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Gestalt begreifen
Ein Arbeitsbuch zur Theorie der Gestalttherapie
- 180 Seiten
- German
- ePUB (handyfreundlich)
- Über iOS und Android verfügbar
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Über dieses Buch
Dieses Buch will die Frage beantworten, wie gestalttherapeutische Praxis und gesellschaftskritische Theorie verzahnt sein müssen, damit aus Gestalttherapie keine Anpassungstechnik wird. Es ist die Quintessenz aus fast fünf Jahrzehnten Studien zu Paul Goodman, dem Mitbegründer der Gestalttherapie, der Reflexion therapeutischer Theorie sowie Erfahrungen in der gestalttherapeutischen Aus- und Weiterbildung.
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Information
Leitfaden, um »Gestalt Therapy« zu verstehen
Gelegentlich fasse ich mein Programm in die Frage: »Wie kann man Kultur besitzen, ohne die Natur zu verlieren?«
In dem Buch »Gestalt Therapy« gehe ich die gestellte Frage folgendermaßen an: Wenn wir uns einem Wesen gegenüber sehen, das sich bewegt, ständig Neues sieht und mit seinen Problemen fertig werden muss, bedarf es jederzeitiger schöpferischer Anpassungen. Es muss das Dienliche vom Undienlichen scheiden, Initiative ergreifen, verändern, um das Neue der Umwelt an sich anzupassen und um das zu entfernen, was das lebensfähige Gleichgewicht stören würde. Solche Anpassung ist notwendig, weil sich das Vermögen, zu leben, nur in der Umwelt aktualisieren kann. Die Umwelt ihrerseits muss für die aktive Anpassung zugänglich sein; sie muss plastisch für die Veränderung sein, und es muss interessant sein, sie zu erkunden. Der Abgrund, in den du stürzt, ist nicht deine Umwelt.
— Paul Goodman, 1972
Definition 1: »Psychologie«
Die Kapitel 3 und 4 als psychotherapeutische Deutungen des Begriffs »Seele«
bei Aristoteles und Thomas von Aquin
bei Aristoteles und Thomas von Aquin
»Niemand kann ohne sinnlichen Genuss und körperliche Lust leben. Die Verdrängung der Vernunft bei Tätigkeiten, die den körperlichen Bedürfnissen folgen, etwa Sexualität, behindert zwar die Vernunft, auch wenn es vernunftgemäßes Handeln ist. Aber dies ist nicht moralisch schlecht, so wie auch der vernünftig eingesetzte Schlaf nicht moralisch schlecht ist, obgleich er den Vernunftgebrauch unterbricht: Denn die Vernunft selbst bestimmt, dass bisweilen von der Vernunft abzusehen ist.«
— Thomas von Aquin, Summa theologica I-II, q. 34,1
Prolog: Lieben
»Lieben besagt, sich ein Gut mit der Kraft des Hungers anzupassen. Niemand, der sich etwas ihm Gemäßes anpasst, wird dadurch beschädigt. Vielmehr wächst er und wird besser. Wer sich jedoch etwas ihm nicht Gemäßes anpasst, wird beschädigt und kommt vom Weg ab. Liebe vervollkommnet und verbessert den, der etwas ihm Gemäßes liebt. Liebe beschädigt und entfremdet den, der etwas ihm nicht Gemäßes liebt. Darum ist es die Liebe zu Gott, die den Menschen am meisten vervollkommnet und verbessert. Die Liebe zur Sünde dagegen beschädigt und entfremdet, nach Hosea 9, 10: ›Abscheulich sind sie geworden, wie das, was sie genossen haben. ‹ «
Die Sätze klingen nach »typisch Gestalt«. Es handelt sich beim Autor jedoch um den mittelalterlichen Theologen und Philosophen Thomas von Aquin. Die therapeutische Neuformulierung durch Paul Goodman lautet etwa:
»Die warme, lustvolle (und aufgebrachte) Zerstörung bestehender Gestalten in persönlichen Beziehungen ist oft zu gegenseitigem Vorteil und mündet in Liebe. ... Wenn es für zwei Menschen wirklich zum Vorteil ist, dass sie sich verbinden, dann ist die Zerstörung des miteinander Unvereinbaren, das sie mitbringen, ein Schritt auf ihr tieferes Selbst zu – das sich in der kommenden neuen Gestalt verwirklicht. ... Unsere fehlende Bereitschaft, dies zu wagen, folgt wohl aus der Furcht, nichts mehr zu haben, wenn wir die Zerstörung des oberflächlichen Selbst zulassen würden. Wir ziehen es vor, schlecht statt gar nicht zu essen. Wir haben uns an Knappheit und Hunger gewöhnt« (Gestalt Therapy, engl. S. 342, dt.a S. →, dt.b S. →).
