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Godot war hier
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Kurzgeschichten, Satire, Gedichte, Lieder und Essays
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Die ewige Kraft der Liebe
Endlich war es geschafft! Der letzte Nagel eingeschlagen, das letzte Bild aufgehängt. Ich hasse Umzüge. Besonders, wenn sie ins „Ausland“ gehen. Ich hatte lange mit mir gerungen, bevor ich das Angebot annahm, in Hamburg als Redakteur zu arbeiten. Ich, der schon unter Heimweh litt, wenn ich mich nur dem Weißwurschtäquator näherte, wagte den Schritt von München nach Hamburg.
Und das alles nur meiner Frau Sabine wegen, diesem eingefleischten Nordlicht. Ok, Norderstedt ist nicht direkt Hamburg, aber ziemlich nah dran. Da in der Hafenstadt die Immobilienpreise gastronomisch hoch sind, nahmen wir dankbar das Angebot einer Groß- Cousine meiner Frau an, in Norderstedt ihre Eigentumswohnung zu beziehen.
Sie lebt in Neuseeland und war froh, ihre Wohnung in verantwortungsbewusste Hände abgeben zu können. Einzige Bedingung, nachdem Mietnomaden diese Wohnung geschreddert hatten, Totalrenovierung. Kein Problem für vier geschickte Hände. Die Sabines und ihres Bruders Kai, der uns beim Umzug geholfen hatte. Meine Frau war natürlich froh, wieder in ihre angestammte Heimat ziehen zu können. Ich hatte sie im Hofbräuhaus kennen gelernt. Wo denn auch sonst in München.
Wie sich damals herausstellte studierte auch sie, genau wie ich, Journalismus. Nur zwei Semester unter mir. Aber das ist schon ein paar Jahre her.
Ich schnitt gerade Champignons für unsere Pizza in feine Scheiben, als es klingelte. Mit dem Ellenbogen drückte ich den Summer. Sekunden später wurde verhalten gegen die Wohnungstür getreten und die Stimme meiner Frau ließ eine aufkeimende Panik erahnen. „Mach auf! Bitte! Schnell! SCHNELL!!!“
Die Art, wie sich ihre Stimme überschlug, verriet mir, dass die Sache doch einen ernsteren Hintergrund hatte. Gerade noch rechtzeitig öffnete ich die Tür, als mir Sabine schon, mit einem mächtigen Kürbis im Arm, entgegen fiel. Ich ließ das Messer fallen, das ich noch in der Hand hielt, und konnte gerade noch knapp verhindern, dass der Kürbis auf dem frisch gescheuerten Fliesenboden des Flures zerplatzte. Gerettet! Sabine rappelte sich auf. Sie klopfte sich die Jeans ab und schnaufte mich wütend an: „Danke für das Auffangen!
Anscheinend ist dir der blöde Pumpkin wichtiger, als deine Frau!“ Ich trug das gewichtige Halloweenteil in die Küche. „Wenn du Gefahr laufen würdest, in tausend Teile zu zerspringen, wenn du hinfällst, hätte ich dir natürlich den Vorzug gegeben, mein Schatz!“ „Sehr aufmerksam!“ Ich grinste: „Keine Ursache! Ich denke nur pragmatisch! Eine zerschollene, ausgewachsene Frau macht mehr Dreck, als ein handelsüblicher Kürbis.“ Mein geliebtes Ehegesponst stand am Küchentisch und trommelte herausfordernd mit den Fingern auf die Platte. Ich beeilte mich zu fragen: „Hast du noch mehr eingekauft?“ Meine bessere Hälfte wies nur mit dem Kinn zur Wohnungstür. Schon zwanzig Minuten später war ich fertig mit der Schlepperei.
Sabine hatte bereits alle Getränke für unsere Halloweeneinweihungsfete besorgt. Kunststück. Der notgeile Chef unseres Supermarktes und sein pickligere Azubi hatten ihr ja auch, wie immer, den Wagen beladen. Sie musste sich mit gar nichts abschleppen. Ich wette, der Supermarktchef würde auch auf ihren Fingerzeig hin die Niagarafälle durch unsere Wohnzimmer leiten, wenn sie es wünschte.
