Apokalypse im Umbruch der Zeit
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Apokalypse im Umbruch der Zeit

Von frühchristlichen Visionen bis zur neuen Deutung in der Offenbarung des Báb

  1. 88 Seiten
  2. German
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Apokalypse im Umbruch der Zeit

Von frühchristlichen Visionen bis zur neuen Deutung in der Offenbarung des Báb

Über dieses Buch

Die Folgen der Globalisierung, drohende Klima-und Ökokatastrophen oder die neue Gefährdung des Weltfriedens liefern reichlich Stoff für eine Neuauflage apokalyptischer Zukunftsängste. Erleben wir gerade ein Scheitern der Vernunft, oder haben die Religionen versagt?Ingo Hofmann, Physiker und Hochschullehrer, will dieses Thema nicht Theologen, Philosophen, Unheilspropheten oder Fundamentalisten überlassen. Er findet, dass die Deutung apokalyptischer und endzeitlicher Bilder eines zeigt: Sie war schon immer den Nöten der jeweiligen Zeit geschuldet und auf die Abwehr unterschiedlicher 'feindlicher Mächte' ausgerichtet. Im Mittelpunkt des vorliegenden Essays steht als Schlüsselfigur die apokalyptische Himmelsfrau des neutestamentlichen Sehers Johannes und ihre Deutung: Von der epochalen Kunst Albrecht Dürers, über Aufklärung und Evangelikale bis hin zur aktuellen Erfahrung eines Umbruchs der Zeit. Überraschen und zugleich herausfordern dürfte die neue, entmystifizierte Deutung im Kontext der Offenbarung des Bab (1819-50), der 1844 die Bahai-Religion eröffnete: Apokalypse als Zukunftschance.

