1. Ökonomie
„Der Staatshaushalt muss ausgeglichen sein.
Die öffentlichen Schulden müssen verringert
werden. Die Arroganz der Behörden muss
gemäßigt und kontrolliert werden.
Die Zahlungen an ausländische Regierungen
müssen reduziert werden, wenn der Staat
nicht Bankrott gehen will.“
Marcus Tullius Cicero, Röm. Schriftsteller und Politiker, 106 – 43 v.Chr.).
Die Ökonomie beschäftigt die Menschheit seit jeher. Wie das Beispiel Ciceros zeigt, haben damalige Fragestellungen über die Jahrtausende nichts an Aktualität eingebüßt.
Opfert man einen ganzen Tag mit der Jagd auf Mammuts oder nutzt man die Zeit um Hirschen nachzustellen? Man könnte allerdings auch die Gruppe aufteilen und sich mit beidem beschäftigen. Allein das Abwägen solcher Fragestellungen kann schon als ökonomisches Denken gewertet werden.
Die Grundannahmen ökonomischen Denkens hatten einen ersten Kristallisationspunkt in der klassischen Zeit Griechenlands und entwickelten sich im Laufe der Zeit fort. Von den ersten Ansätzen in Mesopotamien vor ca. 3000 Jahren bis zum Beginn der ersten industriellen Revolution bis zu Adam Smith, widmen wir uns ihrer historischen Entwicklung und den begrifflichen Definitionen.
Wir betrachten die Rolle der Individuen in einer Volkswirtschaft von der Wahl und dem Abwägen von Alternativen über die Betrachtung von Opportunitätskosten bis hin zur rationellen Entscheidungsfindung und der Wirkung von Anreizen. Dem schließen sich ökonomische Fragestellungen von Gruppen und Organisationen innerhalb der Gesellschaft an. Ist der Handel vorteilhaft für die Gesellschaft? Wie sieht die ideale Marktform aus und darf der Staat intervenieren?
Im dritten Teil betrachten wir die Funktion einer Volkswirtschaft und ihrer Einflussgrößen auf den Wohlstand ihrer Bewohner, den Messgrößen einer Volkswirtschaft, wie das Bruttoinlandsprodukt (BIP) und auf das Wirtschaftswachstum.
Erörtert werden die Bedeutung der Preise und des Geldumlaufs im Monetarismus sowie aktueller Fragestellungen im europäischen Kontext bis hin zum Konjunkturzyklus und dem gesellschaftlichen Zielkonflikt zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit.
Abschließend gehen wir auf aktuelle ökonomische Entwicklungen ein. Dazu zählen die Entwicklung von der US Subprime-Krise bis zur europäischen Schuldenkrise sowie die zunehmend ungleiche Verteilung der Einkommen und Vermögen als ein Hemmnis für das Wirtschaftswachstum.
Lernziele:
- Sie kennen die Bedeutung und wissenschaftliche Einordnung der Ökonomie.
- Sie kennen die Meilensteine in der Geschichte des ökonomischen Denkens.
- Sie kennen die Grundlagen individueller Entscheidungsprozesse in einer Volkswirtschaft.
- Sie kennen die gruppendynamischen Grundlagen des ökonomischen Zusammenwirkens in einer Gesellschaft.
- Sie kennen die Funktion einer volkswirtschaftlichen Gesamtwirtschaft.
- Sie kennen die Ursachen, Hintergründe und Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008.
- Sie kennen die aktuelle Diskussion über die Einkommens- und Vermögensverteilung als eine mögliche Ursache ausbleibenden Wirtschaftswachstums.
1.1 Einführung in die Ökonomie
Der antike griechische Haushalt gilt als Keimzelle des ökonomischen Denkens. So leitet sich der Begriff „Ökonomie“ vom griechischen
„Oekonomicus“ (
oikos, „das Haus“ und
nomos, „Gesetz“ oder „Regel“) ab und bedeutet so viel wie „kluge
Hauswirtschaftsführung“ (Schumpeter 1954, S. 90).
