Sozialwirtschaft
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Sozialwirtschaft

  1. 232 Seiten
  2. German
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Sozialwirtschaft

Über dieses Buch

An vielen Hochschulen werden mittlerweile Studiengänge in "Sozialwirtschaft" angeboten. Absolventen dieser Studiengänge arbeiten in sozialen Bereichen und verfügen sowohl über betriebswirtschaftliches, rechtliches als auch über psychologisches Wissen. Vor allem aber soziologische Kompetenzbereiche werden durch derartige Studiengänge angesprochen. Welches praxisrelevante Wissen kann und muss von der Soziologie vermittelt werden und welche Methodenkenntnisse sind im Bereich der Sozialwirtschaft wichtig? Diese und weitere Fragen werden in diesem Sammelband thematisiert.

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Information

Kann die Sozialwirtschaft als ein “practice approach” der Soziologie im Bourdieu’schen Sinne gelten? Eine Gegenwartsdiagnose des „Sozialen“

Alexander Th. Carey

Mit der Reformierung der Arbeitsverwaltung in Deutschland („Agenda 2010“), seit den frühen 2000er Jahren, versucht der Staat seine Vorstellungen von einem „verantwortlichen“ Bürger, der Sozialleistungen konsumieren „möchte“, in Deutschland über die Gesetzesvorhaben und in der praktischen Umsetzung dieser zu realisieren. Als Begriff wurde hierzu der sog. „Aktivierende Staat“ geprägt, der den Erwerbslosen über ein besonderes Fallmanagement der Verwaltung zu eigenen persönlichen Anstrengungen antreibt und damit dieser schneller in den primären Arbeitsmarkt „zurückfindet“. Dieser angeblich neue Fokus in den Sozialverwaltungen, der in seinen frühesten Formen bereits in den 1990er Jahren zu beobachten war („New Public Management“), wurde interpretiert und tituliert als „Umbau des Sozialstaats“ bzw. als „Ökonomisierung Sozialer Arbeit“.4 Aus Sicht einiger Soziologen wird dieser Prozess als „Neu-Erfindung des Sozialen“ oder als das „Neo-Soziale“ beschrieben.5 Sollte diese Diagnose zutreffen, dann müssten Einrichtungen der Sozialwirtschaft, die ja das „Soziale“ als Produkt nicht nur seit gestern anbieten, ebenfalls einem „Zwang“ unterliegen, das „soziale Produkt“ neu zu erfinden. Und wenn dem so ist, welchen Anteil hat die soziologische Disziplin, die das „Soziale“ zum Forschungsgegenstand hat, als qualifizierende Vorbereitung hierbei? Oder anders formuliert: Kann die Sozialwirtschaft als praktizierende Soziologie, als „practice approach“6 der Soziologie verstanden werden?
Tatsächlich geht der Verfasser jedoch davon aus, dass von einer „Neu-Erfindung des Sozialen“ nicht gesprochen werden kann. Aus einer anthropologisch-historischen Perspektive heraus müssen wir feststellen, dass das „Soziale“ im Rahmen der menschlichen Kulturgeschichte ständigen evolutiven Veränderungen („Anreicherungen“) unterworfen war und ist.7 Daher müssen wir uns erst einmal überlegen, was eigentlich das „Soziale“ ist, bevor die oben genannten Fragen beantwortet werden können. Somit beginnt dieser Artikel vorweg mit einer phänomenologischen Gegenwartsbeschreibung, um ein Verständnis für die aktuellen beobachtbaren Veränderungen zu bekommen. Der zweite Schritt versucht aus einer kulturhistorischen Perspektive das „Soziale“ bis in die Moderne hinein zu entwickeln. Zum Schluss wird mit Pierre Bourdieu versucht, die Frage zu beantworten, ob die Sozialwirtschaft ein „practice approach“ der Soziologie ist.
Gegenwartsdiagnose: Ein Strukturwandel in der Gesellschaft?
Seit einiger Zeit wird von einer durchdringenden „Ökonomisierung“ der Gesellschaft gesprochen, die zuerst in Verbindung mit einer verbesserten Energie- und Kommunikationstechnik, jüngst mit einer umfassenden Digitalisierung von Lebensräumen, die industriellen Globalisierungsprozesse seit ca. 130 Jahren weiter voranschreiten lässt.8 Hiervon ist gleichfalls die historische Kapitalismustransformation innerhalb der Wohlfahrtsregime betroffen.9 Der Beginn des Kapitalismus kann als liberaler Kapitalismus bezeichnet werden. In diesem bildete sich über weitergehende Arbeitsteilungen und Spezialisierung des Produktionsfaktors Arbeit das kumulierte Kapital heraus. Historisch wird diese Phase von Beginn der Neuzeit bis in die Mitte des 20. Jhdts. eingeordnet. Nachfolgend kann die nächste Entwicklungsstufe des Kapitalismus als organisierter oder als neo-liberaler Kapitalismus10 bezeichnet werden. Diese Form findet sich besonders in den westeuropäischen Staaten nach dem zweiten Weltkrieg bis in die 1980er Jahre und ist charakterisiert durch eine Sozialpartnerschaft, d.h. eine ausgleichende Trias von Staat, Kapital und Arbeit. Seit Ende des 20. Jhdts. kann man vom Desorganisierter Kapitalismus sprechen.11 Hier können wir eine Auflösung der Vermittlungsmechanismen zum Faktor Arbeit und starke Integrationsbeziehungen zwischen Staat und Kapital konstatieren. Der Gradmesser für die Bewertung von Kapitalismusformen ist das Zusammenspiel von Kommodifizierung und Dekommodifizierung.12 Im Desorganisierter Kapitalismus kann ein verstärkter Zwang zur Kommodifizierung mit den Aspekten – Erhöhung der Arbeitsstunden, permanente Weiterbildung, Eindringung der Arbeit in die Freizeit und das häusliche Leben – und gleichzeitig ein Wertanstieg für Dekommodifizierungen mit den Aspekten – Freizeitmöglichkeiten, Urlaubsmöglichkeiten, work-life-balance, Möglichkeiten, sich aus dem Arbeitsmarkt zurückzuziehen – wahrgenommen werden. Habermas hat auf diesen Zusammenhang mit der Formel „Kolonialisierung der Lebenswelt“, d.h. die Vereinnahmung durch das (ökonomische) System, aufmerksam gemacht.13 Unabhängig von der in dieser Formulierung mitschwingenden negativen Konnotation stellt sich hier die Frage, ob die „Vereinnahmung“ tatsächlich ein modernes Phänomen ist.
