Der Aufsatz über Wilhelm Büchners Farbproduktion in Pfungstadterläutert die Entstehung der Farbproduktion seit frühester Zeit biszur Lösung des letzten Rätsels, der Farbe Blau. Anschaulich schildertder Autor die Entstehung und den Betrieb der industriellen Produktion der Blaufabrik in Pfungstadt und ihres Vorläuferbetriebes, der Krappfabrik. Mit zahlreichen Illustrationen versehen wird hier erstmals erläutert, welche historischen und technologischen Umstände Büchners Blau zu einem der ersten erfolgreichen Industrieprodukte aus Hessen-Darmstadt machte.

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Krapp und Ultramarin
Farbstoffproduktion in Pfungstadt zwischen 1767 und 1890
- 48 Seiten
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Krapp und Ultramarin
Farbstoffproduktion in Pfungstadt zwischen 1767 und 1890
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9783752802627
Auflage
11 Farben und Farbeindrücke
Beim Gespräch über „Farbe" und „Farbstoffe" geht es oft nicht nur um Phänomene und deren Wahrnehmung, sondern auch um Begriffe und Erklärungsmuster, die sich zwanglos aus Fragen wie diesen ergeben: Warum ist ein wolkenfreier Himmel tagsüber blau, beim Sonnenuntergang aber rötlich? Warum sind die Blätter der Bäume grün, nicht aber ihr Stamm? Auf welche Weise nehmen wir Farben wahr und schließlich: was ist Farbe überhaupt? Die sprachlich eher dürre Definition von DIN 5033 „Farbmessung" hinterlässt nichts als Ratlosigkeit, so dass wir Rat suchen bei - Goethe. In seiner Farbenlehre schrieb er 1810:
„Die Menschen empfinden im Allgemeinen eine große Freude an der Farbe. Das Auge bedarf ihrer, wie es des Lichtes bedarf. Man erinnre sich der Erquickung, wenn an einem trüben Tage die Sonne auf einen einzelnen Teil der Gegend scheint und die Farben daselbst sichtbar macht." (Goethe, J. w., 1974, 168)
Dem werden die Meisten vermutlich zustimmen, aber hilft uns das weiter? Die uns umgebende Welt ist im Grunde farblos. Farben sehen wir, wenn genügend Licht vorhanden ist. „Nachts sind alle Katzen grau" lautet ein Sprichwort, und erst bei Beleuchtung von Katzen, Pflanzen oder Gemälden sieht man deren Farben. Das Sonnenlicht erscheint weiß, aber lenken wir es durch ein Prisma, tritt ein Spektrum von Strahlen unterschiedlicher Wellenlängen aus - in den Farben des Regenbogens. Das vom menschlichen Auge wahrgenommene farbige Licht wird vorher meist von einem Objekt reflektiert, etwa von einer roten Tulpe, an der außer den Wellenlängen des roten Bereichs andere Spektralfarben absorbiert werden. Nur das Rot des Gesamtspektrums gelangt als Lichtteilchen (Photon) dann in unser Auge, trifft in der Netzhaut auf Sehpigmente und erzeugt nach Leitung ins Gehirn den roten Farbeindruck. Manche Tiere sehen ihre Umwelt offenbar anders als Menschen. So könnte eine Schlange mit ihren Wärmebildaugen Beutetiere - hier zwei Eidechsen - so oder ähnlich wahrnehmen wie in Abb. 1 gezeigt.

Abb. 1: Thermographie: Eine Schlange fixiert ihre Beute (Foto: Wikimedia Commons)