So, wie er sie immer angierte, wenn sie bei ihm einkaufen ging. Na, wenigsten hatte Sabine in der Zwischenzeit die Pizza fertig belegt und in den Ofen geschoben. Der aromatische Duft verbreitete sich in der Wohnung. Meine Pizze sind die eben besten.
Spontan beschloss ich, für uns beide eine kleine, private Einweihung zu zelebrieren. Ich deckte den Tisch in der Essecke mit unserem besten Geschirr, nutzte das Rauschen der Dusche aus, unter der Sabine gerade stand, um heimlich in den Keller zu huschen. Dort hatte ich noch für besondere Anlässe ihren Lieblingswein versteckt. Chateauneuf du Pape. Domaine du Pegau Cuvee Reserve. Dreißig Euro die Flasche. Als Sabine aus dem Bad kam, in Turban und Badelaken gehüllt, brannten bereits die Kerzen in den Silberleuchtern. Ich liebe diesen Blick, wenn man sie überrascht. Dieser Moment, wenn ihre Schultern nach vorne sacken, die Knie leicht nachgeben und ihre Augen diesen unendlich sanften Ausdruck bekommen, der sie so zart und verletzlich macht. Nachdem mir Sabine nach dem Essen zweimal hintereinander ihre Dankbarkeit bewiesen hatte, gingen wir schweren Herzens zur Tagesordnung über. Sie ging in die Küche, um ihrer Vorstellung von einem geschnitzten Halloweenkürbis Ausdruck zu verleihen, ich setzte mich an meinen Rechner. Leise fluchend über eine verhunzte Excel- Tabelle meines Vorgängers machte ich mich auf einen langen Abend gefasst.
Plötzlich ließ mich ein markerschütternder Schrei hochfahren. Immer wieder das gleiche! Diese Frau und ihre Arachnophobia. „Nimm einen Hausschuh und mach sie selber tot! Ich habe keine Zeit!“ Statt einer Antwort kam ein zweiter, noch längerer Schrei aus der Küche. „Na“, dachte ich. „Diesmal ist sie wohl besonders groß.“ Seufzend zog ich mir einen Schlappen vom Fuß und hinkte in die Küche.
Sabine stand da, beide Hände vor den Mund gepresst, kreidebleich und zitterte am ganzen Leibe. Sie starrte mich an, wies auf den Kürbis und stotterte: „Ddda, er, er, er hat geweint! Er hat Blut weint! Und er hat geschluchzt!“ Und tatsächlich. Aus dem frisch eingeschnittenen Auge tropfte eine rote Flüssigkeit. „Er hat gestöhnt! Herzzerreißend gestöhnt!“ Ich tippte mit dem Finger in das vermeintliche Blut und rieb es prüfend zwischen meinen Fingern. Es hatte schon die etwas schmierige Konsistenz wie Blut. Jedenfalls nicht die eines Pflanzensaftes. Ich leckte vorsichtig an meiner Fingerspitze und spie erstaunt aus. Das Zeug schmeckte auch typisch metallisch nach Blut. „Er hat gestöhnt, als ich das Auge ausschneiden wollte. Ganz laut gestöhnt.“ Gut, das mit dem Blut war schon seltsam. Aber stöhnen? „Wer weiß, was du da gehört hast. Der ist eben hohl von innen. Das klingt anders, wie Brotschneiden, wenn man daran rumschnitzt.“ Jetzt wurde Sabine wütend. „Du glaubst wohl, ich spinne, was? Hier! Dann probier es doch einmal selber, du Klugscheißer!“ Sie drückte mir das Messer in die Hand. „Na los doch! Mach schon! Du wirst ja sehen!“ Da ich prinzipiell nicht an das Übernatürliche glaube setzte ich beherzt das an Messer und stach zu. Als die Klinge in das orangene Fruchtfleisch drang, hörte ich einen kurzen Aufschrei, der tief aus dem Innersten des Kürbisses zu kommen schien. Gefolgt von einem langen Stöhnen, das in ein leises, kindliches Wimmern überging. Mir lief es eiskalt den Rücken herunter. Aus dem Einstich tropften große, schwere Blutstropfen an der Messerklinge entlang auf den Küchentisch. Sofort zog ich die Klinge heraus. Verwirrt sah ich Sabine an, zog sie zu mir heran und hielt sie fest. Ich weiß nicht, wie lange wir gemeinsam den Kürbis angestarrt haben. Irgendwann lösten wir uns aus unserer Erstarrung.
