Vorträge zu Luther als Mensch in der Stiepeler Dorfkirche
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Vorträge zu Luther als Mensch in der Stiepeler Dorfkirche

Stiepeler Lektionen II

  1. 124 Seiten
  2. German
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Vorträge zu Luther als Mensch in der Stiepeler Dorfkirche

Stiepeler Lektionen II

Über dieses Buch

Die Kirchengemeinde Bochum-Stiepel hat es gewagt, am späten Sonntagvormittag in der Stiepeler Dorfkirche eine Vortragsreihe über Luther anzubieten. Der Kantor Michael Goede hat sie organisiert und musikalisch begleitet. Ihm sei gedankt.Ganz bewusst haben wir uns auf den Menschen Luther und auf einige Stationen seiner Lebensgeschichte konzentriert. Die Darstellung seiner Jugend-, seiner Schul- und Studienzeit wie seiner professoralen Zeit in Wittenberg bis 1520 bilden den ersten Komplex. Um den Menschen Luther lebendig werden zu lassen, wird er bewusst viel zitiert. Denn Luther ist immer auch ein Sprachereignis. Der Leser sollte sich die Zeit nehmen, seine Zitate sehr genau zu lesen.In seinem Leben waren seine Frau Katharina von Bora und seine Kinder von größter Bedeutsamkeit. Sie bekommen ein eigenes Kapitel. Luther als Ehemann und Vater kennenzulernen, dazu eignen sich neben seinen Briefen besonders seine Tischgespräche. Beide kommen deshalb ausführlich zu Wort. Luthers letzte Reise in seine Heimat Mansfeld und sein Tod in seiner Geburtsstadt Eisleben dürften dramatisch genannt werden können. Krankheiten haben Luther mit zunehmendem Alter immer mehr begleitet. Welche Krankheiten er gehabt hat und welche Bedeutung sie für seine Persönlichkeitsstruktur gehabt haben – dieser selten thematisierte Komplex ist von dem Stiepeler Ärzteehepaar Sabine Niedmann-Illies und Steffen Illies sachgerecht und einfühlsam behandelt worden. Ihnen gilt ein besonderer Dank. Alle Vorträge sind als Gemeindevorträge im Rahmen der gemeindlichen Erwachsenenbildung konzipiert. Es geht uns darum, das Wissen über Luther und die Reformation auf die Gemeindeebene zu bringen. Dabei bedienen wir uns selbstverständlich der Forschungsergebnisse der wissenschaftlichen Luther-Forschung. Hier soll in narrativer Weise ein Teil des aufregenden Lebens des Reformators lebendig werden. Das erfreuliche Interesse an unserer Luther-Reihe macht uns Mut, sie mit anderen Themen fortzusetzen. Wir bedanken uns beim Superintendenten Dr. Gerald Hagmann und beim Leiter der Evangelischen Stadtakademie Arno Lohmann für die Aufnahme in die Schriftenreihe des Kirchenkreises Bochum "Evangelische Perspektiven". Günter Brakelmann und Jürgen Stasing

