Den Anfängen des Baptismus in der Region zwischen Harz und Heide ab Ende der 1830er Jahre wird nachgespürt und seine weitere Ausbreitung bis um 1900 verfolgt. Unterhaltsam und informativ wird eine Zeit voller Entwicklungen und Umbrüche erschlossen. Das kirchliche Miteinander war noch weit entfernt von ökumenischer Zusammenarbeit, dafür umso spannungsgeladener, wenn eine der aufkommenden Freikirchen im Wirkungsfeld einer Landeskirche auftrat. Die Autoren vermitteln aufgrund ihrer Nachforschungen eine erstaunliche Entwicklung, die ihren Ausgangspunkt in und um Othfresen bei Salzgitter hatte und bis in die ganze Region hinein nachhaltig ausstrahlte. Hier wird ein bisher unbekanntes Stück Kirchengeschichte Ostniedersachsens aufgeblättert. Dem interessierten Leser wird auf gut lesbare Weise Verständnis vermittelt für die Zusammenhänge des damaligen Geschehens mit der Gegenwart. Durch ihre gründlichen Recherchen nehmen uns die beiden Autoren mit in eine Zeit, die eng verbunden ist mit den Wurzeln der Baptisten-Gemeinden im östlichen Niedersachsen heute.

- 296 Seiten
- German
- ePUB (handyfreundlich)
- Über iOS und Android verfügbar
eBook - ePub
Die Anfänge des Baptismus zwischen Harz und Heide
Über dieses Buch
375,005 Studierende vertrauen auf uns
Zugang zu über 1 Million Titeln zu einem fairen monatlichen Preis.
Mit unseren Lerntools kannst du noch effizienter lernen.
Information
Gotthard Wefel
7. Die Kernzelle Othfresen-Salzgitter
7.1 Johann Heinrich Sander und Anfänge in Othfresen207
Die Geschichte der Baptistengemeinde Othfresen beginnt in Stuttgart mit dem Tischlergesellen Johann Heinrich Sander. Gegen Ende seiner achtjährigen Wanderschaft, die ihn bis in die Schweiz führte, lernte er hier die gerade erst 1838 entstandene Baptistengemeinde kennen. Durch die Verkündigung des Evangeliums kam er zum lebendigen Glauben an Jesus Christus und erlebt so die Wende seines Lebens. Am 1. Dezember 1839 wurde er von dem Ältesten der Gemeinde Wernle208 im Neckar getauft. In den „Notizen für die Evangelisch getaufte Gemeinde, angefangen Stuttgart 1838“ findet sich folgende Eintragung:
1839 Sonntag den 1ten Dezember. Heute Nachmittag 3 Uhr ist der Bruder Sander aus Hanover[209] oberhalb dem Wasserhauß von dem Ältesten Br. Wernle mit grossem Segen Getauft und Eingesegnet worden. Deß Abends feierte die Gemeinde das Mal des Herrn.210
Heinrich Sander wurde am 5. Juni 1809 als Sohn des Kothmannes Johann Heinrich Sander und seiner Ehefrau Catherine Marie geborene Dürkop in Othfresengeboren. Die Mutter stammte aus dem benachbarten Upen. Der Vater starb bereits am 25. März 1826. So wuchs Heinrich Sander mit vier Geschwistern allein von der Mutter versorgt auf. Über seine Kindheit und Jugend ist nichts weiter bekannt. Später als junger Mann ging er als Tischlergeselle auf die übliche Wanderschaft und kam auch nach Stuttgart. Gerade dies war der Anlass, dass er zum lebendigen Glauben an Jesus Christus fand.
Bei Hofschreiner und Ebenist Wirth in Stuttgart waren um 1840 neun ledige, bekehrte Schreiner in Arbeit. Stets lud jeder Neubekehrte wieder einen seiner Kollegen zur Versammlung ein. Das zeigt folgender Vorfall: Nachdem W. Klein seinen Kollegen Sander, Schreiner aus Othfresen, zur Versammlung brachte und derselbe bekehrt und getauft war, machte sich dieser an seinen Landsmann C. Steinhoff aus Einbeck und lud ihn ein. Dieser sagte: ‚Das ist eine Schande für das ganze Hannoverland, daß du dich den Schwaben an den Haaren im Neckar herumziehen läßt‘, (Steinhoff hatte solche Karikaturen im Bilderladen gesehen.)