In der Geschichte menschlicher Kulturen findet man unterschiedliche Auffassungen von Farbeindrücken, vor allem aber von der symbolischen Wirkung der Farben. So wurde in der Antike die Farbe als sinnesphysiologisches Phänomen meist nicht vom Farbstoff als bloßem Träger der Farberscheinung unterschieden. Die Stoiker meinten gar, die Qualität „Farbe" sei materiell zu denken, d. h. die Farbe eines Stoffes sei nicht nur Anzeiger für den Zustand der Materie, sondern sie sei auch der Zustand der Materie selbst. Dies aber bedeutete die Gleichsetzung von gefärbtem Gegenstand und der Farbe (Schütt, 2000, 33 u. 71).
2 „Färberröte" und Lapis Lazuli
DIE FÄRBERPFLANZE KRAPP
Wahrscheinlich ist Anatolien die Urheimat des Krapps (Rubia tinctorum), auch „Färberröte" genannt (Abb. 2). Die natürliche Verbreitung des Krapps umfasst außerdem den Kaukasus, den Iran, das westliche Zentralasien und reicht bis in den Nordwesten des Himalaya. Die Römer nannten die Pflanze wegen ihres roten Farbstoffs in ihrer Wurzel „Rubia"; Carl v. Linné übernahm dieses Wort und fügte das Epitheton tinctorum hinzu (tinctor = der Färber). Schon im Altertum wurde Krapp in Ägypten angebaut. Während der Jahrhunderte dauernden Kultivierung gelangte die bedeutendste Färbepflanze für Rot auch nach Europa und Nordafrika (Wolfschmidt, 2011, 320 f.).

Abb. 2: Idealisierte Krapp-Pflanze aus Pabst, G. (Hrsg.), „Köhler's Medizinal-Pflanzen", Bd. III, Ersch. Nr. 53 (Beschr. u. Abb.), 1898
Die Kletterpflanze Krapp wird auf flachem Boden kultiviert und bedeckt nach vollem Wuchs eine Fläche von etwa 1 m2, wobei ihre Wurzeln bis zu einem Meter in die Tiefe reichen. Als Setzlinge in den Boden gebracht, erfolgt die Ernte nach ein bis zwei Jahren. Der begehrte rote Farbstoff befindet sich vor allem in den fingerdicken und bis zu 30 cm langen Grobwurzeln, die nach der Ernte von Bodenresten befreit, danach gebrochen und schließlich zerkleinert werden. (Abb. 3 - 5) (Börnchen, M., 2009)

Abb. 3: Blühender Spross einer Krapp-Pflanze (Foto: M. Börnchen)

Abb. 4: Geerntete und angetrocknete Krapp-Pflanze (Foto: M. Börnchen)

Abb. 5: Getrocknete Krappwurzeln mit Rinde (Phloem) und teilweise freigelegtem Holz (Xylem) (Foto: M. Börnchen)
In der Wurzel zeigt sich im Querschnitt eine unterschiedliche Verteilung des darin vorkommenden roten Farbstoffs Alizarin, von dem sich der größte Teil in der Wurzelrinde befindet (Abb. 6). Die Farbstoffpflanze Krapp wurde in den Schriften des Altertums gelegentlich erwähnt, etwa von Dioscorides, Plinius d. Ä., Hippocrates und Galen. Mit Hilfe archäologischer Verfahren konnte man für die Periode der späten Bronzezeit in Spanien in einigen Befunden den Levantinischen Krapp (Rubia peregrina) nachweisen. Im 7. Jahrhundert wurde vom Anbau des Krapps in der Nähe von Paris berichtet. Wenig später gab es Hinweise auf seine Nutzung in einer Verordnung über die Krongüter und Reichshöfe Karls des Großen, und zwar in der Handschrift „Capitulare de Villis et Curtis Imperialibus". Das einzige handschriftliche Exemplar der Schrift ist der „Codex Helmstadensis 254", der sich in der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel befindet. Darin wird die Tuchfärbung mit Krapp (lat. warentia) erwähnt, in cap. 43 und cap. 70 eine Liste der im Kräutergärtlein zu ziehenden Pflanzen und anderer nützlichen Dinge des Alltags:
„Unseren Frauenarbeitshäusern soll man, wie verordnet, zu rechter Zeit Material liefern, also Flachs, Wolle, Waid, Scharlach, Krapp, Wollkämme, Kardendisteln, Seife, Fett, Gefäße und die übrigen kleinen Dinge, die dort benötigt werden." (wies, 1992, cap. 43)