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Information

Jahr
2016
ISBN drucken
9783741295669
eBook-ISBN:
9783741278273

III. Katharina von Bora und ihre Ehe mit Luther

Sie wurde am 29. Januar 1499 als Tochter einer sächsischen Adelsfamilie geboren, wahrscheinlich auf Gut Lippendorf südlich von Leipzig im Land Meißen, das zum sächsischen Herrschaftsgebiet von Georg dem Bärtigen (1471–1539) gehörte, der später der entschiedenste Gegner Luthers sein sollte. Katharinas Vater war Hans von Bora, die Mutter eine geborene Anna von Haubitz. Man zählte zu dem niederen Adel in der Provinz ohne größeren Besitz und Reichtum, meistens an der Armutsgrenze lebend. Katharina hatte mehrere Brüder, die aber nur am Rande ihres Lebens eine Rolle spielen sollten.
1504/05 (also mit sechs Jahren) wurde sie nach dem Tod der Mutter und der schnellen Wiederverheiratung des Vaters zur Erziehung in das Benediktinerinnenkloster Brehna bei Bitterfeld geschickt. Der Vater sah sich nicht in der Lage, Katharina auf dem eigenen Gut standesgemäß mit Bediensteten und Privatlehrern aufzuziehen. Kontinuierlichen Kontakt zum Vater und zur Stiefmutter hat sie in den folgenden Jahren nicht mehr gehabt. Die verwandtschaftlichen Verhältnisse der Großfamilie von Bora waren und blieben kompliziert.
1509 wurde Katharina in das Zisterzienserinnenkloster Marienthron bei Nimbschen nahe Grimma gebracht. Eine ältere Nonne, Magdalene von Haubitz, war ihre Tante, die für einen guten Unterricht der nun Zehnjährigen sorgte. Sie lernte zusammen mit neun adeligen Schülerinnen gutes Lesen, Schreiben und Singen, dazu etwas Latein. Leichte Gartenarbeit gehörte zum Alltag ebenso wie ein Kennenlernen der Arbeiten und der Abläufe in einem größeren landwirtschaftlichen Betrieb, der mit seinen zahlreichen Wirtschaftsgebäuden zum Kloster gehörte.
1514 trat Katharina in die einjährige Probezeit des Noviziats des Zisterzienserinnenklosters ein, das damals aus dreiundvierzig meist adeligen Nonnen bestand. Nach der Probezeit legte sie in einer feierlichen Zeremonie am 18. Oktober 1515 ihr Gelübde als Nonne ab: Gehorsam, Keuschheit und Armut. Sie war gerade sechzehn Jahre alt. Die Nonnen lebten in strengster Klausur ohne Kontakte zur Außenwelt. Eine besondere Rolle spielte die Äbtissin, die mit „gnädige Frau“ angeredet wurde. Ab 1509 war das Katharinas Tante Magdalene. Das alltägliche Leben wurde strukturiert von der strengen Ordensregel, von der Klosterregel und der Klosterzucht. Unter der Aufsicht einer älteren Klosterfrau lernte Katharina die Haltung und den Gang, die Gebärden und Reden, wie sie einer Nonne zu entsprechen hatten. Der Tag verging mit Beten, Singen, Lesen und Hören erbaulicher Texte sowie mit den sieben Gebetszeiten von der Matutin (Morgengebet) bis zur Komplet (Nachtgebet). An zwölf Altären der Kirche gab es rund vierhundert Reliquienstücke, die gepflegt werden mussten: darunter kleine Teile von Christi Krippe und Kreuz, vom Kleid und Schweißtuch, ferner Steine und Boden, auf denen Christus gegangen war, gegeißelt und gekreuzigt wurde. Hinzu kamen Rock, Haare und Hemd der Heiligen Jungfrau, ferner Knochen von Aposteln und Heiligen, alles aufbewahrt in heiligen Kapseln.
Es gab regelmäßig eine Klostervisitation durch den Abt von Pforta, der Beichtgespräche mit allen Nonnen führte und bei erkannten Regelverletzungen Bußen auferlegte. Ein besonderer Tag war der jährliche Ablasstag, an dem die Menschen aus der Umgebung zusammenströmten und Ablässe für ihre Sünden gegen Bargeld erwarben. Von dem damit verbundenen anschließenden fröhlichen Volksfest haben die Nonnen aber nichts mitbekommen.
Luther schrieb 1521 die Schrift über „Ein Urteil über die Klostergelübde“ (Al 2, 313 ff:). Es sind 139 kleine Thesen über den Glauben, über die Werke, über Sünde und Gnade, bevor er von These 30 an das Klosterleben und das Gelübde behandelt. Er setzt gegen beide „das Neue Testament“. Dies sei „ein Reich der Freiheit und des Glaubens“. Die Gelübde führten nicht auf Christus und den Glauben an ihn hin, sondern zur Herrschaft des Gesetzes, der Gesetzlichkeit. Man sollte die Klöster verbieten und „wie öffentliche Hurenhäuser meiden. Sie sind es, durch deren Werke des Antichrists Reich befestigt wird.“ Für Luther sind Klöster, deren geistliche Regeln und tägliche Lebensweise er genau kannte, Stätten harter Gesetzlichkeit, die nicht in die Freiheit des Glaubens und Denkens führen, sondern in gehorsame Unterwürfigkeit unter selbst geschaffene Regelwerke. Und sie verhindern das verantwortliche Handeln der Liebe im alltäglichen Leben. Luthers zentrale Botschaft an die in den Klöstern Lebenden: Rechtfertigung vor Gott allein aus dem Glauben.
