Leben und Werk des seligen Georg Matulaitis
eBook - ePub

Leben und Werk des seligen Georg Matulaitis

Förderer des Friedens und der Verständigung

  1. 592 Seiten
  2. German
  3. ePUB (handyfreundlich)
  4. Über iOS und Android verfügbar
eBook - ePub

Leben und Werk des seligen Georg Matulaitis

Förderer des Friedens und der Verständigung

Über dieses Buch

"Er suchte Gott in allem, er lebte nur für ihn"Diese Zeilen aus einem Lied zum sel. Georg Matulaitis fassen die Grundeinstellung dieses Ordensmannes und Bischofs zum Leben gut zusammen. Die Suche nach Gott und die Erfahrung seiner Gegenwart gaben ihm Kraft, sich den Herausforderungen seiner Zeit zu stellen und einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zu Völkerverständigung und Frieden im Pulverfass Osteuropas zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu leisten.Aus Sicht seiner Freunde und Feinde, persönlichen Aufzeichnungen, Schriftverkehr, Erinnerungen und Zeitungsartikeln entsteht in dieser Biographie ein umfangreiches Bild seiner Persönlichkeit, das erkennen lässt, wie dieser Freund der Menschen die Zeichen seiner Zeit erkannte. Er zeigte durch sein Leben, dass es sich wirklich lohnt auf Gott zu vertrauen, selbst wenn alle Umstände gegen Gottes Wirken zu sprechen scheinen. Er machte Gottes Gegenwart spürbar.

375,005 Studierende vertrauen auf uns

Zugang zu über 1 Million Titeln zu einem fairen monatlichen Preis.

Mit unseren Lerntools kannst du noch effizienter lernen.

