1. Einleitung
Coaching stammt ursprünglich aus dem angloamerikanischen Raum. Der Begriff leitet sich von „Coach“ (engl. für Trainer) ab. Seit Ende des 19. Jahrhunderts ist der Begriff Coaching in England und den USA geläufig. In Deutschland wurde er vor allem durch den Spitzen- bzw. Hochleistungssport populär (vgl. Lippmann, 2009; S. 12; von Schumann, 2013; S 217 f.).
Coaching als Beratungsdienstleistung kann sich auf private und berufliche (welche in den meisten Fällen fokussiert werden – Anm. d. Verf.) Lebensbereiche beziehen (vgl. Migge, 2007; S. 22). Der Coach versucht dem Coachee Hilfe zu Selbsthilfe zu geben (vgl. von Schumann, 2013; S. 218) und mit ihm gemeinsam Lösungen zu finden, „die den Rollenanforderungen (und –erwartungen – Anm. d. Verf.) gerecht werden und gleichzeitig zur Person passen“ (Fischer-Epe, 2013; S. 21)1.
Ein perfektes – hocheffizient durchgeführtes - Coaching oder ein hocheffektives, nachhaltiges Training lässt sich meist nur in der Literatur finden. Denn der Mensch, der Überraschungen und herausfordernde Situationen im Coaching und Training verursacht, spielt mit seinen komplexen Konstrukten aus Kognitionen und Emotionen bzw. seiner Persönlichkeit eine tragende Rolle als eine nur bedingt voraussagbare Variable.
Viele Interaktionsformen, Überlegungen und Methoden für das Coaching stammen aus der Psychotherapie bzw. wurden dort entwickelt (vgl. zu diesem Abschnitt Migge, 2007; S. 22 f.). Coaching ist - im Vergleich zur Psychotherapie, die ein „Muss“ ist – eher eine explorativ-additive Maßnahme (vgl. Schmidt-Tanger, 2004; S. 14). In beiden Fällen kann jedoch (auch parallel) mit ressourcenorientierten Methoden gearbeitet werden.
In diesem Buch geht es vor allem um ein ressourcen-orientiertes Coaching. Nach der Einführung in Kapitel eins werden im zweiten Kapitel Theorien zum Selbst- und Fremdbild sowie Grundlagen der Wahrnehmungspsychologie vorgestellt. Es werden außerdem entsprechende Instrumente und Methoden zur Entwicklung der Selbst- und Fremdwahrnehmung dargestellt.
Im dritten Kapitel wird das Praxisbeispiel mit der Deutschen Bildung AG (Trainingsmaßnahme mit anschließendem Transfer-Coaching) unter Berücksichtigung der voran gegangen Theorien vorgestellt, sowie dessen Verlauf detaillierter beschrieben. Dazu zählt auch die mögliche Messung zu verschiedenen Zeitpunkten mittels einer Kurzskala zur Karriere(un)sicherheit der Webinar- und Coaching-Teilnehmer. Die Messung sollte aufzeigen, ob und ggf. inwieweit die Trainings- und Coachingmaßnahme gewirkt hat. Im Praxisteil wird unter anderem die Selbstreflexion als zentrales Thema herausgearbeitet. Teil eins endet mit einer kurzen Zusammenfassung in Form eines Zwischenfazits.
Im zweiten Teil werden in Kapitel vier aktuelle Forschungsthemen und Trends für „Training und Coaching“ mit einem betriebswirtschaftlichen Bezug vorgestellt. Darüber hinaus werden aktuelle gesellschaftliche Trends, Werte und Auswirkungen im Berufsumfeld sowie Gesundheitspsychologie und Gesundheitsverhalten mit einem Schwerpunkt auf Eigenverantwortung beschrieben. Gleichzeitig werden ausgesuchte Modelle und Theorien zum Gesundheitsverhalten vorgestellt.
In Kapitel fünf wird auf die Evaluationsforschung für Trainings- und Coachingmaßnahmen in Zusammenhang mit dem Praxisbeispiel eingegangen. Kapitel sechs fasst den zweiten Teil in einem Fazit zusammen und nimmt mit einer kritischen Würdigung ebenfalls Bezug auf das Praxisbeispiel.
2. Selbst-, Fremdbild und Wahrnehmungspsychologie
Beim Selbst- und Fremdbild geht es zunächst nicht nur um die physische Erscheinung. Obgleich dies oft über die Fitness- und Gesundheitsindustrie fokussiert und millionenfach in einem Massengeschäft vermarket wird (in 2015 wurden 26,7 Mrd. EUR umgesetzt - vgl. European Health & Fitness Forum, 2016). Selbst ernannte Fitness-Coachs und Trainer (wie Freeletics, Gauge Girl Training, FitnessBlender) bieten virtuell oder in persönlicher Interaktion mit dem Klienten (in Form eines „Personal Trainings“ im Fitness Studio) ihre Dienste an, um die Außenwirkung und / oder das Erscheinungsbild der zahlungskräftigen Klienten – zumindest oberflächlich betrachtet durch entsprechende Work-Outs (wie mit High Intensity Training, kurz: HIT, Cardio, Yoga, Pilates, Zumba, etc.) oder Ernährungsgewohnheiten (wie „Low Carb“, „Paleo“, „Vegan“, „Clean Eating“, etc.) - zu schönen bzw. zu optimieren.