Dieser Text Luthers gegen die Institutionen und den Geist der Klöster sind mit größter Wahrscheinlichkeit auch einigen Nonnen in Nimbschen bekannt geworden.
Auch seine Hauptschriften von 1520 sind unter den Nonnen zur Kenntnis genommen worden. In den beiden nahen kursächsischen Städten Grimma und Torgau gab es reformatorisch gesinnte ehemalige Mönche und Pfarrer, die Schriften Luthers unter die Nonnenschaft geschmuggelt haben. Besonderes Interesse dürften unter den Nonnen die Schriften „Von den guten Werken“ und „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ gefunden haben.
Und Luthers „Das neue Testament deutsch“ (1522) machte die Nonnen mit Texten bekannt, die sie sonst nur in Auszügen aus den liturgischen Vorlagen kannten. Jedenfalls überlegten einige, wie sie sich aus dem Klosterleben befreien könnten. Für Nonnen war das eine ungewöhnliche Absicht. Ihre Bitten um Wiederaufnahme in ihre Familien wurden meistens abschlägig beschieden. Schließlich baten sie Luther auf geheimem Vermittlungsweg um Rat und Hilfe bei ihrer beabsichtigten Flucht. Dieser bat den wahrscheinlichen Überbringer des Bittbriefes der Nonnen, den Torgauer Ratsherrn und Kaufmann Leonhard Koppe, die zumeist jungen Nonnen aus dem Kloster zu befreien und dann auf seinem großen Planwagen nach Torgau und Wittenberg in Sicherheit zu bringen. In der Osternacht 6./7. April 1523 gelang die heimlich vorbereitete abenteuerliche Flucht aus dem Kloster in Nimbschen und die Fahrt in ein neues Leben. Koppe kannte die Kloster- und ihre Wirtschaftsanlagen sehr genau. Seit Jahren lieferte er Tonnen von Heringen, Kiepen mit Stockfischen und Hechten sowie Fässer mit Bier und anderen nützlichen Sachen. Auch er kann „Lutherana“ ins Kloster geschmuggelt haben.
Koppe war zusammen mit zwei starken jungen Männern ein großes Risiko eingegangen: Auf Entführung von Nonnen aus dem Kloster stand die Todesstrafe. Die drei Akteure hatten die Nonnen unter Planen und einige von ihnen in leeren Heringsfässern versteckt. Auch hatten sie weltliche Kleider dabei, gegen die die Nonnentracht ausgetauscht wurde. In Torgau machte man Station, um die nun völlig Mittellosen gut zu verpflegen und noch besser einzukleiden. Der lutherische Pfarrer Gabriel Zwilling, der in die ganze Aktion eingeweiht war, organisierte die Übernachtung und die weitere Umkleidung in Torgau. Nur zwei der Nonnen machten sich auf den Weg zu ihren Familien, die anderen Neun gelangten nach Wittenberg.
Schon am 10. April 1523 schrieb Luther einen Dankesbrief an Koppe: „Dem klugen und weisen Leonhard Koppe, Bürger zu Torgau, meinem besonderen Freunde, Gnade und Frieden“, gedruckt unter dem Titel: „Ursach und Antwort, dass Jungfrauen Klöster göttlich verlassen können.“ (B/E III, 200 ff.) In diesem Brief setzt er sich kritisch mit den zu erwartenden Polemiken gegen ihn, den Urheber der Aktion Nimbschen, auseinander. Noch einmal entfaltet er seine theologischen und ethischen Gründe vom Wort Gottes und von Gottes Schöpfungsordnungen her gegen das weibliche Mönchswesen. Am Ende sagt er:
„Ich will aber auch die Jungfrauen hier nennen, auf dass alles ja frei am Tage sei. Und es sind nämlich dies: Magdalene von Staupitz, Elisabeth von Kanitz, Veronika von Zeschau, Margarethe von Zeschau, ihre Schwester, Laneta von Gohlis, Ave Grosse, Katharina von Bora, Ave von Schönfeld, Margarethe von Schönfeld, ihre Schwester. Der allmächtige Gott wolle gnädig erleuchten alle Verwandten derjenigen, die mit Gefahr und Unlust in Klöstern sind, dass sie ihnen treulich heraushelfen. Welche aber geistverständig sind und die Klosterei nützlich zu brauchen wissen und gerne drin sind, die lasse man bleiben im Namen Gottes.“ (B/E III, 209 f.)
