Haben wir alle denselben Gott?
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Haben wir alle denselben Gott?

Zum Gott der hebräischen Bibel, Jesu und des Korans

  1. 88 Seiten
  2. German
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Haben wir alle denselben Gott?

Zum Gott der hebräischen Bibel, Jesu und des Korans

Über dieses Buch

Judentum, Christentum und Islam werden bei uns unter dem Begriff der "monotheistischen Religionen" zusammengeführt. Das erweckt den Eindruck, dass der eine Gott, auf den sich alle drei beziehen, auch derselbe Gott sei. Doch macht der Verfasser deutlich, dass sich die Gottesvorstellungen der drei monotheistischen Religionen erheblich voneinander unterscheiden. Auch zeigt er, wie die monotheistische Gottesvorstellung erst in der jüngsten Phase der Religionsgeschichte entstanden ist und nur eine späte Endform im vorneuzeitlichen Weltverständnis darstellt. Er dokumentiert die Gemeinsamkeiten, aber auch die gravierenden Unterschiede, die zwischen dem Gottesverständnis der hebräischen Bibel, Jesu und des Korans bestehen. Die informative Schrift liefert die notwendige realistische Grundlage für den anstehenden interreligiösen Dialog, der nicht von Wunschbildern, sondern von Fakten ausgeht, und auch nicht das offizielle Konsenspathos zelebriert, sondern Klärung und Verständigung für ein friedliches Miteinander sucht.

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Information

Jahr
2016
ISBN drucken
9783741266362
eBook-ISBN:
9783741268748

1 Gott – ein „Spätling“ in der Religionsgeschichte

1.1 Die biologischen Voraussetzungen für Religion und Gott

Religion hat nur der Mensch. Bei keinem Tier konnten jemals religiöse Äußerungen beobachtet werden. Wenn das so ist, dann müssen wir nach jenen Besonderheiten des Menschseins fragen, die Religion möglich oder gar notwendig machen.
Nach heutigem Wissensstand hat sich vor etwa 7 Millionen Jahren in Afrika vom Urschimpansen eine Entwicklungslinie abgespalten, aus der vor etwa 2,5 Millionen Jahren der erste echte Mensch (homo erectus) hervorgegangen ist. Daraus entstand in Ostafrika vor etwa 200.000 Jahren die Gattung „homo sapiens“, der moderne Mensch, der vor etwa 45.000 Jahren auch nach Europa gelangte und heute den gesamten Erdball besiedelt.
Die Tiere sind durch ihre Instinkte von Geburt an auf ihre Umwelt perfekt abgestimmt, damit aber zugleich in ihrem Verhalten festgelegt. Diese Instinktausstattung fehlt dem Menschen. Die Fähigkeit, in seiner Welt zu überleben, die das Tier schon bei seiner Geburt besitzt, muss sich der Mensch in vielen Jahren von Kindheit und Jugend erst lernend erwerben. Dafür ist er biologisch mit einem Hirnvolumen ausgestattet, das dreieinhalbmal so groß wie beim Schimpansen ist, und mit der Fähigkeit zur Lautsprache, mit deren Hilfe er sich seine Welt erschließen und die Vorstellungen über das Geschehen in der Welt austauschen kann. Die Sprache ermöglicht es ihm, sich als einziges Lebewesen seiner selbst bewusst zu werden und sich zu den ihm begegnenden Dingen und Ereignissen ins Verhältnis zu setzen.
Den Aufbau des menschlichen Gehirns, der Sprache erst möglich macht, hat der Hirnforscher Paul D. Mc Lean (Gassen 26-39) in einem vereinfachten Modell als einen Verbund von drei Hirnteilen veranschaulicht. Den entwicklungsgeschichtlich ältesten Hirnteil nennt er „Reptiliengehirn“. Es umfasst das Stammhirn und Teile des Zwischenhirns und reguliert alle unbewusst ablaufenden lebensnotwendigen Vorgänge der vegetativen Systeme wie Atmung, Blutkreislauf, Biorhythmen, immunbiologische Reaktionen, Haushalt von Wärme, Flüssigkeit und Nahrung, Reflexe, Instinkte, Triebe und alle Erregungszustände. Das „limbische System“ umschließt das Reptiliengehirn. Im limbischen System erleben wir Emotionen als Stimmungen und als Körpergefühle. Es sorgt dafür, dass unser Ausdrucksverhalten unseren Emotionen entspricht und organisiert unser Gedächtnis. Die jüngste Hirnebene ist die „Großhirnrinde“, die das limbische System und das Reptilienhirn umschließt. Das Großhirn steuert alle willkürlichen Bewegungen, nimmt Sinnesreize bewusst wahr und verarbeitet sie. Es ist für die komplexen kognitiven Leistungen wie Sprechen und Denken zuständig. Die Hirnteile sind auf vielfache Weise miteinander vernetzt und ermöglichen es, dass der Mensch sich seiner selbst und seines Verhältnisses zur Umwelt bewusst werden kann. Wir wissen nicht, seit wann der Mensch alle anatomischen entsprechenden Voraussetzungen für die Sprache hatte (die Hirnareale und ihre Verbindungen, den gesenkten Kehlkopf und den nötigen Rachenraum für die Lautbildung und die Nervenverbindungen zur Atemmuskulatur). Da sich die genetische Ausstattung des homo sapiens bis heute nur unwesentlich verändert hat, kann man davon ausgehen, dass die Religionsgeschichte der Menschheit mit dem homo sapiens vor 200.000 Jahren begonnen hat.

