Carl Friedrich Ferdinand Böhme Tagebuch 2te Periode (I)
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Carl Friedrich Ferdinand Böhme Tagebuch 2te Periode (I)

vom 21.06.1812 bis mit 09.11.1812

  1. 140 Seiten
  2. German
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  4. Über iOS und Android verfügbar
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Carl Friedrich Ferdinand Böhme Tagebuch 2te Periode (I)

vom 21.06.1812 bis mit 09.11.1812

Über dieses Buch

Carl Friedrich Ferdinand Böhme machte den Feldzug 1812 als Sousleutnant und Verpflegungs-Offizier im Grenadier-Bataillon von Spiegel (Grenadier-Kompanien der Regimenter Prinz Max und v. Rechten) mit. Er focht mit dem Bataillon bei Podobna (18.10.1812), an der Lesna (11.10.1812) und bei Biala (18.10.1812). Sein Tagebuch enthält neben interessanten Einblicken in den Verpflegungs- und Truppendienst einen gezeichneten Plan zur Schlacht bei Podobna.

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Information

Jahr
2017
ISBN drucken
9783839104583
eBook-ISBN:
9783744823609
Auflage
1
Auf! Auf!
Der Sturm bricht los!
Die Kriegs-Fackel leuchtet!
Der Kampf muss nun beginnen;
Lasset uns siegen,
Gehet zu sterben,
Nur dieses sei unser Ziel.
1 Bemerkung
Endlich sollten wir nun dem entgegen gehen, was uns schon seit Jahresfrist vor Augen gestanden, und weswegen in dieser Zeit auch schon so manche Veranstaltung mit so mancher Geld-Aufwand geleistet worden war.
Die Armee war vollzählig, gut verpflegt, an Märsche schon gewöhnt, und kurz in so einem herrlichen und vortrefflichen Zustand, als man solche gewiss selten so finden wird; - wahrscheinlich werden sie länger nun nicht mehr so bleiben; - dies war jetzt das Wort eines Jeden, und leider musste das Ende dieser Periode solches schon be- 2 stätigen; ein früheres Vermuten von einer gänzlichen Auflösung dieser Legionen würde gewiss einen Jeden des Wahnsinns beschuldigt haben. –
So weit gehen Möglichkeiten! – so ist Gottes Schickung!
3 Den 21ten Juni 1812
Die Notwendigkeit, für das Bataillon abermals Geld zu erheben, gebot mir, diesen Mittag ein Reise nach Warschau anzutreten, welches ich in Begleitung unseres Marketenders, welcher diesen Weg wegen des Einkaufs mehrerer Genüsse schon mehrere Male gemacht hatte, und solchen also genau wusste, vollzog; ich hatte mir ein recht flinkes Fuhrwerk aus meinen Vorspann-Bauern, welche im Lager behalten und nicht entlassen wurden, herausgesucht, womit ich nun mit Bequemlichkeit und auch mit Geschwindigkeit meinen Weg fortsetzen konnte.
4 Wir fuhren mehrere Stunden in den Wald, kamen dann auf einen ohngefähr eine halbe Stunde freien Platz, wo wir einige ganz zerstörte Häuser nebst einem großen und gewiss ehemals schönen Posthaus und einen Judenkrug fanden, welches noch alles die besonderen Merkmale der rücksichtslosesten Aufführung und Plünderung der daselbst gestandenen westphälischen Truppen deutlich bewies; den Namen des Orts konnte ich für diese Zeit nicht erfahren, da Niemand zugegen war; man fand mehrere angelegte Biwaks, von Reisig erbaut und daneben leere und zum Teil zerstörte Häuser; es waren keine Truppen 5 mehr zugegen, die wohl in voller Masse hier gestanden haben mochten und vorwärts gegangen waren; es war dieser Ort ein Grenzort gegen das russische Polen. Bald führte uns der Weg wieder in den Wald, in welchem wir wiederum mehrere Stunden fuhren; als wir wieder ins Freie kamen, sahen wir die noch einige Stunden entfernt liegende Residenzstadt Warschau, wenigstens in ihrer Kontur und Mengen von Türmen, ausgebreitet vor uns liegen.
