In weiten Teilen Europas endete bereits im Spätmittelalter das Zusammenleben von Juden und Christen infolge von Ausschreitungen, Pogromen und Ausweisungen. Die christlichen Königreiche der Iberischen Halbinsel stellten einen Sonderfall dar, weil hier noch im 15. Jahrhundert eine große jüdische Bevölkerung in relativer Autonomie lebte.Die spanische Convivencia wurde jedoch immer mehr in Frage gestellt. Im Zuge der Zurückdrängung der muslimischen Reiche nahm die religiöse Intoleranz zu, während schwierige wirtschaftliche und soziale Situationen zusätzlich zu Spannungen führten.Ferdinand von Aragonien und Isabella von Kastilien bemühten sich, das durch ihre Ehe und durch die Eroberung Granadas entstandene Gebiet durch eine Instrumentalisierung religiöser und kirchlicher Angelegenheiten zu einem Reich verschmelzen zu lassen. Diese Zielsetzung ließ sich nicht mit der Existenz großer jüdischer und muslimischer Bevölkerungsgruppen vereinbaren.Dieses Buch beschreibt die Entwicklung bis zum Vertreibungsedikt gegen die Juden im Epochejahr 1492 und der Vertreibung der Muslime aus Kastilien im Jahr 1502.Die Entwicklung basierte nicht auf einem konsequenten Programm, sondern auf einer Folge von Einzelereignissen, deren Ursachen in religiösen, ökonomischen und politischen Faktoren lagen.

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Die Vertreibung der Juden aus Spanien im Jahr 1492
Vorgeschichte und Vergleich mit der Stellung anderer Minderheiten im christlichen Teil Spaniens (1369 - 1516)
- 180 Seiten
- German
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Die Vertreibung der Juden aus Spanien im Jahr 1492
Vorgeschichte und Vergleich mit der Stellung anderer Minderheiten im christlichen Teil Spaniens (1369 - 1516)
Über dieses Buch
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Information
Die Juden
Es erscheint im Rahmen dieses Abschnittes kaum möglich, ein vollständiges Bild der Geschichte der Juden auf der iberischen Halbinsel in ihrem Verlauf bis ihrer Vertreibung im Jahr 1492 aufzuzeigen. Daher wird versucht, die wichtigsten Etappen in ihren wesentlichen Zügen zu beschreiben, um mit Hilfe dieser Erkenntnisse die Entscheidung zu beleuchten, die Ferdinand II. von Aragonien und Isabella von Kastilien mit dem Edikt vom 31. März 1492 trafen. Ein Schwerpunkt dieses Buches liegt daher auf der Untersuchung der Ereignisse des Jahres 1492 und ihrer Hintergründe.
Sonderfall Spanien
Die mittelalterliche Geschichte der Juden im christlichen Teil der iberischen Halbinsel zeigt grundsätzliche Unterschiede zu den übrigen Staaten in Mittel- und Westeuropa. Mancherorts wurde die Existenz jüdischer Gemeinden schon am Beginn des Spätmittelalters beendet: Edward I. beschloss im Jahr 1290, die Verfügungen zu annullieren, nach denen jüdisches Leben in England und in der Gascogne toleriert wurde. Im selben Jahr kam es auch in Süditalien (außer Sizilien) zu Vertreibungen.60 1306 dekretierte der französische König Philipp IV. die Vertreibung der Juden aus seinem Reich. Nach seinem Tod gab es zwar einige Perioden, in denen kleinen Gruppen der Aufenthalt in Frankreich erlaubt wurde, doch 1394 wurden die Gesetze über den Ausschluss der Juden dauerhaft erneuert.61
Aus strukturellen Gründen war das Heilige Römische Reich nicht mit den obigen Ländern vergleichbar, so dass sich die Frage eines allgemeinen Vertreibungsediktes nicht stellte. Judenvertreibungen einzelner Städte kamen aber ebenso vor wie wiederholte Pogrome (z. B. im Rheinland 1095), die in der Mitte des 14. Jahrhunderts erhebliche Ausmaße annahmen.62 Auch in anderen europäischen Ländern bildeten soziale Benachteiligung und Segregation die Regel. Im Allgemeinen war die Tätigkeit der Angehörigen jüdischen Glaubens durch Maßnahmen der christlichen Umwelt so stark eingeschränkt, dass wenige Berufsfelder übrigblieben: in erster Linie die Tätigkeit des Arztes und einige kaufmännische Einkommensquellen wie z. B. Geldverleih und Bankgeschäfte.63
Wesentlich bessere Lebensbedingungen boten dagegen die christlichen Staaten auf der iberischen Halbinsel. Sie bildeten seit dem 13. Jahrhundert die Zufluchtsstätte der aus anderen europäischen Ländern vertriebenen Juden, so dass das von Suárez Fernández benutzte Bild einer „Oase“ eine gewisse Berechtigung hat.64 Gegen Ende des 13. Jahrhunderts erreichte der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung in Kastilien ca. 4%, in Aragonien ungefähr 7%.65
Juristische Grundlagen: Lokale Fueros
Die hochmittelalterlichen Fueros in Kastilien und León sahen für die Juden einen hohen Rechtsstatus vor, der sie den Christen weitgehend gleichstellte. Sie wurden in den ältesten Fueros, z. B. im Fuero von Castrojeriz aus dem Jahr 974, in Mordfällen gleich behandelt66 und diverse Fueros (Briviesca,67 Alcalá de Henares,68 Abia de las Torres,69 Cuenca,70 Alcaraz,71 Alarcón,72 Ubeda,73 Sepúlveda74) garantierten Juden, teilweise auch Mudejaren, dieselben Freiheiten wie den Christen, wenn sie in den entsprechenden Gebieten beheimatet waren bzw. sich dort niederließen.75 Die Ansiedlung von Bevölkerung in den nach der Abwanderung der besiegten Mauren weitgehend leeren Gebieten war ein Hauptanliegen von Krone, Klerus und kastilisch-leonesischem Adel. Dieses Ziel machte großzügige Zugeständnisse an die Juden notwendig, deren Ansiedlung vor allem aufgrund ihrer Fachkenntnisse und wegen ihrer Steuerkraft vom Monarchen gern gesehen wurde.