Schließlich aber bewegte ihn Sander doch mitzugehen. Er wurde gläubig und am 13. März 1840 von Dr. Römer im Neckar bei Cannstatt getauft. So waren in Wirths Geschäft neun Schreiner Mitglieder der Gemeinde. Der Meister sagte von ihnen, solche Leute sollten alle seine fünfzig Arbeiter sein. Die Beiden […] wurden wenige Jahre später treue und gesegnete Missionsarbeiter in ihrer Heimat und weit über deren Grenzen hinaus.211

Taufe im Neckar
Das Zusammentreffen Heinrich Sanders mit Carl Steinhoff, der also kurz vor Sanders Heimreise getauft wurde, ist für die Entstehung des Baptismus im südlichen Niedersachsen von besonderer Bedeutung, worüber noch zu berichten sein wird. Der weitere Weg Sanders führte ihn schon bald zurück in seine Heimat Othfresen, ohne dass es zunächst seine Absicht war. Vielmehr beschloss er, Hamburg zu besuchen,212 um – wie Donat berichtet – die dort entstandene erste Baptistengemeinde kennenzulernen,213 wurde aber auf dem Wege dahin krank, so dass er sich in seine Heimat begeben musste.214 Der Tag seiner Rückkehr lässt sich genau bestimmen. Die aufmerksame Obrigkeit hatte seine Rückkehr offensichtlich schnell wahrgenommen.215 In einem späteren Brief an Johann Gerhard Oncken gab Sander den 16. April 1840 an.216 Über seine Ankunft berichtet ein Chronist:
Als der Jüngling vom Berge herab sein Heimatdorf liegen sah, erfasste ihn – wie er selbst erzählt hat – ein sehnlicher Wunsch, Gott der Herr wolle durch ihn das Dorf segnen, wolle Sünder bekehren mit großer Macht. Er trat vom Wege ab seitwärts in die Büsche, fiel auf seine Knie und flehte mit großem Ernst um das Heil für seine Anverwandten und Bekannten.217
Der Flötheberg am Rande des südlichen Salzgitter-Höhenzuges bietet eine gute Aussicht auf Othfresen und das nördliche Vorharzland. Es ist gut vorstellbar, dass Sander beim Anblick des Dorfes von diesen Gedanken bewegt war.

Dorfkern von Othfresen (1990)
Othfresen ist heute ein Ortsteil von Liebenburg und grenzt an die Stadt Salzgitter. Damals lag es im Verwaltungsbereich des königlich-hannoverschen Amtes Liebenburg. Der Ort war dörflichlandwirtschaftlich geprägt. Das entsprach ganz dem damaligen Königreich Hannover als typischem Agrarland. Erst später entstanden hier einige beachtliche Industrieanlagen, u.a. Eisenerzgruben und ein Hüttenwerk. Während des Bestehens der Baptistengemeinde an ihrem Standort Othfresen von 1840 bis 1858 hatte der Strukturwandel zu einem aufstrebenden Industrieort noch nicht eingesetzt. Der Domänenpächter Wegener aus Liebenburg beschrieb den Ort im Jahre1848 als „eine der wohlhabendsten“ Gemeinden.218
Nach seiner Rückkehr begann Sander sofort in seinem persönlichen Umfeld über seine Glaubenserfahrungen zu sprechen. Er machte die Bewohner in Othfresen und Umgebung durch die Verbreitung von Bibeln und Traktaten mit dem Evangelium von Jesus Christus bekannt. So lud er sie ein zu gottesdienstlichen Versammlungen. Dazu gehörte auch seine Mutter. Es gibt Anzeichen dafür, dass auch weitere Verwandte unter den Besuchern waren. Sie trafen sich schon sehr bald regelmäßig in den Wohnungen des Sattlers Andreas Hartmann und des Leinewebers Heinrich Hirte.

