Helga Mladek wurde 1937 in Hamburg geboren. Sie besuchte dort die Schule, absolvierte in der Stadt an der Elbe ihre Lehrzeit und arbeitete in einem großen norddeutschen Unternehmen in der Verwaltung. Heute wohnt Helga Mladek in der mecklenburgischen Schweiz und schreibt Kurzgeschichten, Kriminalromane und Gedichte. Die literarischen Versuche der Autorin wurden für den Hörfunk bearbeitet und über den NB-Radiotreff 88, 0 ausgestrahlt. Das neueste Buch heißt "Angedacht" und beinhaltet wiederum Kurzgeschichten und Gedichte voller Überlieferung, Verbundenheit, Erinnerung und Heimlichkeit. Illustriert wurde dieses Buch von Frank Doll. Also ein Lese-, Guck-, Such-, Bilder und Rumblätterbuch für Jedermann.

- 124 Seiten
- German
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eBook - ePub
Angedacht
Über dieses Buch
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Information
Erinnerung
Im Fernsehen gibt es oft Kriegserinnerungen und auch über den Hungerwinter wurde berichtet.
Bislang habe ich es immer vermieden, diese Dinge anzusehen. Ich war zwar Kind, doch viele Dinge sind noch gespeichert.
Als mein Mann und ich unsere erste Wohnung hatten, war auf dem Nachbargrundstück eine Firma, wo jeden Mittag die Sirenen heulten. Ich habe ziemlich lange gebraucht, nicht mehr zu erschrecken.
Wir waren wegen der Bomben über Hamburg viel evakuiert.
Wenn wir in Hamburg waren, ging es oft – meistens nachts – in den Bunker.
In aller Eile trugen mein Vater und meine Mutter den Kinderwagen mit meinem Brüderchen vom dritten Stock runter und wir rannten zum Hochbunker, der zwei Straßen weiter war.
Die Sirenen heulten und die Bunker-Flak schoss.
Mein Vater ging nicht mit in den Bunker. Er blieb immer zu Hause, warum, weiß ich nicht. Doch dadurch wurde unser Haus gerettet.
Im Nachbarhaus hatte eine Brandbombe eingeschlagen. Ein Nachbar war auch zu Hause geblieben und beide passten auf, dass die Flammen nicht rüber schlugen.
Der Nachbar, der bei einer Eisengießerei beschäftigt war, konnte nahe an die Flammen gehen. Er konnte die Hitze besser vertragen. So brannte zwar das Nachbarhaus ab, doch unser Haus blieb stehen.
Aber, wie gesagt, meistens waren wir unterwegs.
Zuerst in Heiligenblut, in Bayern. Das war noch ohne meinen Bruder. Er wurde in Radeberg in Sachsen geboren.
Ich war fünf Jahre alt, als die Bombardierungen 1942/1943 in Hamburg ihren Höhepunkt erreichten. Ich wurde nach Bayern in einen kleinen Ort nahe Simbach an der Isar kinderlandverschickt. Es war ein für sich gelegener Bauernhof am Hang.
Da ich noch nicht schreiben konnte, sagte meine Mutter: „Wenn ich dich abholen soll, weil du Heimweh hast, sende mir eine Postkarte, wo du einen Zug drauf gemalt hast.“
In der ersten Zeit hat meine Mutter etliche Postkarten mit einem Zug bekommen.
Die Pflegeeltern, in einem mittleren Alter, waren sehr nett und es war noch eine Tochter von neunzehn Jahren dort.
Ungewohnt war auch, dass zum Essen ein großer Topf oder eine Pfanne auf den Tisch gestellt wurde. Jeder bekam ein Besteck und los ging es gemeinsam.
Zuerst hatte ich ein eigenes Gedeck, doch dann wollte ich auch so essen wie sie.
Oft gab es Maultaschen, die sehr gut schmeckten.
Da man katholisch war, brachte man mir das Beten bei und ging mit mir am Sonntag zu dem Kirchlein, was weiter oben mit dem Friedhof am Berg gelegen war.
Später ging ich allein. Die Eltern fuhren mit der Tochter mit der Pferdekutsche nach Simbach in die Kirche.
Weil ich Kaninchen so niedlich fand, bekam ich zwei und besorgte ihnen das Futter auf den Wiesen. Auch Kühe habe ich gehütet.
Nun aber sollte ich zur Schule gehen. Natürlich in Simbach, was ein ziemlich weiter Fußweg war, vor allem, wenn das Wetter schlecht war.
Die verschiedenen Jahrgänge waren in einer Klasse. Ganz vorn saß die erste Klasse.
Gelernt wurde zuerst Druckschrift.
Auf halber Strecke nach Simbach war ein Haus, wo eine Großfamilie mit etlichen Jungen wohnte.
Ging ich vorbei, riefen sie immer „Ketzer“ hinter mir her. So nahm ich noch einen Umweg in Kauf, um dort nicht vorbei zu müssen.
Mein Pflegevater hatte auf dem langgestreckten Hausbalkon Bienen. In dem Gästezimmer gab es einen Schrank, wo alle Gläser mit dem goldgelben Honig standen. Er nahm mich öfter mit und ich bekam einen Löffel vom guten Honig.
