereignen können.
Seine Exzellenz, der zurücktretende Gouverneur der »Reservierten Gebiete«, war unter dem Donner der Geschütze und unter den Klängen der Nationalhymne abgereist, die von einer kleinen Schar beinahe weißer Musiker gespielt wurde, und von denen besonders der Kornettbläser die Neigung hatte, einen halben Ton zu tief zu spielen. Die neue Exzellenz litt unterdessen in ihrem Hause in Budleigh Salterton in Devonshire an der Gicht, und ihre Abreise von England war auf unbestimmte Zeit verschoben worden.
Ein Wechsel in der Verwaltung machte wenig oder gar keinen Unterschied für das Volk vom Großen Fluß. Hauptmann Hamilton von den Königshaußas zum Beispiel war sich dieser Lücke kaum bewußt, als er wütend der Hütte zustrebte, die sein jugendlicher Leutnant bewohnte.
Sein Ärger war sehr gerechtfertigt, denn Leutnant Tibbetts hatte, eine Schwäche von ihm, das unsühnbare Verbrechen begangen, für Zeitungen zu schreiben. Hamilton triefte vor Wut, denn die Nachmittagssonne brannte die Welt zu Blasen, und als er die gelbe Ofenplatte querte, die man Exerzierplatz nannte, drang die Hitze durch seine Schuhsohlen und folterte ihn.
Die Baracken, die eine Seite des Vierecks bildeten, tanzten und zitterten in dem Flimmern der Hitze. Er sah die Kronen der Isisipalmen wie durch einen Nebel. Sogar die Webervögel waren still. Und wenn es den Webervögeln zu heiß zum Schwatzen wird, dann muß es in der Tat sehr heiß sein.
Hamilton stieß die Tür der Hütte seines Leutnants auf, trat ein und schnaubte sich seinen Verdruß von der Seele.
Mr. Tibbetts, der sonst Bones (Knochen) hieß, lag, das Gesicht nach oben, auf seinem Bett; in einem unverzeihlichen Anzug, denn selbst Salomon in all seiner Pracht trug keine purpurroten Pyjamas mit abwechselnd grün- und ockergelben Streifen.
Hamilton schleuderte das Papier in seiner Hand auf den Tisch. Bones öffnete ein Auge.
»Morjen, Herr!« sagte er, leicht benommen. »Regnet's noch?«
»Morgen!« schnappte Hamilton. »Es ist eine Stunde vor dem Mittagessen, und ich habe Ihnen etwas zu sagen, Bones!«
Bones sank in seinen Schlaf zurück.
»Wachen Sie auf und verstecken Sie Ihre fürchterlichen Flossen!«
Die Augenlider des Schläfers zuckten; er murmelte etwas wie, er verstehe die Pointe nicht; schließlich hatte er die Zeitung bemerkt und die in gotischen Buchstaben gedruckte Überschrift erkannt.
»Die Pointe ist die, Bones,« sagte Hamilton erhaben, »niemand weiß besser als Sie, daß es für irgendeinen Offizier ein Vergehen ist, einen Artikel über irgendeinen Gegenstand für die Zeitung zu schreiben. Das hier,« er klatschte die zusammengefaltete Zeitung auf den Tisch, »das ist eine Schmach.«
»Surrey Star und Middlesex Plain Dealer, Herr,« murmelte Bones, die Augen geschlossen, ein Bild der Geduld, Verzeihung und Ergebung, »mit dem der Sunbury Herald und Mosley Times vereinigt ist, Herr.«
Sein langer Leib lag wollüstig ausgestreckt, seine Hände waren unter seinem Kopf gefaltet, seine großen roten Füße hingen über das Bettende hinaus. Er hatte das Aussehen und Gebaren eines Menschen, dem größtes Unrecht angetan wurde, und der seinen Feinden vergab.
»Es handelt sich nicht darum, für welche Zeitung Sie schreiben...«
»An welche Zeitung Sie schreiben, lieber, alter Offizier!« murmelte Bones. »Lassen Sie uns hübsch bei der Grammatik bleiben, Herr und Vorgesetzter; und lassen Sie uns nicht unsere Muttersprache verschandeln...«
»Auf! Sie widersetzlicher Teufel, und stellen Sie sich auf Ihre großen Füße!« zischte der Haußahauptmann.
Leutnant Tibbetts öffnete nicht einmal seine Augen.
»Ist das eine freundliche Erörterung oder nicht, lieber, alter Herr?« verteidigte sich Bones. »Ist das ein freundschaftlicher Besuch oder ein Kriegsrat, lieber, alter Schinken?« ( Ham = Schinken; hier Abkürzung für Hamilton.)
Hamilton packte ihn an dem seidenen Kragen seiner Pyjamajacke und riß ihn auf seine Füße.