Mit Wilber geht der Verfasser davon aus, dass wir von Anbeginn der Kulturgeschichte der Menschheit eine evolutionäre Ko-Entwicklung von „System“ und Lebenswelt vollzogen haben.14
Die Lebenswelt wird als soziale Schichtenwelt verstanden, die sich historisch immer weiter entwickelt und ausdifferenziert hat:
  • Biologische Gemeinschaft (Familie, Clan, Stamm)
  • Örtliche Gemeinschaft (Dorf, Stadt)
  • Kulturelle Gemeinschaft, entweder als
  • Regionale Werte-Ordnung („Welt“-Ordnung)
  • Linguakratie (Herrschaft über die gemeinsame Sprache)
  • Theokratie (Glaubensordnungsherrschaft)
  • Axiokratie (Werte-Herrschaft)
  • Bürgergemeinschaft (Mitglied einer Nation)
  • Netz-Gemeinschaft (Internet und soziale Netzwerke) („Atopikratie“)
Das „System“, verstanden als evolutionäre und sozialstrukturelle Emergenz von Handlungsformen sozialer Akteure15, manifestiert sich kulturanthropologisch in politischen und ökonomischen constraints, d.h. technik-unterstützten Lebensräumen.16 Die kulturanthropologische Systememergenz zeigt sich in der folgenden Darstellung historischer Abfolgen technik-unterstützter Lebensräume (die historischen Zuordnungen finden sich in Abb. 1 und )17:
  • Einsatz von Werkzeugen und Symbolen; bedeutende Wirtschaftsform: Jagd
  • Größere Arbeitsteilung, spezialisierte Werkzeuge; bedeutende Wirtschaftsform: Landwirtschaft
  • Metallverarbeitung, Stärkere Verwendung nichtorganischer Energie; bedeutende Wirtschaftsform: Handel und Gewerbe
  • Maschinentechnik, Energietransformation, frühe Wissenschaft; bedeutende Wirtschaftsform: frühindustrielle Produktion
  • Automation, Standardisierung, Systematische Energieproduktion und Verwissenschaftlichung im Produktionsprozess (Rationalisierung); bedeutende Wirtschaftsform: industrielle Massenproduktion
  • Elektronische Informationsübertragung, Internet und (soziale) Vernetzung, Information und Kommunikation; bedeutende Wirtschaftsform: „Dienstleistungen“, insbesondere Informationsübermittlung und Beratungen.
Abb. 2: Zuordnung von System und Lebenswelt (eigene Darstellung)
Wie aus der Abfolge zu erkennen ist, befinden wir uns am Anfang einer neuen Phase sozialstruktureller Emergenz, die konzeptionell von Willke mit dem Begriff des Atopischen Raumes eingeführt worden ist. 18 Entscheidend für den Atopischen Raum ist nicht mehr die Frage „Wo bin ich?“ und sondern „Welche mediale Kommunikation (im Sinne von Verbindungsressourcen) habe ich?“ Die mediale Kommunikation, sprich die technikunterstützte Kommunikation, insbesondere über Digitalisierung und Vernetzung, apotheosiert sich zur sozialen Kommunikation. Die ursprüngliche face-to-face-Kommunikation wird seit Jahrhunderten mit Technik-Unterstützung transformiert. Gerade unter den Bedingungen der digitalen Vernetzung gewinnt die Kommunikation, die Grundlage sozialen Handelns ist, eine neue Qualität. Die Frage, ob die persönliche face-to-face-Kommunikation im sozialen Raum durch die mediale Kommunikation im Atopischen Raum substituiert, ergänzt oder sonst wie verändert wird, muss empirisch beantwortet werden.
Die oben am Anfang eingeführte soziologische Diagnose einer „Neu-Erfindung des Sozialen“ auf der Grundlage eines ökonomischen politischen Strukturwandels stellt einen Blickwinkel dar, der unhistorisch ist und kulturanthropologische Erkenntnisse negiert. Stattdessen sehen wir, dass „System“ (technik-unterstützter Lebensraum) und persönlich konstruierte Lebenswelt sich schon immer durchdrungen bzw. sozial evolutiv entwickelt haben. Diese örtliche und zeitliche Durchgestaltung von „System“ und Lebenswelt kann als Diamorphose bezeichnet werden. Es kann sogar weiter konstatiert werden, dass unter den constraints19 einer marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaft persönliche Beziehungen in dem Sinn diamorphisiert werden, dass diese zu „Marktleistungen“ gemacht („kommodifiziert“) werden. Angefangen bei der „Aufgabe“ primärer Sozialisation bis über andere mögliche gesellschaftliche Instanzen werden die sozialen Beziehungen marktförmig überformt und – wo notwendig – vertraglich abgesichert. Z.B. werden für die Eltern-Kind-Interaktion mit den Bestandteilen Erziehung und Versorgung gesellschaftliche marktförmige Dienstleistungen wie Kinderkrippen, Kindergarten, Ganztagesschule, Tagesheime, Tagesmutter usw. zur Verfügung gestellt.20 Dieser Prozess wurde von Tilmann Lutz als „Socialfare to workfare“ bezeichnet.21 Ist eine marktlich...