Die Wahrnehmung des Menschen geht jedoch weit über das optische Erscheinungsbild hinaus. Die Menschen erfassen sich untereinander vielmehr ganzheitlich. Gleichzeitig spielen im Allgemeinen die individuellen Erfahrungen und Prägungen eine große Rolle. Diese führen zu einer gefilterten Wahrnehmung der Umwelt, der eigenen Person und der involvierten Mitmenschen. Ein grundsätzliches Problem, welches viele Artikel und einige Studien - z. B. im organisationalen Umfeld im Rahmen einer Eignungsdiagnostik - hierzu vgl. Benit und Soellner (2013) oder einer Messung von sozialen Kompetenzen - hierzu vgl. Glitsch (2015) - belegen, ist, dass sich aus der Wahrnehmung (und meist auch aus der Beurteilung – Anm. d. Verf.) eines Selbst- und Fremdbildes eine Diskrepanz (siehe Diers, 2006; Moser, 1999) ergibt, welche sich in der Art und Weise einer subjektiven Wahrnehmung (z. B. nach von Rosenstiel, 2013) begründet. Um dies wissenschaftlich näher zu beschreiben, werden im Folgenden kurz Theorien zum Selbstbild und Fremdbild sowie der Wahrnehmungspsychologie angerissen.
2.1 Selbstbild und Fremdbild
Das Selbstbild hängt im Wesentlichen mit der Theorie der Selbstdarstellung2 zusammen. Das Selbstbild wird gleichzeitig durch die Vorstellung des Bildes, welches sich das Gegenüber (bzw. der Interaktionspartner) macht, vermittelt und beeinflusst.
In Abgrenzung dazu steht die psychologische Selbstkonzeptforschung, welche die „eigene Person als Einstellungsobjekt“ fokussiert und unter die Theorien des „Selbst“ wie der Theorie der Selbstwahrnehmung, Selbst-aufmerksamkeit, Selbstbewusstheit und Selbstüberwachung fällt (vgl. Mummendey, 1999; S. 2 f.)
„Man kann völlig blind für den Eindruck sein, den man auf andere macht (impression oblivion), man kann eine Art Ahnung davon haben, wie man auf andere wirkt (preattentive impression scanning), man kann sich seines Eindrucks auf andere bewußt sein (impression awareness), und man kann völlig mit Eindruck und Eindruckssteuerung befaßt sein (impression focus)“. (Mummendey, 1999; S. 1 f.)
Diese Aussagen von Mummendey spiegeln sich auch im sogenannten Johari-Fenster (welches in den 50er Jahren von den amerikanischen Sozialpsychologen Joseph Luft und Harry Ingham entwickelt wurde) wider. Der Name des Modells entstand aus den Vornamen der Erfinder. Es wird oft mit Bezug auf den blinden Fleck Anwendung angewendet. Der blinde Fleck wird von Mummendey als „impression oblivion“ beschrieben. Grundsätzlich bildet dabei das unterschiedliche Selbst- und Fremdbild den referentiellen Rahmen zur weiteren Betrachtung.
In weiteren Theorien und Modellen zur Beurteilung und Entwicklung von Fremd- und Selbstbildern werden u. a. Differenzwerte (wie „congruence-d“ und „congruence-r“ (nach Warr & Bourne, 1999) für praktische Fragestellungen und Korrelationen (siehe Selbstbild-Fremdbild-Kongruenz in Metaanalysen z. B. nach Mabe & West, 1982; Harris & Schaubroeck, 1988; Heidemeier, 2005) für beschreibende (deskriptive) Darstellungen bzw. Vergleiche herangezogen. Gleichzeitig werden darüber auch Koeffizienten als Kennzahl für Voraussagen (als Prädiktoren) und die Erstellung von Kriterien (nach Nilsen & Campbell, 1993; Atwater & Yammarino 1997; Wohlers & London, 1989; Church, 2000) (vgl. Schmidt, 2007; S. 14) gebildet, um beispielsweise Führungsverhalten zu evaluieren und entsprechend voraus zu sagen.
