Sternstunden der Menschheit
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Sternstunden der Menschheit

Vollständig überarbeitete Ausgabe mit neuer Rechtschreibung

  1. 282 Seiten
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Sternstunden der Menschheit

Vollständig überarbeitete Ausgabe mit neuer Rechtschreibung

Über dieses Buch

Die Sternstunden der Menschheit sind Stefan Zweigs populärstes und erfolgreichstes Buch. In den 14 Kurzgeschichten über Momente geschichtlicher Weichenstellungen spitzt Stefan Zweig den Verlauf der Geschichte auf die Entscheidungen einzelner Persönlichkeiten zu. Lebendig, dramatisch, unter Schilderung der psychischen Vorgänge. Stefan Zweig schildert in jeder Kurzgeschichte eine dramatische Situation mit historischer Bedeutung für alle nachfolgenden Generationen, in der jeweils eine berühmte Persönlichkeit durch ihr Verhalten für eine Sternstunde der Menschheit sorgte.Die von Stefan Zweig ausgewählten Sternstunden der Menschheit sind vielfältig. Sie reichen von entscheidenden Momenten in der Schlacht bei Waterloo bis hin zu technischen Durchbrüchen wie der Verlegung des ersten Telefon-Überseekabels von England nach Nordamerika.Wer historische Romane mag, wird die Erzählform der historischen Kurzgeschichte, wie sie das Buch Sternstunden der Menschheit bietet, zu schätzen wissen. Stefan Zweig selbst nannte die Geschichten historische Miniaturen.Folgende 14 Kurzgeschichten sind in Sternstunden der Menschheit enthalten: Die Weltminute von Waterloo (Napoleon)Die Marienbader Elegie (Goethe/Ulrike von Levetzow)Die Entdeckung El Dorados (Johann August Suter)Heroischer Augenblick (Fjodor Dostojewski)Der Kampf um den Südpol (Robert Scott/Roald Amundsen)Flucht in die Unsterblichkeit (Vasco Nuñez de Balboa)Die Eroberung von Byzanz (im Mittelpunkt: eine unverschlossene Tür)Georg Friedrich Händels Auferstehung (Händel)Das Genie einer Nacht (Rouget de Lisle)Das erste Wort über den Ozean (C. W. Field)Die Flucht zu Gott (Leo Tolstoi)Der versiegelte Zug (Lenin)Cicero (Cicero)Wilson versagt (Woodrow Wilson)Der österreichische Bestseller-Autor Stefan Zweig lebte von 1881 bis 1942. In seinen von Sigmund Freud beeinflussten Erzählungen verbindet er spannende Handlungen mit einfühlsamen Analysen der psychischen Beweggründe seiner Figuren. Seine bekanntesten Erzählungen sind Brennendes Geheimnis (1911), Amok (1922), Sternstunden der Menschheit (1927), Verwirrung der Gefühle (1927), und die Schachnovelle (1932).

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Information

Jahr
2018
Auflage
1
eBook-ISBN:
9783744833929

Die Flucht zu Gott

Ende Oktober 1910

Ein Epilog zu Leo Tolstois unvollendetem Drama
„Und das Licht scheinet in der Finsternis“