Information

Jahr
2015
ISBN drucken
9783738655315
eBook-ISBN:
9783739266695

TEIL II

BISCHOF VON VILNIUS

Kathedrale in Vilnius

1. Ernennung und Amtseinführung

Die Hirtenzeit in der Diözese Vilnius (1918-1925) gehörte zur schwersten Zeit im Leben von Georg Matulaitis. Der Leiter der Religionsabteilung in Vilnius, Wiktor Piotrowicz, der den bischöflichen Dienst aus dem Auge eines Beamten betrachtete, drückte es so aus: „Bischof Matulaitis gehörte zu den tragischsten Amtsinhabern auf dem Bischofssitz in Vilnius.“612 Schaut man mit Abstand auf diese Jahrezurück, lässt sich sagen, dass es auch die Fruchtbringendsten waren, weil in ihnen seine Liebe zur Kirche am deutlichsten zum Vorschein kam und er zur Heiligkeit gelangte.
Dominierend war in der siebenjährigen Amtszeit von Bischof Matulaitis die Nationalitätenfrage, die sich wie ein dunkler Schatten auf die gesamte seelsorgerische Tätigkeit in der Diözese Vilnius, bzw. auf alles, was ihm widerfuhr, legte.
Die Diözese Vilnius umfasste im betrachteten Zeitraum 80.628 km², d.h. mehr als ein Viertel des Territoriums des heutigen Polens.613 Von allen Volkszählungen passt allein die russische von 1897 zu ihren Grenzen, weil sie beide Gouvernements, Vilnius und Hrodna, erfasste. Obwohl sie zeitlich relativ weit entfernt ist, gibt sie wenigstens einige Anhaltspunkte bei der Klärung einiger Fragen.
Nach dieser Volkszählung wohnten auf dem Territorium der Diözese Vilnius 3.194.616 Personen. Von ihnen gehörten 1.322.309 (41,5%) der katholischen Kirche an, der orthodoxen 1.334.000 (41,9 %) und dem Judentum 585.000 (15,2%). Als Muttersprache wurden weißrussisch (1.596.889), polnisch (291.623) und litauisch (283.2593) angegeben.614
Bischof Matulaitis verwendete diese Angaben 1923 in seinem Bericht an den Heiligen Stuhl. Zu den Sprachen machte er folgende Anmerkung:
„Zu den Proportionen ihres Gebrauches lassen sich keine bestimmten Zahlen angeben. Einerseits machen die Statistiker unterschiedliche Angaben über ein und denselben Sachverhalt, in Abhängigkeit von ihren Absichten. Andererseits ist es verschiedenen Orts passiert, dass das ungebildete Volk aus Angst vor eventuell Schlechtem oder in Erwartung des eventuell Guten auf die Frage nach der Volkszugehörigkeit je nach den Umständen verschiedene Nationalitäten als die seine angab. Der letzte Krieg hat auch viele Änderungen gebracht, weil die einen vor der Gefahr geflohen sind oder emigrierten und wieder andere hergezogen sind. […]. Nach dem Kriegsende warten wir bis heute auf eine Volkszählung. Zweifelsohne hat die Anzahl der russischsprachigen Bevölkerung nach dem Krieg ab- und der Anteil der polnischen Sprache stark zugenommen.“615
Gegen die Anzahl der Menschen, die das Litauische gebrauchen, gibt es keine größeren Einwände. Ähnliche Zahlen finden sich bei polnischen Autoren (270.000) in der Denkschrift an Benedikt XV. vom 9. September 1921.616 Nach einer nicht veröffentlichten kirchlichen Zählung aus dem Jahr 1912, auf die sich die polnische Seite in den Nachkriegsjahren gern beruft, lebten in der Diözese Vilnius 228.006 (16,3%) Litauer.617
Die Anzahl der Polen und Weißrussen, insbesondere der Katholiken, ruft scharfe Kontroversen hervor. Die Polen waren Eigentümer der Landgüter. Sie waren Lehrer und nach dem Krieg Beamte. Aber wer waren die weißrussisch sprechenden Katholiken? Nach Auffassung von Piotr Eberhard verhielt es sich mit ihnen folgendermaßen: „In der überwiegenden Mehrheit gebrauchte die Bevölkerung damals [1897] im Alltag noch Dialekte der weißrussischen Sprache und in diesem Sinne gab die russische Volkszählung die Situation richtig wieder.“618 Es existierten jedoch unterschiedliche Meinungen darüber, welcher Nationalität sie angehörten. Nach polnischen Ethnografen waren sie Polen, wofür sich auch Eberhard ausspricht. Die litauischen Wissenschaftler halten sie jedoch, zumindest im zentralen Gebiet Vilnius, für Weißrussen litauischer Herkunft. Weißrussen halten sie einfach für Weißrussen.619
Die polnischen Machthaber „hielten alle Katholiken für Polen“, was in anbetracht der Vorschriften zu nationalen Minderheiten sowohl in der polnischen Verfassung620 als auch im Versailler Vertrag bequem war.621