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Information

Jahr
2019
ISBN drucken
9783748117940
eBook-ISBN:
9783749416769
Szenenwechsel:
Zur Endzeit in der Offenbarung des Báb
Religiöse Prophezeiungen als Vorhersagen haben immer etwas Ungewisses und Nebelhaftes an sich. Sie werfen meist mehr Fragen auf, als sie Antworten geben. Denn letztliche Gewissheit kann nur über vergangenes Geschehen gewonnen werden. So ist die Bahá’í-Deutung der apokalyptischen Frau am Himmel auch keine weitere Prophezeiung auf zukünftige Geschehnisse hin, vielmehr ist sie eine Deutung von bereits historisch Geschehenem.53
Diese Deutung lädt dazu ein, einen Schlussstrich unter das Jahrtausend-Phänomen von Apokalypse und Endzeit zu setzen. Hierzu ist ein Szenenwechsel des Schauplatzes in das schiitisch-islamische Persien des 19. Jahrhunderts notwendig.54 Das mag all jene überraschen, die bisher davon ausgingen, dass sich die Offenbarung des Johannes ausschließlich auf Geschehnisse in der christlich-jüdischen Welt bezieht.
Zunächst zu den historischen Ereignissen in Persien: Während der Westen in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine Epoche umwälzender wissenschaftlicher, technischer-industrieller, ökonomischer und politischer Neuerungen erlebte, steckte Persien in einer Zeit der tiefen Krise und des Verfalls. Die weltliche Herrschaft unter der Dynastie der Kadscharen55 war aufgrund ihrer dekadenten und korrupten Willkürherrschaft beim Volk verhasst. Die schiitischen Religionsgelehrten waren nur noch dem Namen nach am Wohl der Bevölkerung interessiert. Diese „geistlichen Herrscher“ konkurrierten mit den korrupten weltlichen Herrschern um einen möglichst großen eigenen Anteil an Macht und Geld. Sie nutzten jede Gelegenheit, die verhasste Dynastie mit ihrer Duldung zu erpressen.
In diese Epoche gehörten auch Erwartungs- und Erweckungsbewegungen im schiitischen Islam – beinahe zeitgleich mit den Endzeiterwartungen in der christlichen Welt. In der in Persien seit dem frühen 16. Jahrhundert vorherrschenden Konfession der Zwölferschiiten56 konzentrierte sich diese Erwartung auf einen Zwölften Imam, auch Mahdi57 genannt. Man muss wissen, dass die Imame als direkte Nachkommen Mohammads für die Schiiten die einzige legitime Herrschaft in weltlicher wie auch geistlicher Hinsicht darstellen. Der im Jahr 260 n. d. H. (873 n. Chr.) verstorbene elfte und vorerst letzte Imam mit Namen Hasan verblieb offenbar kinderlos. Es setzte sich aber die Meinung durch, dass er doch noch einen Sohn bekam, der in die Verborgenheit entrückt worden sei und erst nach seiner Wiederkunft die Macht übernehmen und einen Gottesstaat errichten würde. Hier setzte die über Persien hinaus verbreitete und einflussreiche Shaykhi-Bewegung an, die auf den gelehrten islamischen Theologen Shaykh Ahmad al-Ahsa’i zurückgeht. Dieser hatte bereits in den Jahrzehnten zuvor das Kommen des verheißenen Mahdi in unmittelbarer Zukunft verkündet und gemäß Überlieferungen das Jahr 1260 n. d. H. (1844 n. Chr.) errechnet.58
In der Tat verkündete am 23. Mai 1844 in der persischen Stadt Schiras ein junger Kaufmann, Siyyid Alí-Muhammad (1819-50), der sich selbst als der Báb bezeichnete, dass nunmehr die Verheißung in Erfüllung gegangen sei. Das Erscheinen des Báb und sein Anspruch, den Islam gänzlich zu erneuern, verbreitete sich wie ein Lauffeuer über ganz Persien. Seine Botschaft fand Zuspruch bei Tausenden von Anhängern, darunter auch zahlreiche Religionsgelehrte. Die Bewegung nahm innerhalb weniger Jahre ein Ausmaß „apokalyptischen“ Umfangs an, sodass bei den Herrschenden revolutionäre Befürchtungen aufkamen.
Der Báb erteilte den im Islam herrschenden Vorstellungen über Auferstehung und Gericht eine Absage. Er erhob die Forderung nach allgemeiner Bildung und Gleichberechtigung von Mann und Frau als einzig annehmbares Mittel gegen den verbreiteten Aberglauben, die Rückschrittlichkeit der Gesellschaft und die überall sichtbare Korruption. Schließlich forderte der Báb die Entmachtung der Mullahs, die sich bereits seit Jahrhunderten jeglichem Fortschritt in den Weg stellten.
Eine blutige Gegenreaktion war die Folge, da die Herrschenden ihre Macht nun ernsthaft bedroht sahen. Sie ließen den Báb gefangen nehmen und 1850 in der Stadt Täbris durch ein ganzes Regiment öffentlich hinrichten. Mit ihm wurde der größte Teil seiner Anhängerschaft in den Folgejahren zum Teil öffentlich und unter grausamsten Umständen umgebracht. Die Weigerung der islamischen Geistlichen, die Gelegenheit für eine tief greifende, überfällige Erneuerung ihrer Religion zu ergreifen, war offensichtlich. Sie lieferte mit dem befürchteten Machtverlust den Hauptgrund für den schier unlösbaren Verfolgungsdruck, dem die Bahá’í in der Frühzeit ihres Glaubens ausgesetzt waren. Damit entstand auch die theologische Grundlage für die heutige Verfolgung in der Islamischen Republik Iran, wenngleich unter anderen Rahmenbedingungen.59
Der Báb wurde von seinen Anhängern zunächst für den erwarteten Mahdi gehalten. Sein eigener Anspruch war jedoch ein anderer als der eines zu erwarteten Vereinigers weltlicher und geistlicher Herrschaft.60 Er sah sich als Selbstoffenbarung Gottes und zugleich Wegbereiter oder Tor zu einer zeitlich sehr nahen, weiteren Selbstoffenbarung Gottes in Bahá’u’lláh (dt. „Herrlichkeit Gottes“, 1817-92).61
Dieser war zunächst ein Anhänger des Báb, und als solcher wurde er auch in Teheran in Kerkerhaft genommen. Noch ein-gekerkert hatte er 1853 sein entscheidendes Offenbarungserlebnis, bevor er nach Bagdad außer Landes verbannt wurde.
