Bremen 1814
Die Ehe ist doch wohl das Wunderbarste auf der Welt,
mich wundert nicht mehr, dass alle Romane darin
schliessen, fester kann nichts geschlossen sein...
(Achim von Arnim an Sophie Brentano)
D er Bruder ist auf Wanderschaft gegangen und bringt sein Erbteil durch. Aus Hamburg kommt die Nachricht, dass er in liederliche Gesellschaft geraten sei, aus Köln und Aachen nur Bitten um Geld. Er ist krank geworden und hat weder Brot noch ein Dach über dem Kopf. Dann erfahren die Eltern, dass er sich als Husar unter Napoleon hat anwerben lassen. Der eigene Sohn im Dienst der Franzosen, das ist nun wirklich eine Nachricht, die sie lieber für sich behalten. Über den missratenen Sohn wird im Hause Timm nicht mehr gesprochen. Er hat den Eltern nie wirklich Freude gemacht und so richtet sich ihr Augenmerk nur noch auf die Tochter, die nun nicht mehr Gesche, sondern Gesina Margarete genannt werden möchte. In den Mienen ihrer Eltern liegt ein leiser Vorwurf. Gesina ist nun alt genug. Es wird Zeit zu heiraten.
Mehrere Anträge hat sie schon abgewiesen. Der einzige Bewerber, der ihr gefiel, Johan, der ausgelassene Wandergeselle, hatte dem Vater nicht gepasst. Nun hat aber der kürzlich verwitwete Sohn des Nachbarn, Sattlermeister Miltenberg, ein Auge auf die junge, hübsche Frau geworfen, die da jeden Tag Wasser aus seinem Brunnen holt. Gesche freut sich, wenn er sie liebenswürdig grüßt und ihr das Wasser nach Hause trägt. Doch besonderes Interesse hat sie nicht an dem jungen Mann. Sein Äußeres lässt kein Frauenherz höher schlagen und es wird viel über ihn gemunkelt. Einiges hat sie selbst mitbekommen. Seit vier Monaten erst ist er Witwer. Er hat ein loses Leben geführt, ist mit zwanzig Jahren auf Wanderschaft gegangen und in Braunschweig einer liederlichen, fünfzehn Jahre älteren Kokotte in die Hände gefallen.
Die hatte zehn Jahre ihres wahren Alters herabgelogen und so mit ihren erotischen Künsten gezaubert, dass sie schon bald mit dem jungen Miltenberg verheiratet war. Das Paar zog dann in Miltenbergs Vaterhaus nach Bremen und die nun folgenden Ehejahre waren erfüllt von Zanken, Trinkgelagen und Schlägereien. Das drang zuweilen bis hinaus auf die Straße, ja sogar bis zu den Nachbarn, die nicht verstehen konnten, dass weder der alte noch der junge Miltenberger dem sittenlosen Treiben der neuen Hausherrin Einhalt geboten. Stets trug Madame Miltenberg eine Flasche Schnaps mit sich, nüchtern hat man sie eigentlich nie gesehen. Die Seiten der Geschäftsbücher blieben leer, die Furcht vor der Hausherrin glich das Gesinde damit aus, dass es heimlich Schinken verschwinden ließ, sich Tabak in die Hosentaschen stopfte oder auch mal eine Flasche guten Burgunders mitgehen ließ. Fünf Jahre dauerte dieses an, bis die allseits Gefürchtete an den Folgen ihrer Trunksucht und eines durch ihre Schwäche begünstigten Ausbruchs der Schwindsucht starb. Nun waren die beiden Männer allein im Haus, der Vater nahm sein Gläschen Portwein umgeben von seinen wertvollen Ölgemälden zu sich, von denen einige an die dreihundert Taler wert sind, und der Sohn ertränkte die Schrecken seiner durchlebten Ehejahre im Wirtshaus. Dass eine neue Frau her musste, die den Haushalt wieder in Ordnung brachte, das war klar, und die hübsche, fleißige Gesche Timm aus dem Nachbarhaus würde das bestimmt schaffen. Dem jungen Miltenberg haftet nun zwar ein zweifelhafter Ruf an, aber er ist Erbe eines großen Hofes, zu dem diverse Nebenhäuser gehören. Das Wohnhaus ist ausgestattet mit kostbarem Mobiliar und Seidentapeten.