Die Gegenüberstellung bringt eine Reihe von Übereinstimmungen in grundlegenden Fragen ans Licht. Beide Autoren legen eine Theorie vor, die von »einfachen« Lebensäußerungen wie Nahrungsaufnahme über Freundschaft und geschlechtliche Liebe bis hin zur Gottesverehrung eine gemeinsame Klammer sieht: die (schöpferische) Anpassung, die Assimilation, die »Coaptation«, oder poetisch »Liebe« und »Hunger«. Dies ist ein Prozess, in welchem Aggression notwendig ist, Zerstörung der einen Gestalt um der neuen Gestalt willen. Es ist auch ein Prozess, der eine durchaus heikle Beurteilung durch den verlangt, der da liebt, ob das, was er liebt, ihm zuträglich oder abträglich ist. Denn die Anpassung ist gegenseitig. Das, was geliebt wird, also eigentlich als »passiv« angesehen wird, geht in die neue Gestalt ein und bestimmt sie mit. Das ist bei der Aufnahme schlechter Nahrung nicht anders als beim Hang zur Sünde.
Wenn ich mich bei dem Bemühen, die Grundlagen der Gestalttherapie aufzuarbeiten, auf Thomas beziehe, besteht das Ziel nicht darin, den Beweis zu erbringen, dass der heilige Philosoph eigentlich alles Nötige zur Gestalttherapie bereits gesagt hätte. Der Erkenntnisgewinn bei einer solchen Zielsetzung wäre allzu gering. Der Grund für den Rückgriff auf Thomas ist: Viele Verständnisschwierigkeiten hinsichtlich des Buches »Gestalt Therapy« rühren daher, dass Goodman es sich ersparte, den systematischen anthropologischen und psychologischen Hintergrund zu erläutern, auf dem er aufbaut. Um den laufenden Text nicht mit Thomas-Belegstellen »unhandlich« zu machen, befinden sich einige der besonders interessanten und z. T. bisher nicht ins Deutsche übersetzten Ausführungen in der Schrift »De anima« (» Über die Seele«: Kommentar zur gleichnamigen Schrift des Aristoteles) in separaten Kästen.
Die folgenden Abschnitte zur Liebe belegen den ersten Eindruck, dass Thomas eine moderne Auffassung entwickelt, die physiologische und psychologische Aspekte einbezieht: »Was hier von der Liebe gesagt wurde, gilt insoweit sie Form ist, insoweit sie Hunger ist. Insoweit die Materie des Liebesleidens, der physiologische Prozess, gemeint ist, kann die Liebe allerdings beschädigen, nämlich durch ein Übermaß an Veränderung. Das ist bei der Liebe ebenso wie bei den Sinnen und jeder Fähigkeit der Seele, die sich durch organische Veränderung ausdrückt. Der Liebe können in der Tat vier ganz unmittelbare Wirkungen zugeordnet werden, das sind Schmelzen und Behagen, Mattheit und Feurigkeit. Das Schmelzen, das der Verhärtung widerstreitet, ist die erste Wirkung. Der Verhärtete, der sich auf sich selbst beschränkt, kann nichts in sich hineinlassen. Zur Liebe aber gehört, wie gesagt, dass mit Hunger das geliebte Gut aufgenommen und angepasst wird, damit das Geliebte im Geliebten ist. Darum ist das harte oder verhärmte Herz eine Verfassung, die dem Lieben entgegensteht. Mit Schmelzen dagegen wird die Erweichung des Herzens beschrieben, die das Herz bereit macht, um das Geliebte in sich hineinzulassen. Ist das Geliebte im gegenwärtigen Besitz, löst das Befriedigung oder Behagen aus. Ist es dagegen abwesend, folgen zwei Leiden: Trauer über das Abwesen, die sich in Mattheit zeigt (darum hat Cicero in seinen › Gesprächen in Tusculum‹ die große Traurigkeit als Siechtum beschrieben) und intensives Verlangen, das Geliebte zu erreichen, das sich im Feuereifer zeigt. Das also sind die Wirkungen der Liebe formal gesehen im Bezug auf die Kraft des Hungers, nach einem Objekt zu verlangen. Beim Lieben nun stellen sich weitere, diesen entsprechende Wirkungen auf Grund der physiologischen Prozesse ein« (Thomas von Aquin, Summa theologica I-II, 28, 5).
Besonders die Entwicklung des Gegensatzpaares »Schmelzen« und »Verhärten« sind poetische – und physiologische! – Bilder für die eher technischen Begriffe »Kontakt« und »(neurotische) Kontaktlosigkeit« oder »Kontaktvermeidung« in der Gestalttherapie.
Im »Schmelzen« ist ausgedrückt, dass nicht nur das geliebte Gut aufgelöst und aufgenommen wird, sondern dass zur Anpassung auch der Liebende seine Form ändern muss, bereit sein muss, sich zu vermischen – eben »in Kontakt zu treten«. Die sich auf sich selbst beschränkende Verhärtung lässt Mischung nicht zu. Es kommt zu keinem Kontakt.
Aber Thomas weist auch auf die Grenzen des Schmelzens hin. Eine Veränderung (oder schmelzende Auflösung), die zu stark ist, »beschädigt«. Gestalttherapeutisch gesagt: In der Konfluenz löst sich das Selbst vollständig auf, so dass auch kein Kontakt – und keine Liebe – möglich ist, da es kein Subjekt des Prozesses mehr gibt.