Nun galt es für Luther und für seine Wittenberger Freunde, den neun jungen Nonnen zu helfen, in eine Ehe zu treten oder einen anderen Lebensunterhalt zu finden. Luther, der zu dieser Zeit mittellos war, versuchte, eine Kollekte für die Flüchtigen zu organisieren, aber sie brachte nicht viel ein. Es gab noch zu viele Vorbehalte gegenüber der Aktion Nimbschen.
Katharina bekam zunächst kurzfristig eine Unterkunft im Haus des Stadtschreibers Philipp Reichenbach und seiner Frau. Hier ist sie behutsam in die Handgriffe eines bürgerlichen Haushaltes und in die Umgangsformen mit den Wittenberger Führungsschichten aus dem städtischen, obrigkeitlichen und universitären Dienst eingeführt worden. Nach der Heirat ihrer Freundin Ave von Schönfeld mit dem Arzt und Apotheker Basilius bekam sie deren Platz im Haus des Malers Lucas Cranach (1472 –1553) und seiner Frau Barbara (1485 –1540). In den beiden Bürgerhäusern hat sie die „Prominenz“ Wittenbergs kennengelernt: Justus Jonas (1493 –1555), Propst an der Schlosskirche, Johann Bugenhagen (1485 –1558), Pfarrer an der Stadtkirche, den Juristen Hieronymus Schurff (1481 –1554) und seinen Bruder, den Mediziner Augustin Schurff (1495 –1554), und den Juristen Johann Apel (1486 –1536) und viele andere. Auch mit dem Ehepaar Melanchthon hatte sie Kontakt. Mit allen Familien sollte Katharina später als Frau von Luther zu tun haben. Ein besonderes Ereignis war, dass sie dem König von Dänemark Christian II (1513 –1523) begegnete, der ihr sogar einen goldenen Ring verehrte.
Eine wichtige Freundschaft schloss sie mit Elisabeth Cruciger (ca. 1500 –1535), die als Kind aus pommerschem Adel in ein Kloster verbracht worden war, das sie 1522 verließ, um nach Wittenberg zu gehen. Dort heiratete sie später den Theologen Caspar Cruciger (1504 –1548) aus Magdeburg. Katharina ließ sich von Elisabeth über die Bedeutung von Liedern und des gemeinsamen Singens aufklären. Elisabeth wird die erste evangelische Kirchenliederdichterin der Reformation mit dem Lied „Herr Christ, der einig Gottes Sohn“ (1524), heute unter Nr. 67 im Evangelischen Gesangbuch.
Katharina hatte auf eine eheliche Verbindung mit dem Nürnberger Studenten Hieronymus Baumgartner, der ihre erste Liebe war, gehofft. Luther schreibt am 12. Oktober 1524 an ihn:
„Übrigens, wenn Du Deine Käthe von Bora halten willst, musst Du Dich beeilen, bevor sie einem anderen gegeben wird, der bei der Hand ist. Sie hat die Liebe zu Dir noch nicht verwunden. Ich würde mich wirklich freuen, wenn ihr beiden miteinander verbunden würdet.“ (B/E VI, Nr. 36)
Die Ehe kommt aber wegen des Widerstands seiner Eltern nicht zustande. Auch eine Intervention Luthers bei den Baumgartners blieb ohne Antwort wie auch sein weiterer Versuch scheiterte, Katharina mit dem Pfarrer von Orlamünde Dr. Kaspar Glatz zu verbinden. Denn Katharina lehnte selbstbewusst Luthers Heiratsvermittlungen ab. Sie selbst ließ aber andernorts durchblicken, dass sie sich eine Heirat mit Nikolaus von Amsdorf (1483 –1565) oder mit Luther selbst vorstellen könne. Sie greift also nach zwei Häuptern der Reformation. Das wird bekannt und gibt zum munteren Tratschen Anlass. Die Gerüchte schwirren in Wittenberg und im weiten Land umher, Luther und Katharina hätten schon ein unerlaubtes Liebesverhältnis.
Katharina hatte in den Jahren 1523 bis 1525 als adelige Hausangestellte in dem bürgerlichen Cranachhaus, das zu den größten Häusern in Wittenberg zählte, das Backen, das Bierbrauen, das Füttern und das Schlachten von Tieren, das Kutschieren, das Waschen und Kinderhüten gelernt. Sie machte sich in der Tat noch kundiger über den Ackerbau, über den Weinanbau, lernte Lagerhaltung und Buchführung und übte, Gäste zu bewirten und mit ihnen Gespräche zu führen. Mit dem Ehepaar Cranach verband sie bald eine enge Freundschaft. Frau Barbara wurde eine enge Vertraute von Katharina, die zudem im Hause Cranach die Malerarbeiten des Meisters und viele bekannte Zeitgenossen, die sich porträtieren lassen wollten, kennenlernte.
