Arbeit diszipliniert, zerstört den Körper und ist Instrument der Herrschenden – davon überzeugt war der Sozialist Paul Lafargue. Insofern verwunderte es ihn nicht, dass Ökonomen, Theologenund Moralisten seiner Zeit die Arbeit propagierten. Doch dass ausgerechnet die Arbeiterbewegung dieser Propaganda aufsaß und gar das »Recht auf Arbeit« einforderte, missfiel Lafargue gewaltig. Seinen bissigen Ein- und Widerspruch veröffentlichte er erstmals im Jahr 1880 unter dem Titel »Das Recht auf Faulheit«: »Eine seltsame Sucht beherrscht die Arbeiterklasse aller Länder, in denen die kapitalistische Zivilisation herrscht, eine Sucht, die das in der modernen Gesellschaft herrschende Einzel- und Massenelend zur Folge hat. Es ist dies die Liebe zur Arbeit, die rasende, bis zur Erschöpfung der Individuen und ihrer Nachkommenschaft gehende Arbeitssucht.«

- 52 Seiten
- German
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Das Recht auf Faulheit
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Information
III.
Was aus der Überproduktion folgt
Bis hierher war meine Aufgabe leicht; ich hatte nur wirkliche, uns allen leider nur zu gut bekannte Übel zu schildern. Aber das Proletariat zu überzeugen, dass die Moral, die man ihm eingeimpft hat, verkehrt ist, dass die Arbeit ohne Maß und Ziel, der es sich seit Beginn des Jahrhunderts ergeben hat, die schrecklichste Geißel ist, welche je die Menschheit getroffen, dass die Arbeit erst dann eine Würze der Vergnügungen der Faulheit, eine dem menschlichen Organismus nützliche Übung, eine dem gesellschaftlichen Organismus nützliche Leidenschaft sein wird, wenn sie vernünftig geregelt und auf ein den Gesellschaftsbedürfnissen entsprechendes Maximum von drei Stunden am Tag beschränkt wird – das ist eine schwierige Aufgabe, die meine Kräfte übersteigt. Nur Physiologen, Hygieniker und kommunistische Ökonomen können sie unternehmen. In den nachfolgenden Zeilen werde ich mich auf den Nachweis beschränken, dass angesichts der modernen Produktionsmittel und ihrer ungeheuren Vervielfältigungsmöglichkeit der übertriebenen Arbeit ein Dämpfer aufgesetzt und es den Arbeitern zur Pflicht gemacht werden muss, die Waren, die sie produzieren, auch zu verbrauchen.
Ein griechischer Dichter aus der Zeit Ciceros, Antipatros, besang die Erfindung der Wassermühle (zum Mahlen des Getreides) als Befreierin der Sklavinnen und Herstellerin des Goldenen Zeitalters mit folgenden Worten: »Schonet der mahlenden Hand, o Müllerinnen, und schlafet sanft! Es verkünde der Hahn euch den Morgen umsonst! Däo hat die Arbeit der Mädchen den Nymphen befohlen, und jetzt hüpfen sie leicht über die Räder dahin, dass die erschütterten Achsen mit ihren Speichern sich wälzen, und im Kreise die Last drehen des malmenden Steins. Lasst uns leben das Leben der Väter, und lasst uns der Gaben arbeitslos uns freuen, welche die Göttin uns schenkt.«
Ach, die Zeit der Muße, die der heidnische Dichter verkündete, ist nicht eingetroffen! Die blinde, wahnsinnige und menschenmörderische Arbeitssucht hat die Maschine aus einem Befreiungsinstrument in ein Instrument zur Knechtung freier Menschen umgewandelt: Die Produktionskraft der Maschine ist die Ursache der Verarmung der Massen geworden.
Eine gute Arbeiterin verfertigt auf dem Handklöppel fünf Maschen in der Minute, gewisse Klöppelmaschinen fertigen in derselben Zeit dreißigtausend Maschen an. Jede Minute der Maschine ist somit gleich hundert Arbeitsstunden der Arbeiterin, oder vielmehr: Jede Minute Maschinenarbeit ermöglicht der Arbeiterin zehn Tage Ruhe. Was für die Spitzenindustrie gilt, trifft mehr oder minder für alle durch die moderne Mechanik umgestalteten Industrien zu. Was sehen wir aber? Je mehr sich die Maschine vervollkommnet und mit beständig verbesserter Schnelligkeit und Sicherheit die menschliche Arbeit verdrängt, verdoppelt der Arbeiter, anstatt seine Ruhe entsprechend zu vermehren, noch seine Anstrengung, als wollte er mit den Maschinen wetteifern. O, törichte und verderbliche Konkurrenz!