Ich nahm diesen unseligen Kürbis beim Stiel und warf ihn im Schutze der Dunkelheit vom Küchenbalkon in die Büsche. Als ich mich umdrehte sah ich gerade noch, wie sich die Blutlache auf dem Tisch ins Nichts auflöste.
Nach einer kurzen, unruhigen Nacht und dem flauen Gefühl im Magen, als wenn ich zwei Wochen durchgesoffen hätte, ging ich in die Küche.
Vielleicht würde mich ein starker Kaffee wieder auf klare Gedanken bringen. Als ich in die Küche kam, erstarrte ich. Auf dem Tisch lag dick und breit der Kürbis. In einer großen Blutlache. Und irgendjemand hat mit blutigen Lettern „Hilfe“ darunter geschrieben. Ich rannte ins Schlafzimmer.
Aber meine Frau lag noch immer schlafend im Bett.
Mit der gleichen, verkniffenen Miene, wie ich sie vor wenigen Minuten verlassen hatte. Ich überlegte.
Sollte das ein makabrer Halloweenstreich werden?
Hatte sie den Kürbis heimlich wieder hoch geholt?
Unwahrscheinlich. Ich hätte mitbekommen, wenn sie die Wohnung verlassen hätte. Was sollte ich tun? Kurzerhand stellte ich das unheimliche Teil auf den Küchenbalkon. Diesmal löste sich das Blut nicht auf. Ich wischte den Tisch sorgfältig ab und begann, das Frühstück vorzubereiten.
Nach dem Frühstück brachte ich beim Abwaschen vorsichtig wieder die Rede auf den Kürbis. „Hör bloß auf mit dem Ding. Der hat mir so einen Schrecken eingejagt, so etwas kommt mir nie wieder ins Haus. Nie wieder, hörst du?“ „Ich zuckte nur mit den Schultern. „Ich fürchte, Schatz, dein frommer Wunsch kommt zu spät. Schau mal auf den Balkon.“ Sabine sprang auf und eilte zur Balkontür. „Warum hast du ihn wieder hochgeholt?“ Sie sah mich wütend an. „Was soll das? Willst du mich ärgern? Ich finde das absolut nicht lustig!“ Ich nahm sie sanft bei der Hand und führte sie zu ihrem Platz zurück. Dann erklärte ich mit wenigen Worten, was ich vorhin in der Küche vorgefunden hatte.
Ungläubig lauschte sie meinem Bericht, schwieg einige Minuten und dachte nach. Dann erhob sie sich, ging zur Balkontür und starrte auf diesen vermaledeiten Kürbis. Auf einmal ging ein Ruck durch ihren attraktiven Körper. Ihr Rückgrat streckte sich und ihr ganzer Körper nahm eine kämpferische Haltung an. Sie wies mit dem Finger auf den Kürbis. „Du willst Krieg? Mit mir? Kannst du haben, mein Freund! Kannst du haben!“ Sie stippte mir mit dem Finger auf die Brust. „Ich will wissen, was mit dem Ding los ist. Ich will wissen, warum ein Kürbis weint, ich will wissen, warum er schreit und ich will wissen, wo er her kommt. Ich will einfach nur wissen, was da für eine Geschichte hinter steckt. Wir verschieben die Einweihungsfete! Wir haben wichtigeres zu tun. Los jetzt! Wozu sind wir schließlich Journalisten?“
Mit Hilfe des notgeilen Supermarktleiters und Sabines tief dekolletiertem Pullover fanden wir schnell heraus, dass die Kürbisse aus der Südheide kamen. Genauer gesagt, aus Waldheim, einem kleinen Dorf bei Belsen. Sabine beschloss, dass wir sofort losfahren. Kurz vor Waldheim, an einem kleinen Hügel, blockierte ein Traktor die einzige Straße zum Dorf. Ein älterer Mann kuppelte gerade einen Anhänger an seine Zugmaschine. Auf dem Hänger war ein großes Schild montiert. „Kürbisse selber ernten! Stück 8,- €“ Ich stippte meine Frau mit dem Ellbogen in die Rippen. „Schau mal, das Schild.“ Sabine nickte, überlegte kurz und stieg aus.