Nach Nowack (1997) führt eine gute Fremdbild-Selbstbild-Kongruenz zu einer erhöhten Selbsteinsicht und einem verbesserten Selbstverständnis der eigenen Stärken und Schwächen. Dies wiederrum spielt nach Ashford (1989) eine wichtige Rolle für eine erfolgreiche Verhaltensregulierung. Die Selbsteinsicht beeinflusst nach London (1995) darüber hinaus die Karriere-planung, Entscheidungsfindung sowie Zielbildung und -erreichung und führt zu positiven Arbeitsergebnissen. Positive Arbeitsergebnisse werden nach Yammarino und Atwater (1993) dadurch begründet, dass die kongruenten Selbstbeurteilungen dem Individuum dabei helfen, sich bewusster über die eigene Karriereentwicklung und Arbeitsanforderungen zu werden und folglich realistischere Zielformulierungen zu finden, als auch effektivere arbeitsbezogene Entscheidungen zu treffen (vgl. Schmidt, 2007; S. 20).
2.2 Grundlagen und Ebenen der Wahrnehmungspsychologie
Als Basis der Wahrnehmungspsychologie dienen zunächst die Sinne des Individuums. Dabei werden nach dem Existentialismus (über die Vermittlung der Sinnesorgane) Wirklichkeiten der ersten Ordnung wahrgenommen. Nach den Erkenntnissen des radikalen Existentialismus werden Filter gesetzt, welche die Realitätswahrnehmung des Individuums, auch als deren selektive Wahrnehmung manipulieren. Diese beeinflussen das Individuum entsprechend und nehmen gleichzeitig Einfluss auf dessen Beurteilung der Realität und „Wahrheitskonstruktion“ (siehe dazu Abbildung 1).
Die individuellen Normen ergeben sich aus entsprechenden „Programmen“3, die aus Erfahrungen gebildet worden. Unter anderem entstehen dadurch entsprechende Polarisierungen, die z. B. durch Vorurteile oder auch Mechanismen wie Generalisierung, Tilgung und Verzerrung (siehe dazu Schaubild bzw. Abbildung 1) dargelegt werden. Durch Polarisierungen werden andere Subjekte als gut- oder schlechtartig bzw. sympathisch oder unsympathisch kategorisiert.
In einem gesellschaftlichen Kontext - im Sinne eines harmonischen Miteinanders - wird in der Wirtschaftsordnung (wie den Mitgliedern von Organisationen) häufig eine entsprechende Anpassung verlangt, um die Entwicklung einer Organisation oder gar einer Volkswirtschaft günstig zu beeinflussen. Eine wahrgenommene Abweichung von der Norm kann dann vom Individuum als „Unlust“ empfunden werden, welche sich in einem möglichen Reaktanz-Verhalten und / oder durch andere Individuen in Form von Mobbing, durch eine vermeintliche Wahrnehmung von Inkonsistenz (Bruch einer Norm) innerhalb der sozialen Gruppe, welche diese Inkonsistenz überwinden und entsprechend beseitigen möchte, äußern kann.
Abbildung 1: Wahrheit bzw. persönliches Bild von der Welt (Eigene Darstellung in Anlehnung an Koch (2013) mit Bildern aus Thinkstock
2.2.1 Vorstaatlicher und staatlicher Kontext
Auf einer weiteren Meta-Ebene betrachtet – in einem kollektiven vorstaatlichen Kontext - werden moralische, sittliche, traditionelle und / oder ethische Grundsätze gebildet und von den Mitgliedern der Gesellschaft (bzw. einer Kultur – siehe dazu Abbildung 11 im Anhang) zur Beurteilung der eigenen Wahrnehmung und somit einer gemeinsam bzw. nach dem (radikalen) Existentialismus (u. a. durch Sartre (1905-1980) vertreten) „geteilten“– auch somit auch gemeinsam wahrgenommenen Realität - herangezogen, welche ebenfalls aus einem Verständnis einer gemeinsamen Kultur4 heraus entwickelt und interpretiert wird.
Gemeinsame, kollektive Wahrheiten spiegeln sich gleichzeitig in staatlichen Systemen oder Institutionen wider. So werden beispielsweise in der Rechtsordnung der westlichen Länder (wie Europa oder den USA) mehrere Individuen für die Beurteilung einer Rechtslage herangezogen. Dies erfolgt, um sich (jeweils mehr- oder weniger einvernehmlich) auf eine Realitäts- bzw. Wahrheits(re)konstruktion zu einigen. Diese einvernehmliche Einigung mündet in einem rechtskräftigen (allgemein verbindlichen) Urteil, das sich konsequent über die Executive (mittels Staatsgewalt) auf die Realitäten und das persönliche Bild der Welt einer ganzen Gesellschaft auswirkt.
2.2.2 (Neuro)Biologischer Kontext
Andererseits wird jedoch auch davon ausgegangen, dass die Bilder von der Wahrheit oder das persönliche Bild der Welt - biologisch betrachtet - bereits ähnlich-geartete Anlagen für Prägungen oder zumindest teilweise gekoppelte und somit voraussagbare Verhaltensweisen in sich birgt. In Abgrenzung zu gesellschaftlich oder staatlich geprägten Norm5, wird ebenfalls ein medizinischer / gesundheitlic...