Systemtheoretische Beobachtungen III
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Systemtheoretische Beobachtungen III

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Systemtheoretische Beobachtungen III

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Information

Jahr
2019
ISBN drucken
9783748183105
eBook-ISBN:
9783749489015

Buchdruck und Reformation

Ein Medien- und Epochenwechsel

1. Hinführung

Wir nehmen im folgenden eine Neubeschreibung des Miteinanders von Buchdruck und Reformation vor.2 Unsere Neubeschreibung ist – wie alle anderen Beschreibungen der Reformation auch – eine Form der Wiederbeschreibung oder Redescription3, die sich dazu auf bestimmte Unterscheidungen stützt. Wir gehen in unserer Beschreibung von der leitenden Unterscheidung von Medium und Form aus und schließen daran weitere, aus dieser Leitunterscheidung entwickelte Unterscheidungen an, um einen gewissen Grad an Komplexität unserer Neubeschreibung erreichen zu können.
Die mitlaufende These lautet, dass Medienwechsel und Epochenwechsel einander bedingen. Insofern kann jeder Epochenwechsel als Medienwechsel und umgekehrt jeder Medienwechsel als Epochenwechsel konzipiert werden.4 Wir wählen den Einstieg bei der Beschreibung des Medienwechsels, um daraus einen Epochenwechsel abzuleiten. Ein Medienwechsel ist zu konstatieren, soviel ist vorab festzuhalten, wenn und insoweit sich die Unterscheidung von Medium/Form im Hinblick auf die durch diese Unterscheidung konstituierten Elemente ändert. Und genau dies lässt sich anhand des Buchdrucks und der damit verbundenen Reformation zeigen.
Buchdruck und Reformation sind, als Abbreviaturen für die Beschreibung eines Medien- und Epochenwechsels, geradezu synonym geworden. Wir führen dies darauf zurück, dass sich in der Zeit zwischen 1450 und 1550 eine neue Weise der Unterscheidung von Medium und Form durchgesetzt und stabilisiert hat, die beide Entwicklungen zusammenbindet. Wir ordnen den Begriffen Buchdruck und Reformation daher die Unterscheidung von Struktur und Semantik zu. Der Buchdruck ist das Kennzeichen historischer Strukturveränderungen, die Reformation dagegen das Kennzeichen der damit verbundenen historischen Veränderungen (in) der Semantik.5
Zunächst erläutern wir die Unterscheidung von Medium und Form, um eine Basis für die anschließenden Überlegungen zu haben. Sodann modellieren wir mit Hilfe der Medium/Form-Unterscheidung Begriffe wie Kommunikationsmedien, Verbreitungsmedien, Massenmedien sowie symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien bzw. Erfolgsmedien. Parallel dazu nehmen wir den Medien- und Epochenwechsel mit der Unterscheidung von Kommunikation und Bewusstsein in den Blick. Ein Ausblick führt die Unterscheidung von Medium und Form mit dem momentan erfolgenden Medien- und Epochenwechsel unter dem Stichwort Computer bzw. Digitalisierung zusammen.