Obgleich der alte Miltenberg nur Sattlermeister ist, verkehren hier vornehme Herren, sogar Senatoren, ebenfalls Besitzer oder Kenner von Ölgemälden, die gern mit dem alten Miltenberg über seine wertvollen Bilder diskutieren, während sie ihren Tabak schnupfen. Das alles hebt den Heiratskandidaten wohl in ein günstiges Licht, das alle negativen Aspekte überstrahlt, und als Magister Rothe als Freiwerber bei den Timms vorspricht und Vater Timms Einwand, dass seine Tochter keine Mitgift haben würde, als unwichtig beiseite schiebt, ist es den Eltern, als sei dies das größte Glück auf Erden für sie und ihre Tochter.
Gesche, die von ihren Eltern gelernt hat, dass diese nur immer das Beste für sie wünschen und wollen, traut sich nicht zu widersprechen. Sie fängt an zu weinen. Sie weint die ganze Nacht und den Tag und die Nacht darauf und drei Tage später geht sie in das Miltenbergsche Haus und nimmt sich des völlig verwahrlosten Haushaltes an. Sie arbeitet von sieben Uhr morgens bis zehn Uhr abends, bis zu ihrer Hochzeit am 6. März, der auch ihr Geburtstag ist. Nicht jedermann hält diese Hochzeit für Gesches größtes Glück. Timms Freunde haben Bedenken und halten es für Leichtsinn, dass der Schneidermeister seine liebreizende Tochter so einem wüsten Trunkenbold zur Frau gibt. Doch die Mutter meint, dass Liebe und Glück von selbst kämen, wenn die jungen Leute nur Brot hätten.
Es wird Frühling, in den Gärten flammt der Ginster. Narzissen und Tulpen treiben ihre leuchtenden Blüten aus der Zwiebel. Gesche hat Ordnung in Haus und Werkstatt gebracht. Die Mägde, Lehrlinge und Gesellen spüren das wachsame Auge der neuen Herrin. Es verschwindet kein Burgunder mehr aus dem Weinkeller und in der Speisekammer bleibt alles liegen, wo es hingehört. Zu Ostern werden Rosinenwecken und Hefezöpfe gebacken. Gesche schmückt den Tisch mit Weidenzweigen und bemalten Eiern. Miltenberg ist stolz auf seine junge, hübsche Frau und überschüttet sie mit Kleidern, Schmuck und einer himmelblauen Haube aus Satin. Das gefällt ihr wohl, aber dass er weiterhin jeden Abend im Wirtshaus sitzt und trinkt, anstatt ihr Gesellschaft zu leisten, bedrückt sie zusehends. Mit jedem dieser Abende, die er vor ihr zu fliehen scheint, wird ihr schwerer ums Herz. Sie verspürt eine unfassbare Sehnsucht, ein Verlangen nach Zärtlichkeit und Liebe. Sie will fühlen, Hände spüren, Haut, einen warmen Körper. In ihrem Elternhaus gab es das nicht und nun sollte das Leben in gleicher Weise weitergehen?
Einmal lässt Miltenberg einen Haarkräusler kommen, der ihr die Haube abnimmt und eine Lockenfrisur zaubert. Er erzählt ihr beim Kräuseln, dass die Damen am Hofe des französischen Königs, früher, noch vor der Revolution, wahre Wunderwerke aus echten und falschen Haaren trugen, über Spiralfedern in die Höhe gekämmt, mit Federbüschen, Blumen und Gewinden aus bunten Schleifen verziert. Mit so einem Wunderwerk auf dem Kopf konnte man natürlich weder schlafen noch arbeiten, nur erhobenen Hauptes dasitzen und sich bestaunen lassen. Was für Welten es gibt, von denen sie nie zuvor gehört hat! Gesche erinnert sich an die Zeit, als sie mit ihren Freundinnen Komödie gespielt hat. Da war sie stets die Königin, die Prinzessin, von den Freundinnen geschmückt und verehrt. Als Herrin des Miltenbergschen Hofes ist sie eigentlich nichts anderes als eine Dienerin, die unermüdlich dafür sorgt, dass Vater und Sohn es sich in einem geordneten Haushalt wohl sein lassen können.
