1. Einleitung
Der digitale Wandel berührt unbestritten so gut wie alle Lebensbereiche und kann als zentrales technologisches und gesellschaftliches Phänomen unserer Zeit gesehen werden. Auch für die Hochschullehre ist die Digitalisierung ein zentrales Thema und so beschäftigt sich die Hochschuldidaktik seit ca. zwei Jahrzehnten unter dem Terminus „E-Learning" mit dem didaktisch motivierten Einsatz von Technologien zur Unterstützung von Lehr- und Lernszenarien.
Dass E-Learning an österreichischen Hochschulen dadurch mittlerweile scheinbar etabliert ist, bestätigt auch eine großangelegte Studie des „Forums Neue Medien in der Lehre Austria". Von den insgesamt 72 österreichischen Hochschulen nahmen 49 an dieser Studie teil und gaben an, dass „E-Learning" zumindest vereinzelt, aber größtenteils hochschulweit eingesetzt wird. Als Grund wurden überwiegend didaktische Überlegungen angegeben. (Bratengeyer, Steinbacher, & Friesenbichler, 2016)
Dies ist nicht überraschend, wenn man die Vorteile betrachtet, die durch den Einsatz von Technologien in Lehr- und Lernszenarien entstehen. Erreichbare Vorteile sind dabei u.a. eine flexiblere Organisation des Lernprozesses durch flexiblere Gestaltungsmöglichkeiten von Lernort, Lernzeit, Lernweg und Lerninhalten, eine höhere Motivation der Studierenden durch einen attraktiveren Medieneinsatz (Wache, 2003) und eine Steigerung der didaktischen Vielfalt sowie eine Förderung von interaktiven und kollaborativen Lernprozessen (Bratengeyer et al., 2016).
1.1. Begriffsdefinition
E-Learning ist nur ein Begriff von vielen, der für den Einsatz von Technologien zur Unterstützung von Lehr- und Lernprozessen verwendet wird. Im englischsprachigen Raum kommen bspw. auch die Begriffe „computer-assisted instruction", „educational technology", „educational Computing", „distributed learning" und „online learning" als Synonyme vor (Chan et al., 2006). Ein sehr attraktiver und umfassender Begriff ist „technology-enhanced learning (TEL)". Dieser umfasst nach Goodyear und Retalis (2010) alle Technologien, die Lehr- und Lernszenarien effektiver und effizienter, aber auch unterhaltsamer machen können. Die Liste von möglichen Technologien, die demnach für den Einsatz in Frage kommen, wird dadurch sehr lang und so können unter dem Begriff TEL auch Ansätze wie „mobile learning", „game-based learning", „web-based learning" und viele mehr zusammengefasst werden. In einer noch weiter gefassten Definition von Dror (2008) zählen auch Technologien wie Smartphones, Email oder das World Wide Web an sich zu Technologien im Sinne von TEL. Zum näheren Verständnis beschreiben Goodyear und Retalis (2010) Szenarien, für die Technologien im Sinne von TEL eingesetzt werden können:
- Technologien, die den Zugriff auf und die Arbeit mit Lehr- und Lernmaterialien ermöglichen;
- Technologien, die anwendungsorientiertes und problembasiertes Lernen fördern;
- Technologien, die kollaboratives Arbeiten und die Kommunikation erleichtern;
- Technologien, die konstruktivistische Lernsettings unterstützen;
- Technologien, die für die (Über)-Prüfung von Lernergebnissen bzw. zur
- Leistungsbeurteilung verwendet werden;
- Technologien, deren Gebrauch die „digital literacy" der Lernenden verbessern.