Dann schlenderte sie lässig zu dem Traktor hinüber. „Moin! Wird es noch lange dauern, bis wir weiter können?“ Der Traktorfahrer blickte nur kurz auf. „Nö. Kleinen Moment noch.“ Sabine sah dem Mann einen Augenblick zu, dann ließ sie ihren Blick über den Acker schweifen. Genauer gesagt, dem abgeernteten Kürbisfeld. Nur in der Mitte des Feldes leuchtete noch ein prächtiger Kürbis aus den verwelkenden Blättern. „Sagen sie“, wendete sie sich wieder an der Traktorfahrer, „Wem gehört den das Feld?“ Der Gefragte stieg auf seinen Traktor. „Bis jetzt noch dem Bauern Wellmann. Warum?“ „Ah, nur so. Und warum, bis jetzt noch? Will er verkaufen?“ „Jo. An eine große Baugesellschaft. Die wollen hier überall schmucke kleine Eigenheime für die Städter hinsetzen. In einem viertel Jahr soll es schon losgehen. Wellmann ist der letzte, der verkauft. Und das auch nur unter dem Druck des Gemeinderates. Aus irgendwelchen Gründen hängt er an dem Acker. Obwohl da seit langem so gut, wie nichts mehr wächst. Nur noch eben diese blöden Kürbisse.“ Sabine nickte. „Aha! Aber mal was ganz anderes! Sagen sie, der Kürbis da oben, kann ich den noch kaufen? Wir brauchen noch so einen großen“ Der Mann auf dem Traktor lachte. „Kaufen? Geschenkt haben können sie ihn. Geschenkt!
Nehmen sie ihn mit, wenn sie können. Nehmen sie ihn ruhig mit!” Er lachte noch einmal schallend auf, schüttelte den Kopf und gab Gas. Sabine stieg wieder ins Auto. „Das war vielleicht ein merkwürdiger Patron. Irgendwie unheimlich der Kerl. Und eine Fahne hat der gehabt, Junge, Junge!
Aber immerhin. Er hat das bestätigt, was der Supermarktheini mir angegeben hat. Er bezieht seine Kürbisse und anderes Gemüse aus dieser Gegend. Unter anderem auch von einem Bauern Wellmann.“ Ich gab meiner Frau einen Kuss. „Ich bin stolz auf dich. Ich glaube nicht, dass ich mit meinem bayrischen Akzent überhaupt etwas aus ihm herausbekommen hätte. Es ist doch immer wieder praktisch, wenn man eine Dolmetscherin dabei hat.“ „So oberbayrisch ist dein Akzent aber nun auch nicht. Da habe ich schon schlimmeres gehört Aber was ganz anderes! Ich habe Hunger.“ Ich zückte mein Handy. „Dann sehen wir mal nach, ob es in diesem Kaff auch eine Wirtschaft gibt.“ Sabine lächelte. „Schatz, da brauchst du nicht lange nach zu schauen! In jedem Kaff gibt es mindestens ein Wirtshaus.“ Und richtig. Gleich am Marktplatz von Waldheim war das „Gasthaus zur Post“. Als wir eintraten stritt sich die Wirtin gerade mit ihrem einzigen Gast. Dem Traktorfahrer von vorhin. „Ich hab dir schon vier Mal gesagt, du kriegst hier nichts mehr! Bezahl erst mal deinen Deckel, dann sehen wir weiter! Klar?“ Der Treckerfahrer fing das Bitten an. „Ach komm schon, Bärbel, sei doch nicht so. Bloß nur noch ein Lütt un Lütt! Ich zahl nächste Woche, ich schwöre es!“
Wir suchten uns den besten Platz in der leeren Gaststube. Die Wirtin hinter der Theke putze die Gläser. Sabine rief zu ihr herüber: „Bitte, können wir etwas zu Essen haben?“ „Rinderroulade habe ich da. Mit Knödeln und Rotkohl. Oder ein Gulasch. Auch mit Knödeln und Rotkohl“ Und den Traktorfahrer schnauzte sie an: „Und du siehst zu, dass du weiterkommst. Sonst werde ich ungemütlich!“ Sabine intervenierte. “Nun geben sie dem Mann schon seinen Lütt un Lütt. Ich bezahl das schon.” Der Mann wieselte zu einem der Tische, setzte sich und sah die Wirtin erwartungsfreudig an. „Nu mach schon, was dir die Dame aus der Stadt gesagt hat. Oder soll ich hier verdursten?“ Die Wirtin drohte ihm mit dem Geschirrtuch. „Teuv man, Bursche! Teuv man!