Kaum ist es wohl zu glauben, dass man in der Nähe der größten, schönsten und prachtvollsten Stadt einer Monarchie nicht mehr Kultur, nicht mehr Wohlhabenheit verspüren soll-6 te? Zwar soll es jenseits der Weichsel, wo die Gegend noch etwas angenehmer wie hier ist, nicht so ganz den Mangel aller deutschen Annehmlichkeiten enthalten. Wir fuhren demnach bis fast in das diesseits liegende Städtgen Praga, wobei wir vorher einige alte Feld-Verschanzungen, Überbleibsel von den früheren polnischen Revolutions-Kriegen, passieren mussten; soweit waren wir schon in den Umgebungen von Warschau gekommen, ohne vorher etwas anderes als einige alte, halb zerfallene, kleine, die Unreinlichkeit ausdrückende, und in diesem Lande gewöhnliche Dörfer, mit einigen Edelhöfen, zu finden; war früher keine Be- 7 wunderung für Schönheit in mir geregt worden, so wurde es eben so wenig in Praga, indem ich in ihr weiter nichts als eine gewöhnliche Judenstadt fand. Als wir die Verschanzungen des Brückenkopfes der vor uns liegenden Weichselbrücke, passiert hatten, sahen wir einen großen Teil der Stadt in amphitheatralischer Lage vor uns, und ob sich dieses gleich in der Entfernung und durch die Menge großer Gebäude, welche rechts und links des Ufers in bedeutender Entfernung fort gingen, recht gut ausnahm, so wollte in der Nähe die so auffallende Verschiedenheit das Auge doch nicht so recht erfreuen; große und antike Gebäude zieren zwar öfters auch eine Stadt und impo- 8 nieren sogar, allein wenn man zugleich neben ihnen wieder niedrige, schlechte und schmutzige Hütten sieht, wie dieses hier größtenteils der Fall ist, so vergisst man öfters das Schöne durch die danebenstehende Beleidigung desselben, wenigstens bei mir war das der Fall, dass mir die gewiss auch hier zu erwartende Bewunderung unterdrückt wurde.
Nachdem man die über die Weichsel angelegte Schiffbrücke passiert hat, geht man etwas steil durch eine Straße, welche in die Krakauer Vorstadt führt, die, sowie die so genannte neue Welt recht schön, und von allen Straßen, davon 300 sind, am besten gebaut ist, denn außerdem 9 findet man wie schon bemerkt, so eine Mannigfaltigkeit der Bauart, die den Augen eine Beleidigung verschaffen muss. Warschau, außer Praga, zählt 76.000 Einwohner unter welchen 20.000 Juden sein sollen, man denke sich diese Lebhaftigkeit auf den Straßen, und dieses mannigfaltige Gewühl, das Begegnen der Armut mit der Pracht, der höchsten Reinlichkeit mit der Schweinerei! – Dieser Ort ist übrigens noch von einer bedeutenden Menge von Fremden fast stets, aber vorzüglich in den Wintermonaten von denen weit und breit daher reisenden Magnaten, Starosten u.s.w. angehäuft, welche wenigstens immer den Fasching hier erwarten, daselbst in größ- 10 ter Pracht leben, bis diese vielleicht längst hierauf gesparte Summe beendigt, und sie nun auf ihren stillen Landsitz zurück kehrend, den Sommer oder längere Zeit wieder in größter Einfachheit leben. Daher findet man in Warschau auch den größten Luxus, wie man sich ihm nur denken kann, Bälle, Konzerte, Komödien, und eine Menge anderer Belustigungen, wechseln sich, besonders im Winter ununterbrochen ab; will man fahren, so findet man auf mehreren Punkten der Stadt Lohnkutscher, wo man für 1 Stunde 1 höchstens 2 Gulden polnisch bezahlt /: 1 polnischer Gulden hält 4 Groschen :/ und dieser fährt nun wohin man will, nämlich