»Tätlicher Angriff!« sagte Bones ruhig. »Hauptmann, wütend vor Eifersucht, schlägt strebsamen und glänzenden jungen Offizier. Kriegsgericht spricht netten, ollen Hauptmann schuldig, dieser nimmt Gift!«
»Ein Zeitungsschreiber werden Sie niemals«, sagte Hamilton. (Hier verbeugte sich Bones feierlich.) »Schon weil Sie nicht orthographisch schreiben können.«
»Das konnte der liebe, alte Napoleon ebensowenig«, sagte Bones selbstsicher, »wie der schneidige, alte Washington. Richtig orthographisch schreiben ist Zeichen eines Schwachkopfs. Ich gebe zu, daß Sie richtig orthographisch schreiben können, lieber, alter Demosthenes...«
»Die Pointe ist die – und ich meine es vollkommen ernst...« Hamilton schubste seinen Untergebenen aus das Bett, und dieser fiel dort, dem Stoß nachgebend, zusammen.
»Sie dürfen wirklich keine politischen Artikel schreiben, in denen Sie auffordern, der Staatssekretär solle kommen und ›mit seinen eigenen Augen‹...« Hamilton suchte nach der anstößigen Stelle und las sie vor – »›die Arbeit ansehen, die von jungen, von niemand (außer von den sie verehrenden einheimischen Eingeborenen) gekannten und geehrten jungen Offizieren geleistet würde...‹ und dergleichen Stuß mehr!«
Bones zuckte seine schmalen Achseln. Sein Schweigen war beleidigend respektvoll.
»Sie werden also keine dieser für Sie selbst Propaganda machenden Briefe mehr schreiben, Bones! Weder an den ›Stern‹ noch an den ›Komet‹, den ›Mond‹, die ›Sonne‹ oder an irgendein anderes Mitglied des Sonnensystems.«
»Bitte, schalten wir Religion aus der Erörterung aus!« sagte Bones mit gedämpfter Stimme.
Es ist zweifelhaft, ob Mr. Nickerson Haben überhaupt jemals von der Existenz dieses Organs des öffentlichen Gewissens, des »Sterns von Surrey und Middlesex Plain Dealer« gehört hatte. Er war nicht der Schlag Mann, der einer Zeitung Beachtung schenkte, die weniger als eine halbe Million Abonnenten zählte.
Und doch, das Auftauchen von Bones' erstem schriftstellerischem Versuch fiel zeitlich zusammen mit einem besonders kritischen Augenblick in Nickerson Habens Leben. Und die Folge entschuldigte beinahe den späteren Jubel des »Surrey Stern« und trug wesentlich dazu bei, der Behauptung seines Schriftleiters: »Was der ›Stern‹ heute denkt, tut die Regierung morgen«, einen Boden zu geben.
Denn Nickerson Haben machte sich beinahe sofort daran, die Gebiete mit seinen eigenen Augen zu besichtigen. Er war Mitte der Dreißig und hatte den Erdball zu seinen Füßen. Wie das zuging, darüber gab sich niemand Rechenschaft.
Haben war ein engbrüstiger und bleicher Mann, mit rabenschwarzem Haar, von dem sich eine Locke in Augenblicken rednerischen Überschwanges über seine Stirn legte. Er hatte tiefliegende Augen, schmale Lippen, hageres Gesicht und lange, weiße Hände. Nickerson war durch einen rednerischen Wirbelwind in das Unterhaus gefegt worden, der eine Phalanx nüchterner Männer und konservativer Bürger niederwehte, die zwischen diesem und ihm gestanden hatten. Treuherzig oder aalglatt, je nach den politischen Vorurteilen, trug er die Macht seiner Überredungskunst und seiner Kritik in die keusche und bewegungslose Atmosphäre des Parlaments. Minister zuckten unruhig zusammen unter der Rasiermesserschärfe seines Spottes, und die Einpeitscher, die sich vorher im Foyer versammelten, wurden bei Erwähnung seines Namens nervös. Als Parteimann verfiel er nie in den Fehler, die Empfindlichkeit seiner eigenen Führer zu verwunden. Wenn er diese überhaupt kritisierte, wiederholte er lediglich in einem Ton von Bestimmtheit die von ihnen bereits halb eingestandenen Irrtümer.
Wenn eine Regierung stürzte, verließ Mr. Haben seinen sicheren Sitz, bekämpfte West Monrouth Grafschaft, warf das diese augenblicklich vertretende Mitglied heraus und kehrte im Triumph nach Westminster zurück.
Die neue Regierung machte ihn zum Unterstaatssekretär, zuerst der Landwirtschaft, dann des Auswärtigen. Er hatte die Witwe Cornelius Beits geheiratet, eine amerikanische Dame, die fünfzehn Jahre älter war als er; eine kluge Frau mit einem sprühenden Temperament und einer umfassenden Kenntnis der Männerwelt. Obwohl sie in Carlton House Terrace wohnten, war ihr Eheleben nicht glücklich. Ihn kannte sie nur zu gut. Sein Temperament war keins von den besten. Er besaß alle Anmaßung eines Self-made-man, an dem sich dieser Prozeß nur etwas zu schnell vollzogen hatte. Einmal erzählte sie einem ihr nahestehenden Freunde, daß Nickerson einen Einschlag von Gemeinheit habe, den sie schwer zu ertragen fand, und es war sogar von Scheidung die Rede.