Von einer seiner vielen Reisen, von denen Gesche nicht weiß, wozu oder wohin er sie unternimmt, bringt Miltenberg ihr eines dieser neuen Kleider mit, eine Chemise aus Seidenmousselin, ohne Taille und unter der Brust leicht mit einer hellblauen Seidenschärpe gegürtet. In der „Hauspostille“, hat Gesche über diese Mode wohl gelesen, aber das sind Kleider, die in Berlin oder in Weimar von diesen Damen getragen werden, die ihre Teezirkel zelebrieren oder Salons führen. Sie gefallen ihr, die sanften Farben, zarter Flieder, Elfenbein, der fließende Stoff, der den Körper umspielt statt einzuengen. Aber so etwas kann sie hier nicht tragen. Man würde sie für ein Lustmädchen halten. Als Gesche ihren Mann nun trotzdem dankbar in die Arme nehmen und küssen will, weicht dieser abwehrend zurück, stammelt Unverständliches und flieht wie immer ins Wirtshaus. Gesche erstarrt. Die Leere in ihr ist schmerzhaft und tief. Kein Kleid, kein Schmuck, weder Hüte noch Bänder können sie füllen.
Gesches Eltern merken wohl, dass ihre Tochter immer blasser wird in dieser Ehe, und nehmen sie im Sommer zur Aufheiterung zu einer Korporalsmahlzeit mit. Miltenberg erscheint ebenfalls und zwar in Begleitung seines neuen Freundes Herrn Gottfried, ein flotter, lebenslustiger Reisender in Sachen Wein, der nicht nur ein guter Tänzer ist, sondern auch sehr schön Gitarre spielt. Er wohnt seit kurzem ebenfalls in der Pelzerstraße und lässt die Frau seines neuen Freundes nach einem ersten Tanz nicht mehr aus den Augen. Bis in die tiefe Nacht schweben die beiden über die extra für diese Veranstaltung ausgelegten Planken. Miltenberg ist das nur Recht, er tanzt nicht und muss sich so um Gesche nicht kümmern. Die schmelzenden Blicke, die seine Frau dem Tanzpartner zuwirft, die Hände, die sich immer enger miteinander verflechten - sieht er sie nicht?
Gesche ist verliebt. Sie denkt nur noch an ihn, an Gottfried. Ruhelos wandert sie durch das Haus, die Stiegen hinauf und hinab, von der Küche in die Stube, in die Werkstatt und wieder zurück in die Diele. Sie tritt vor das Haus, um ihn auf der Straße abzufangen, um allein ein paar Worte oder auch nur Blicke mit ihm zu wechseln. Sie verbringt Stunden vor dem Spiegel und fragt sich, ob sie für Gottfried hübsch genug ist. Sie fängt an sich zu schminken, legt Puder auf, Rouge, Lippenpomade. Die Schminke wurde die rettende Maske vor dem verräterischen Erröten und Erblassen. „Die erste Sünde an meinem Körper“, wie sie später sagt. Gottfried aber beliefert seinen Freund Miltenberg weiter mit Wein, als sei nichts gewesen. Die Abstände zwischen den Lieferungen werden zwar immer kürzer, doch die Worte, die er mit Gesche wechselt, seine Blicke, sein Händedruck sind höflich, förmlich, nichtssagend.
Die sonnensatten Tage sind vorüber, es wird Herbst und am 21. November stehen frühmorgens die Franzosen vor dem Ostertor. Oberst Clement mit 2000 Männern zu Fuß, 90 Husaren in scharlachroten Röcken, abenteuerlich anmutende Sappeurs mit Bärenmütze und blinkender Axt auf der Schulter und 40 Offiziere hoch zu Pferd ziehen unter Trommelwirbel in die Stadt. Sie müssen einquartiert und beköstigt werden. Oberst Clement verlangt für seine Männer Quartiergelder, neue Schuhe, Oberröcke und Pantalons. Für die Offiziere werden zusätzlich Tafelgelder eingetrieben. Die Stadt ist in Aufruhr.