1839 schaffte Zar Nikolaus I. die unierte Kirche in Weißrussland ab und integrierte sie in die orthodoxe.622 Eine gewisse Zahl der Ostkatholiken wechselte nach 1905 zum lateinischen Ritus, um den katholischen Glauben zu behalten. Die römische Kirche schützte ihre Gläubigen vor Orthodoxie und Russifizierung und bediente sich in der Seelsorge der polnischen Sprache. In den Köpfen der ungebildeten, weißrussischen Bevölkerung entstand das falsche Bewusstsein, dass die polnische Sprache zum Wesen ihres Glaubens gehöre, dass sie Anhänger des „polnischen Glaubens” seien, im Unterschied zur Orthodoxie, dem „russischen Glauben”. Auf diese Weise war die Kirche an ihrer Polonisierung beteiligt. Der polnische Ethnograf Marian Świechowski schlug 1917 vor, sie „Weißpolen” zu nennen.623
Für den Bischof der Diözese war nicht ihre Nationalität von grundlegender Bedeutung, sondern ihre Sprache, die ja der Schlüssel zur Seele ist.
Diese drei Volksgruppen, die über Jahrhunderte hinweg in einer gemeinsamen Republik gelebt hatten und eine gemeinsame Diözese, häufig auch eine gemeinsame Pfarrgemeinde bildeten, begannen sich ab Ende des 19. Jahrhunderts zu separieren. Litauer und Polen schufen nach dem Ende des 1.Weltkrieges eigene Nationalstaaten und rivalisierten im harten Kampf um die Hauptstadt der Diözese, um Vilnius. Sowohl die eine als auch die andere Seite versuchte, die Weißrussen für sich zu gewinnen. Die Nachbarmächte Deutschland und Russland versuchten ebenfalls aus der Situation Vorteile für sich zu schlagen. In diesem Kampf instrumentalisierte man auch den Bischof von Vilnius.
Georg Matulaitis wurde am 23. Oktober 1918 zum Bischof von Vilnius ernannt. Dazu schrieb Nuntius Achille Ratti im Brief an das Kapitel von Vilnius: „Der Heilige Vater hat das Problem der Auswahl und Ernennung Ihres Ordinarius nicht nur lange, wie das immer der Fall ist, sondern außergewöhnlich lange bewegt.“624
Die Diözese Vilnius hatte de facto seit 1907 keinen Bischof mehr. Nach der Vertreibung von Bischof Eduard Ropp durch die russische Regierung wurde sie durch den Apostolischen Administrator P. Kazimierz Michałkiewicz geleitet. Im Frühjahr 1917 fasste die deutsche Besatzungsregierung Pläne für Litauen. Die Deutschen wollten sich das Land unterordnen und den Litauern im Gegenzug die Bildung einer eigenen Vertretung gestatten. Als Ergebnis dieser Abstimmungen fand vom 18. bis zum 23. September 1917 in Vilnius eine Zusammenkunft der Volksvertreter statt, auf der ein 20-köpfiger Rat, die Taryba, gewählt wurde. Vorsitzender wurde Antanas Smetona.625 Die Bemühungen der Taryba hatten den Aufbau eines eigenen Staates mit der Hauptstadt Vilnius zum Ziel. Für eine der grundlegenden Aufgaben erachtete man es, den Bischofssitz mit einem eigenen Kandidaten zu besetzen. Gemeinsam mit der deutschen Regierung wurde die Taryba zur zentralen Triebkraft in dieser Angelegenheit.
Neben der Taryba befasste sich auch das litauische Informationsbüro mit dem Problem, welches seit 1915 in Lausanne in der Schweiz bestand und von Juozas Gabrys geleitet wurde. Zur Besetzung der Hauptstadt Vilnius äußerten sich auch die litauischen Bischöfe und Priester.
Im Namen der Deutschen trat Fürst Franz Joseph Isenburg Birstein auf, der Chef der Militärverwaltung Litauen. Ab Mai 1917 residierte er in Vilnius. Die Aufsicht über sein Tun hatten der Oberbefehlshaber Ost, Prinz Leopold von Bayern, und sein Stellvertreter Georg von Waldersee. Die Mehrzahl der kirchlichen Angelegenheiten erledigte der preußische Abgeordnete des Heiligen Stuhls, erst Otto Mühlberg, der wegen des Beitritts Italiens zur Koalition nicht in Rom, sondern in Lugano residierte und danach Georg von Treutler mit Sitz in München. Eine sehr wichtige Rolle bei der Besetzung des Bischofsamtes der Hauptstadt Vilnius spielte auch ein Freund der Litauer, der Reichstagsabgeordnete für das Zentrum Matthias Erzberger.
Die polnische Seite wurde durch die Bischöfe, die geistlichen und weltlichen Kreise in Vilnius sowie die zwei Berater für Kirchenfragen des Heiligen Stuhls, Patriarch von Antiochia Władysław Zaleski und Prälat Kazimierz Skirmunt vertreten. Die politische Seite vertrat Fürst Janusz Radziwiłł, der Leiter der Außenpolitik im Regierungsrat. Nicht ohne Bedeutung war auch die Stimme außenstehender Personen, wie die des Dominikaners P. Albert Weiss, Professor von Georg Matulaitis an der Universität in Fribourg. Beim Heiligen Stuhl liefen die Fäden für die Besetzung des Bischofsamtes in Vilnius in den Händen von Staatssekretär Kardinal Pietro Gasparri zusammen. Auch einige diplomatische Vertretungen arbeiteten mit ihm zusammen: Die Nu...