Das war gerade vor ihrer Blinddarmoperation. Der beste Chirurg ganz Englands führte diese aus; ihre Wiederherstellung ward niemals in Zweifel gezogen. Unter dem Eindrucke ihrer Wiedergenesung ging Nickerson ins Parlament und hielt eine seiner besten Reden über Belutschistan.
Drei Tage später war sie tot. Einer jener sonderbaren Rückfälle hatte sich ereignet, die für den Laien so unerklärlich und von den Ärzten so gefürchtet sind.
Haben war wie vor die Stirn geschlagen. Die, die ihn haßten – und ihrer waren viele – wunderten sich, was er nun, da die Hauptquelle seines Einkommens versiegt war, beginnen würde. Man hatte nur für eine Vermutung von sehr kurzer Dauer Gelegenheit, da die Angelegenheit bei der Testamentseröffnung dahin erledigt wurde, daß ihm alles vermacht war, außer einem Legat für eine Zofe.
Diese Tragödie ereignete sich zwischen jenem Amtswechsel der Gouverneure, also bei einer Gelegenheit, die von einem mitfühlenden Chef aufgegriffen wurde. Nickerson Haben ging mit dem ersten fälligen Afrikadampfer hinaus, um Geschäft mit Erholung zu vereinen; um Fehler zu finden, und Vergessen.
Leutnant Tibbetts von den Königshaußas war der Nachrichtenbringer des Gouvernements. Die schlanken Beine dieses schmächtigen Burschen hatten schon viele meist übertriebene Botschaften der Freude und des Unglücks übermittelt.
In diesem Augenblick flog er über den zitronenfarbigen Sand der Küste, einen Postbeutel in der Hand, seinen Tropenhelm im Genick, eine überraschende Neuigkeit auf den Lippen.
Er nahm die fünf Stufen der Treppe in einem einzigen Satz, flitzte in das große kühle Eßzimmer, in dem Hamilton gerade beim Frühstück saß, und ließ den Beutel in dem Augenblick in Hamiltons Schoß fallen, als der Hauptmann seine Kaffeetasse zierlich auf seinen Fingerspitzen balancierte.
»Bones! Sie langbeiniger Strandköter!« schnappte Hamilton bissig und tastete nach seinem Taschentuch, um den heißen Mokka von seinen weißen Drellbeinkleidern abzuwischen.
»Er kommt, Ham!« rief Bones, nach Atem ringend. »Sah meinen Brief, lieber, oller Herr, packte seinen netten, ollen Koffer, nahm den ersten Zug ...!«
Hamilton forschte scharf nach Symptomen des Sonnenstichs bei seinem Untergebenen.
»Wer kommt, Sie linkshändiger Wechselbalg?« fragte er zwischen Zorn und Neugier.
»Haben, alter Herr!... Unterstaatssekretär, lieber, oller Ham!« Bones redete ein wenig ohne Zusammenhang. »Sah meinen Brief in dem netten, ollen ›Star‹... Befindet sich eben beim Gouvernement. Das bedeutet eine Bezirksamtmannsstelle für mich, Ham, oller Knabe! Aber ich nehme nichts an, außer sie geben dem ollen Ham das gleiche...«
Hamilton deutete ernst auf einen Stuhl.
»Setzen Sie sich und beenden Sie Ihren Anfall von Hysterie! Wer hat Sie mit diesem Quatsch vollgestopft?«
»Der zweite Offizier der ›Bassam‹, der die Post an Land brachte. Haben war schon auf dem Wege zum Sitz des Gouvernements, da er mit demselben Schiff fuhr.« Für einen Augenblick vergaß Hamilton seine kaffeebefleckten Beinkleider.
»Kommt mir verdammt ungelegen!« sagte Hamilton unruhig. »Gerade, wo Sanders im Busch ist... Was ist das für 'n Typ, dieser Haben?«
Bones, der sein eigenes Ziel damit verfolgte, wünschte ein schmeichelhaftes Bild von dem Besuch zu entwerfen; er empfand, daß ein Mann, der so unmitte...

Inhaltsverzeichnis

  1. I. Die Magie der Furcht
  2. II. Der Platzmacher
  3. III. Der sehr gute Mann
  4. IV. Weiber wollen reden
  5. V. Die Heilige
  6. VI. Der Mann, der Sheffield haßte
  7. VII. Die Freudensucher
  8. VIII. Das Ballspiel
  9. IX. Der weise Mann
  10. X. Der süße Sänger
  11. Impressum

Häufig gestellte Fragen

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