Von den neun Nonnen hatten sich bis Ende 1524 die meisten heiraten lassen oder waren in ihre Familien zurückgekehrt. Nur Katharina war noch frei. Sie ließ nicht – wie es in der dominanten Männerwelt allgemein üblich war – über sich gegen ihren Willen verfügen. Töchter heirateten in der Regel gehorsam die Männer, die ihnen die Eltern oder Vormünder ausgesucht hatten. Katharina wollte bald nur noch ihren Luther, den sie bei den Cranachs öfter gesehen und gesprochen hatte. Auch Luther warf schließlich ein kleines Auge auf sie. Er hatte sie als eigenständige und tüchtige junge Frau erlebt und sie schätzen gelernt. Nun entspann sich langsam ein beiderseitig sich vertiefendes Interesse aneinander, auch wenn er sie anfangs noch für „stolz und hoffärtig“ gehalten hatte. Der nun fast zweiundvierzigjährige Mann entbrannte nicht wie ein zwanzigjähriger Brünstling, der eine junge Liebe zur Heirat bringen will, aber er konnte sich je länger, je mehr lebhaft vorstellen, in einer Ehe mit Katharina den kommenden Jahren Sinn und Ordnung zu geben.
Luther reiste Anfang Mai 1525 zur Zeit der zunehmenden Bauernunruhen durch das Mansfelder Aufstandsgebiet und schrieb:
„Wohlan, komme ich heim, so will ich mich mit Gottes Hilfe zu Tode schicken und meiner neuen Herren, der Mörder und Räuber warten.“ (B/E VI, Nr. 37)
Er sah sich in einer apokalyptischen Endzeit mit der Aussicht auf das persönliche Sterben. Und in dieser Situation einer möglichen Katastrophe will er nun ein Zeichen gegen den Untergang setzen:
„Und kann ichs schicken, ihm (dem Teufel) zu Trotz, will ich meine Käthe noch zur Ehe nehmen.“
Und er will mit seiner Hochzeit bezeugen: „…, dass ich vor meinem Ende im Stande von Gott erschaffen gefunden und nichts meines vorigen papistischen Lebens an mir behalten werde.“ (B/E VI, Nr. 41)
Die Heirat ist für ihn der letzte Schritt, das letzte Signal, dass er sich endgültig aus der papistischen Herrschaft befreit hat, und es ist für ihn ein öffentliches Zeugnis, gerade in einer katastrophenträchtigen Situation ein Ja zur göttlichen Schöpfungsordnung zu bezeugen. Luther unterrichtet seine Eltern, dass er Katharina heiraten wolle. Der lange Wunsch seines Vaters werde in Erfüllung gehen.
Einen Monat nach der Schlacht von Frankenhausen zwischen den Fürstenheeren und den Bauernhaufen am 15. Mai 1525 mit den folgenden Massakern der Obrigkeiten an den Bauern wird in Wittenberg die Hochzeit des ehemaligen Mönches, des Rebells gegen das römische Papsttum und des Kopfes der evangelischen Reformation mit der geflohenen, gerade sechsundzwanzigjährigen Nonne am 13. Juni 1525 gefeiert. Der Bräutigam war sechzehn Jahre älter als die Braut. Die kirchliche Trauung nahm der Stadtpfarrer Johannes Bugenhagen im Beisein von Justus Jonas, dem Ehepaar Cranach und dem Juristen Johann Apel vor. Sie wurden auch die Zeugen des anschließenden sogenannten „Beilagers“: Die Eheleute lagen auf einem neuen Strohsack nebeneinander und über sie wurde eine Decke ausgebreitet. Mit dieser üblichen Zeremonie war die Ehe rechtskräftig.
Auffallend, dass Luthers engster Mitarbeiter und Freund Melanchthon nicht dabei war. Er war gegen die schnelle Eheschließung mit der entlaufenen Nonne. Katharina selbst konnte auf sich ein wenig stolz sein, wurde sie doch die Frau eines der bekanntesten Männer ihrer Zeit. Wer unter den heiratsfähigen und heiratswilligen jungen Frauen hätte nicht Frau Luther heißen mögen? Die beiden Vermählten nahmen Wohnung im Schwarzen Kloster. Nach der ersten Ehenacht gab es am folgenden Tag im kleinen Kreis ein Essen für die Zeugen. Der Stadtrat stiftete sieben Kannen Frankenwein.
Für die beiden Getra...

Inhaltsverzeichnis

  1. Evangelische Perspektiven
  2. Inhaltsverzeichnis
  3. Vorwort der Herausgeber
  4. Vorwort
  5. I. Jugend, Schulzeit und Studienzeit Luthers
  6. II. Wieder und auf immer in Wittenberg
  7. III. Katharina von Bora und ihre Ehe mit Luther
  8. IV. Luthers letzte Reisen nach Mansfeld und Eisleben und sein Tod
  9. V. Luthers Krankheiten und ihre Bedeutung für seine Persönlichkeitsstruktur
  10. VI. Leben und Schriften Luthers
  11. VII. Weltliche und geistliche Herren in der Zeit Luthers
  12. VIII. Literaturverzeichnis (in Auswahl)
  13. Anhang
  14. Impressum

Häufig gestellte Fragen

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