doch für diese Preis in der Stadt, 11 und somit sind eine Menge solcher Wagen und sonstiger Equipage auf den Straßen, dass man öfters seines Lebens nicht sicher ist, und ein Quotlibet von Christen und Juden, Soldaten und Mädchen, Mohren und Bettlern, Matronen und Kindern, drängen sich fortwährend so durch die Straßen, das man öfters nicht weiß, wie man ausweichen soll, und um geschwind fortzukommen, es das Besten ist, sich einer Lohnkutsche zu bedienen. Warschau hat einen Umfang von 3 ½ poln. Meilen; sie besteht aus Alt- und Neustadt, der Krakauer Vorstadt, neuen Welt, Lebzew, Nowe Lipie, Grzybowo; will man z.B. von der Krakauer Vorstadt nach der neuen Welt, oder nach Lochinska oder Radziwil, welches alles noch 12 zur Stadt gehört, so hat man einen Weg von mehreren Stunden. Diese Stadt enthält 3.465 Häuser, wovon 1.212 steinerne und 2.253 hölzerne; unter den 48 öffentlichen Gebäuden zeichnen sich aus, das königl. Schloss, der sächsische Palast mit einem schönen Garten, die Kasernen, die Münze, das Zeughaus, die Artillerie-Schule, der Kadettenhof, die Post usw.; es hat 115 Paläste, 23 Klöster mit Kirchen und überdies noch 9 Kirchen; 3 Theater etc. etc. etc. Alles was man nur wünschen kann, findet man in schönen Boutiquen auf den verschiedenen Plätzen, und alle Genüsse, welche den Gaumen verschafft werden können, bieten sich dar; eine freie Ausübung aller Religio- 13 nen findet statt, und man sieht von allen etwas. Die Verschwendung, vorzüglich bei den schönen Gesellschaft in luxuriöser Hinsicht, ist hier zu Hause, denn die Frau von Hause kann sich schlechterdings nicht entschließen, nur das geringste in ihren wirtschaftlichen zu übernehmen, sondern bestimmt sich bloß für ihre Eleganz und Vergnügungen zu sorgen, daher öfters selbst freie und öffentliche Klagen von ihren Männern geschehen, welche es damit immer nicht abändern können, da es eine alte hergebrachte Sitte sein soll. – die Wollust hat hier ihre Fittige sehr weit ausgebreitet, Kinder der Venus zieren so manches Fenster und 14 auf den Straßen findet man Clubs von Judenjungen, die unter mancherlei Adressen dem Liebhaber die Wahl lassen; noch ungleich schlimmer findet man solche Werber des Abends, in der Gestalt von Laternenträger; zu Dutzenden findet man solche vor den Aubergen oder sonstigen Gesellschafts-Häusern, die mit dem Vorwand diejenigen so solche Orte spät verlassen, nach Hause zu leuchten, ihre Empfehlungen vorbringen.
Man findet auch hier sehr viele Einwohner, welche die deutsche Sprache verstehen; doch wird man es äußerst selten finden, das sie sich mit dieser Sprache einlassen.
15 Ich suchte mit meinen Fuhrwesen in einem Privathaus mein Unterkommen, wo der mich begleitende Marketender sehr bekannt war, und sehnte mich heute bald nach Ruhe, da ich doch heute nichts mehr für meine Geschäfte tun konnte, und überdies sehr müde war. Allein mein Vorhaben mich der Ruhe zu überlassen wurde sehr bald, wenigstens auf eine lange Zeit gestört, nämlich in der Nähe meines Quartiers erhob sich auf einmal ein sehr bedeutender Lärm, mehrere sächsische und polnische Soldaten hatten zusammen eine Schlägerei, von beiden Seiten fanden sich immer noch mehr hinzu, man kämpfte gegenseitig mit dem Seitengewehr, verfolgte sich in den Straßen 16 auf und ab, es wurden mehrere Verwundete, selbst ein Toter gefunden, und kaum konnten die Wachen dieser Wut Einhalt tun, welches nur endlich durch fortwährende starke Patrouillen beendigt werden konnte.