1.2 Der Mensch muss die Welt deuten

Da beim Menschen – im Unterschied zum Tier – das Verhältnis zur Welt nicht mehr durch Instinkte geregelt wird, muss er sich durch Erfahrungslernen von Geburt an aktiv darum bemühen, die Vorgänge in seiner Umwelt zu verstehen und sich so darauf einzustellen, dass er und seine Gemeinschaft darin überleben können. Die Art und Weise, wie das Geschehen in der Welt gedeutet wird, bildet sich schon in den ersten Begegnungen des Neugeborenen mit der Welt, nämlich im Zusammenspiel mit der Mutter/Bezugsperson heraus. Der Säugling erfährt Welt in der Gestalt eines handelnden Wesens, das Hunger und Durst stillt, das Wärme und Geborgenheit gibt, das Wohlbefinden schafft und Störendes beseitigt. Diese Ereignisse werden als etwas erlebt, das von einem handelnden Subjekt bewirkt wird. Nach diesem Modell, wonach hinter jedem Vorgang ein handlungsfähiges Subjekt am Werke ist, das den Vorgang bewirkt, wird nun alles gedeutet, was geschieht. Diese Art des Weltverstehens, die in allen frühen Kulturen anzutreffen ist, bezeichnet man als das „subjektivische Paradigma“, weil man in oder hinter allem, was geschieht, zielgerichtet handelnde Subjekte (Verursacher) annimmt. Menschen hören den Donner und sehen den Blitz. Wer verursacht diese bedrohlichen Ereignisse? Sie erfahren Regen und Sturm, Hitze, Eis und Kälte. Wer führt das herbei? Hier müssen mächtige Wesen wirken, die all das in Gang setzen und Werden und Vergehen, Tag und Nacht, den Wechsel von Licht und Finsternis in Gang halten. Bedrohliche Ereignisse möchte der Mensch möglichst abwehren, wünschenswerte möchte er in seinem Sinne herbeiführen. Das ist in diesem Weltverständnis nur zu erreichen, indem man auf die Verursacher dieser Ereignisse einwirkt, und zwar durch kultische Handlungen wie Tänze, Beschwörungen, kollektive Bitten, Opfergaben aller Art u.a.

1.3 Die Vielfalt der Verursacher

In den frühen Kulturen wurden für die Verursacher der Naturereignisse die unterschiedlichsten Vorstellungen entwickelt: unsichtbare Wesenheiten, Geister, Dämonen, fratzenhaft, tiergestaltig, monsterartig. In unserem Kulturkreis nahmen die verursachenden Mächte hinter allem Geschehen erstmalig in den Hochkulturen des Zweistromlandes seit etwa 5.000 v. Chr. in Göttern menschenartige Gestalt an. Der Gedanke, dass hinter allem, was ist und geschieht, nur ein einziger Verursacher, steht, nämlich ein einziger Gott, wurde erstmals um 500 v. Chr. von Israels Propheten formuliert. Trägt man die Menschheitsgeschichte, die vor 2,5 Millionen Jahren begann, auf ein Zehn-Meter-Band auf, so beginnt die Religionsgeschichte bei Meter 9. Die Götter erscheinen bei etwa 9.97 m und der eine und einzige Gott bei 9.99 m. Das ist das letzte Tausendstel der Menschheitsgeschichte und das letzte Hundertstel der Religionsgeschichte. Die Konzentration aller Verursachersubjekte in einem einzigen Allverursacher und Alleinverursacher ist die konsequenteste Deutungsmöglichkeit von Welt innerhalb eines personal gedachten subjektivischen Paradigmas/Weltverständnisses. Es sei hier lediglich angemerkt, dass etwa zeitgleich zum monotheistischen Weltverständnis der Juden in Griechenland ein nichtpersonales monistisches Weltverständnis entstanden ist.