Eine entsprechende Entwicklung nahm die christliche Rechtsauffassung. Die Juden wurden als königliches Eigentum verstanden und mussten als Gegenleistung für ihre Duldung direkte Zahlungen an die Krone leisten: „ca los judíos siervos son del rey e acomendados por la bolsa del rey propria“.76 Im Libro de los Fueros de Castilla (§ 107) wird im gleichen Sinne festgehalten: „Esto es por fuero: que los judios son del rey; maguer que sean so poder de ricos omnes o con sus cavalleros o con otros omnes o so poder de monesterios, todos deven ser del rey en su goarda e para su servycio.“77 Daraus folgte die häufig geübte Regelung, dass Geldsummen, zu deren Zahlung ein Christ wegen einer an einem Juden verübten Straftat verurteilt wurde, direkt an die Krone flossen.78 Eingriffe in ihre jurisdiktionellen Befugnisse über die Juden, z. B. seitens der Städte oder des Klerus, duldete das Königtum nicht.79
In Angelegenheiten der allgemeinen Rechtsprechung wurde peinlich auf paritätische Besetzung der Gerichte geachtet. Zusätzlich nahm man Rücksicht auf jüdische Feiertage.80 Die Fueros von Cuenca, Alcaraz, Alarcón und Ubeda verboten den Juden, teilweise auch den Mudejaren, die Ausübung administrativ bedeutsamer Ämter wie dem des Burgvogts oder Merinos,81 was in der Praxis keine erhebliche Einschränkung bedeutete. In Bezug auf den Geldverleih wurden einerseits Obergrenzen für den Zinssatz festgelegt, andererseits wurde z. B. im Fuero von Cuenca und anderen daraus hervorgegangenen Fueros die rechtliche Gleichstellung von (jüdischem) Gläubiger und (christlichem) Schuldner strikt bewahrt.82
Der direkte Zusammenhang zwischen der Nachfrage an Siedlern und der rechtlichen Stellung der Juden bis zum frühen Spätmittelalter ist deutlich erkennbar. Die Siete Partidas (1256 - 1265) markieren insofern einen Einschnitt, als sie die Verschlechterung der Rechtssituation nach Abschluss der Ansiedlungstätigkeit und in einer Phase militärischer Niederlagen festhalten. Die Unterschiede zwischen Kastilien und Aragonien waren äußerst gering. Tendenziell lässt sich feststellen, dass die breite jüdische Bevölkerung in Kastilien ein wenig besser gestellt war. Die vermögende und in Geldgeschäften tätige jüdische Oberschicht fand dagegen in Aragonien wesentlich bessere Rahmenbedingungen zum sozialen Aufstieg als in Kastilien.83
Alfons X. und die Siete Partidas
Für unseren Betrachtungszeitraum bildete die unter Alfons X. zusammengestellte Gesetzessammlung der Siete Partidas84 die juristische Grundlage des jüdischen wie des mudejarischen Lebens in Kastilien.
Alfons X. (1252 - 84), genannt el Sabio,85 galt als wissbegieriger Mensch mit großem Respekt vor dem hohen Niveau, das die Kultur, die Literatur und die Wissenschaften im muslimisch beherrschten Spanien erlangt hatten. Neben persönlichen Interessen bewogen ihn religiöse Verpflichtung und politische Erwägungen dazu, am Abbau der kastilischen Unterentwicklung in diesem Bereich zu arbeiten. Angesichts der niedrigen Bildung des spanischen Klerus veranlasste er die Gründung der Universität Salamanca. Er holte muslimische und jüdische Gelehrte an seinen Hof, die beauftragt wurden, neben klassischen und wichtigen orientalischen Werken die Tora und den Talmud in das Kastilische und andere Sprachen zu übersetzen. Das bekannteste Ergebnis dieser Bemühungen stell...
Inhaltsverzeichnis
- TITELSEITE
- INHALTSVERZEICHNIS
- VORWORT
- THEMATISCHE EINFÜHRUNG UND METHODIK
- QUELLENLAGE UND FORSCHUNGSSTAND
- VORGESCHICHTE
- DIE JUDEN
- DIE MUDEJAREN
- DIE VERTREIBUNGEN VON 1492 BIS 1502 IM VERGLEICH
- LANDESFREMDE
- ERGEBNISSE
- SCHLUSSBETRACHTUNG
- GLOSSAR
- BIBLIOGRAFIE
- STICHWORTVERZEICHNIS
- ZUM AUTOR
- VOM GLEICHEN AUTOR ERSCHIENEN
- IMPRESSUM
Häufig gestellte Fragen
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