In einem privaten Haushalt sind wichtige ökonomische Entscheidungen zu treffen. Dies betrifft die Wahrnehmung der zu erledigenden Haushaltsaufgaben sowie die Verwendung der zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel. Bei den Haushaltsaufgaben geht es darum, die zu erledigen Aufgaben auf die Mitglieder zu verteilen und festzulegen, wer beispielsweise im Haushalt die Reinigung, die Essenszubereitung, den Einkauf oder die Reparatur des Hauses übernimmt.
Ebenso müssen im Haushalt Entscheidungen über die Verwendung der nur begrenzt vorhandenen finanziellen Mittel getroffen werden. Welche finanziellen Ressourcen sollen für Nahrung, Kleidung, Werkzeuge oder Bildung aufgebracht werden? Die Wahl und die Entscheidung über den Einsatz der personellen und der Verwendung der finanziellen Ressourcen finden auch unter der Berücksichtigung der Fähigkeiten und Wünsche der Haushaltsmitglieder statt.
Definition Ökonomie:
„Ökonomie ist die Lehre von der Verwertung und Verteilung knapper Güter. Knapp ist jedes Gut, für das es mehr Verwertungs- oder Konsumwünsche gibt als Chancen, es zu bekommen.“
Quelle: Blankertz 2005, S. 7.
Dieses ökonomische Prinzip aus dem privaten Haushalt lässt sich ebenso auf Städte, Länder oder die Welt übertragen. Die bestmögliche Bedürfnisbefriedigung vollzieht sich im privaten Haushalt nach den gleichen Prinzipien wie in der gesamten Gesellschaft. Auch hier werden Aufgaben und Arbeiten verteilt und es muss mit dem begrenzt zur Verfügung stehenden Ressourcen (z. B. Geld) „gehaushaltet“ werden.
Die Gesellschaft steht vor der grundlegenden Entscheidung, wer Geld für welche Dienstleistung oder Ware bekommt. Gregory Mankiw, US-amerikanischer Ökonom und Professor für Volkswirtschaftslehre an der Harvard University, formuliert zugespitzt: „Die Gesellschaft muss darüber entscheiden, wer Kaviar isst und wer Kartoffeln.“ (Mankiw und Taylor 2012, S.3.).
Die Entscheidung über die Verteilung der Güter ist sehr bedeutsam, da nur die wenigsten unendlich vorhanden sind. Das hehre Wunschziel der Ökonomie, Güter so aufzuteilen, dass auch die knappen Bestände gerecht verteilt sind, wird nur selten erreicht. Der Begriff der „Ökonomie“ oder „Wirtschaft“ umfasst die Gesamtheit aller Einrichtungen und Handlungen, die der planvollen Deckung des menschlichen Bedarfs dienen. Welche Wünsche befriedigt werden, also die Entscheidung über die Zuordnung von knappen Ressourcen auf die verschiedenen Verwendungsmöglichkeiten, nennt man in der Ökonomie „Allokation“.
Vorsicht: Die Informatik versteht unter dem Begriff der Allokation die Reservierung von Hauptspeicher oder anderen Ressourcen.
Den Rahmen ökonomischen oder auch wirtschaftlichen Handelns setzen die beteiligten Einrichtungen, ihre wirtschaftlichen Handlungen, geografische und institutionelle Aspekte sowie das menschliche Handeln.
Zu den wirtschaftlichen Einrichtungen gehören:
- Unternehmen
- private Haushalte
- öffentliche Haushalte (Staat)
Zu den Grundlagen wirtschaftlichen Handelns zählen:
- Herstellung von Gütern
- Umlauf und Verteilung von Gütern
- Verbrauch von Gütern
Wirtschaftliches Handeln findet zum Beispiel statt auf:
- weltwirtschaftlicher Ebene
- volkswirtschaftlicher Ebene
- regionalwirtschaftlicher Ebene
- betriebswirtschaftlicher Ebene
Wirtschaftliche Aktivitäten des Menschen:
- Planmäßige und effiziente Entscheidung über knappe Ressourcen mit dem Ziel einer bestmöglichen Bedürfnisbefriedigung.
