Reiche wurden doppelt so reich, Habenichtse auch
eBook - ePub

Reiche wurden doppelt so reich, Habenichtse auch

Sozial gerecht oder nur sozialgerecht?

  1. 144 Seiten
  2. German
  3. ePUB (handyfreundlich)
  4. Über iOS und Android verfügbar
eBook - ePub

Reiche wurden doppelt so reich, Habenichtse auch

Sozial gerecht oder nur sozialgerecht?

Über dieses Buch

Macht- und Widerwortschwall in Subsens-Essays, protodadaistischen Protokollaufzeichnungen und nichtlinearen Simulationsdissimulationen: langweilig, überflüssig, pedantisch, elitär, dogmatisch, unkritisch, umweltfremd, unnachhaltig, intolerant, fanatisch, borniert, polemisch, verstiegen, lustfeindlich, entgendert patriarchalisch, jugend- und altersfrei, klimaschädlich, ökophob, nicht erneuerbar, leistungsorientiert, neoliberal, logizistischer Metagalimathias.I n h a l t: Irrwitz als Blitzlicht im Hitz- und Wirrkopf-Kompendium der vorersten und ver´letzten DingeZur künftigen Vergangenheit des widerwärtigen gegenwärtigen AutowahnsWas gibt und nimmt uns schöne Literatur?Mordsspaß ist HeidenspaßIm rüden müden SüdenGroßer Abschied vom kleinen Unterschied?Gefühle, Gedanken, Gemache und Getue-Briefe an einen PhilosophenVatersprache ist noch eine FremdspracheDies ist ein Nischentitel Unverworfene Entwürfe, Vorwürfe, Einwürfe

Häufig gestellte Fragen

Ja, du kannst dein Abo jederzeit über den Tab Abo in deinen Kontoeinstellungen auf der Perlego-Website kündigen. Dein Abo bleibt bis zum Ende deines aktuellen Abrechnungszeitraums aktiv. Erfahre, wie du dein Abo kündigen kannst.
Nein, Bücher können nicht als externe Dateien, z. B. PDFs, zur Verwendung außerhalb von Perlego heruntergeladen werden. Du kannst jedoch Bücher in der Perlego-App herunterladen, um sie offline auf deinem Smartphone oder Tablet zu lesen. Weitere Informationen hier.
Perlego bietet zwei Abopläne an: Elementar und Erweitert
  • Elementar ist ideal für Lernende und Profis, die sich mit einer Vielzahl von Themen beschäftigen möchten. Erhalte Zugang zur Basic-Bibliothek mit über 800.000 vertrauenswürdigen Titeln und Bestsellern in den Bereichen Wirtschaft, persönliche Weiterentwicklung und Geisteswissenschaften. Enthält unbegrenzte Lesezeit und die Standardstimme für die Funktion „Vorlesen“.
  • Pro: Perfekt für fortgeschrittene Lernende und Forscher, die einen vollständigen, uneingeschränkten Zugang benötigen. Schalte über 1,4 Millionen Bücher zu Hunderten von Themen frei, darunter akademische und hochspezialisierte Titel. Das Pro-Abo umfasst auch erweiterte Funktionen wie Premium-Vorlesen und den Recherche-Assistenten.
Beide Abopläne sind mit monatlichen, halbjährlichen oder jährlichen Abrechnungszyklen verfügbar.
Wir sind ein Online-Abodienst für Lehrbücher, bei dem du für weniger als den Preis eines einzelnen Buches pro Monat Zugang zu einer ganzen Online-Bibliothek erhältst. Mit über 1 Million Büchern zu über 1.000 verschiedenen Themen haben wir bestimmt alles, was du brauchst! Weitere Informationen hier.
Achte auf das Symbol zum Vorlesen bei deinem nächsten Buch, um zu sehen, ob du es dir auch anhören kannst. Bei diesem Tool wird dir Text laut vorgelesen, wobei der Text beim Vorlesen auch grafisch hervorgehoben wird. Du kannst das Vorlesen jederzeit anhalten, beschleunigen und verlangsamen. Weitere Informationen hier.
Ja! Du kannst die Perlego-App sowohl auf iOS- als auch auf Android-Geräten nutzen, damit du jederzeit und überall lesen kannst – sogar offline. Perfekt für den Weg zur Arbeit oder wenn du unterwegs bist.
Bitte beachte, dass wir Geräte, auf denen die Betriebssysteme iOS 13 und Android 7 oder noch ältere Versionen ausgeführt werden, nicht unterstützen können. Mehr über die Verwendung der App erfahren.
Ja, du hast Zugang zu Reiche wurden doppelt so reich, Habenichtse auch von Rolf Friedrich Schuett im PDF- und/oder ePub-Format sowie zu anderen beliebten Büchern aus Politik & Internationale Beziehungen & Politische Freiheit. Aus unserem Katalog stehen dir über 1 Million Bücher zur Verfügung.