“ Und zu uns gewandt: „Und? Haben sie sich schon entschieden?“ Das tat Sabine für mich. „Zweimal Rinderrouladen bitte“ Dann, spontan an den Traktorfahrer: „Wollen sie auch eine Rinderroulade? Sie sehen hungrig aus!“ Der Angesprochene buckelte unterwürfig im Sitzen. „Wenn`s keine Umstände macht, lieber das Gulasch, bittschön.“ Die Wirtin knallte dem Fahrer seine Getränke auf den Tisch. „Erstick dran, du verdammter Schnorrer, du!“ Dann kam sie an unseren Tisch. „Also, zweimal Rinderroulade und einmal Gulasch. Und was wollen sie trinken?“ Für Getränke bin ich immer zuständig. „Ein Bier und ein großes Spezi, bitte.“ „Wird einen Moment dauern. Ich bin heute allein in der Küche.“ Sprach`s und entschwand. Der Treckerfahrer prostete uns zu. Sabine nickte zu ihm rüber. „Aber ganz umsonst ist das nicht. So ein gutes Essen gibt es natürlich nicht ohne Gegenleistung.“ Sie erhob sich, ging zu dem Tisch hinüber und setzte sich zu dem verunsichert dreinschauenden Mann. „Bezahlen kann ich aber nicht. Sie haben ja gehört, ich bin blank.“ „Nee, nee“, beruhigte Sabine ihn. „So war das nicht gemeint. Sie sollen mir nur etwas erzählen. So, über die Leute, hier im Ort. Und warum sie vorhin so gelacht haben, wegen des Kürbisses. Ich bin übrigens Sabine.“ Der Treckerfahrer erhob sich andeutungsweise. „Werner! Angenehm!“ Von jetzt an ließ Sabine ihn nicht mehr aus den Klauen. Als geschickte Journalistin verstand sie es, dem Werner Informationen aus der Nase zu ziehen. Und da sie ja ein wenig Plattdeutsch beherrschte, war das auch nicht sehr schwer für sie. Nach dem er erst mal Vertrauen zu ihr gefasst hatte, das war so ungefähr nach dem dritten Lütt un Lütt, erzählte er Sabine so ziemlich die ganze Historie des Ortes seit seiner Geburt und noch davor. Ich war abgeschrieben.
Meine Roulade vertilgte ich allein an meinem Tisch, während meine Frau beim Essen mit Werner dem alten Dorfklatsch von Anno Dunnemal lauschte.
Noch einmal drei Lütt un Lütt später erhob sich der alte Mann unsicher, gab Sabine die Hand und bedankte sich etliche Male für das gute Essen und die Getränke. Dann wankte er von dannen. Einen Augenblick später hörte man draußen einen Traktor starten und davon rattern. Sabine kam grinsend an meinen Tisch zurück. „Wie der noch auf den Bock gekommen ist möchte ich auch gerne wissen.“ Dann wurde sie ernst. „Scheint hier einiges los gewesen zu sein, im Krieg. Waren viele Nazis, hier im Dorf. Selbst der Pfaffe war ziemlich braun angehaucht. Aber am schlimmsten war wohl der alte Wellmann. Der Vater von dem jetzigen Besitzer des Kürbisackers. Ist hier wohl Ortsbauernführer gewesen, im Ort. Soll ein ziemlich brutaler Hund gewesen sein. Er hatte acht Kz`ler auf seinem Hof.
Der Bürgermeister hatte sie ihm vermittelt. Der hatte einen guten Draht zum KZ Bergen- Belsen. Die Zwangsarbeiter sollen bei ihm mehr Prügel, als zu essen bekommen haben. Nachts hat er sie in einen Melkstall gesperrt. Den hat er angeblich selber angezündet, als die Tommies anrückten. Mit den KZ`lern darin. Seltsamerweise hat man aber nur die Überreste von sieben Leichen gefunden. Ob die achte Person irgendwie entkommen konnte, ist ungewiss. Das Ganze ist natürlich nie Publik geworden. So eine Dorfgemeinschaft hier hält zusammen. Bevor die Tommies hier einrückten hatten sie längst die Leichen verscharrt und den Stall dem Erdboden gleich gemacht. Dann haben sie noch das Grasland umgepflügt und Hafer ausgesät. Allerdings soll der Acker verflucht sein.