Johann Heinrich Sander (1809–1885)
Dass sich in dieser kleinen Gruppe entwickelnde geistliche Leben wurde offensicht schnell bekannt und erregte sofort öffentliche Aufmerksamkeit. Sowohl der Amtsvogt Droste als auch der Ortspastor Steyerthal sahen sich veranlasst, tätig zu werden, konnten die Erweckten jedoch nicht von ihrem Weg abbringen. Zwei Tage vor der ersten Taufe in Othfresen am 29. September und der somit entstehenden Baptistengemeinde berichtete der Amtsvogt Droste dem Königlichen Amt Liebenburg seine Wahrnehmungen:
Bald nachdem der aus Othfresen gebürtige Tischlergesell Heinrich Sander, welcher längere Jahre in der Schweiz und zuletzt angeblich in Stuttgard sich aufgehalten hat, im Monat April d. J. hierher zurückgekehrt war, zeigten sich Spuren von der Tendenz und dem geheimen Treiben dieses separatistischen Schwärmers, welche auch zu meiner Kenntnis gelangten.
Der Herr Pastor Steyerthal hieselbst, mit welchem ich alsbald über die Erscheinung Rücksprache...
Inhaltsverzeichnis
- Inhaltsverzeichnis
- Vorwort
- Teil I: Allgemeine Entwicklungen
- Teil II: Die Entwicklung in den Regionen
- Impressum
Häufig gestellte Fragen
Ja, du kannst dein Abo jederzeit über den Tab Abo in deinen Kontoeinstellungen auf der Perlego-Website kündigen. Dein Abo bleibt bis zum Ende deines aktuellen Abrechnungszeitraums aktiv. Erfahre, wie du dein Abo kündigen kannst
Nein, Bücher können nicht als externe Dateien, z. B. PDFs, zur Verwendung außerhalb von Perlego heruntergeladen werden. Du kannst jedoch Bücher in der Perlego-App herunterladen, um sie offline auf deinem Smartphone oder Tablet zu lesen. Erfahre, wie du Bücher herunterladen kannst, um sie offline zu lesen
Perlego bietet zwei Abopläne an: Elementar und Erweitert
- Elementar ist ideal für Lernende und Profis, die sich mit einer Vielzahl von Themen beschäftigen möchten. Erhalte Zugang zur Basic-Bibliothek mit über 800.000 vertrauenswürdigen Titeln und Bestsellern in den Bereichen Wirtschaft, persönliche Weiterentwicklung und Geisteswissenschaften. Enthält unbegrenzte Lesezeit und die Standardstimme für die Funktion „Vorlesen“.
- Pro: Perfekt für fortgeschrittene Lernende und Forscher, die einen vollständigen, uneingeschränkten Zugang benötigen. Schalte über 1,4 Millionen Bücher zu Hunderten von Themen frei, darunter akademische und hochspezialisierte Titel. Das Pro-Abo umfasst auch erweiterte Funktionen wie Premium-Vorlesen und den Recherche-Assistenten.
Wir sind ein Online-Lehrbuch-Abo, bei dem du für weniger als den Preis eines einzelnen Buches pro Monat Zugang zu einer ganzen Online-Bibliothek erhältst. Mit über 1 Million Büchern zu über 990 verschiedenen Themen haben wir bestimmt alles, was du brauchst! Erfahre mehr über unsere Mission
Achte auf das Symbol zum Vorlesen bei deinem nächsten Buch, um zu sehen, ob du es dir auch anhören kannst. Bei diesem Tool wird dir Text laut vorgelesen, wobei der Text beim Vorlesen auch grafisch hervorgehoben wird. Du kannst das Vorlesen jederzeit anhalten, beschleunigen und verlangsamen. Erfahre mehr über die Funktion „Vorlesen“
Ja! Du kannst die Perlego-App sowohl auf iOS- als auch auf Android-Geräten nutzen, damit du jederzeit und überall lesen kannst – sogar offline. Perfekt für den Weg zur Arbeit oder wenn du unterwegs bist.
Bitte beachte, dass wir Geräte, auf denen die Betriebssysteme iOS 13 und Android 7 oder noch ältere Versionen ausgeführt werden, nicht unterstützen können. Mehr über die Verwendung der App erfahren
Bitte beachte, dass wir Geräte, auf denen die Betriebssysteme iOS 13 und Android 7 oder noch ältere Versionen ausgeführt werden, nicht unterstützen können. Mehr über die Verwendung der App erfahren
Ja, du hast Zugang zu Die Anfänge des Baptismus zwischen Harz und Heide von Peter Muttersbach,Gotthard Wefel im PDF- und/oder ePub-Format sowie zu anderen beliebten Büchern aus Theology & Religion & Religion. Aus unserem Katalog stehen dir über 1 Million Bücher zur Verfügung.