Gefühle, Gedanken, Gemache und Getue Briefe an einen Philosophen

Gegen Kant geben Sie zu bedenken, daß nur Heuchler nach Maximen handeln. Das ist völlig richtig, aber hier geht es nicht um Maximen, nach denen Leute explizit zu handeln vorgeben, sondern um solche, die ihren Entscheidungen implizit wirklich zugrunde liegen, ob sie sich das wenigstens nachträglich immer klar machen oder nicht. Kant will uns ermutigen, moralisch bewußt zu handeln, also unmoralische Strategien uns selbst einzugestehen. Jeder kennt Kants Paradebeispiel: Wer sich Geld borgt mit dem Hintergedanken, es nie zurückzuzahlen, handelt falsch, weil ihm kein Gläubiger, der selbst so vorginge, noch etwas leihen würde. Für den Philosophen handelt es sich darum, aus unserem Handeln die impliziten Maximen herauszureflektieren, die wir nicht einmal uns selbst klar machen. Ich handele so, als würde ich nach dieser und jener Maxime mich richten, ob ich es mir und anderen eingestehe oder nicht. „Maximes et Réflexions“ sind natürlich nicht jedermanns Sache, aber prinzipiell muß es möglich sein, die Als-ob-Maximen mitten aus den Zeitgeist-Stimmungen und „Gesinnungen“ zu explizieren, von denen Sie sprechen. Und manchmal sind sogar Psychoanalytiker nötig, um unbewußte Maximen der Lebensführung hinter Fassaden der Selbstrechtfertigung hervorzulocken. Ist das nun nur eine halsbrecherische Hilfskonstruktion, um Kant zu retten?
Kant spricht übrigens niemals „maximalistisch" von „geschuldeter Glückseligkeit" und einem göttlichen „Zahlmeister der Tugend", sondern viel vor-sichtiger von der „menschlichen Glückswürdigkeit" vor einer bloßen Vernunftidee. Und ernsthafte philosophische Gottesbeweise hat nach Hegel, also nach 1830, niemand mehr versucht. Der griechische „Gott der Philosophen" übrigens, ob nun „unbewegter Beweger" oder ens realissimum, war nie der biblische „Herr der Geschichte".
Ihr Konzept der „chaotischen Mannigfaltigkeit" und der „Regression zu affektivem Betroffensein" im eigenen Leibe dürfte einen wirklichen Gedankenfortschritt darstellen, der Ihnen schon allein einen Ehrenplatz in der Philosophiegeschichte sichern sollte. Aber ich kann noch nicht sehen, wieso dieses Konzept die Lösung des uralten Freiheitsproblems befördert. Wenn ich Sie nur mißverstehe, werden Sie mir das zu sagen wissen.
Ich sehe als Tatsache an einem „Objekt“: „Peter ist traurig". Peter als Subjekt sagt von sich: „Ich bin traurig". (Wir lassen einmal weg, daß man das auch umgekehrt sehen könnte: Ich schließe nur subjektiv auf seine Traurigkeit, während Peter seine eigene Traurigkeit ganz objektiv spürt.) Weder ist das Ichgefühl trauergetönt noch die Trauer ichgetönt: d'accord.
Gehen wir aus von der Selbstreflexivität des „Selbstbewußtseins". Ich sehe oder ich fühle mich (meinetwegen auch beim Sehen eines Baumes). Man kann es sich einfach machen und sagen: Das „Ich“ und das „Mich“ in diesem Satz sind identisch. Spätestens Kant hat gezeigt, daß ein Subjekt zwar anderen Subjekten, aber nicht sich selbst gegeben ist wie ein Objekt unter anderen, also durch Anschauungsformen und Kategorien hindurch.
Bleibt das gültig?