Gegenstand einer Volkswirtschaft ist die Ökonomie oder die Wirtschaft eines Volkes, d. h. die Gesamtheit aller in einem Staat lebenden Menschen und Unternehmen. Sowohl die Volks- als auch die Betriebswirtschaft basieren auf den Grundannahmen der Ökonomie: „Güter sind knapp und erfordern einen dementsprechenden ökonomischen Umgang“ (Mankiw und Taylor 2012, S. 3.).
Definition Volkswirtschaft:
Allgemein beschreibt der Begriff „Volkswirtschaft“ den Wirtschaftsraum eines Staates mit den ihm zugeteilten Wirtschaftssubjekten wie Haushalte, Unternehmen und Staat. Die „Volkswirtschaftslehre“ behandelt die Wissenschaft von der Bewirtschaftung knapper gesellschaftlicher Ressourcen.
Quelle: Mankiw und Taylor 2012, S. 3.
Die betriebswirtschaftliche Ebene nimmt die Perspektive eines Betriebes oder Unternehmens ein. Ziel der Betriebswirtschaftslehre ist die Beschreibung, Erklärung und Unterstützung von Entscheidungsprozessen in Unternehmen. Im Fokus stehen Aspekte des unternehmerischen Handelns hinsichtlich der Funktionsbereiche Produktion, Absatz, Investition und Finanzierung sowie dem Rechnungswesen.
Definition Allgemeine Betriebswirtschaftslehre:
„Die Bezeichnung Allgemeine Betriebswirtschaftslehre zielt auf jeden Teil der Betriebswirtschaftslehre, der sich mit den übergreifenden Aspekten des unternehmerischen Handelns befasst. So setzt sich die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre aus verschiedenen Sachfunktionslehren wie Produktion, Investition und Finanzierung, Forschung und Entwicklung, Marketing zusammen.“
Quelle: Gablers Wirtschaftslexikon 2015
Günter Wöhe differenziert die unternehmerischen Entscheidungen in konstitutive Entscheidungen (Wahl der Rechtsform, Standortwahl oder Liquidation) und Ablaufentscheidungen (Produktions-, Absatz- und Finanzierungsentscheidungen), sowie einer prozessorientierten Unternehmensführung hinsichtlich: Unternehmensziele, Planung und Entscheidung, Organisation, Personalwirtschaft, Kontrolle und Informationswirtschaft. Nach Wöhe besteht der Hauptteil einer unternehmerischen Tätigkeit vorrangig aus Planungen und Entscheidungen“ (Wöhe 2010, S. 25 ff.).
Insbesondere der Zielsetzung eines praxisbezogenen- und unternehmerischen Handelns wollen wir mit dem vorliegenden Buch „Praktische Betriebswirtschaftslehre für Wirtschaftsinformatik“ nachkommen. Neben ausgewählten Sachfunktionen wie dem Rechnungswesen, Investition und Finanzierung verfolgt das Buch die Zielsetzung, grundlegende Beschreibungen und Erklärungen über die Funktion der Betriebswirtschaftslehrein Unternehmen aus Perspektive der Wirtschaftsinformatik darzulegen.
Abbildung 1: Einordnung der Betriebswirtschaft in die Wissenschaften
Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Wöhe 2010, S. 40.
Die Betriebswirtschaftslehre wird wie die Volkswirtschaftslehre als zweites Teilgebiet der Wirtschaftswissenschaften den Sozialwissenschaften zugeordnet. Die Abbildung 1 zeigt die Verzweigung aus den Wissenschaften zur Volks- und Betriebswirtschaft über die Realwissenschaften, die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und die Wirtschaftswissenschaften auf.
Angrenzende Wissenschaften sind aus der Soziologie die Betriebs- und Arbeitssoziologie sowie aus der Psychologie die Wirtschafts- und die Sozialpsychologie. Zur besseren Übersicht werden angrenzende Wissenschaftszweige vereinfacht dargestellt.
In der Gesamtschau reichen die Erklärungsansätze der Ökonomie aber auch über die Gesichtspunkte der Güterverteilung hinaus. Unter der Prämisse: „Die Ökon...