2. Die Unterscheidung von Medium und Form

2.1 Wir setzen die Unterscheidung von Medium/Form6 (oder: Form/ Medium, je nach Bedarf und Kontext) als universal anwendbar voraus: ,Alles‘ kann mit ihr beobachtet werden, genauso wie beispielsweise mit den Unterscheidungen Operation/Beobachtung, System/ Umwelt oder Struktur/Semantik. Da die Unterscheidung Medium/ Form selbstimplikativ auftritt, also selbst eine Form darstellt7, notieren wir im folgenden zumeist Form/Medium, insofern die linke Seite der Unterscheidung als die operativ anschlussfähige Seite gelten soll.
2.2 Unterscheidungen wie Form/Medium notieren wir, indem wir die Begriffe durch einen Schrägstrich (solidus) trennen bzw. verbinden. Solche Unterscheidungen können auch in sich selbst verschachtelt sein, etwa durch den (Wieder-) Eintritt bzw. den re-entry8 einer Unterscheidung auf einer ihrer beiden Seiten. Zur Darstellung des reentry nutzen wir einen doppelten Schrägstrich, sodass der Wiedereintritt der Unterscheidung Form/Medium auf der Seite Form in der Schreibweise Form/Medium//Medium dargestellt wird. Im Falle eines re-entry der Unterscheidung Medium/Form in sich selbst würde die Schreibweise Medium/Form//Form lauten.
2.3 Im Unterschied zu anderen Unterscheidungen liegt die Besonderheit der Unterscheidung von Form/Medium darin, dass sie gewinnbringend auf sich selbst angewendet werden kann, ja vermutlich erst dadurch ihre besondere Bedeutung erhält. Wir nennen eine solche Form autologisch.9 Die Autologie der Unterscheidung von Form/ Medium besticht dadurch, dass der re-entry auf jeder der beiden Seiten endlos angewandt werden kann. Mit anderen Worten: Jedes Medium einer Form/Medium-Unterscheidung kann selbst zur Form gegenüber einem anderen Medium werden und jede Form einer Form/ Medium-Unterscheidung kann selbst zum Medium einer anderen Form werden.
2.4 Ein einfaches Beispiel für die in beide Richtungen verschiebbare bzw. verschachtelbare Unterscheidung Form/Medium lässt sich für das Medium Sprache beibringen. Im Medium der Sprache treten Formen auf, die ihrerseits zu Medien für weitere, andere Formen werden können. Dies ergibt, nun erneut in der Schreibweise Medium/ Form notiert, folgende Unterscheidungen: Buchstabe/Silbe, Silbe/ Wort, Wort/Satz, Satz/Text usw. In der anderen Richtung würde sich aufgrund der Schreibweise Form/Medium folgende Reihe ergeben: Silbe/Buchstabe, Buchstabe/Zeichenvorrat, Zeichenvorrat/Linie, Linie/Punkt usw. Insofern verknüpfen Medien zwei Endloshorizonte miteinander.10
2.5 Die beiden Seiten der Unterscheidung von Form/Medium sind durch die Einheit ihrer Elemente und zugleich durch die Unterscheidung der Relationierung ihrer Elemente aufeinander bezogen.11 Man könnte auch sagen, dass die Unterscheidung Form/Medium und die Unterscheidung Element/Relation senkrecht bzw. orthogonal zueinander stehen. Dies bedeutet zum einen, dass die Unterscheidung Element/Relation auf jeder Seite der Unterscheidung Form/Medium angewandt werden kann, und zum anderen, dass beide Unterscheidungen einander nicht substituieren können.
2.6 Formen stellen strikte Kopplungen von Elementen, Medien dagegen lose Kopplungen von Elementen dar. Die jeweiligen Elemente entstehen im Gebrauch ihrer Kopplung oder Entkopplung, also im Moment der Formbildung in einem Medium. Aufgrund der strikten Kopplung von Elementen sind Formen starr und kurzlebig, aufgrund der losen Kopplung von Elementen ist das Medium fluide und dauerhaft. Medien sind ausschließlich in Formen bzw. Formbildungen beobachtbar, die das jeweilige Medium aufgrund ihrer permanenten Kopplung und Entkopplung von Elementen regenerieren. Das Medium selbst ist nicht beobachtbar. Formen sind manifest, Medien bleiben latent.
2.7 Die Unterscheidung Form/Medium ist ausschließlich systembezogen und damit systemrelativ zu verstehen.12 Dies gilt insbesondere für die Elemente, die durch die Unterscheidung von Form/Medium im Bezug auf ein (Sinn-) System konstituiert werden.13 Wir werden im folgenden vor allem die Systemreferenzen Bewusstsein, Kommunikation und (das damals im Entstehend begriffene Funktionssystem der) Massenmedien in Anspruch nehmen und quasi im Hintergrund mitlaufen lassen, ohne im Detail darauf einzugehen. Es ist aber festzuhalten, dass sich die Unterscheidung Form/Medium in zwei unterschiedlichen Weisen auf Systeme beziehen kann: entweder referiert sie auf ein- und dasselbe System und kann innerhalb dessen in beide Richtungen verschoben werden – wir hatten dies unter 2.4 im Blick auf Sprache exemplifiziert –, oder aber sie bezieht sich auf unterschiedliche Systeme. Im ersten Fall bleiben die Elemente gleich, aber die Form/Medium-Unterscheidung ändert sich (siehe 2.3). Im zweiten Fall bleibt die Form-Medium-Unterscheidung gleich, aber die Elemente unterscheiden sich und gewinnen je nach Systemreferenz eine andere Bedeutung bzw. einen anderen Sinn. So ,sind‘ Buchstaben oder Silben für Wahrnehmung etwas anderes als für Kommunikation.