Inhaltsverzeichnis

  1. Weitere Informationen
  2. Inhaltsverzeichnis
  3. Vorwort
  4. Rosemarie Bork: Wie nützlich sind Soziologische Theorien für Tätigkeiten in Angestelltenverhältnissen für gemeinnützige Vereine?
  5. Paul Brandl: Innehalten auf dem Weg der Professionalisierung der Sozialwirtschaft. Soziale Dienstleistungen an geänderte Bedürfnisse anpassen
  6. Johanna Groß: Verknüpfung von Wissenschaft und Praxis durch die Soziologie. Soziologie in Lehre, Forschung und Praxis des Verwaltungsstudiums – ist kein Widerspruch!
  7. Regina Heibrock / Martin Lenz: Soziologie in kommunaler sozialwirtschaftlicher Praxis am Karlsruher Beispiel sozialer Wohnraumversorgung benachteiligter Personen am angespannten Wohnungsmarkt
  8. Guido Tolksdorf: Pragmatische Soziologie für Studiengänge
  9. Manfred Wittmann: Handlungsebenen kommunaler Sozialplanung
  10. Gerald Schmola: Steuerung komplexer Organisationen – Krankenhausmanagement als Herausforderung
  11. Alexander Th. Carey: Kann die Sozialwirtschaft als ein “practice approach” der Soziologie im Bourdieu’schen Sinne gelten?
  12. Hinweise zu den Autorinnen und Autoren
  13. Impressum

Häufig gestellte Fragen

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