Manfred Frank hat noch einmal wiederholt, daß das Ich sich selbst immer voraussetzen muß, wenn es seinen Aporien entgehen will, und Sartre hatte deshalb ein „präreflexives Cogito" postuliert, das ein „nichtthetisches Bewußtsein" von sich haben müsse. Das Ich, das sieht, müsse um eine Spur anders und früher sein als das Ich, das gesehen wird − und sei es beim Sich-sehen ...− Es müsse sich selbst intimer gegeben sein als ein bloßes Objekt, sei aber durch eine ganze Metastufe von sich selbst getrennt. Ich nehme an, daß Sie genau diese instabile Selbstidentität und Selbstdifferenz bei Sartre mögen: „Ich bin nicht, der ich bin, und bin, der ich nicht bin.“ Sartre nennt Freiheit genau diesen Ur-Riß im Ich, durch den es sich voraus sei, immer ein bißchen jenseits dessen, was objektiv von ihm auszumachen sei. (Sehen wir mal davon ab, daß Sartre das temporal meint: Ich bin schon, der ich noch nicht bin, und bin nicht mehr, der ich noch bin.) Sartres Ich ist also auch frei von sich selber.
Nun komme ich zu Ihrem Ansatz. Ich bin affektiv betroffen, also bin ich: So ist Descartes zu retten. Affektiv betroffen bin ich von einer „chaotischen Mannigfaltigkeit" aller möglichen Gegenstände, zu denen ich auch selbst gehören kann als Objekt unter anderen. Nun ist es ein großer Unterschied, ob ich mich selbst als mögliches Objekt unter anderen fühle oder als jenes Ich, das die atmosphärische Ganzheit aller seiner möglichen Objekte fühlt (zu denen es unter anderen selbst gehört). Dieser Unterschied ist einer zwischen dem Individuum und der Ganzheit von Individuen, also fast schon so etwas wie ein Unterschied um eine Meta-Stufe innerhalb des Ich selbst. Ist Freiheit eine noch so winzige Distanz zu sich selbst?
Einerseits soll es kein Subjekt ohne affektives Betroffensein geben, anderseits wird Ihr Subjekt vorausgesetzt, um zu seinem affektiven Betroffensein jene Stellung nehmen zu können, die seine „Gesinnungsfreiheit" bezeugt. Wenn das Ich erst durch Betroffenheit konstituiert wird, ist niemand da, der affektiv (an)getroffen werden könnte: Muß nicht schon jemand da sein, der „sinnlich affiziert" (Kant) wird, oder liegt hier ein „transzendentaler Zirkel" vor, als Regelkreis, der sich nur lebensgeschichtlich aufschaukelt?
Freiheit ist logisch eine dreigliedrige Relation : A ist frei von B für C. (A, B und C können dabei vielleicht auch zusammenfallen.) Wovon nun macht sich Ihre „Gesinnung“ frei? Wenn Freiheit in der Art der Stellungnahme zu meiner Situation liegt, warum nicht auch und gerade in der persönlichen Art des „Sich-nicht-ein-lassens“, in der Art der Distanzierung und Verweigerung?
Das Wort „Gesinnung“ ist heute so negativ besetzt, daß schon Mut dazu gehört, es zur Basis einer Freiheitslehre zu machen, und was Sie gegen Wahl- und Willensfreiheit vorbringen, ist sehr bedenkenswert. Es überzeugt wohl, daß Sie eine Alternative suchen zur falschen Alternative von kausalem Glied und grundlosem Zufall. Eine chaotische Vielfalt namens Gesinnung antwortet auf eine andere chaotische Vielfalt namens Betroffensein. Aber, und hier beginnen Bedenken, was macht Sie eigentlich so sicher, daß die „Stellungnahme zum affektiven Betroffensein" ein freies ens „causa sui“ ist (einmal abgesehen davon, daß dieses Attribut, von Sartre abgesehen, gemeinhin nur Gott zugesprochen wird)? Woher wissen Sie eigentlich