Die Gestalt, die dieser »Leitfaden, um das Buch Gestalt Therapy zu verstehen« nun hat, wäre nie so entstanden, wären da nicht die Ausbildungsgruppen des Gestalt-Instituts Köln gewesen, denen ich die Theorie nahebringen sollte. Ihre – wie ich sagen muss: vielfach berechtigte – Rebellion gegen das Unverständliche und Unverdauliche im Buch »Gestalt Therapy« von Paul Goodman hat mich darauf gebracht, welche Grundlagen noch aufzuarbeiten sind, um seine intellektuelle Leistung voll erfassen und genießen zu können. Für diese Mithilfe, Klärung und Anregung danke ich allen Teilnehmern und ganz besonders dem Leiter des Gestalt-Instituts, meinem Freund Erhard Doubrawa.
Was ist Psychologie?
Zu Beginn von »Gestalt Therapy« definiert Goodman Psychologie als das Studium der schöpferischen Anpassung sowie »abnormal psychology « als das Studium der Störungen bei der schöpferischen Anpassung (engl. S. 230f, dt.a S. →, dt.b S. →).
Der Begriff »abnormal« ist sicherlich missverständlich gewählt, denn der ganze Zusammenhang des Buches zeigt, dass Goodman nicht einer Therapie der Anpassung an die gegebenen sozialen Normen das Wort redet. Die deutsche Übersetzung spricht von »klinischer Psychologie«. Das führt ebenfalls in die Irre, denn es handelt sich ausdrücklich nicht um eine Therapie, die auf die Institution der Klinik ausgerichtet ist. Um zu verstehen, von welcher Norm in jenem Begriff »abnormal« die Rede ist, müssen wir uns dem ersten Teil der Definition zuwenden: Was ist Psychologie? Oder, begrifflich genauer: Was ist die Psychologie des Normalen?
An einer Stelle bezieht sich Goodman klar auf Aristoteles. Die Theorie des »Bewusstseins als Kontaktfunktion in einem schwierigen Organismus/ Umwelt-Feld« entspräche »Aristoteles' fühlender und vernünftiger Seele«, und diese Theorie werfe »keine besonderen wissenschaftlichen Probleme« auf (engl. S. 263, dt.a S. →, dt.b S. →). Er kann damit nicht gemeint haben, Aristoteles' Begriff der Seele sei einfach, sondern eher, dass er ihn für einsichtig halte und in seiner eigenen Arbeit zu Grunde lege. Wir sehen uns damit drei Fragen konfrontiert:
- Was ist der Inhalt der aristotelischen Psychologie?
- Warum ist die aristotelische die »normale« Psychologie?
- Wie bezieht die Gestalttherapie als Psychologie der »Abweichung« sich auf die (aristotelische) »Normalität«?
Der Text des Aristoteles, auf den Goodman sich stützt, die Schrift De anima (Über die Seele), ist, folgt man einem zeitgenössischen Aristoteles-Forscher, alles andere als unproblematisch: Er zeichnet sich geradezu aus durch »Mangel an Zusammenhang und Folgerichtigkeit in der Darstellung« (Gigon, Einleitung, S. 218). Ganz anders die Voraussetzung des Kommentars, den Thomas von Aquin zu De anima verfasst hat. In seinem Kommentar wird fast jeder Absatz mit Formeln eingeleitet wie »darum sagt Aristoteles«, »daraus folgt« usw. Es sollte kaum überraschen, dass Olof Gigons Übersetzung des aristotelischen Textes durchaus von undurchsichtigen Passagen durchzogen ist, während Thomas' Kommentar die Zusammenhänge erkennen lässt und die Argumente folgerichtig aufbereitet.
Es ist nicht nur die unerreichte Tiefe, mit der Thomas den Text des Aristoteles erfasst, erläutert und erklärt hat, die mich dazu führte, seinen Kommentar anstelle des Originals zu wählen, um den Hintergrund der »normalen« Psychologie aufzuklären, auf dem die »abnormale« Psychologie der Gestalttherapie basiert. Darüber hinaus lässt sich m. E. zeigen, dass Goodman in zentralen Punkten angewiesen ist auf die Vermittlung durch Thomas.
Die Seele
Um den thomistischen Begriff der »normalen« Psychologie aufzuklären, muss ich auf den Zusammenhang zurückkommen, in welchem die Bezugnahme auf Aristoteles steht. Goodmans Anliegen ist es, die Spaltung von »Körper« [body] und »Geist« [mind] zurückzuweisen und von einer »Seele« [soul] zu sprechen, in...
Inhaltsverzeichnis
- Über den Autor
- Inhaltsverzeichnis
- Zur Künstlerin des Covers
- Erhard Doubrawa: Vorwort
- Zum Selbstverständnis der Gestalttherapie
- Leitfaden, um »Gestalt Therapy« zu verstehen
- Weitere Informationen
- Impressum