Während der Báb seine Offenbarung an die Menschen Persiens gerichtet hatte, wandte sich Bahá’u’lláh mit seiner ersten öffentlichen Verkündigung im Jahr 1863 an die ganze Menschheit.62 Zentrales Thema dieser Verkündigung ist die Einheit Gottes als gemeinsame Quelle aller Religionen und die Einheit der Menschheit als nächste Stufe der Menschheitsentwicklung. In ihr verwirklicht sich nach und nach die Vision der ganzen Menschheit als ein einziger Organismus. Die Botschaft Bahá’u’lláhs verbindet dabei den Anspruch einer selbstständigen Offenbarungsreligion für alle Menschen mit der Erfüllung der Erwartungen vorausgehender Religionen. So sieht sich die Bahá’í-Religion auch als eigenständig gegenüber dem Islam, wenngleich sie im schiitisch-islamischen Persien ihre unmittelbaren Wurzeln hat.
Die Religionen der Menschheit sind nach den Lehren Bahá’u’lláhs in eine fortschreitende Selbstoffenbarung Gottes eingebunden, die periodisch einer Erneuerung bedarf. Die Entwicklung der Menschheit wird dabei als ein im Diesseits fortschreitender Prozess gesehen. Dieser soll in Richtung einer weltumspannenden Kultur, der Verwirklichung weltweiter sozialer Gerechtigkeit und eines dauerhaften Weltfriedens zeigen. Eng damit verbunden ist die theologische Vorstellung, dass die Welt nicht Schauplatz eines ewigen Streits zwischen Gut und Böse oder Gott und einem Satan ist.63
Diese nach christlicher Lehre vorherrschende dualistische Weltsicht wird dadurch aufgehoben, dass das Böse keine eigene Existenz hat und als Mangel an Gutem interpretiert wird.64 Der Mangel kann nur durch Erhellung – den Erwerb von Wissen und Bildung – behoben werden. Das Satanische wird damit zur Allegorie für einen Mangel an Gutem und keinesfalls zu einer herrschenden, real existierenden Macht in der Menschheitsentwicklung.
Vor dem Hintergrund des Anspruchs des Báb und Bahá’u’lláhs als Selbstoffenbarungen Gottes deutet ‘Abdu’l-Bahá (1844-1921), der Sohn Bahá’u’lláhs und von ihm autorisierter Ausleger seiner Schriften, auch die apokalyptische Frau am Himmel in der Offenbarung des Johannes.
Vorweg ist die Frage berechtigt, warum in den Bahá’í-Schriften überhaupt ein ausführlicher Bezug auf biblische Quellen über das Wirken Jesu, die Frage seiner Wiederkunft und die apokalyptischen Vorstellungen sowohl im Alten als auch Neuen Testament genommen wird. Der Schlüssel dazu ist in der bereits genannten Vorstellung zu suchen, dass die Religionen der Menschheit insgesamt einen fortschreitenden
Prozess der Selbstoffenbarung Gottes darstellen. Zwischen den drei abrahamischen Religionen Judentum, Christentum und Islam liegt der gegenseitige Bezug dabei auf der Hand. Gegenüber der Bahá’í-Religion wird er von der Religionswissenschaft eher stiefmütterlich wahrgenommen.
Über seine zentralen Schriften hinaus hat sich Bahá’u’lláh in zwei Sendbriefen auch an in Persien lebende Christen seiner Zeit gewandt.65 Hierzu schreibt der Religionswissenschaftler Manfred Hutter:
„Die Übernahme von Motiven des Alten und Neuen Testaments in den beiden an die Christen gewidmeten Schriften ist daher keineswegs nur an den Adressaten orientiert, sondern in der Überzeugung Bahá’u’lláhs begründet, dass die in der Bibel zugängliche Offenbarung Gottes unveränderlich ist.“66
Auch hierin unterscheidet sich das Bahá’í-Schrifttum deutlich von der verbreiteten islamischen Sichtweise einer Verfälschung des biblischen Textes.67 Bahá’u’lláh bestätigt den Wahrheitsgehalt der Bibel, vollzieht aber in Bezug auf religiöse Konzepte wie Endzeit, Wiederkunft, Auferstehung und verwandte Themen allegorische, entmystifizierte Deutungen. Die Wahrheit der Offenbarung erreicht die Menschen gemäß ihrem Verständnis und den Nöten der Zeit, in der sie leben.
Dies erklärt den ausführlichen Bezug ‘Abdu’l-Bahás auf die Endzeitprophetie im Matthäus-Evangelium und in der Offenbarung des Johannes – allerdings über einen Szenenwechsel, der über den geschichtlichen Horizont des Islam in den der Bahá’í-Religion übergeht. In Beantwortete Fragen, einer Zusammenstellung verschiedener Reden, deutet ‘Abdu’l-Bahá das Erscheinen der Offenbarung des Báb – nicht seiner Person – als Erfüllung der Vision des Johannes über die apokalyptische Himmelsfrau.68 Sie wird stellvertretend für das göttliche Gesetz und die ewige Offenbarung Gottes gesehen, die sich vorausgehend in Mohammad manifestierte und damit in den Kontext der islamischen Geschichte verortet war. In diesen Kontext ist laut ‘Abdu’l-Bahá die Allegorie des Drachens als historischer Kampf zwischen der Omaijaden-Herrschaft der Kalifen und der Herrschaft der Imame, den direkten Nachkommen Mohammads, eingebettet.69
Um es vorwegzunehmen: Die Deutung mit Bezug auf die Bahá’í-Offenbarung ist kein weiterer prophetischer Akt, denn der Zeitpunkt dieser Deutung durch ‘Abdu’l-Bahá – in den Jahren 190...

Inhaltsverzeichnis

  1. Widmung
  2. Inhaltsverzeichnis
  3. Über dieses Buch
  4. Vorbemerkungen
  5. Vom „Anfang“ und vom „Ende“
  6. Die apokalyptische Frau am Himmel
  7. Die Himmelsfrau in der Kunst
  8. Reformation und danach
  9. Joachim von Fiore: Seher des „Dritten Zeitalters“
  10. Newtons Dilemma von Endzeit und Physik
  11. Endzeit vom 19. ins 20. Jahrhundert
  12. Lieber ein Himmelreich auf Erden?
  13. Szenenwechsel: Zur Endzeit in der Offenbarung des Báb
  14. Und die weitere Zukunft?
  15. Über den Autor
  16. Danksagung
  17. Bildnachweis
  18. Impressum

Häufig gestellte Fragen

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