so genau, daß das „Sich-einlassen auf relativ chaotisches Mannigfaltiges" eine freie Initiative ist, die spontane Reaktion erlaubt? Gesinnung, die „eigentümliche Weise", in der ich zu meiner eigenleiblichen Ergriffenheit Stellung nehme, garantiert doch noch keine „Selbstbestimmung", sondern kann ja ein blinder Ausfluß meiner inneren Natur oder sozialen Geprägtheiten sein. Sie sagen selbst zu recht : „Die Gesinnung wählt man nicht“. Andererseits sei ich durch meine Gesinnung für meine Gesinnung sittlich verantwortlich. Die Gesinnung, „unbeliebige Selbstverstrickung im affektiven Betroffensein", schillert: Verstricke ich mich aktiv selbst darin oder bin ich passiv darin verstrickt − oder beides zugleich oder weder noch? Kann ich mich auch frei auf meine Gesinnung einstellen, die sich frei auf ihre Betroffenheit einstellt usw., und ist die Freiheit ein factum brutum?
Kurz: Setzen Sie die Gesinnungsfreiheit, die Sie erst erweisen wollen, nicht einfach schon voraus? Haben Sie Kants „Causalität aus Natur und aus Freiheit“ nicht nur verschoben auf den Abstand zwischen unfreiem Betroffensein und freier Stellungnahme dazu? Daß diese „Einstellung" zur unfreiwilligen Betroffenheit freiwillig geschieht, ist nur behauptet und ja gerade die Frage. Vom Schöpfer mal ganz zu schweigen : Könnte diese „Gesinnung" nicht selbst gesellschaftlich bedingt und dieses Ich selbst zutiefst gesellschaftlich vermittelt sein? Adorno hat gerade darüber eine Menge Kluges gesagt. Kurz: In meinen Augen haben Sie nicht die Gesinnungsfreiheit bewiesen, sondern nur das subjektive Freiheitsgefühl begründet − das ja noch eine illusorische Selbsttäuschung sein kann. Oder übersehe ich jetzt etwas? Wodurch ist das „investierte Selbstbewußtsein" denn schon Selbstbestimmung? Ich gebe zu, ohne ein möglicherweise trügerisches Gefühl von Freiheit hat niemand den Schwung, seine Sachen anzupacken, aber das könnten noch Triebe sein, die uns umtreiben, oder ein Spielraum zwischen divergenten Kräften. Ich behaupte nicht, daß das so ist, aber es ist damit noch unwiderlegt. Auch ich kann mir Subjektivität ohne ein Gefühl von Freiheit gar nicht denken. Ich halte mich für frei, aber ob ich es wirklich bin, kann weder objektiv festgestellt noch subjektiv erlebt werden. Juristen sagen: Freiheit muß unterstellt werden, um verurteilen zu können. Subjektivität bringt es nur bis zu einem Freiheitsgefühl, und muß objektive Freiheit immer fühlbar sein? Falls ich Sie nicht nur mißverstehe, halte ich die Freiheitsfrage für weiter ungelöst und vielleicht unlösbar. Ich neige eher zur paradoxen Formulierung : Das Schicksal des Menschen ist seine Befreiung vom Schicksal, aber diese Freiheit ist uns nur gegeben, unser individuelles Schicksal am Ende zu erkennen : Was bleibt, das ist Freiheit von sozialen Konditionierungen und zum göttlichen Kismet. Wir sprachen über eine Art von „Gesinnungsfreiheit" unseres Zeitgeistes, die mir eher eine Freiheit von Gesinnung und ein affektives Unbetroffensein scheint.