Inhaltsverzeichnis

  1. Inhaltsverzeichnis
  2. Verwendete Abkürzungen
  3. Vorwort zur deutschen Ausgabe
  4. Teil I - Jugend und Erste Arbeiten
  5. Teil II - Bischof von Vilnius
  6. Teil III - Apostolischer Visitator in der Republik Litauen
  7. Bibliographie
  8. Bilderverzeichnis
  9. Personenindex
  10. Index geographischer Namen
  11. Bilderanhang
  12. Impressum

Häufig gestellte Fragen

Ja, du kannst dein Abo jederzeit über den Tab Abo in deinen Kontoeinstellungen auf der Perlego-Website kündigen. Dein Abo bleibt bis zum Ende deines aktuellen Abrechnungszeitraums aktiv. Erfahre, wie du dein Abo kündigen kannst
Nein, Bücher können nicht als externe Dateien, z. B. PDFs, zur Verwendung außerhalb von Perlego heruntergeladen werden. Du kannst jedoch Bücher in der Perlego-App herunterladen, um sie offline auf deinem Smartphone oder Tablet zu lesen. Erfahre, wie du Bücher herunterladen kannst, um sie offline zu lesen
Perlego bietet zwei Abopläne an: Elementar und Erweitert
  • Elementar ist ideal für Lernende und Profis, die sich mit einer Vielzahl von Themen beschäftigen möchten. Erhalte Zugang zur Basic-Bibliothek mit über 800.000 vertrauenswürdigen Titeln und Bestsellern in den Bereichen Wirtschaft, persönliche Weiterentwicklung und Geisteswissenschaften. Enthält unbegrenzte Lesezeit und die Standardstimme für die Funktion „Vorlesen“.
  • Pro: Perfekt für fortgeschrittene Lernende und Forscher, die einen vollständigen, uneingeschränkten Zugang benötigen. Schalte über 1,4 Millionen Bücher zu Hunderten von Themen frei, darunter akademische und hochspezialisierte Titel. Das Pro-Abo umfasst auch erweiterte Funktionen wie Premium-Vorlesen und den Recherche-Assistenten.
Beide Abopläne sind mit monatlichen, halbjährlichen oder jährlichen Abrechnungszyklen verfügbar.
Wir sind ein Online-Lehrbuch-Abo, bei dem du für weniger als den Preis eines einzelnen Buches pro Monat Zugang zu einer ganzen Online-Bibliothek erhältst. Mit über 1 Million Büchern zu über 990 verschiedenen Themen haben wir bestimmt alles, was du brauchst! Erfahre mehr über unsere Mission
Achte auf das Symbol zum Vorlesen bei deinem nächsten Buch, um zu sehen, ob du es dir auch anhören kannst. Bei diesem Tool wird dir Text laut vorgelesen, wobei der Text beim Vorlesen auch grafisch hervorgehoben wird. Du kannst das Vorlesen jederzeit anhalten, beschleunigen und verlangsamen. Erfahre mehr über die Funktion „Vorlesen“
Ja! Du kannst die Perlego-App sowohl auf iOS- als auch auf Android-Geräten nutzen, damit du jederzeit und überall lesen kannst – sogar offline. Perfekt für den Weg zur Arbeit oder wenn du unterwegs bist.
Bitte beachte, dass wir Geräte, auf denen die Betriebssysteme iOS 13 und Android 7 oder noch ältere Versionen ausgeführt werden, nicht unterstützen können. Mehr über die Verwendung der App erfahren
Ja, du hast Zugang zu Leben und Werk des seligen Georg Matulaitis von Tadeusz Górski im PDF- und/oder ePub-Format sowie zu anderen beliebten Büchern aus Theologie & Religion & Christentum. Aus unserem Katalog stehen dir über 1 Million Bücher zur Verfügung.