2 Der Gott der hebräischen Bibel

2.1 Vom Jahwe des Sinai zum Staatsgott von Israel (14. – 9. Jh. v. Chr.)

Über die Geschichte und den Charakter des Gottes Jahwe (JHWH) wissen wir nichts. Der Gottesberg, auf dem Jahwe verehrt wurde, lag im nordarabischen Bereich. Die Namen Sinai oder Horeb sind erst spätere Zuschreibungen. Zu erschließen ist nur, dass ein Stamm oder eine Gruppe von jenen Stämmen, die später in den Stämmeverband Israel eingegangen sind, den Gott Jahwe auf ihren Wanderungen kennengelernt hatten. Diese Leute gehörten zu denen, die auch am ägyptischen Exodus-Erlebnis teilgenommen und Jahwe als einen Gott erlebt hatten, der sie auf den Weg in das gelobte Land schützend begleitete. Sie sind wie andere Halbnomandenststämme in den Jahrhunderten schon vor 1200 v. Chr. friedlich in die Freiräume Palästinas eingewandert und haben sich hier mit anderen Stämmen (12 ist eine symbolische Zahl) zu einem Stämmeverband („Israel“) zusammengeschlossen. Der Name „Israel“ wird zum ersten Mal 1220 v.Chr. erwähnt.
An Jahwe, den die eine Gruppe als Beschützer auf dem Weg durch die Wüste verstanden, lagerten auch andere Gruppen ihre geschichtlichen Erfahrungen an. So wurde Jahwe zugleich als der Gott verstanden, der das Volk aus der ägyptischen Gefangenschaft befreit hatte, der es durch das Schilfmeer geführt und der ihm das Land Kanaan verheißen hatte. Diese Beiträge zum Verständnis Jahwes wurden zu einem gemeinsamen Gott der Stammesgemeinschaft zusammengebunden. Das erzeugte eine gemeinsame kollektive Erinnerung, eine übergreifende Dankbarkeit und schuf die Basis für eine einheitliche kultische Gottesverehrung. Die Erzählung vom Bundesschluss Jahwes mit seinem Volk am Sinai wird erstmals in 2 Mose 34,10a erwähnt, und zwar in einem Text, der aus der Mitte des 10. Jahrhunderts stammt. Das ist die Zeit des Großreiches Israel unter den Königen David und Salomo. Diese Erzähltradition, die das Exklusivverhältnis zwischen Jahwe und dem Volk Israel zum Ausdruck bringt, ist demnach erst nachträglich in die Sinai-Begegnung vordatiert und so mit der Ursprungserzählung verbunden worden. Sie hält auch fest, dass dieser Gottesbund kein Vertrag zwischen gleichen Partnern war, sondern in seinen Inhalten, Bedingungen und Verpflichtungen des Volkes einseitig von Jahwe gesetzt wurde.
Als staatliche Größe wird Israel erst fassbar, als die Stämme des Nordens und des Südens um 1000 v. Chr. von David in einem politischen Staatsgebilde zusammengeführt wurden. David eroberte das Gebiet zwischen den nördlichen und südlichen Stämmen, das bis dahin den Jebusitern gehörte, und machte das dabei gewonnene Jerusalem, das gleichsam auf neutralem Gebiet lag, zur Hauptstadt seines Reiches und zum Zentrum des Jahwekultes. Aus dem ehemaligen Bergnumen Jahwe war ein Stammesgott und der Gott eines Stämmeverbandes und nun der Staatsgott Israels geworden. Vor dem Hintergrund einer bereits 300jährigen Geschichte der Deutungen Jahwes lässt sich für die Zeit des davidisch-salomonischen Großreichs (um 1000 bis 926 v. Chr.) ein Vergleich zwischen dem Verständnis der kanaanäischen Baalim und Israels Jahwe skizzieren.
  1. Die Völker in Israels Umfeld verehrten ihre Baale. Israel hingegen hatte nur einen Gott und verehrte auch nur diesen einen Gott, nämlich Jahwe. Jahwe stand nicht über den Baalim und den Göttern der anderen Völker, sondern hatte den gleichen Status wie diese. Israels Besonderheit war der Ein-Gott-Glaube. Das ist noch kein Monotheismus, sondern nur eine Variante des Polytheismus. Denn die Existenz und die Macht der anderen Götter als Götter wird nicht bestritten.
  2. Die Baalim sind als Naturgottheiten ortsgebunden. Sie wohnen an herausgehobenen Stellen und wirken in ihrem Umfeld. Man verehrt sie, wenn man sich im Be...

Inhaltsverzeichnis

  1. Inhaltsverzeichnis
  2. Zur Einführung
  3. 1. Gott – ein „Spätling“ in der Religionsgeschichte
  4. 2. Der Gott der hebräischen Bibel
  5. 3. Der Gott Jesu
  6. 4. Der Gott des Korans
  7. 5. Auswertung
  8. 6. Schritt in die Gegenwart
  9. Eine Erinnerung
  10. Ein Nachwort,
  11. Zitierte Literatur
  12. Weitere Veröffentlichungen des Verfassers
  13. Impressum

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