An Gesche gehen die Ereignisse vorüber wie Nebelbilder. Ihr ganzes Denken, ihre Sehnsucht und ihr Verlangen richten sich nur auf einen Mann, auf Gottfried. Nur nach ihm sucht ihr Blick auf der Straße. Manchmal bricht sie in hemmungsloses Weinen aus. Den ständigen Fragen der sich sorgenden Eltern und des beunruhigten Schwiegervaters entgeht sie mit der Lüge, dass ihre Kinderlosigkeit der Grund für ihre Trauer sei. Die Bemühungen der Angehörigen, die junge Frau auf andere Gedanken zu bringen, gipfeln dahingehend, dass Vater Timm Kindern den Zutritt in das Miltenbergsche Haus untersagt, damit ihr Anblick seine Tochter nicht schmerzt.
Mechanisch verrichtet Gesche ihre Arbeit in Haus und Hof. Endlos lang sind die Tage, öde und inhaltslos. Zum Glück ist inzwischen das Komödienhaus auf dem Ostertorswall wieder eröffnet worden. Im Sommer gehen die Bremer nicht gern ins Theater, da sitzen sie lieber hinter den immergrünen Taxushecken ihrer Gärten in der Neustadt oder spazieren die Weser entlang. Doch wenn die Tage kürzer und die Abende länger werden, ist das Komödienhaus stets gut besucht. Miltenberg mag die Schauspielerei und Gesche begleitet ihn mit Vergnügen. Ist das doch endlich eine Gelegenheit, dem trüben Alltag zu entfliehen, den Liebeskummer für eine Weile zu vergessen. Sie lässt den Inhalt der Stücke ungerührt an sich vorüberziehen, ganz gleich, ob es ein Drama dieses kürzlich verstorbenen Revolutionärs Schiller ist oder eines der zahlreichen Lustspiele von Kotzebue. Das Äußere zieht sie in seinen Bann. Der Glanz, die Lichter. Welch ein Genuss in einem festlichen Kleid unter strahlenden Lüstern zu sitzen und zu beobachten, wie die Schauspieler ihre Rolle spielen, sich heroisch geben, romantisch, verführerisch oder schurkisch. Die Welt auf der Bühne ist lebendig, bunt und dramatisch. Ihre Welt ist eintönig, trostlos, grau in grau.
Dieser Winter ist besonders hart und heftig. Und als im April die Wasserstellen am Stadtgraben wieder ganz frei vom Eis sind, weiß Gesche, dass ein Kind unterwegs ist. Miltenberg humpelt, zieht ein Bein nach beim Gehen und bewegt sich überhaupt sehr merkwürdig. Auf Gesches Frage hin, was ihm denn fehle, entgegnet er, dass er sich an einem Kutschkasten verhoben hat. Sie lässt den Chirurgus Hofrat Schmidt kommen, der sich mit ihrem Mann einschließt und nach über einer Stunde mit bedeckter Miene aus der Stube kommt. Auf die Frage, was ihrem Mann denn fehle, antwortet er knapp, dass sie keinen ehelichen Umgang mehr mit ihm haben dürfe. Sie geht nun oft hinüber zu ihren Eltern und schließt sich abends in ihrem Zimmer ein.
Mutter Timm lässt eine Kartenlegerin holen, deren grausiger Anblick die junge Schwangere zutiefst verstört. Später erfährt sie von der Mutter, dass die Karten nichts Gutes ausgesagt haben.
Kurz vor der Niederkunft näht die Mutter einen halben Groschen und eine wundertätige Wurzel in Gesches Kleid. Beides soll wohltuende Wirkungen hervorrufen. Unter Kopfkissen und Matratze legt sie Säckchen mit heilkräftigen Kräutern und Steinen. Vom Vater bekommt sie eine schöne, neue Bettstelle, feine Tücher, eine Wiege und niedliches Kinderzeug. Außerdem stellen ihr die Eltern Kaffee, Tee, Zucker und Schokolade in die Speisekammer, Kolonialwaren, so kostbar wie nie zuvor, seitdem Napoleon gegen seinen Erzfeind England die Kontinentalsperre verhängt hat, um die Einfuhr britischer Güter aus Übersee zu unterbinden. Doch die Herren der Meere besetzen Helgoland, von Wind und Wasser geformter Felsen in der Nordsee. Bald entwickelt sich ein lebhafter Schmuggel zwischen der roten Sandsteininsel und den Hansestädten und auf die überseeischen Genusswaren muss nun keiner mehr verzichten.
