Der Crystal Palace („Kristallpalast“) war das gigantische, gläserne Bauwerk, in dem 1851 die erste Weltausstellung stattfand. Ursprünglich im Hyde Park errichtet, baute man das riesige Glashaus nach der Ausstellung wieder ab und im Süden von London auf: Sowohl der Crystal Palace Park, als auch der umliegende Stadtteil von London sind nach dieser sensationellen Glashalle benannt, die 1936 in einem Feuer zerstört wurde. Was bleibt, ist der Park und an dessen südlichem Ende die Ausstellung „prähistorischer Monster“ aus dem Jahr 1854.
Der einfachste Weg dorthin führt über den Crystal Palace Bahnhof, der direkt am Park liegt. Er wird zurzeit von vier Bahn- und sechs Buslinien bedient.
Aus dem Zentrum von London führt die Bahnlinie von Victoria nach Sutton über Crystal Palace (30–40 Minuten), sowie die Linie von London Bridge nach Beckenham Junction (ca. 25 Min.). London Overground bedient den Bahnhof von Highbury & Islington aus (ca. 40 Min.), die bekannten roten Busse fahren den Bahnhof mit den Linien 157, 249, 358, 410, 432 und N3 an (Richtung London S/SE).
Genauso nah kommt man dem Park und seinen „Monstern“ von der Penge West Station aus. Bedient wird der Bahnhof von London Overground, East London Line ab Highbury & Islington, sowie per Bahn ab Victoria.
Rund um den Park gibt es außerdem weitere Bushaltestellen der Linien 3, 122, 202, 227, 322, 363, 417, und 450.
Prinzipiell kommt man auch per Auto dorthin, folgt dabei ab Innenstadt meist der notorisch überfüllten A3. Man kann aber fast nur davon abraten, außer man hat vor, weiter Richtung Süden zu fahren: Google Maps berechnet die zehn Kilometer von Westminster zum Park mit rund 33 Minuten, hat aber keinen Schimmer von den realen Verhältnissen – man darf da gut und gern vom Dreifachen ausgehen.
Immerhin ist Parken dort etwas unproblematischer, als man das aus London sonst kennt: Sowohl am Stadion im Park, als auch am angrenzenden Sports-Komplex gibt es Parkmöglichkeiten (Navi-Einstellung: Ledrington Road, London).
Die „prehistoric Monsters“ findet man exakt südlich des Stadions auf den Inseln im See (hier tiefschwarz markiert).
Karte: © OpenStreetMap-Mitwirkende
Der Park selbst ist etwa 80 Hektar groß und fällt von Norden nach Süden ab. Beide Bahnhöfe liegen ebenfalls an diesem Südende und nur wenige Gehminuten von den „Saurierinseln“ entfernt. Am südlichsten Ende liegt der Bootssee und darin mehrere Inseln, um die herum Wanderwege führen.
Zusammen nennt man die drei Inseln den „Dinosaur Court“, den Hof der Dinosaurier. Die Laufrichtung, in der man sich das kleine Gebiet erschließt, ist dabei nicht willkürlich: Hawkins stellte sich vor, dass man den kleinen Weg am westlichen Parkrand von der Höhe herab kommen solle. Tatsächlich ist das die schönste erste Begegnung mit den Statuen: Man sieht sie dann vom Westen her aufgereiht vor und unter sich liegen.
Karte: © OpenStreetMap-Mitwirkende
Auf den zwei westlichen Inseln (1) steht das Gros der Hawkins-Statuen, einige weitere im Wasser um und zwischen den Inseln. Auf der benachbarten Insel (2) findet man frühe Säugetiere und eiszeitliche Fauna.