Um der Konkurrenz zwischen Mensch und Maschine freien Lauf zu verschaffen, wurden die Gesetze, welche die Arbeit der Handwerker der alten Zünfte beschränkten, abgeschafft, die Feiertage unterdrückt.9
Meint man aber, dass die Arbeiter, weil sie damals von sieben Tagen der Woche nur fünf arbeiteten, nur von Luft und Wasser gelebt hätten, wie die verlogenen Nationalökonomen uns vorerzählen? Geht doch! Sie hatten Mußezeit, um die irdischen Freuden zu kosten, um die Liebe zu pflegen und Possen zu treiben und vergnügt zu Ehren des großen Gottes der Nichtstuerei Tafel zu halten. Das grämliche, in dem Protestantismus verheuchelte England hieß damals das »lustige England« (merry England). Rabelais, Quevedo, Cervantes, die unbekannten Verfasser der Schelmenromane machen uns das Wasser im Munde zusammenlaufen mit ihren Schilderungen jener monumentalen Schmausereien, mit denen man sich damals gütlich tat und in denen an »nichts gespart wurde«.10 Jordaens und die niederländische Malerschule haben sie uns auf ihren lebenslustigen Gemälden dargestellt. Erhabene Riesenmägen, was ist aus euch geworden? Erhabene Geister, die ihr den ganzen menschlichen Gedanken umfasstet, wo seid ihr hin? Wir sind durch und durch entartet und verzwergt. Perlsüchtige Kühe, die Kartoffel, gefärbter Wein, Bier aus Herbstzeitlose und der preußische Schnaps haben in weiser Verbindung mit Zwangsarbeit unsere Körper erschlafft und unsern Geist schwerfällig gemacht. Und zur selben Zeit, wo die Menschen ihren Magen zusammenschnüren und die Produktivität der Maschine von Tag zu Tag wächst, wollen uns die Ökonomen die Malthus’sche Theorie, die Religion der Enthaltsamkeit und das Dogma der Arbeit predigen? Man sollte ihnen lieber die Zunge ausreißen und den Hunden vorwerfen.
Da jedoch die Arbeiterklasse in ihrer Einfalt und Treuherzigkeit sich den Kopf hat verdrehen lassen und mit angeborenem Ungestüm blindlings auf die Devise »Arbeit und Enthaltsamkeit« hineingefallen ist, so sieht sich die Kapitalistenklasse zu erzwungener Faulheit und Üppigkeit, zur Unproduktivität und Überkonsum verurteilt. Und wenn die Überarbeit des Proletariers seinen Körper abrackert und seine Nerven zerrüttet, so ist sie für den Bourgeois nicht minder fruchtbar an Leiden.
Die Enthaltsamkeit, zu welcher sich die produktive Klasse hat verurteilen lassen, macht es der Bourgeoisie zur Pflicht, sich dem Überkonsum der von dieser in Überzahl verfertigten Produkte zu weihen. Zu Anfang der kapitalistischen Produktion, vor etwa ein oder zwei Jahrhunderten, war der Bourgeois noch ein ehrsamer Mann von gesetzten und friedlichen Sitten: Er begnügte sich mit seiner Frau, wenigstens beinahe, er trank nur, wenn er Durst, und aß nur, wenn er Hunger hatte. Er überließ den Höflingen und Hofdamen die noblen Passionen der Ausschweifung. Heute gibt es keinen Bourgeois, der sich nicht mit Trüffelkapaunen und Château Lafitte anmästet, um die Geflügelzucht und den Weinbau zu fördern; keinen Sohn eines Emporkömmlings, der sich nicht für verpflichtet hielte, die Prostitution zu vermehren und seinen Körper zu verquecksilbern, nur damit die todbringende Arbeit in den Quecksilbergruben doch einen Zweck habe. Bei diesem Geschäft geht der Körper schnell zugrunde, die Haare werden dünner, die Zähne fallen aus, der Bauch schwillt an, die Brust wird asthmatisch, die Bewegungen werden schwerfälliger, die Gelenke steif, die Glieder gichtig. Andere, die zu schwach sind, um die Anstrengungen der Ausschweifung zu ertragen, aber mit der gehörigen Dosis philisterhafter Klugmeierei ausgestattet, trocknen ihr Gehirn aus, wie Herr Lazar von Hellenbach, der »Mann ohne Vorurteil«, und hecken dickbändige, schlafsuchterregende Bücher aus, um Schriftsetzern und Buchdruckern Beschäftigung zu geben.
Die Frauen der vornehmen Welt führen das Leben einer Märtyrerin. Um die feenhaften Garderoben, bei deren Herstellung die Schneiderinnen sich die Schwindsucht an den Hals arbeiten, zu prüfen und zur Geltung zu bringen, schlüpfen sie den ganzen Tag von einer Robe in die andere. Stundenlang stellen sie ihren Kopf Haarkünstlern zur Verfügung, die ihnen für schweres Geld die unmöglichsten Frisuren herrichten müssen. Eingeschnürt in ihren Korsetts, die Füße in enge Stiefeletten gezwängt, den Busen in einer Weise entblößt, dass ein Gardeleutnant darüber rot werden könnte, drehen sie sich ganze Nächte hindurch auf ihren Wohltätigkeitsbällen herum, um einige Mark für die Armen zusammenzubringen. O, ihr heiligen Dulderinnen!
Um ihrem doppelten gesellschaftlichen Beruf als Nichtproduzent und Überkonsument nachzukommen, musste die Bourgeoisie nicht nur ihren bescheidenen Bedürfnissen Zwang antun – die ihr seit zwei Jahrhunderten zur Gewohnheit gewordene Arbeitsamkeit sich abgewöhnen und sich einem zügellosen Luxus, der Anstopfung mit Trüffeln sowie syp...
Inhaltsverzeichnis
- Inhaltsverzeichnis
- Vorwort des Übersetzers
- Vorwort des Verfassers
- I. Ein verderbliches Dogma
- II. Der »Segen« der Arbeit
- III. Was aus der Überproduktion folgt
- IV. Ein neues Lied, ein besseres Lied!
- Anhang: Eine Auseinandersetzung mit den Moralisten
- Anmerkungen
- Impressum
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