1 Der Mord: „Ils ont tué Jean Jaurès“
Am 31. Juli 1914, am Vorabend der allgemeinen Mobilmachung im Deutschen Reich und in Frankreich, sitzt Jean Jaurès, ein kräftiger, untersetzter Südfranzose, mit einigen Freunden und Mitarbeitern im Café du Croissant in Paris beim Abendessen. Der Besitzer des Cafés hat drei Marmortische für die eifrig diskutierende Gruppe zusammengerückt, nur durch einen Vorhang vor den offenen Fenstern sind sie von der Straße getrennt.
Der 54jährige Jaurès ist der Chef der größten sozialistischen Partei Frankreichs und Direktor der Tageszeitung 'L'Humanité', deren Sitz sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindet. Er ist in ganz Europa als engagierter Kriegsgegner bekannt.
Am Nachmittag hatte er sich im Palais Bourbon, dem Parlament, davon überzeugt, dass sich die Abgeordneten mehrheitlich gegen einen Kriegseintritt Frankreichs aussprachen. Um 19 Uhr wollte er sich an der Spitze einer Delegation beim Ministerpräsidenten René Viviani aus erster Hand über den aktuellen Stand der Krise informieren. Dieser empfing jedoch gerade den deutschen Botschafter Baron von Schoen, von dem ihm das deutsche Ultimatum überreicht wurde. Der Unterstaatssekretär Abel Ferry musste sich stellvertretend die erregten Vorwürfe Jaurès' anhören, dass die Regierung zu sanft mit den russischen Verbündeten gesprochen habe, man müsse stattdessen unbedingt darauf dringen, dass die Russen die Vermittlung Londons zwischen St. Petersburg und Berlin annehmen.
„Je vous jure, que si dans de pareilles conditions, vous nous conduisez à la guerre, nous nous dresserons, nous crierons la vérité au peuple“3 (Ich schwöre Ihnen, wenn Sie uns unter derartigen Umständen in den Krieg führen, werden wir uns auflehnen, werden wir dem Volk die Wahrheit zurufen.) Ferry wagte nicht, dem Leiter der Delegation zu widersprechen, sagte aber beim Abschied zu dem Abgeordneten Bedouce: „Tout est fini, il n'y a plus rien à faire.“4 (Es ist zu spät, man kann nichts mehr machen.)
Jaurès kündigte an, dass er noch am Abend einen Leitartikel für die 'Humanité' in der Art von „J'accuse“5 verfassen werde, um die Gründe und die Verantwortlichen für die gegenwärtige Kriegsgefahr zu benennen.
Café du Croissant am 31. Juli 1914
Zuvor wollte man noch in das gegenüberliegende Café du Croissant zum gemeinsamen Abendessen gehen. Der Politiker saß mit dem Rücken zum offenen Fenster. Ein Journalist zeigte ihm gerade ein privates Foto von seiner Enkelin, als der Vorhang zur Seite geschoben wurde und man zwei Pistolenschüsse hörte. Jaurès wurde von einer Kugel aus nächster Nähe in den Kopf getroffen. Kurze Zeit später, um 21.40 Uhr, war er tot.
Die Nachricht „Ils ont tué Jaurès“ (Sie haben Jaurès getötet) verbreitete sich in Paris wie ein Lauffeuer.
Der Mörder Raoul Villain, ein labiler, nationalistischer Student, Mitglied der Liga der jungen Freunde von Elsaß-Lothringen, ließ sich widerstandslos am Tatort festnehmen.
Jaurès hatte vorausgesagt, dass er eines Tages ermordet würde. In der rechten Presse hetzte man ständig gegen ihn, beschimpfte ihn als 'Vaterlandsverräter', als 'Reptil des Kaisers' und dergleichen mehr.
So stand beispielsweise in der Zeitung 'Le Matin' von Urbain Gohier, „s'il y a un chef en France et qui soit un homme, M. Jaurès sera collé au mur en même temps que les affiches de mobilisation.“ 6 (Wenn Frankreich nur einen Chef hätte, der ein Mann ist, wird M. Jaurès im gleichen Augenblick an die Wand gestellt werden, in dem die Plakate zur Mobilmachung angeklebt werden.)
Unendlich groß war die Trauer und Bestürzung bei seinen Anhängern:
„Jaurès est mort, c'est la guerre.“ (Jaurès ist tot, das bedeutet Krieg.)
So wird berichtet, wie Jean-Baptiste Calvignac, der Bürgermeister von Carmaux aus Jaurès' Wahlkreis, nachdem er die Todesnachricht erfuhr, auf die Knie sank, sich mit der Faust auf den Kopf schlug und Schreie wie ein verletztes Tier von sich gab.
Für viele war mit Jaurès' Tod ein letztes Hindernis für einen europäischen
Krieg verschwunden.
Nicht der von der Regierung befürchtete Aufstand brach in Paris aus, sondern lähmende Trauer und tiefe Resignation machten sich breit. Auf die im Carnet B vorsorglich geplante Verhaftung von etwa 2500 bekannten Antimilitaristen wurde verzichtet.