Unten angekommen, ergibt sich aus der Laufrichtung eine kleine Zeitreise, die auch nach heutigen Erkenntnissen noch prinzipiell korrekt ist: Zuerst sieht man Amphibien und frühe Reptilien, bevor man auf Ptero-, Meeres- und Dinosaurier trifft. Geht man weiter, begegnet man Säugern, und auch hier zuerst vergleichsweise kleinen, bevor man – auf der dritten Insel (2) die Giganten unter ihnen entdeckt. Dieser Führer stellt die Exponate in genau dieser Reihenfolge vor.
Perm bis Kreide, ca. 265 bis 99,6 Millionen Jahre
Lage und Aussehen der Statuen: Vor den Inseln stehend ganz rechts, an der Rückseite der ersten Insel. Zwei schildkrötenhafte Wesen, aus dem Wasser kriechend.
Copyright: FunkMonk/Wikipedia/Creative Commons
Richtiges und Falsches: Der Kopf mit den Stoßzähnen kommt heutigen Vorstellungen von Dicynodon nahe. Der Rest nicht: Dicynodonten waren keine „Schildkröten“, sondern reptilische Vorfahren der Säugetiere – und manche Arten besaßen schon Merkmale, in denen sich das andeutete.
Wissenswertes: Im Jahr 1844 fand der Geologe Andrew G. Bain bei Straßenbauarbeiten 450 Meilen nördlich von Kapstadt zwei seltsame fossile Schädel, die er wegen ihrer prominenten Stoßzähne „Bidentale“, also „Zweizähner“ nannte. Neben diesen Schädel-Teilen aber fand er nur Fragmente der rätselhaften Tiere, einen echten Reim konnte er sich nicht darauf machen. Er beschloss, sie zur weiteren wissenschaftlichen Untersuchung an Richard Owen nach England zu schicken.
Der erkannte sie schnell als Reptilien, wenn auch reichlich seltsame. Sie schienen ihm „Eigenschaften der Krokodile, der Schildkröten und der Leguane“ zu vereinen. Das aber brachte ihn auf eine völlig falsche Spur, die in eine Beschreibung mündete, die sich mehr auf Phantasie als auf Fakten stützte.
Heraus kam darum auch eine der schrägsten Rekonstruktionen, die im „Dinosaur Court“ zu sehen sind. Owens und Hawkins Stoßzahn-Schildkröte ist ein bloßes Phantasiegeschöpf, das weder so aussah, wie die zwei sich das vorstellten, noch im Wasser lebte. Das Resultat erinnert eher an das koreanische B-Movie-Monster Gamera, als an irgendein je gefundenes fossiles Lebewesen.
Und doch lässt selbst diese auf völlig unzureichenden Funden beruhende Kuriosität wissenschaftliche Erkenntnis erkennen. Denn die Zähne des seltsamen Tieres erinnerten den aufmerksamen Owen an die „Stoßzähne der mammalischen Walrösser“. Eine gewagte Analogie zu Säugetieren, die nach damaligen Verständnis mit Reptilien nichts zu tun hatten. Er nannte das Tier Dicynodon, was etwa „zwei Hunde-Zähne“ bedeutet. Was er nicht ahnte: Er hatte ein Tier vor sich, das Säugern viel näher stand als Reptilien.
Denn das Dicynodon, das Owen und Hawkins schließlich als eine Art Schildkröte mit Stoßzähnen rekonstruierten, war ein so exotisches Tier, dass auch Owen wohl Probleme mit der Wahrheit gehabt hätte: Als Mitglied der Familie der Synapsiden gehörten Dicynodonten zu den frühesten Vorfahren oder Vorläufern der Säugetiere.
Der Name der Synapsida leitet sich von einem Schädelmerkmal ab: Der Kopf der Synapsida weist nur ein Schläfenfenster auf (also ein „Loch“ im Knochen). Bei den Diapsiden, zu denen Dinosaurier, Reptilien und Vögel gehören, ist das anders: deren Schädel verfügen über zwei Schläfenfenster. Synapsiden gibt es auch heute noch – ein Exemplar davon hält gerade dieses Buch in der Hand: Alle Säugetiere sind Synapsiden, die Kontinuität bis zurück zu frühen Vertretern wie Dicynodon ist ungebrochen.