Kann ich mich, wie Freud gezeigt hat, über meine eigene Gesinnung nicht durchaus täuschen, und täusche ich mich auch über die Freiheit dieser Gesinnung nicht zumeist? Natürlich müssen Juristen meine Freiheit voraussetzen, um mich gegebenenfalls verurteilen zu können, aber was sagt das über die entschiedene Faktizität meiner Freiheit von objektiven Fakten? Ist eine Gesinnung nicht allzu oft nur die rationalisierende Interpretation affektiven Betroffenseins? Sie sagen zu recht, zur menschlichen Freiheit gehöre Wissen, und für Sokrates war Böses bekanntlich eine Spielart des Unbewußten. Hat Freuds Entdeckung der Verdrängung unter einer sozialen Instanz die Möglichkeiten selbst der Gesinnungsfreiheit nicht empfindlich problematisiert? Ihren Aufsatz über „Selbstbewußtsein und Selbsterfahrung" eröffnen Sie selbst mit dem König Oidipus, ohne allerdings Freuds Deutung zu erwähnen, die doch noch tiefer in die Dialektik von Selbsterfahrung und Selbstbetrug hineingeführt hätte. „Tu l'as voulu, George Dandin“ (Molière). Wieweit bin ich für Gesinnung meiner Affektverdrängungen und Abwehrmechanismen zur Rechenschaft zu ziehen?
Erst Ihre Beispiele aus „Der Rechtsraum“ zeigen mir nun deutlicher die Stoßrichtung Ihrer Einwände gegen die moralische Potenz von Kants Imperativ. Sie diskutieren die Allquantifizierung der Adressaten mit oder ohne allquantifizierte Zeiten. Vielleicht überblicke ich jetzt nicht ganz die Reichweite Ihrer Exempel, aber mir scheint, daß geringfügige Umformulierungen ihnen die widerlegungstüchtige Pointe nehmen könnten. Soweit ich sehe, hat Kant durchaus nicht so zufällig, wie Sie suggerieren, die Zeitvariable unbestimmt gelassen und die Gültigkeit für alle Vernunftwesen ausgewählt.
Zwei Ihrer Maximen, die gegen Kant sprechen sollen, klingen etwas konstruiert und haben das Besondere, die Ewigkeit ihrer Geltung gerade durch ihre eigene Realisierung unmöglich zu machen. Nun hat Jesus laut Kirchenlehre die Menschheit überhaupt nicht erlöst durch sein moralisches Handeln, das der Christ lebenslang nachahmen soll, sondern durch eine Gnadentat Gottes gerade am unmoralischen Handeln aller Menschen. Sonst müßte jeder Mensch die „Imitatio Christi“ soweit treiben, durch sein Handeln jedesmal die ganze Menschheit erlösen zu müssen, was ja per definitionem unmöglich ist, weil er erlösungsbedürftig und nicht selbsterlösungsfähig ist. Das von Ihnen gewählte Beispiel ist nicht elementar genug, weil Jesus - christlich verstanden - nicht weniger ganz Gott als ganz Mensch sein soll, und welcher Weltfremde kann schon etwas moralisch „ein für allemal“ tun, damit für andere nie mehr etwas zu tun übrig bliebe?
Die andere Maxime will Übel der Welt „auf ewig“ ausrotten. Natürlich nur, solange noch welche da sind − und damit sie nicht wiederkehren. Es ist ein großer Unterschied, ob eine Maxime nicht gilt, weil sie unmoralisch oder weil sie schon realisiert und damit erst einmal gegenstandslos geworden ist. „Handle nach der Maxime, daß all diese Übel ausgerottet (bleiben) werden!" In dieser Formulierung verschwindet der Sophismus sofort. Die Maxime aufrechtzuerhalten hat dann den Sinn, immer möglichen Rückfällen vorzubeugen. Daß eine Maxime nicht für alle Zeiten sinnvoll ist, beweisen Sie durch die Maxime, die sich durch Realisierung überflüssig macht, aber Kriege und Folter bleiben als Möglichkeiten und Gefahren immer präsent. Vielleicht ist es nicht sinnvoll, etwas zu wollen, was für alle schon erreicht ist, aber widersprüchlich ist es nicht, und was erreicht ist, muß daran gehindert werden, wieder verlorenzugehen. Ist Ihr Exempel nicht etwas spitzfindig erklügelt, um der Allgemeingültigkeit von Normen glücklich zu entgehen? Ich antworte mit der Haarspalterei, daß eine schon realisierte Maxime eben nur eine vorübergehende Nullmenge von realistischen Handlungen bestimmt.
