Dieses Buch gibt einen Überblick über Geschichte, Aufbau und Struktur der heute in Gebrauch stehenden Schriften; Zusammenhänge zwischen den Schriften und Abhängigkeiten voneinander werden dargestellt. Es wird gezeigt, wie Schrift und Sprache einander bedingen.Es werden nur Schriften diskutiert, in denen Amtssprachen unabhängiger Staaten geschrieben werden (Ausnahme Indien). Damit fallen Schriften wie Inuktitut, Tifinagh oder Mongolisch weg, aber auch Balinesisch oder osmanisches Arabisch, die nur mehr historische Bedeutung haben.Alle heutigen Schriften sind Kinder zweier unterschiedlicher Philosophien: es werden Sprachen wiedergegeben wie in allen Buchstabenschriften, die auf das Phönizische zurückzuführen sind, oder es werden Gedanken unabhängig von der Sprache transportiert, wie es die chinesische Schrift tut.Das Werk wendet sich an den interessierten Laien. Linguisten werden sich über Auslassungen, Ungenauigkeiten und Fehler ärgern. Sie sind dem bewusst leichten und saloppen Ton geschuldet, der es dem Leser leicht machen soll, in die von außen so trocken erscheinende Materie einzudringen.
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Über 6000 Sprachen gibt es auf der Welt. Ein jüngst erschienenes Werk listet sogar 8000 auf1. Dagegen ist die Anzahl der Schriften, die gegenwärtig in Gebrauch sind, überschaubar. Ganze 21 Schriften werden heute zur Wiedergabe von Amtssprachen verwendet. Nur 4 davon haben überregionale Bedeutung, das heisst, sie werden für mehrere Sprachen verwendet: Lateinisch, Kyrillisch, Arabisch und Chinesisch.
Wann haben die Menschen damit angefangen, das gesprochene Wort zu kodieren, sodass Inhalte von anderen Menschen wiedererkannt und wiedergegeben werden können?
Wir müssen die Anfänge der Schrift in die Zeit vor etwa 6000 Jahren datieren. Viele alte Schriften sind verlorengegangen. Die Keilschrift, die ägyptischen Hieroglyphen, die Schrift der Mayas können heute nur von Spezialisten gelesen und verstanden werden. Andere, z.B. die Indus-Schrift, die kretische Linear A oder Rongorongo, die Schrift der Osterinsel, sind überhaupt noch nicht entziffert.
In diesem Buch lernen wir die Charakteristika der modernen Schriften kennen, ihre Geschichte und ihr Verhältnis zu den Sprachen, die sie bildlich darstellen. Wir werden soweit wie irgend möglich ohne linguistische Fachbegriffe auskommen; dort wo sie nötig sind, werden sie allgemeinverständlich erklärt. Neben dem Deutschen sind allerdings Grundkenntnisse in der Aussprache des Englischen und Französischen nützlich.
Gehen wir auf eine Reise rund um die Welt und schauen wir und die Schriften an, auf die wir auf unserer Reise stossen.
Wir beginnen praktischerweise mit dem Nullmeridian, der durch Greenwich geht, und wenden uns nach Osten, nach Europa.
In Europa werden drei Schriften gebraucht – die griechische, die kyrillische und unsere lateinische. Wir sehen die drei europäischen Schriften auf den Eurobanknoten: EURO, ΕΥΡΩ, ЕВРО. Sie haben einen gemeinsamen Ursprung und sind Buchstabenschriften, das heisst, jedes Zeichen in einem Wort entspricht einem Laut (dass es so einfach nicht ist, werden wir später noch sehen). Und dies wieder heisst, dass man ein Wort, einen Satz lesen kann, selbst wenn man von der Sprache kein Wort versteht.
Jeder kann den lateinischen Satz „Gallia est omnis divisa in partes tres quarum unam incolunt Belgae, aliam Aquitani, tertiam qui ipsorum lingua Celtae, nostra Galli appellantur.“2 fehlerfrei lesen3. Das ist kein Wunder, ist die lateinische Schrift doch unmittelbar aus der lateinischen Sprache entwickelt.
Aber auch den italienische Absatz „Era una bella mattina di fine novembre. Nella notte aveva nevicato un poco, ma il terreno era coperta di un velo fresco non più alto di tre dita.“4 werden die meisten einigermassen unfallfrei vorlesen können, sodass ein italienischer Muttersprachler ihn versteht. Italienisch steht dem Lateinischen in dieser Hinsicht eben am nächsten.
Bei dem polnischen Beispielsatz „Paweł, jestem bardzo szczęśliwa z tobą“5 sieht das schon anders aus. Ohne detaillierte Kenntnis der Ausspracheregeln wird man mit Ausnahme von jestem kein Wort fehlerfrei über die Lippen bringen. Das polnische – und andere slawische Sprachen – mussten sich die lateinische Schrift an ihre Sprachstrukturen anpassen.
Die lateinische Schrift wird in der EU für alle Sprachen ausser Griechisch und Bulgarisch gebraucht.
Die griechische Schrift ist auf Griechenland und den griechischen Teil Zyperns beschränkt. Im Gegensatz zur lateinischen Schrift, in der viele Sprachen geschrieben werden, sind die griechische Sprache und die griechische Schrift ein unzertrennliches Paar – keine andere Sprache wird mit griechischen Buchstaben geschrieben.
Kyrillisch schreibt man in Europa ausserhalb der EU in Russland, Weissrussland, Ukraine, Serbien (zusammen mit lateinisch) und Mazedonien. Auch einige asiatische Sprachen in Ländern der ehemaligen Sowjetunion gebrauchen die kyrillische Schrift (z.B. Kasachstan).
Verlassen wir Europa in Richtung Südosten. Hier bekommen wir es mit zwei semitischen Schriften zu tun, hebräisch und arabisch. Und da müssen wir schon kräftig umdenken. Nicht nur, dass beide Schriften von rechts nach links geschrieben werden – so bequem wie die lateinische Schrift machen es uns diese beiden Schriften nicht.
Auf den Wegweisern, die nach Jerusalem führen, sehen wir den Namen der Stadt als
.
Wir buchstabieren (von rechts nach links): I-R-W-SCH-L-I-M.
Das hat recht wenig mit der Aussprache Jeruschalajim zu tun.
Ähnlich in der darunter stehenden arabischen Umschrift: A-U-R-SCH-L-I-M (der in Klammern stehende Name gibt den arabischen Namen der Stadt wieder: Al Kuds, geschrieben alqds).
Die semitischen Schriften sind Konsonantenschriften. Vokale spielen ein...
Inhaltsverzeichnis
Über das Buch
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Die griechische Schrift
3. Die kyrillische Schrift
4. Die hebräische Schrift
5. Die arabische Schrift
6. Die äthiopische Schrift
7. Die armenische Schrift
8. Die georgische Schrift
9. Die maledivische-Schrift
10. Die indischen Schriften
11. Die tibetische Schrift
12. Die birmanische Schrift
13. Die indochinesischen Schriften
14. Die chinesische Schrift
15. Die japanische Schrift
16. Die koreanische Schrift
17. Die lateinische Schrift
18. Die Zahlen
19. Schlusswort
20. Literatur
Personen- und Sachverzeichnis
Der Autor
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