3. Kommunikationsmedien

Über die Bedeutung der an dieser Stelle interessierenden Kommunikationsmedien Sprache und Schrift ist ausführlich geschrieben (!) worden.14 Im Sinne unserer leitenden Unterscheidung von Form/Medium sind an dieser Stelle aber vier Aspekte zu verstärken.
Erstens sind Formen und Medien der Wahrnehmung und Formen und Medien der Kommunikation zu unterscheiden. Wahrnehmungsmedien sind etwa Luft oder Licht, Kommunikationsmedien etwa Töne oder Zeichen. Kommunikationsmedien sind also Formen in Wahrnehmungsmedien und stellen ihrerseits Medien für Formen dar, die wiederum Medien, z. B. Verbreitungsmedien, werden können. Töne benötigen Luft und Zeichen benötigen Licht.
Wir können an dieser Stelle auch die bereits oben eingeführte Verschiebung der Form/Medium-Unterscheidung in der Richtung von Medien auf Formen, die erneut Medien für andere Formen werden können, anwenden, sodass wir die Formel erhalten: Wahrnehmungsmedien bilden Formen aus, die als Kommunikationsmedien verwendet werden können, und umgekehrt: Kommunikationsmedien sind Formen im Medium (oder: in Medien) der Wahrnehmung. Zugleich gilt, dass Kommunikationsmedien Formen erzeugen können, die zu Verbreitungsmedien werden, etwa wenn aus Texten Bücher werden.
Zweitens scheint es für die mediale Evolution, die sich zwischen 1450 und 1550 abspielt, entscheidend gewesen zu sein, dass das Kommunikationsmedium Schrift auf Alphabete (insbesondere lateinische Buchstaben) zurückgreifen konnte. Frühere Versuche des Buchdrucks vor allem im asiatischen Raum kamen aufgrund der dort üblichen Silben- oder Wortschriften zu keinen vergleichbaren Auflöse- und Rekombinationsmöglichkeiten.15 Kurz: Die Erfindung des Buchdrucks kann in erster Linie auf diese vorgeschaltete Form/Medium-Unterscheidung von Buchstabe/Schrift zurückgeführt werden. Es ist folglich genau dieses Auflösungsniveau von Schrift in Buchstaben – und nicht etwa eine gröbere Auflösung in Silben oder eine feinere Auflösung in Punkten bzw. dots –, das als conditio sine qua non des Buchdrucks gelten kann.
Drittens ist davon auszugehen, dass die Neujustierung von Form/ Medien-Unterscheidungen durch weitere begleitende und unterstützende Aspekte verstärkt wurde. Mit anderen Worten: Es haben mehrere Medienwechsel zeitgleich stattgefunden und damit erst das zuwege gebracht, was wir herkömmlicherweise in den Begriffen Buchdruck und Reformation zusammenfassen. Dazu gehört eine historisch teils neue, teils erneuerte Handhabung der Unterscheidung von Medium und Form im Hinblick auf (technische) Medien wie Papier, Druckfarbe, Bleilettern und Druckerpresse, sodann das Erfolgsmedium (siehe .) Geld für hochsummige Investitionen (,finanzielle Vorlage‘, daher später ,Verlag‘), das Erfolgsmedium Macht (Landesherren versus klerikale Kontrolle), das Medium der Öffentlichkeit in Formen der Beobachtbarkeit (siehe .) sowie das Medium Neuheit im Sinne von Informiertheit (siehe ebenfalls 5.), dessen historisches Auftreten sich u. a. mit der Entdeckung Amerikas 1495 verbindet.
Erst dieses historisch kontingente Zusammenspiel mehrerer Medienwechsel im Sinne neuer Elemente in unterschiedlichen (gesellschaftlichen) Sinnhorizonten, die sich (dann) in einer jeweils spezifischen Form/Medium-Einheit zusammenfinden, lässt es als sinnvoll erscheinen, vom Medienwechsel des 15. und 16. Jahrhunderts als Epochenwechsel zu sprechen.
Viertens justieren der Buchdruck und sodann die Reformation das Verhältnis von mündlicher Sprache und schriftlichen Texten neu. Im Effekt kommt es dabei nicht zu einem Nullsummenspiel16, bei dem die mündliche Kommunikation verliert und die schriftliche gewinnt, sondern es kommt, vermutlich erstmalig in der Historie, zu einer Steigerung auf beiden Seiten. Die Formel kann lauten: je mehr schriftliche Kommunikation, desto mehr mündliche Kommunikation, je mehr Bücher, desto mehr Gespräche – und umgekehrt.
In der Epoche zuvor hatte sicherlich die mündliche Kommunikation die Oberhand. Das, was in Manuskripten schriftlich vorlag, hing am Tropf der Interaktionen. Die mündliche Kommunikation gab den Kontext für die schriftlichen Texte ab. In der nun anbrechenden Epoche scheint es zunächst umgekehrt zu sein, dass die Texte den Kontext für die Gespräche abgeben, doch bald wird deutlich, dass mündliche und schriftliche Kommunikation nahezu inkompatibel auseinander driften. Beide Medien etablieren und stabilisieren ihre ...

Inhaltsverzeichnis

  1. Inhaltsverzeichnis
  2. Einführung
  3. Buchdruck und Reformation
  4. Öffentliche Religion I
  5. Öffentliche Religion II
  6. Öffentliche Religion III
  7. Religion und (Massen-) Medien
  8. Public Relations von Nonprofit-Organisationen
  9. Christliche Kommunikationskampagnen
  10. Kommunikationskampagnen Ein makrotheoretischer Zugang
  11. „… um des Menschen willen – Zeit für Freiräume 2019“
  12. Wie Beratung möglich ist
  13. Das zwölfte Kamel
  14. Selbststeuerung durch Selbstbeschreibung
  15. Qualitätsentwicklung in der Kirche – quo vadis?
  16. Impressum

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