Es war von unsern Armee-Korps in Warschau: das Hauptquartier und die Brigade v.Klengel, wovon jedoch ein großer Teil in Praga stand.
Den 22ten Juni
Da ich nebst der Übernahme von Traktaments und Löhnungs-Gebührnissen, auch die Fassung der Lebensmittel von hier besorgen musste, und dieses hier eine ungeheure Menge von Schwierigkeiten verursachte, so musste ich heute wider meinen Willen hier bleiben.
17 Den 23ten Juni
Eine schreckliche Entdeckung musste ich diesen Morgen machen, als ich nach meinen Wagen fragte, um nunmehr bald von hier abzureisen, und erfahren, dass mein Fuhrmann, welches ein Jude war, mit seinen beiden Pferden, trotz dem, dass solche mit den Wagen in einen verschlossenen Hof gestanden hatten, dennoch die Flucht ergriffen habe; es reizte mich dieses darum um so mehr zu größter Wut, da ich nun gar kein Mittel vor Augen hatte, mein vieles Geld und mehrere Sachen, die ich eingekauft und bei mir hatte, fortbringen zu können. Hier konnte ich mir keine Fuhre versprechen, das wäre nicht möglich gewesen, und 18 von meinen Fassungswagen konnte ich auch keinen wegnehmen, ich wusste so nicht, wie ich die vielen Lebensmittel auf selbigen fortbringen sollte, da war Holland in Nöten, ich war in größter Verlegenheit; doch! fiel mir noch ein, ob nicht die Ochsen, welche ich hier aus dem Magazin als Fleisch für das Bataillon erhalten hatte, im Zug zu gebrauchen sein könnten, ich erhielt meine Vermutung durch meine Soldaten, welche dieses Fuhrwesen unter sich hatten, für ausführbar, ließ demnach einige Joche kaufen, zwei Ochsen an einen Brotwagen spannen, nahm die Pferde von selbigen, spannte sie an den meinigen und so trat ich meine Rei- 19 se denn glücklich an und war seelenvergnügt, diesen Einfall noch ertappt zu haben. Meinen Lebensmitteltransport übergab ich meinen Unteroffizier, welcher bei mir war, und fuhr mit meinem Gelde nun geradewegs zurück in das Lager bei Ockuniew; zwar hatte ich wohl gehört, es wäre dort alles schon abmarschiert, allein da ich hiervon nichts gewisses erhalten konnte, so blieb ich meinen Vorhaben getreu; zu meinen großen Missvergnügen musste ich bei meiner dortigen Ankunft alles leer, und nichts als einige Hunde finden. Dies musste mir umso unangenehmer sein, da einige anwesende Ein- 20 wohner mir sagten, dass alles nach Siroz marschiert sei, wohin ich von Warschau eben nicht weiter als hierher gehabt hätte und folglich dieser Weg umsonst gemacht sei. Nachdem ich daselbst etwas hatte füttern lassen und für meine Person ein wenig geruht hatte, fuhr ich wieder ab, um nun nach Siroz zu fahren, allein der Weg war noch zu weit, die Pferde zu müde und ich blieb darum unterwegs bei einem armen Schlachtschützen. /: Schlachtschütz nennt man einen jeden gewöhnlichen polnischen Edelmann :/.
Den 24ten Juni
In aller Frühe machte ich mich wieder auf den Weg und kam um 9 Uhr nach Siroz, ein schlechtes 21 Städtchen am Einfluss der Narew in den Bug, mit 400 Einwohnern. Ich erfuhr daselbst, dass das Bataillon diesen Morgen in aller Frühe habe schleunigst aufbrechen müssen, und dass man des baldigsten in der Nähe etwas kriegerisches erwarte. Wo das Bataillon hin marschi...

Inhaltsverzeichnis

  1. Hinweise
  2. Vorwort
  3. Titel
  4. Schlacht bei Podowna am 12ten August 1812
  5. Textbeginn
  6. Quellen
  7. Bestand des Grenadier-Bataillons v. Spiegel zum 31.03.1812 / Standquartier Crossen
  8. In dieser Reihe sind an Memoiren, Berichten und Tagebüchern bisher erschienen
  9. Impressum