Gesches Kind, ein kleines Mädchen, kommt leicht und schnell zur Welt. Die Großeltern tragen es auf Händen und umsorgen es Tag und Nacht. Nach vier Wochen hat Gesche keine Milch mehr und das Kind, die kleine Adelheid, bekommt eine Amme. Sie ist zu blass und will nicht richtig gedeihen. Auf der Haut zeigen sich Flecken und kleine Bläschen. Als augenscheinlich wird, dass es mit Anzeichen der Lustseuche geboren ist, schiebt man dieses der Amme in die Schuhe. Obgleich alle wissen, wer die verhängnisvolle Krankheit übertragen hat, wird die Amme entlassen. Ein zweites Kind kommt knapp ein Jahr später tot zur Welt.
Da Gottfried fern und unnahbar bleibt – abgesehen von einem Kuss während eines Spazierganges zum Wall war nichts geschehen – richtet sich Gesches Sehnsucht auf einen anderen Mann, ebenfalls ein Weinhändler, verheiratet, wohlbeleibt, aber voller schöner Worte. Manch gute Flasche trägt auch er in das Miltenbergsche Haus, Rheinwein, Burgunder und wohl auch mal eine Flasche Rum. Später kommen kleine Geschenke für die Hausfrau hinzu, Blumen, Konfekt, eine besonders edle Flasche Rebensaft, die dann allerdings ihr Mann leert.
Miltenberg übersieht geflissentlich die Blicke, die Kassow seiner Frau zuwirft. Es ist ihm nur Recht, wenn sich ein anderer um Gesche kümmert. So kann er ungestört seinen eigenen Vergnügungen nachgehen. Kleine Geschenke und sehnsuchtsvolle Billetts werden ausgetauscht. Einmal möchte Gesche ihrem Verehrer eine Tuchnadel mit einer Haarlocke schenken und ein paar liebe Zeilen hinzufügen. Da sie nie Briefe geschrieben hat, ihr Mann aber sehr geschickt darin ist, bittet sie ihn einige Worte zu schreiben und behauptet, dass diese für eine Freundin seien, die ihrem Freund eine Tuchnadel schenken wolle. „Nicht diese Locke sei Ursache, dass sie sich meiner erinnern“, schreibt Miltenberg, „nein, das Gefühl der Freundschaft und Tugend mehre sich täglich bei Ihnen.“ Gesche schreibt die Worte ab und lässt sie mit der Nadel und einer Locke Herrn Kassow zukommen. Dieser zeigt sich erkenntlich. Am Wochenende unternehmen sie nun Landpartien, entfliehen den engen Gassen der Stadt und fahren nach Horn oder weiter noch bis zu den Eichenhainen von Oberneuland. Hier haben wohlhabende Bremer ihre Sommersitze mit knorrigen Obstbäumen und einer Laube im Garten. Hier atmen Großzügigkeit, Fülle und Licht. Manchmal geht es sogar bis nach Lilienthal. Die Fahrt in das kleine, von Mooren umgebene Bad dauert mindestens zwei Stunden und ist oft beschwerlich, denn nach Regenfällen stehen schon kurz hinter dem Wall die Wege unter Wasser.
Doch wer es sich leisten kann, verlässt die Stadt gern für ein paar Stunden und besucht das Badehaus an der Wörpe, um hier in das angeblich heilsame Wasser zu tauchen. Das Badehaus hat Johann Hieronymus Schroeter errichten lassen. Er ist nicht nur Oberamtmann von Lilienthal, sondern auch ein anerkannter Astronom. Sogar Goethe wollte hier in seinem Badehaus einmal kuren - erzählt Kassow - und bei der Gelegenheit auch Schroeters große Sternwarte besichtigen – aber daraus wurde nichts. Die Wirren der Zeit, Kriege und wechselnde Besetzungen führten zur Schließung der Sternwarte und aus der Reise des großen Deutschen Dichters in die norddeutsche Tiefebene ist leider nichts geworden.