Inhalt
EINLEITUNG

Im Jahre 1890 beginnt Leo Tolstoi eine dramatische Selbstbiographie, die später als Fragment aus seinem Nachlass unter dem Titel: „Und das Licht scheinet in der Finsternis“ zur Veröffentlichung und Aufführung gelangte. Dieses unvollendete Drama (schon die erste Szene verrät’s) ist nichts anderes als eine allerintimste Darstellung seiner häuslichen Tragödie, geschrieben offenbar als Selbstrechtfertigung eines beabsichtigten Fluchtversuches und gleichzeitig als Entschuldigung seiner Frau, also ein Werk vollkommenen moralischen Gleichgewichts inmitten äußerster seelischer Zerrissenheit.
Sich selbst hat Tolstoi in der durchsichtig selbstbildnerischen Gestalt des Nikolai Michelajewitsch Sarynzew hingestellt, und wohl das wenigste der Tragödie darf als erfunden angenommen werden. Zweifellos hat Leo Tolstoi sie nur gestaltet, um sich selbst die notwendige Lösung seines Lebens vorauszudichten. Aber weder im Werk noch im Leben, weder damals im Jahre 1890 noch zehn Jahre später, 1900, hat Tolstoi den Mut und die Form eines Entschlusses und Abschlusses gefunden. Und aus dieser Willensresignation ist das Stück Fragment geblieben, endend mit vollkommener Ratlosigkeit des Helden, der nur flehend die Hände zu Gott aufhebt, er möge ihm beistehen und für ihn den Zwiespalt enden.
Den fehlenden letzten Akt der Tragödie hat Tolstoi auch später nicht mehr geschrieben, aber wichtiger: er hat ihn gelebt. In den letzten Oktobertagen des Jahres 1910 wird das Schwanken eines Vierteljahrhunderts endlich Entschluß, Krise zur Befreiung: Tolstoi entflieht nach einigen ungeheuer dramatischen Auseinandersetzungen und entflieht gerade zurecht, um jenen herrlichen und vorbildlichen Tod zu finden, der seinem Lebensschicksal die vollkommene Formung und Weihe verleiht.
Nichts schien mir natürlicher, als das gelebte Ende der Tragödie dem geschriebenen Fragment anzufügen. Dies und einzig dies habe ich hier mit möglichster historischer Treue und Ehrfurcht vor den Tatsachen und Dokumenten versucht. Ich weiß mich frei von der Vermessenheit, damit ein Bekenntnis Leo Tolstois eigenmächtig und gleichwertig ergänzen zu wollen, ich schließe mich dem Werk nicht an, ich will ihm bloß dienen. Was ich hier versuche, möge darum nicht als Vollendung gelten, sondern als ein selbständiger Epilog zu einem unvollendeten Werke und ungelösten Konflikt, einzig bestimmt, jener unvollendeten Tragödie einen festlichen Ausklang zu geben. Damit sei der Sinn dieses Epilogs und meine ehrfürchtige Mühe erfüllt. Für eine allfällige Darstellung muss betont werden, dass dieser Epilog zeitlich sechzehn Jahre später spielt als „Und das Licht scheinet in der Finsternis“ und dies äußerlich in der Erscheinung Leo Tolstois unbedingt sichtbar werden muss. Die schönen Bildnisse seiner letzten Lebensjahre können da vorbildlich sein, insbesondere jenes, das ihn im Kloster Schamardino bei seiner Schwester zeigt, und die Photographie auf dem Totenbette. Auch das Arbeitszimmer sollte in seiner erschütternden Einfachheit respektvoll dem historischen nachgebildet werden. Rein szenisch wünschte ich diesen Epilog (der Tolstoi mit seinem Namen nennt und nicht mehr hinter der Doppelgängergestalt Sarynzew verbirgt) nach einer größeren Pause dem vierten Akt des Fragments „Und das Licht scheinet in der Finsternis“ angeschlossen. Eine selbständige Aufführung liegt nicht in meiner Absicht.

GESTALTEN DES EPILOGS

LEO NIKOLAJEWITSCH TOLSTOI (im dreiundachtzigsten Jahr seines Lebens)

SOFIA ANDREJEWNA TOLSTOI, seine Gattin

ALEXANDRA LWOWNA (genannt Sascha), seine Tochter

DER SEKRETÄR

DUSCHAN PETROWITSCH, Hausarzt und Freund Tolstois

DER STATIONSVORSTEHER VON ASTAPOWO, IWAN IWANOWITSCH OSOLING
DER POLIZEIMEISTER VON ASTAPOWO, CYRILL GREGOROWITSCH

ERSTER STUDENT

ZWEITER STUDENT

DREI REISENDE

Die ersten beiden Szenen spielen an den letzten Oktobertagen des Jahres 1910 im Arbeitszimmer von Jasnaja Poljana, die letzte am 31. Oktober 1910 im Wartesaal des Bahnhofs von Astapowo.
ERSTE SZENE

Ende Oktober 1910 in Jasnaja Poljana

Das Arbeitszimmer Tolstois, einfach und schmucklos, genau nach dem bekannten Bild
Der Sekretär führt zwei Studenten herein. Sie sind nach russischer Art in hochgeschlossene, schwarze Blusen gekleidet, beide jung, mit scharfen Gesichtern. Sie bewegen sich vollkommen sicher, eher anmaßend als scheu.

DER SEKRETÄR

Nehmen Sie inzwischen Platz, Leo Tolstoi wird Sie nicht lange warten lassen. Nur möchte ich Sie bitten, bedenken Sie sein Alter! Leo Tolstoi liebt dermaßen die Diskussion, dass er oft seine Ermüdbarkeit vergißt.
ERSTER STUDENT
Wir haben Leo Tolstoi wenig zu fragen – eine einzige Frage nur, freilich eine entscheidende für uns und für ihn. Ich verspreche Ihnen, knapp zu bleiben – vorausgesetzt, dass wir frei sprechen dürfen.
DER SEKRETÄR
Vollkommen. Je weniger Formen, um so besser. Und vor allem, sagen Sie ihm nicht Durchlaucht – er mag das nicht.
ZWEITER STUDENT
lachend Das ist von uns nicht zu befürchten, alles, nur das nicht.
DER SEKRETÄR

Da kommt er schon die Treppe herauf.