Der deutsche Abgeordnete Hermann Müller war vom SPD-Vorstand nach Paris gesandt worden, um sich mit Jaurès über das weitere Vorgehen abzustimmen. Er kam zu spät.
Der 'Vorwärts', das Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands, widmete am 2. August 1914 Jean Jaurès die ganze Titelseite unter der Überschrift: „Ein Edelopfer des internationalen Blutrausches.“
Aus dem im pathetischen Stil der damaligen Zeit verfassten Text wird deutlich, welche zentrale Rolle der Ermordete über die Grenzen hinweg für die sozialistische Bewegung spielte.
„Ein furchtbarer Schlag hat die internationale Sozialdemokratie, die Arbeiterklasse aller Länder mitten ins Herz getroffen. (…) Er war es, der die Aussöhnung des französischen und des deutschen Volkes zur gemeinsamen sozialistischen Kulturarbeit mit der ganzen gewaltigen Macht seines Wortes unermüdlich predigte und das Wutgeheul der nationalistischen Meute übertönte. (…) Jaurès kämpfte für die deutsch-französische Verbrüderung noch im anderen Sinne..., (er versuchte) den französischen Arbeitern den Sinn für die deutsche Organisation und Disziplin beizubringen, die deutschen Arbeiter mit der flammenden Aktionsfähigkeit des französischen Proletariats zu durchdringen. (…) Er blieb der Sache der Völkerverständigung treu bis in den Tod, er fiel, als ihr erstes Opfer, mit seinem edlen Blute besiegelte er den Bruderbund des französischen und des deutschen Proletariats.“
Der 'Vorwärts' berichtete über Jaurès letzte große Rede am 29. Juli bei der Großveranstaltung des Internationalen Sozialistischen Büros (ISB) in Brüssel: „Ich erkläre feierlich, daß das französische Volk in dieser Stunde der Kriegshetze und der Provokationen völlig und restlos, ohne Hintergedanken und ohne Rückhalt, ehrlich und heiß den Frieden will und ihn zu erhalten wünscht. (…)Sollten morgen die Würfel fallen und Rußland sich in den Krieg stürzen, dann erklären die französischen Arbeiter: für uns existieren keine staatlichen Geheimverträge, wir kennen nur den einen offenen Vertrag – mit der Menschheit und mit der Kultur.“ 7 Hoffnungsvoll und noch ganz unter dem Eindruck der Friedensdemonstration am 28. Juli von mehr als 100.000 Berlinern sagte er: „Noch nie hat die deutsche Sozialdemokratie, die nun schon so viele Verdienste vor dem internationalen Proletariat erworben hat, einen so großen Dienst an der Menschheit geleistet, als jetzt. (…) Ich danke den Berliner Arbeitern im Namen der französischen Proletarier und ich schwöre, daß wir ihnen weiter in dem entschlossenen Kampf gegen den Attilaritt der wilden Kriegsrotten brüderlich zur Seite stehen werden - treu bis in den Tod!“8
Mit seinem Tod verlor die Sozialistische Partei Frankreichs ihre Führungsfigur, die niemand ebenbürtig ersetzten konnte. Die einflussreichste Stimme des internationalen Pazifismus war erloschen.
Es ist eine Tragödie, dass Jaurès in der entscheidenden Phase des Ausbruchs des 1. Weltkrieges umkam, auch wenn er allein die eskalierende Entwicklung sicher nicht mehr hätte stoppen können.
Einige freundliche Worte des Ministerpräsidenten René Viviani reichten, um die Partei auf die Linie der Regierung einschwenken zu lassen. Jaurès hingegen hätte sicherlich Vorbedingungen gestellt.
Vorwärts vom 2. August 1914
Nachdem am 3. August das Deutsche Kaiserreich der Französischen Republik den Krieg erklärt hatte, wurde Jaurès' Begräbnis am 4. August zu einer Manifestation der 'Union sacrée', vergleichbar mit dem deutschen 'Burgfrieden'. Noch am gleichen Tag wurden in beiden Ländern die Kriegskredite einstimmig beschlossen.
Der hinterhältige Mord machte Jaurès in Frankreich zu einem Mythos. Auch nach 100 Jahren wird er von vielen als eine der ganz großen politischen Persönlichkeiten des Landes angesehen.
Wie kam es, dass Jean Jaurès zu einer so anerkannten Autorität in der sozialistischen Bewegung in Frankreich und in Europa wurde?
2 Herkunft und Jugend
Auguste Marie Joseph Jean Jaurès wurde am 3. September 1859 in der südfranzösischen Kleinstadt Castres im Departement Tarn geboren.
Die vorherrschende Textilindustrie mit Wollmühlen am Flüsschen Agout konnte in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts stark expandierenden. In dieser Zeit erhielt die nahe bei der südfranzösischen Handelsmetropole Toulouse liegende Stadt auch Anschluss an das Eisenbahnnetz. Große Bedeutung hatte auch die hier stationierte Kaval...