Er sagte dann immer: „Das sage aber der Mutter nicht.“
Umgekehrt hatte die Mutter Schubladen, wo sie Trockenobst aufbewahrte.
Auch da bekam ich etwas von, mit dem Hinweis, es nicht dem Vater zu sagen.
Ich habe immer geschlemmt und geschwiegen.
In der Adventszeit kam der Krampus.
Jungen verkleideten sich und rasselten mit Ketten. Ich hatte Angst und musste ein Gebet aufsagen. Auf der Treppe im Haus stand dann eine große Schüssel mit Keksen, Obst und obendrauf eine hübsche Kapuze für mich.
Mit dem Kuchenbacken hatten sie es nicht so.
Zum Geburtstag hatte ich mir einen Puffer, wie man in Hamburg sagt, gewünscht – einen Gugelhupf.
Er sah sehr schön goldgelb aus. Geschmeckt hat er wie Seife.
Die Nachrichten aus Hamburg waren so, dass man dachte, alles ist zerstört.
So hatten die Pflegeeltern schon angenommen, dass ich bei ihnen aufwachsen würde.
Doch dann meldete sich meine Mutter. Sie war inzwischen mit meinem Babybruder, ihrer Schwester mit Sohn in meinem Alter und Oma
nach Pirna bei Dresden evakuiert worden. Es war vor Weihnachten. Mein Vater, der in Hamburg die Stellung hielt, wollte auch nach Pirna kommen und so wollte meine Mutter auch mich wiederhaben.
Mein Brüderchen blieb bei meiner Tante und meine Mutter nahm meinen Cousin mit auf die Reise.
Untergebracht wurden sie in dem Gästezimmer mit einem gewaltigen großen Bett mit dicken Federbetten. Es war so hoch, dass man einen Schemel für den Einstieg bereitgestellt hatte. Mein Cousin nannte es „Wehrmachtsauto“.
Ich hatte mir in der Schule Läuse geholt. Das sollte meine Mutter nicht wissen. Die Pflegemutter machte mir abends eine so genannte Läusekappe. Doch sie hatte nicht damit gerechnet, dass ich stracks zu meiner Mutter lief. So kam es natürlich ans Licht.
Es kam der Abschied – einerseits traurig, andererseits schön.
Auf der Rückfahrt mussten wir mehrmals umsteigen. Ich erinnere mich noch an einen endlos langen Bahnsteig, wo wir auf den Zug warteten.
Wir hatten etliches an Heißgetränken getrunken. So musste ich zum Klo, also den langen Bahnsteig entlang, wo sich der Ort befand.
Als dieses erledigt war, dauerte es nicht lange, dann musste mein Cousin.
So ging es immer hin und her.
Meine Mutter erfand den Spruch: „Ach, wenn ich wüüsste, wie man Champagner püüsste, dann würde ich laufen und mir einen Püüsspott kaufen.“
Nach einer kurzen Zeit in Hamburg ging es nach Niedersachsen auf einen Bauernhof in einem kleinen Wendendorf.
Mit der Bahn fuhren wir nach Dannenberg und von dort wurden wir mit einem Laster abgeholt, denn jeder hatte etliches Zeug mitgebracht, meine Mutter auch ihre Nähmaschine. „Dieses Mal“, meinte meine Mutter, „kommen wir sicher in eine Villa“, und sie hatte tatsächlich recht.
Das erste Haus war eine Villa und meine Mutter mit uns Kindern und der Oma wurden abgeladen.
Die hochschwangere Schwester meiner Mutter, mit Sohn, kam zuerst in der Gaststätte und später im Nachbarhof unter.
Die erste Zeit war schön, man spürte den Krieg kaum.
Mein Cousin und ich wurden eingeschult. Wir hatten einen ziemlich weiten Weg zum nächsten Ort.
Meine Mutter half der Bauersfrau, deren Mann im Krieg war.
Sie hatte eine Tochter und außerdem arbeiteten noch drei Gefangene auf dem Hof, André und Johann, zwei Franzosen, sowie Bronka aus der Ukraine. ...
Inhaltsverzeichnis
- Inhaltsverzeichnis
- Naturchaos
- Eselei
- Es weihnachtet
- Herbst
- Winter
- Die Tür
- Urlaub in der Kaschubei im Mai
- Stille
- Die Glocke
- Klara und Hugo
- Küchen
- Freundschaften
- Gedanken zum Glauben
- Ja, ja, die Liebe!
- Wichteltraum
- Jedem das Seine
- Der Kurzzeitbruder
- Mein Bruder
- Vergänglichkeit
- Lotterie-Träume
- Verschiedene Gedanken
- Der Tag
- Lieber Besuch
- Was machen Osterhasen nach Ostern?
- Verliebt ins Land
- Frühling?
- Erinnerung
- 1952 – Konfirmation und Lehre
- Waldleben
- Jahreszeiten
- Begegnungen
- Weihnachten 2014
- Impressum
Häufig gestellte Fragen
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