Abb. 6: Querschnitt durch das Xylem einer Krappwurzel; links mit Jahrringen (Foto: D. Köcher), rechts Detail (Foto: M. Börnchen)
Bei archäologischen Grabungen in der mittelenglischen Grafschaft York konnten im Boden Rückstände von Krappwurzeln aufgrund einer auffälligen Bodenfärbung nachgewiesen werden. Dabei fand man auch rote Rückstände von Holz mit den unverbundenen Zellbestandteilen von Epidermis und Cortex. Die Ähnlichkeit der fossilen

Abb. 7: Lapis Lazuli mit Pyrit-Einschlüssen (Foto: Wikimedia Commons)
Stückchen mit rezentem Krapp (engl. madder) war offensichtlich und belegte die frühe Einfuhr dieser ursprünglich in England nicht heimischen Pflanzenart für die Gewinnung des roten Farbstoffs (Tomlinson, 1985, 270). Gegen Ende des 15. Jahrhunderts war der Krappanbau in Holland bereits hoch entwickelt und war mehrere Jahrhunderte lang eine der Quellen des holländischen Reichtums. Auch in Schlesien wurde nach Angaben der Breslauer Röteordnung von 1574 bereits im Jahr 1504 Krapp angebaut.
Neben seiner Verwendung als beliebter Farbstoff für Textilien wurde Krapprot auch in der Malerei geschätzt, weil es sich gut mit anderen Öl- und Leimfarben vertrug. Wegen seiner Lichtbeständigkeit wirkt die Farbe bei vielen mittelalterlichen Tafelgemälden auch heute noch frisch und kräftig. Neuere Experimente wiesen nach, dass die Lichtechtheit vor allem von der Herstellungsmethode der Krapplacke abhing (z. B. der Einhaltung eines niedrigen pH-Wertes) und dass moderne Farbstoffe ihnen nicht unbedingt überlegen sind. (Köcher, 2006, 141-157)
DAS MINERAL LAPIS LAZULI
Der früher häufig als „Lasurstein" bezeichnete Lapis Lazuli ist ein blaues Mineralgemisch mit seinem Hauptbestandteil Lazurit, in dem oft goldschimmernde Einsprengsel von Pyrit enthalten sind (Abb. 7). Für die Bergleute des späten Mittelalters war der Stein (lat. caeruleum) neben kupferhaltigem Malachit und den Arsenmineralien Auripigment und Realgar ein Indikator für lohnende Gold und Silbervorkommen (Agricola, 1556, 85).
Lapis Lazuli wird seit vorgeschichtlicher Zeit vorwiegend im Kokchatal im nordöstlichen Teil des heutigen Afghanistan gewonnen. Diese Lagerstätte war eine der frühesten Zeugnisse des Bergbaus überhaupt, da man bei archäologischen Grabungen im Tal des Indus etwa 9000 Jahre alte Belegstücke des Minerals gefunden hat, die mit hoher Wahrscheinlichkeit aus Afghanistan stammen. Meist wurde der Stein für die Herstellung von Schmuck oder als Kultgegenstand verwendet (Abb. 8). Auch in Sibirien gab es lokale Vorkommen: Eine von Katharina der Großen entsandte Expedition unter der Leitung von Erik Laxmann entdeckte 1787 Blöcke von Lapis Lazuli in Flußbetten am südlichen Baikalsee. Besonders reine Steine wurden zu großen Dekorationsstücken verarbeitet, von denen einige Exemplare im Museum der Eremitage von St. Petersburg ausgestellt werden (Abb. 9) (vgl. Krassmann, 2014).

Abb. 8: Ultramarinexponate im Porzellanmuseum von Limoges (Foto: H. H. Rump)

Abb. 9: Prunktisch, Eremitage von St. Petersburg (Fo...
Inhaltsverzeichnis
- Danksagung
- Inhaltsverzeichnis
- Vorwort
- 1. Farben und Farbeindrücke
- 2. „Färberröte" und Lapis Lazuli
- 3. Die Krappmühle in Pfungstadt
- 4. Künstliches Ultramarinblau
- 5. Krapprot und Ultramarinblau nach 1890
- 6. Literatur
- Über die Autoren
- Impressum