Tolstoi tritt ein, mit raschen, gleichsam wehenden Schritten, trotz seines Alters beweglich und nervös. Während er spricht, dreht er oft einen Bleistift in der Hand oder krümelt ein Papierblatt, aus Ungeduld, schon selber das Wort zu ergreifen. Er geht rasch auf die beiden zu, reicht ihnen die Hand, sieht jeden von ihnen einen Augenblick scharf und durchdringend an, dann lässt er sich auf dem Wachslederfauteuil ihnen gegenüber nieder.

TOLSTOI

Sie sind die beiden, nicht wahr, die mir das Komitee schickte … Er sucht in einem Briefe. Entschuldigen Sie, dass ich Ihre Namen vergessen habe …
ERSTER STUDENT
Unsere Namen bitten wir Sie als gleichgültig zu betrachten. Wir kommen zu Ihnen nur als zwei von Hunderttausenden.
TOLSTOI
ihn scharf ansehend Haben Sie irgendwelche Fragen an mich?
ERSTER STUDENT

Eine Frage.

TOLSTOI

zum zweiten Und Sie?

ZWEITER STUDENT
Dieselbe. Wir haben alle nur eine Frage an Sie, Leo Nikolajewitsch Tolstoi, wir alle, die ganze revolutionäre Jugend Russlands – und es gibt keine andere: Warum sind Sie nicht mit uns?
TOLSTOI
sehr ruhig Ich habe das, wie ich hoffe, deutlich ausgesprochen in meinen Büchern und außerdem in einigen Briefen, die inzwischen zugänglich gemacht worden sind. – Ich weiß nicht, ob Sie persönlich meine Bücher gelesen haben?
ERSTER STUDENT
erregt Ob wir Ihre Bücher gelesen haben, Leo Tolstoi? Es ist sonderbar, was Sie uns da fragen. Gelesen – das wäre zuwenig. Gelebt haben wir von Ihren Büchern seit unserer Kindheit, und als wir junge Menschen wurden, da haben Sie uns das Herz im Leibe erweckt. Wer anders, wenn nicht Sie, hat uns die Ungerechtigkeit der Verteilung aller menschlichen Güter sehen gelehrt – Ihre Bücher, nur Sie haben unsere Herzen von einem Staat, einer Kirche und einem Herrscher losgerissen, der das Unrecht an den Menschen beschützt, statt die Menschheit. Sie und nur Sie haben uns bestimmt, unser ganzes Leben einzusetzen, bis diese falsche Ordnung endgültig zerstört ist …
TOLSTOI
will unterbrechen und sagt Aber nicht durch Gewalt …
ERSTER STUDENT
hemmungslos ihn übersprechend Seit wir unsere Sprache sprechen, ist niemand gewesen, dem wir so vertraut haben wie Ihnen. Wenn wir uns fragten, wer wird dieses Unrecht beseitigen, so sagten wir uns: Er! Wenn wir fragten, wer wird einmal aufstehen und diese Niedertracht stürzen, so sagten wir: Er wird es tun, Leo Tolstoi. Wir waren Ihre Schüler, Ihre Diener, Ihre Knechte, ich glaube, ich wäre damals gestorben für einen Wink Ihrer Hand, und hätte ich vor ein paar Jahren in dieses Haus treten dürfen, ich hätte mich noch geneigt vor Ihnen wie vor einem Heiligen. Das waren Sie für uns, Leo Tolstoi, für Hunderttausende von uns, für die ganze russische Jugend bis vor wenigen Jahren – und ich beklage es, wir beklagen es alle, dass Sie uns seitdem ferne und beinahe unser Gegner geworden sind.
TOLSTOI
weicher Und was meinen Sie, müsste ich tun, um euch verbunden zu bleiben?
ERSTER STUDENT
Ich habe nicht die Vermessenheit, Sie belehren zu wollen. Sie wissen selbst, was Sie uns, der ganzen russischen Jugend entfremdet hat.
ZWEITER STUDENT
Nun, warum es nicht aussprechen, zu wichtig ist unsere Sache für Höflichkeiten: Sie müssen endlich einmal die Augen öffnen und nicht länger lau bleiben angesichts der ungeheuren Verbrechen der Regierung an unserm Volke. Sie müssen endlich ...

Inhaltsverzeichnis

  1. Sternstunden der Menschheit
  2. Vorwort
  3. Flucht in die Unsterblichkeit
  4. Die Eroberung von Byzanz
  5. Georg Friedrich Händels Auferstehung
  6. Das Genie einer Nacht
  7. Die Weltminute von Waterloo
  8. Rücksturz ins Tägliche
  9. Die Marienbader Elegie
  10. Die Entdeckung Eldorados
  11. Heroischer Augenblick
  12. Das erste Wort über den Ozean
  13. Die Flucht zu Gott
  14. Der Kampf um den Südpol
  15. Der versiegelte Zug
  16. Cicero
  17. Wilson versagt
  18. Impressum

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