Wenn meine Maxime, andere zu begaunern, bis ich reich bin, allgemeines Gesetz wäre, wüßte natürlich jeder andere, daß es meine Maxime so gut wie seine ist. Durch Generalisierung würde meine Maxime zum öffentlichen Geheimnis und zur Sache aller, sie wäre kein Hintergedanke mehr. Jedem wäre bekannt, was ich gegen ihn vorhabe, und jeder dürfte bei mir voraussetzen, was er gegen mich im Schilde führt. Der von Ihnen ausgewählte Spitzbube könnte keinen Tag lang sich bereichern, sobald alle Menschen dieselbe Maxime verfolgten und das natürlich auch voneinander wüßten. Diese Verallgemeinerung meines Vorsatzes, Geborgtes nie zurückzuzahlen, bedeutet, „daß niemand glauben würde, daß ihm was versprochen sei, sondern über alle solche Äußerung als eitles Vorgeben lachen würde“ (Kant : „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten", Stuttgart 1978, S. 70), bedeutet also, dass jeder meine Hintergedanken kennt und teilt. Kant sagt wie Sie: „Das Wesentlich-Gute derselben (Handlung) besteht in der Gesinnung, der Erfolg mag sein, welcher er wolle." (a.a.O., S. 61) Aber er sagt auch, daß sein Imperativ „nicht bloß für Menschen, sondern für alle vernünftigen Wesen überhaupt, nicht bloß unter zufälligen Bedingungen und mit Ausnahmen, sondern schlechterdings notwendig gelten müsse ..." (a.a.O., S. 30).
Wie kann jeder nach derselben Maxime wie ich nicht nur zufällig handeln, wenn er nicht wüßte wie ich, daß ich nach derselben Maxime handele wie er? Ein allgemein geltendes Gesetz muß auch allgemein bekannt sein. Jeder weiß, daß ich es kenne und weiß, daß jeder andere es als allgemeine Maxime kennt... Das steckt doch „analytisch" schon im Begriff des „allgemein geltenden Gesetzes", und wenn Sie das nicht zugestehen, sind Ihre Einwände natürlich triftig.
Wenn jeder wüßte, daß ich Gauner sein will, nur bis ich reich bin (damit mein Reichtum danach mir bleibt), dann würde er mich am Reichwerden hindern. Und wenn jeder wie ich Gauner sein wollte, bis er selbst reich ist, dann würde jeder andere ihn daran hindern, weil jeder weiß, daß es alle wissen... Der Spitzbube, der seine Maxime nur so lange gelten lassen will, wie er noch ...

Inhaltsverzeichnis

  1. Inhaltsverzeichnis
  2. Widmung
  3. Irrwitz als Blitzlicht im Hitz- und Wirrkopf
  4. Plump and dump im Anthropozän
  5. Schluss - Fazetien
  6. Sekundärliteratur zum Aphorismus
  7. Zur künftigen Vergangenheit des widerwärtigen gegenwärtigen Autowahns
  8. Was gibt und nimmt uns schöne Literatur?
  9. Mordsspaß ist Heidenspaß
  10. Im rüden müden Süden
  11. Hinterwäldler, Hinterweltler :„Er-eignis als Er-äugnis“ (Heidegger)
  12. Großer Abschied vom kleinen Unterschied?
  13. Gefühle, Gedanken, Gemache und Getue Briefe an einen Philosophen
  14. Vatersprache ist noch eine Fremdsprache
  15. Dies ist ein Nischentitel
  16. Weitere Informationen
  17. Impressum