Heute sieht man Synapsiden deshalb nicht mehr als Untergruppe der Reptilien an, sondern als eine von zwei Entwicklungslinien der nicht mehr von der Fortpflanzung im Wasser abhängigen Landwirbeltiere (Amniota): Synapsiden und Sauropsiden.
Gemeinsam ist beiden, dass ihre ersten Vertreter (die alle wiederum von amphibischen Wesen abstammen, die sich im Wasser entwickelten und ab dem Devon den Gang an Land wagten) sehr „reptilhaft“ aussahen, ihre „modernsten“ hingegen kaum noch daran erinnern (man denke etwa an Säugetiere als Vertreter der Synapsiden oder Vögel als Vertreter der Sauropsiden).
Moderne Darstellung eines Dicynodontiers. Copyright: Creative Commons/Nobu Tomura (http://spinops.blogspot.com)
Owen konnte das alles weder wissen noch erkennen. Anders als Säuger und Dinosaurier liefen Dicynodonten ähnlich wie heutige Reptilien auf deutlich angewinkelten Beinen. Trotz des mit Hauern bewehrten Maules hatte das von Owen untersuchte Dicynodon keine Zähne, sondern einen Schnabel. ,
Merkmale, die ihn an Säuger hätten erinnern können, hatte indes keines der Knochenfragmente, die Owen vorlagen (abgesehen von den Zähnen). Was es allerdings auch nicht gab, war irgendeine Spur eines Panzers – den hatten sich Owen und Hawkins schlicht ausgedacht. Owen hielt die Vermutung für begründet, doch am Ende erwies sie sich als zu gewagt.
Heute wissen wir, dass Dicynodonten wohl eher wie flach gebaute, dicke, nackte Nager mit kurzen Schwänzen und seltsamen Köpfen aussahen: Eine Art 1,20-Meter-Mull mit Schnabel, der auf geknickten Beinen seinen Stoßzahn-bewehrten Kopf durch die Gegend trug.
Die Tiergruppe der Synapsiden sollte noch richtig Karriere machen und über 300 Millionen Jahre überdauern. Auf bescheidene „Flachbauten“ wie Dicynodon folgten zahlreiche, höchst unterschiedliche Arten, die vielfältige ökologische Nischen besetzen sollten. Die Spanne reichte von kleinen Pflanzenfressern bis zu mächtigen Räubern.
Ihre Hochzeit erlebten die Synapsiden im Perm (298,9 bis 252,2 Millionen Jahre), als sie die zahlreichsten Tierarten stellten. Die größten Dicynodonten-Arten erreichten Nashorn-Größe und waren wohl auch von ähnlichem Körperbau. In Herden lebend mögen sie wie heutige Büffel über die Steppen gezogen sein.
Und zumindest einige Arten waren sogar schon warmblütig. Eines der faszinierendsten Fossile, die je gefunden wurden, vereint die Knochen zweier sehr unterschiedlicher Spezies in vielsagender Weise: „Hauptdarsteller“ dieser fossilisierten Geschichte ist ein Trinaxodon, ein kleiner, marderähnlicher Verwandter des Dicynodon.
Wie ein heutiger Dachs lebte der in unterirdischen Bauten und „überwinterte“ dort vielleicht sogar: 2013 grub man so ein Trinaxodon aus, das wahrscheinlich schlafend in seiner Höhle von einer Überschwemmung getötet wurde. Zwischen den Beinen des kleinen Räubers, von dem man weiß, dass er zumindest über Schnurhaare verfügte, wenn nicht sogar über ein Fell, lag ein Broomistega-Amphibium, das dort offenbar Zuflucht gesucht hatte.
Wach wäre Trinaxodon für diese Amphibie wohl ein Feind gewesen. Stellt sich ...