Angeblich soll da nichts gedeihen. Und das bisschen Hafer, was sie damals dort geerntet hatten, hat das Viehzeug nicht angerührt. Sagt man.
Und jetzt hat er dort Kürbisse angebaut. Zum Selber- ernten für die Städter. Aber was mit dem letzten Kürbis los ist, hat mir Werner nicht verraten. „Du wirst es schon selber merken!“ hat er gesagt. „Holt ihn euch nur. Holt ihn euch!“ Und dann hat er wieder nur so seltsam gelacht.“ Ich stand auf. „Na, denn tun wir doch das, was der Werner gesagt hat. Holen wir uns den Kürbis.“
Der Acker war zwar relativ trocken, aber für Sabine mit ihren Ballerinas völlig ungeeignet. Ich beschloss, dass ich den einzigen Kürbis, der da noch auf dem Feld lag, auch alleine ernten konnte.
Es war zwar ein Mordstrum, aber rund. Und runde Sachen kann man bekanntlich rollen. Besonders, wenn der Acker abschüssig ist. Also stapfte ich tapfer alleine los. Es war wirklich ein prächtiger Kürbis. Unverständlich, das ihn keiner haben wollte.
Als ich die Klinge meines Taschenmessers ansetzte, gab er einen entsetzlichen Schrei von sich. Genauso wie der, bei uns in der Küche. Ich versuchte es noch einmal. Das Messer rutschte von dem Stiel ab und der Kürbis schrie wieder erbärmlich. Ich bin eigentlich kein furchtsamer Mensch, aber jetzt lief es mir doch eiskalt über den Rücken. Sabine war aus dem Auto gestiegen und sah zu mir herüber. Noch einmal setzte ich das Messer an. Mit dem gleichen Ergebnis. Ich klappte es zusammen und ging zum Wagen zurück. „Das ist gruselig. Der schreit genauso, wie der, bei uns zu Hause. Und er lässt sich nicht abschneiden.“ Sabine sah mich verwirrt an. „Was soll das heißen, lässt sich nicht abschneiden?“ „Keine Ahnung. Der Stiel lässt sich nicht mit einem Messer durchtrennen. Als ob ich an einem Stahlseil herum schneiden würde. Kein Kratzer war zu sehen.“ „Wenn er sich nicht abschneiden lässt müssen wir ihn eben ausgraben. Ich will hinter sein Geheimnis kommen! Du hast doch immer ein paar Gummistiefel im Auto. Her damit!“ Manchmal habe ich direkt Angst vor dieser Frau. Ihre Art, auf unb...
Inhaltsverzeichnis
- Inhaltsverzeichnis
- Widmung
- Godot war hier
- Ja, so ist sie
- Autofahrer
- Sinnlos
- Freunde bleiben
- Wir haben das Staunen verlernt
- Vertrauen
- Amok
- Wenn die Apfelbäume träumen
- Jenseits vom Diesseits
- Oh Happy Day
- Eine außergewöhnliche Karriere
- Die Schicksalsnacht
- Der Massenmörder
- Die unendliche Zärtlichkeit des Seins
- Gedanken über die Männer
- Gedanken über die Frauen
- Hurra, die deutsche Sprache lebt!
- Ligalize it
- Die ewige Kraft der Liebe
- Dance the devildance
- Centurylove
- Wildes Leben
- Offener Brief eines Rollstuhlfahrers
- Der ganznormale Einkaufswahnsinn
- Die Katakomben des Grauens
- Dadaismus
- Der Tannenbaum
- Der Beweis
- Weswegen ich beinahe noch einmal an den Weihnachtsmann geglaubt hätte
- Heilig Abend bei Hagenbeck
- Sentimental Journey
- Parlez vous francais?
- Op de Straat
- Futtern wie bei Muttern
- Das Licht
- Für Nicole
- Impressum
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