Als Kassow geschäftlich nach Berlin muss, ist der Alltag wieder grau und trübe, ohne kleine Aufmerksamkeiten, Ausflüge und zärtlich geflüsterte Schmeicheleien. Sie hatten auch miteinander geschlafen. Was Gesche sich in ihren Fantasien so glühend ausgemalt hatte, war nicht eingetroffen. Das war keine Liebesnacht gewesen, wo sich Sonne und Sterne treffen, wo die Glut zwei Körper erfasst und einer in dem anderen weint und lacht und schmilzt. Kassow hatte sie genommen, wie etwas, was ihm seit langem zusteht, behäbig, dienstbeflissen und selbstverständlich.
Gesche verlässt nun manchmal abends das Haus und geht hinunter an die Weser. Die Häuser stehen wie Scherenschnitte vor dem Mondlicht und der Fluss zieht grau und träge dahin wie die Zeit. Ihr Bruder ist durch Frankreich gezogen, er kennt Paris, Lyon, Marseille. Die Namen dieser Städte klingen wie Musik, verheißungsvolle Klänge einer anderen Welt. Sie selbst ist über die umliegenden Dörfer nicht hinausgekommen. Die Pumpenhäuser an der Schlachte schweigen, nachts wird kein Wasser weitergeleitet. Die Pumpe ist nur tagsüber tätig und das nach wie vor nur für die Gutsituierten, die es sich leisten können, ihre Häuser an ein Pumpenhaus anschließen zu lassen.
Das Leben und Treiben am Fluss hat sich verändert. Schon lange kommen keine großen Segler mehr bis an die Schlachte. Die Weser ist hier inzwischen zu versandet und die kostbaren Güter aus Übersee müssen in Brake oder Elsfleth an Land gebracht und auf Lastkähne umgeladen werden. Früher hat Gesche sich oft ausgemalt, wie es sein würde, einen stolzen Schoner oder eine wendige Brigg zu betreten, den festen Boden ihrer engen Stadt mit den schwankenden Planken eines Schiffes einzutauschen und zwischen Himmel und Meer Weite zu spüren, Licht und Neugier auf das Ungewisse. Die platten Weserkähne, die nun die Waren flussaufwärts bringen, schwerfällig, mit braunen Segeln, sind keine Verheißung auf eine andere Welt.
Miltenberg ist ihr inzwischen zuwider. Was ist sie denn je anderes für ihn gewesen als ein Gebrauchsgut, das man putzt und benutzt und oftmals in die Ecke stellt. Seine Annäherungen nach ausschweifenden Abenden im Club oder im Wirtshaus, die Symptome seiner Krankheit, ekeln sie. Allein das Erinnern daran, dass sie mit diesem Mann das Bett geteilt und Kinder bekommen hat, lässt sie erschauern. Nie wieder sollen diese feuchten Hände sie berühren, nie wieder will sie diesen ausgemergelten mit Schrunden und Flecken bedeckten Körper spüren. Wie hatte sie damals der ersten Nacht mit ihm entgegengefiebert, sich in Veilchenduft gehüllt, die Haare gelöst. Sie hatte Angst, aber auch die Hoffnung, dass nun Zärtlichkeit in ihr Leben treten würde, Liebe, Lust. Ein seidenes Nachthemd hatte der Vater für die erste Nacht angefertigt, der Stoff eine Kostbarkeit aus Lyon, dem glanzvollen Königreich der Seide.
Tage und Nächte sind unsäglich lang, bis Gottfried von einer mehrmonatigen Geschäftsreise zurückkommt. Da das Haus, in dem er zur Miete wohnte, verkauft worden ist, muss er sich nach einer neuen Bleibe umsehen. Als Miltenberg seine Frau eines Abends fragt, ob sie bereit wäre, die Wohnstube in das Hinterzimmer zu verlagern, da Gottfried bei ihnen einziehen wolle, muss sie tief durchatmen. Scheinbar gleichgültig willigt sie ein. Gottfried hat auch seine umfangreiche Bibliothek...