1.2. Digital Natives vs. Digital Immigrants
Viele Experten behaupten, dass die Generation der sogenannten „digital natives", also Personen, die in der digitalen Welt aufgewachsen und den Umgang mit verschiedensten digitalen Werkzeugen und Applikationen im privaten und beruflichen Alltag gewohnt sind (Prensky, 2001), an den österreichischen Hochschulen angekommen sind und den Einsatz dieser Technologien, die sie aus dem Alltag gewohnt sind, auch in der Hochschullehre fordern. In vielen Bereichen werden diese Technologien zusätzlich in der Berufswelt eingesetzt und es ist daher notwendig, dass Studierende den thematischen Umgang mit diesen digitalen Werkzeugen und Applikationen im Rahmen einer hochschulischen Ausbildung erlernen. (Pedró, 2006; Redecker, 2009; Noguera Fructuoso, 2015; Schweighofer, Grünwald, & Ebner, 2015)
Andere Experten kritisieren diese Aussage, da sie nicht von Beweisen gestützt wird (Bekebrede, Warmelink, & Mayer, 2011; Bullen & Morgan, 2011; Margaryan, Littlejohn, & Vojt, 2011). Unabhängig davon kann in den letzten Jahren ein Anstieg an technologiegestützten Lehr- und Lernszenarien an österreichischen Hochschulen festgestellt werden, wie auch die zuvor erwähnte Studie des „Forums Neue Medien in der Lehre Austria" belegt (Bratengeyer et al., 2016).
Dem gegenüber steht jedoch die Tatsache, dass Lehrende an Hochschulen größtenteils noch der Generation der „digital immigrants" zugeordnet werden können, also einer Generation, die erst im Erwachsenenalter, wenn überhaupt, den Umgang mit diesen Technologien erlernt hat, und es ist unklar, wie diese Generation dem Einsatz von Technologien in der Lehre gegenübersteht.
1.3. Sicht der Hochschulleitung
Die Fachhochschule CAMPUS 02 in Graz als Anbieterin von berufsintegrierenden Studienprogrammen in den Organisationsformen Vollzeit, berufsbegleitend und dual bekennt sich zur Verantwortung einer aktuellen qualitätsorientierten Ausbildung, die „digital literacy" im Allgemeinen und Digitalkompetenzen in den jeweiligen Berufsfeldern im Besonderen vorsieht. Als zentrale Erfolgsfaktoren sieht die Fachhochschule eine Unternehmenskultur, die Offenheit für Veränderung lebt und innovative Lehre unterstützt. Weitere Voraussetzungen sind ökonomische Ressourcen zur Umsetzung technologieunterstützter Lehr- und Lernszenarien sowie eine strukturierte Organisation und Durchführung von Veränderungsprozessen. Diese Faktoren sind Voraussetzung für die Entwicklung und erfolgreiche Umsetzung geeigneter didaktischer Ideen (Arnold, Mayrberger, & Merkt, 2006). Dabei ist besonderes Augenmerk darauf zu legen, dass Lehr- und Lernumgebungen auf die gegebenen Herausforderungen im professionellen wie privaten Umfeld abgestimmt und stetig weiterentwickelt werden, um die inhalts- und zielgruppenorientierte Erstellung didaktischer Konzepte zu forcieren. Der Einsatz moderner Technologien zur Unterstützung der Lehre darf dabei kein Selbstzweck sein, sondern orientiert sich an folgenden Zielen:
- Verbesserung des Lernerfolges
Der Lernerfolg soll durch den didaktisch sinnvollen Einsatz von Technologien verbessert werden.
- Verbesserung der Präsenzlehre
Die Auflockerung der Präsenzlehre und die Förderung und Unterstützung selbstgesteuerten Lernens außerhalb der Präsenzlehre sollen Qualitätssteigerungen für die gemeinsame Zeit im Lehrsaal bringen.
- Verbesserung der Selbststeuerung und Flexibilität
Technologien können eine flexible Gestaltung von Lernprozessen, Lernort und Lernzeit ermöglichen. Dies kommt Lehrenden und Studierenden zugute, um Studium, Beruf, Familie und Freizeit ausgewogen bewältigen zu können.
1.4. Zielsetzung der Studie
Die Studie des „Forums Neue Medien in der Lehre Austria" zeigt einen sehr guten Überblick, wie und warum E-Learning an österreichischen Hochschulen eingesetzt wird (Bratengeyer et al., 2016). Mit der in Folge vorgestellten Studie wollten die Autoren einen Schritt...